tick…tick…BOOM! – Das Musical im Theater am Hechtplatz

Ein Musical zu schreiben ist die Arbeit eines Musicalkomponisten. Ein Erfolgsmusical zu schreiben, ist der Traum eines jeden Musicalkomponisten. Aber ein Musical darüber zu schreiben, wie ein Musicalkomponist ein Erfolgsmusical zu schreiben versucht, das ist das Werk von Jonathan Larson.
tick…tick…BOOM!, das vom 26.09. bis zum 29.10.2023 im Theater am Hechtplatz gespielt wird, handelt genau davon, aber auch von Liebe, Freundschaft, Erfolg und dem Faktor Zeit, der einem die jugendliche Leichtigkeit nehmen kann, wenn man die Uhr ticken hört…

tick…tick…BOOM! beginnt 1992 wenige Tage vor Jonathan Larsons dreissigstem Geburtstag, als er mit seinem Keyboard auf einer fast gänzlich leeren Bühne im Scheinwerferlicht sitzt und seinen titelgebenden Rock Monolog zum Besten gibt und über eben jenes nervige Geräusch in seinem Kopf sinniert. Dann ist eine Stimme aus dem Off zu hören: „Dies ist die wahre Geschichte von Jonathan Larson, ausser denjenigen Teilen, die Jonathan erfunden hat.

Und so taucht man ein in den Alltag von Jon; Jon dem bald nicht mehr ganz so jungen Komponisten, Jon dem nicht immer wirklich aufmerksamen Freund, Jon, der mit fast 30 noch immer im Diner kellnert, Jon dem Menschen, der sich davor fürchtet, in seinem Leben nichts zu erreichen, weil er auf das falsche Pferd gesetzt hat. Nicht einfacher wird es, wenn der beste Freund seinen Schauspiel-Traum begraben hat und nun das grosse Geld in einem Marktforschungs-Unternehmen macht. Doch auch Jon steht vor der Entscheidung, weiter seinen Traum zu verfolgen, oder sich der Realität und einem „langweiligen“ Job zu stellen. Und alles soll sich am Workshop entscheiden, an dem sein Musical Superbia zum ersten Mal einem Publikum präsentiert wird. Und vor diesem Workshop will und kann er sich auf nichts anderes konzentrieren, auch nicht auf Susan, seine Freundin, von der er sich immer weiter entfremdet und es nicht mal bemerkt.

tick…tick…BOOM! ist keins jener bombastischen Fantasie-Musicals. Wir sehen keine singenden Katzen oder Lokomotiven, keine grünen Hexen, keine Revolutionen und schon gar kein Phantom, nein, bei Jonathan Larson geht’s um das Leben, das wirkliche Leben, schmerzhaft, roh, aber manchmal auch wunderschön. Wie auch sein Erfolgsmusical Rent, dessen Erfolg er leider nicht mehr miterleben konnte, behandelt auch tick…tick…BOOM! bereits soziale Themen wie z.B. Homophobie und, damit zusammenhängend, Aids. Vorgängig in einem Dialog beiläufig thematisiert, wurde es besonders eindrücklich während eines Songs mit dem „Rosa Winkel“ dargestellt und Michael sozusagen gebrandmarkt.


So echt und „alltäglich“ die Handlung von tick…tick…BOOM! ist, so alltäglich sind auch die Songtexte von Jonathan Larson, der sich damals der Herausforderung gestellt hatte, Songs über einfach alles zu schreiben, z.B. über Zucker. Aber genau hier zeigt sich sein Genie.

Die Zürcher Inszenierung unter der künstlerischen Leitung von Livio Beyeler, seines Zeichens Theater Regisseur und Konzeptkünstler, schafft es dennoch, die Alltagssituationen mit „Magie“ zu füllen. Sei dies durch Projektionen auf der LED-Wand im Hintergrund, multifunktionale Bühnenelemente, die auf überraschende Weise eingesetzt werden oder den Einbezug der Theater-Räumlichkeit, wie z.B. die Türen, die den Zuschauerraum vom Foyer trennen. Hier spürt man Livio Beyelers Verwurzelung im Bereich „partizipative Performance“, da sich der Zuschauer beinahe als Teil des Geschehens fühlt und sich nicht alles nur auf der Bühne abspielt. Und der Video-Gastauftritt von WAM, als Stephen Sondheim, ist ein echtes Highlight. Die Inszenierung ist überraschend und lebendig und voller Schönheit, wenn teilweise auch tragischer Natur.
Selbst als Musicaldarsteller erfolgreich, aber auch mit einem gut gefüllten Rucksack an musikalischem Wissen, übernimmt Angelo Canonino zum ersten Mal in seiner Karriere die musikalische Leitung eines Musical und dies zweifellos äusserst erfolgreich.

Überhaupt trifft dieses Musical sehr tief. Jeder Künstler wird Jon verstehen, da er dessen Sorgen, Ängste und Hoffnungen nur zu gut kennt, aber auch jeder „normale“ Zuschauer wird sich wieder erkennen, wird z.B. die Überforderung nachvollziehen können, die so deutlich und ungeschönt auf die Bühne gebracht wird, oder die Machtlosigkeit, die man in bestimmten Situationen empfindet. Der eine oder andere mag sich aber vielleicht auch mehr mit Susan oder Michael identifizieren, denn alle Charaktere sind sehr real und nahbar . Kalt lassen wird dieses Musical aber definitiv keinen.

Für die Hauptrolle, Jon, musste ein Darsteller gefunden werden, der diese „Besessenheit“ glaubwürdig, aber auch auf sympathische Art verkörpern kann. Jendrik Sigwart, den der eine oder andere vielleicht von seiner Teilnahme am Eurovision Song Contest 2021 für Deutschland, kennt, bringt diese Eigenschaften alle mit und dazu auch noch eine grandiose Stimme, tänzerische Fähigkeiten und eine Leichtigkeit, die die tragischen, schweren Momente umso schlimmer macht, da man ihm einfach nur wünscht, dass er glücklich wird. Als Leading Man trägt er das Stück mit viel Charisma und Natürlichkeit. Seine quirlige, lebendige Art lässt oft vergessen, auf was die Geschichte zusteuert und dass Jon diese Uhr tatsächlich ticken hört.

Susan ist ausgebildete Tänzerin und Jons feste Freundin. Sie unterstützt ihn, wo sie kann, merkt aber, dass sie nicht mehr zu ihm durchdringt und sie sich immer weiter von einander entfernen, wahrscheinlich auch, weil sie akzeptiert hat, dass sie keinen „Durchbruch“ haben wird und eine eigene Familie und ein Haus, oder auch einfach nur die Möglichkeit, mit Jon weg zu fahren, eventuell doch eine Alternative wären. Im Theater am Hechtplatz übernimmt Jessica Trocha diese Rolle und gibt ihr viel Persönlichkeit und Tiefe, aber auch Bodenständigkeit und Wärme. Mit ihrer klaren, harmonisierenden Stimme, wird jedes Duett zum Highlight. Wer, wie wir, damals beim Ansehen des Netflix-Films Susans Entscheidung und das das ständige Bedürfnis, zu reden, nicht verstanden hatte, wird bei der Zürcher Bühnenfassung anders empfinden. Jessica Trochas Natürlichkeit und die Unaufgeregtheit, die sie dieser Rolle verleiht, verdeutlicht, dass es sich NICHT um fehlendes Verständnis ihrerseits handelt, was sie dazu zwingt, die Beziehung zu Jon zu beenden.

Vikrant Subramanian, der Jons besten und langjährigen Freud, Michael, verkörpert, ist einer jener Darsteller, die eine Rolle wirklich prägen können. Der Vollblut-Künstler beweist, dass eine klassisch ausgebildete Stimme auch im Musical seine Daseinsberechtigung hat, wobei sein rockiger, satter Bariton in tick…tick…BOOM!  keine Spur an Oper denken lässt. Ebenso wenig denkt man bei seinem fröhlichen Spiel an das tragische Geheimnis, das er  vor Jon verbirgt, um ihn nicht von seinem Workshop abzulenken. Eigentlich wünscht sich jeder Zuschauer einfach einen Freund wie Vikrant, …oder Michael? Nach diesem Stück wird man sich keinen anderen Darsteller in der Rolle des Michael mehr vorstellen können und jeden anderen als falsch empfinden. Vikrant Subramanian ist ein echter Hauptgewinn für diese Rolle und die ganze Inszenierung.

Wer den unglaublich sympathischen „The Voice of Germany 2023“-Teilnehmer, Vikrant, in intimem Rahmen live auf der Bühne erleben möchte, hat jetzt noch die Chance.

„The Voice of Germany 2023“-Teilnehmer, Vikrant Subramanian

Die weiteren Figuren, die in Jons Leben in diesen entscheidenden Tagen eine wichtige Rolle spielen, wie Jons Vater oder seine Agentin, werden ebenfalls von Vikrant und Jessica übernommen. Diese Nebenfiguren scheinen allesamt mit sehr viel Humor gezeichnet, was den Zuschauer freut.

Ebenfalls für Begeisterung sorgt die die vierköpfige Liveband, bestehend aus Elia Aregger, Luca Görg, Amanda Kiefer und Marius Sommer, allesamt hochprofessionelle Berufsmusiker. Die Band spielt hinter einem halbtransparenten Vorhang im hinteren Teil der Bühne und kann je nach Sinnhaftigkeit sichtbar gemacht werden oder mit dem Hintergrund verschmelzen, was eine faszinierende Wirkung hat. In Erinnerung bleiben wird bestimmt auch der Augenblick im Diners, als plötzlich alle Musiker die Diners-Uniform trugen (ein echter Geniestreich!) oder ihre Teilnahme am Marktforschungs-Meeting. Gerade bei kleinerem Ensemble, wie es hier der Fall ist, schaffen solche originellen Ideen einen echten Mehrwert.

Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich die Musik von Jonathan Larson, die auch mit deutschen Lyrics gut zurecht kommt. Der Mix aus Pop, Rock und Musical hat seinen ganz eigenen Charme und wirkt auch in der heutigen Zeit noch überraschend experimentell. „Kannst du’s erkennen“ (im Original „Come to your senses“), ein Song aus Superbia ist und bleibt ein Ohrwurm und „Therapie“ begeistert, egal in welcher Form. Der frühe Tod Jonathan Larsons ist ein unglaublicher Verlust, vor allem auch in musikalischer Hinsicht, da man gar nicht daran denken mag, welche musikalischen Geniestreiche nie das Licht der Welt erblicken durften. Und diese Empfindung ist während des gesamten Musicals präsent und schwingt in jeder Note mit, was für pure Gänsehautstimmung sorgt.

Würde man jetzt unbedingt ein Makel finden müssen – wobei es dann schon Kritik auf sehr hohem Niveau wäre – dann könnte man anmerken, dass die Musik für das das doch recht überschaubare Theater, ein klein bisschen laut war. Sowohl bei den Stimmen, als auch bei der Band hätte man etwas runterdrehen können. Aber der Genuss wurde durch die Lautstärke keineswegs geschmälert.

Fazit

Wer tick…tick…BOOM! im Theater am Hechtplatz noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt noch tun. Musical-Inszenierungen auf diesem Niveau mit solchem Tiefgang erlebt man tatsächlich nur selten. Natürlich darf Musical auch mal nur der puren Unterhaltung dienen, aber hier präsentiert sich ein kleines Meisterwerk, bei dem auch ein eiskalter Kritiker von Kunst in Reinform sprechen muss. Neben der grandiosen Musik von Jonathan Larson, gespielt von einer atemberaubenden Liveband, der bewegenden, realitätsnahen, semi-autobiografischen Storyline und den hochkarätigen Darstellern überzeugt hier vor allem auch die Inszenierung, bei der Licht, Bühnenbild, LED-Projektionen und Raum zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen und einen unvergesslichen Musical-Abend garantieren.

tick…tick…BOOM! läuft noch bis am 29.10.2023 im Theater am Hechtplatz. Und Tickets gibt es hier.

Herzlichen Dank ans Theater am Hechtplatz, für die Möglichkeit, dieses grandiose Stück zu sehen und zu rezensieren!

Livio Beyeler, Künstlerische Leitung und Regie

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