Schon seit seiner Gründung im Jahre 1987 zählt das Béjart Ballet Lausanne zu den renommiertesten Ballettkompanien der Welt. Gründer und Namensgeber, Maurice Béjart, schuf in seiner Karriere mehr als 200 Ballette, von denen viele grosse Berühmtheit erlangten, wie z.B. der Bolero, der vom 9. – 12. November 2023 im Theater 11 in Zürich zur Aufführung gelangte. Ebenfalls getanzt wurden in diesem Programm zwei Stücke, die zum ersten Mal in der Limmatstadt zu sehen waren: l’Oiseau de feu, eine weitere Choreographie von Béjart und Tous les hommes presque toujours s’imaginent von Béjarts Nachfolger, Gil Roman, der das Ensemble nach dessen Tod im Jahr 2007 in dessen Sinne weiterführt und sein künstlerisches Erbe bewahrt.
Der Stil Maurice Béjarts ist unverkennbar. Sein Einfluss auf das Ballett war stark und sein Erbe als Choreograf und Innovator in der Welt des Tanzes hält bis heute an. Er war einer der einflussreichsten und gleichzeitig kontroversesten Choreografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der durch die von ihm gewählten, bildkräftigen Themen massgeblich dazu beitrug, Ballett einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. In einer Zeit, in der der männliche Tänzer nicht viel mehr als ein Hebepartner für die Ballerina war, gab Maurice Béjart ihnen eine sensible Subjektivität und machte sie zum Mittelpunkt seiner Werke. Ebenfalls bekannt ist er für seine Offenheit gegenüber anderer Bereiche der darstellenden Kunst, wie Theater oder Pantomime, die er oft mit ein bezog.
Es ist immer ein grosses Ereignis für die Deutschschweizer Ballettbegeisterten, wenn die weltbekannte Ballett Company aus Lausanne sie mit einem Programm beehrt. Und gute Plätze zu ergattern, ist auch Glückssache, denn die Tickets sind begehrt.
Zum einzigen und ersten Mal live gesehen, hatten wir diese Truppe vor zehn Jahren. Und vor allem ein Stück war uns in lebendiger Erinnerung geblieben: der Bolero, was sicher auch daran lag, dass wir unsere persönliche Bühnenerfahrung mit dem bekannten Musikstück von Maurice Ravel gemacht hatten. Aber die Choreographie von Maurice Béjart gab der Musik ein Gesicht, denn mit der richtigen Besetzung wird der Bolero zu einem wahren Ereignis.
Die Truppe eines so bekannten und zur Legende gewordenen Künstlers wie Maurice Béjart zu übernehmen, KANN kein leichtes Unterfangen sein. Einerseits verlangt das Publikum die bekannten und geliebten Stücke zu sehen, um den Erwartungen, die der Name der Company zwangsläufig weckt, zu erfüllen, andererseits fordert es aber auch neue, innovative Choreographien, die sich automatisch dem direkten Vergleich mit Béjarts Werken stellen müssen. Für Gil Roman, Leiter des Béjart Ballet Lausanne, bedeutet dies einen stetiger Drahtseilakt, der den eher medienscheuen Künstler auch selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt, was in den vergangenen Jahre zu Konflikten führte, die aber nicht Thema dieser Rezension sein sollen. Für uns steht die Kunst im Fokus und hier blieben keine Wünsche offen.
Dass Gil Roman seinen eigenen Weg geht, war im 1. Stück des Programms deutlich zu erkennen. Auch wenn de Einfluss seines Mentors wie ein wohlwollender Geist über dem ganzen Werk schwebte, der sich unter anderem im eklektischen Stil, der z.B. Videoproduktionen auf elegante, sinnstiftende Weise, oder auch pantomimische Elemente integrierte, zeigte, wurde deutlich, dass Roman dem zeitgenössischen Tanz mehr Raum gibt und sich choreographisch weiter vom klassischen Ballett entfernt, als es Béjart tat.
Tous les hommes presque toujours s’imaginent – Gil Roman / zur Musik von John Zorn
Gil Romans 65-minütiges Stück, benannt nach der gleichnamigen Abhandlung von Ludwig Hohl, liefert keine handfeste Handlung, sondern lässt jeden einzelnen Zuschauer seine eigene Interpretation finden. Dennoch gibt es einige Anhaltspunkte, die auf bestimmte Zusammenhänge hinweisen. Das Stück spielt in einer ursprünglichen Welt, in der eine Gruppe von Menschen, in deren Mittelpunkt ein junger, unschuldiger Mann – sehr ausdrucksstark interpretiert von Vito Pansini – steht, der direkten Kontakt zu einer übergeordneten Gruppe von Wesen – seien dies Götter oder Engel – pflegt und auserwählt zu sein scheint. Auf seiner „Reise“ begegnet er den unterschiedlichsten ethnischen Völkern, aber auch den bereits erwähnten „Engeln“ und einer urweiblichen Gottheit, die durch die sinnliche, starke und atemberaubend weibliche Ausstrahlung von Jasmine Cammarota zum Leben erweckt wird.
Tous les hommes presque toujours s’imaginent ist das Kind zweier Meister ihres Fachs. Gil Roman, welcher das Schaffen John Zorns schon vor der Zusammenarbeit jahrzehntelang bewunderte, schuf im direkten Austausch mit Zorn ein Ballettstück, das nicht nur seine Faszination für diesen zum Ausdruck bringt, sondern auf beeindruckende Weise zeigt, dass der Tanz das wahre Genie eines Komponisten noch sichtbarer machen und der Musik eine zusätzliche, körperliche Eben verleihen kann. Das verwendete Musikstück Arab & Jew aus Zorns Werk für den Dokumentarfilm Protocols of Zion von Mark Levin zeigt die musikalische Vielfalt des Multi-Instrumentalisten. Hier vermischen sich verschiedene traditionelle Elemente jüdischer, arabischer und indisch anmutender Musik mit Pop und Soul-Jazz. Wie zuvor Maurice Béjart, versteht Gil Roman die Musik als treibende Kraft für seine Choreographien. Bewegungen werden zur Musik ausgewählt und nicht eins dem anderen angepasst oder gar aufgezwungen. Mit den richtigen Tänzern fliessen Bewegung und Musik ineinander und erzeugen eine beinahe hypnotische Wirkung. Gil Romans geschmeidige, oft sinnliche Choreographie, die durch theatralische Elemente ergänzt werden, fasziniert und elektrisiert, besonders auch in den schnelleren Parts. Ebenfalls begeistert, die natürliche, lebendige Mimik der Darsteller und die aufregenden Gruppenformationen.
Des weiteren überzeugt das minimalistische, aber wohl durchdachte Bühnenbild von Marc Hollognes mit einer weissen „Mauer“, die sowohl als Videoprojektionsfläche dient, aber auch als Abgrenzung, die den Blick auf die „andere Welt“ verwehrt.
Die Kostüme der „Menschen“ sind zu erkennen durch Elemente aus ethnisch gemusterten Stoffen, die beim Eintritt in die übergeordnete, eventuell göttliche Welt abgelegt werden, worauf ebenso hautfarbene Stoffe zurück bleiben.
Tous les hommes presque toujour s’imaginent ist ein sehr eindrückliches und trotz seines intellektuell-kulturellen Charakters kurzweiliges Ballett, das einen auf einer tieferen Ebene berührt und zum Diskutieren anregt, da viele Fragen nicht direkt beantwortet werden. Gil Romans geschmeidiger, zeitgenössischer Stil, der die einzelnen Tänzer entsprechend ihrer besonderen Fähigkeiten glänzen lässt, überzeugt auf ganzer Linie.

L’Oiseau de Feu – Maurice Béjart / zur Musik von Igor Stravinsky.
Maurice Béjarts Interpretation des berühmten russischen Volksmärchens beginnt mit neun blau-grau gekleideten Widerstandskämpfern, die sich in der Dämmerung mental auf einen anstehenden Angriff vorbereiten. Sie fürchten sich und suchen verzweifelt einen Anführer, der sie in diesem Moment des Zweifels bestärkt, das Richtige zu tun. Plötzlich streift einer der Kämpfer sein militärisches Gewand ab und gibt sich als Feuervogel (sehr kraftvoll, athletisch und tänzerisch viruos, mit starker, persönlicher Dominanz – Hideo Kishimoto) zu erkennen. Wie ein junger Gott erstrahlt er in seinem roten, enganliegenden Trikot inmitten seiner Mitstreiter.
Der erste, Teil von L’Oiseau de Feu bringt durch seine klassisch dominierenden Elemente die brilliante Technik, Balance, Eleganz und Sprunggewalt Kishimotos vortrefflich zur Geltung. Der zweite Teil verlangt vor allem Stärke, Kraft und Ausdruck. Es ist nicht zu übersehen, dass die militärisch anmutenden Formationen des Ensembles so wie die zu Fäusten geballten Hände und Kampfbewegungen eine Anlehnung an die Art von Ballettstücken assoziieren, die während der Kulturrevolution im kommunistischen China zu Propagandazwecken Mao Zedongs aufgeführt wurden; ein weiterer Beweis für Béjarts breites Interesse an anderen Kulturen. Béjarts Choreographie verlangt dem männlichen Solisten technisch und darstellerisch mindestens so viel ab, wie die Doppelrolle Odette/Odile in Schwanensee. Doch diesen Spagat gelingt Hideo Kishimoto mit traumwandlerischen Sicherheit. Aber auch die anderen Tänzer stellen die Qualität des Béjart Ballet Lausanne unter Beweis. Verschiedene Kulturen und Persönlichkeiten bilden einen Pool aus Talent und Vielfalt, der seinesgleichen sucht.
Bei diesem Stück bleibt neben dem Tanz auch der gezielte Einsatz des roten Lichts, das den Feuervogel jeweils ankündigt, sowie das effektvolle, aber schlichte Bühnenbild von Joëlle Roustan und Roger Bernard in Erinnerung, das bei Béjart stehts genau so zum Gesamtkunstwerk gehörte wie Bewegung, Musik und die Wahl des richtigen Tänzers für das jeweilige Stück.

Bolero – Maurice Béjart /zur Musik von Maurice Ravel.
Das Musikstück, das für immer und untrennbar mit Maurice Béjart verbunden sein wird, ist der Bolero. Dieses Orchesterstück alleine ist schon etwas sehr Besonderes, da Melodie, Harmonik und Rhythmus unverändert bleiben, und sich das an und für sich sehr einfache Thema lediglich 18 mal wiederholt, wobei laufend neue Instrumente hinzu kommen. Auf diese Weise verändert sich die Klangfarbe und gewinnt an Intensität. Der Bolero ist somit nichts anderes, als ein 14 bis 17-minütiges Crescendo…, das es in sich hat.
Die Brillanz von Béjarts Bolero von 1961 liegt in der Spiegelung der Musikstruktur durch seine elektrisierende Choreographie. Ein einzelnes Individuum, die personifizierte Melodie, befindet sich in der Mitte einer runden, etwas erhöhten Tisches , hinter dem sich in einem Halbkreis eine grosse Anzahl Männer befinden, die den Rhythmus darstellen. Die zunächst auf Stühlen sitzenden Tänzer beobachten, imitieren und begleiten die Melodie. Die Bewegungen sind zunächst einfach, werden aber im Laufe des Stücks immer grösser, ekstatischer, beinahe rituell und treiben das Stück unaufhörlich voran, bis sich die ganze Energie in einem Höhepunkt entlädt.
Es gibt kaum eine aufregenderes, sinnlicheres Tanzstück, dessen Wirkung und Intensität aber massgeblich von der „Melodie“ abhängt. Diese einzigartige Rolle wird entweder an einen Tänzer oder eine Tänzerin vergeben, wobei uns persönlich die weibliche Variante besser gefällt und die Abendvorstellung am 11.11.2023 übertraf unsere Erwartungen sogar. Kathleen Thielhelm hat die nötige Weiblichkeit, um einen aufregenden Gegenpol zum Männerkollektiv zu bilden, aber auch Stärke und Coolness, gepaart mit grosser persönlicher Präsenz und tänzerischer Perfektion.
Der „Rhythmus“ setzte sich aus den männlichen Ensemble- Mitgliedern wie auch aus in Zürich per „Flugblatt“ gesuchten jungen Männern zusammen, die sich perfekt einfügten und mit viel Ernsthaftigkeit ihren Part „tanzten“.

Das Gastspiel von Béjart Ballet Lausanne im Theater 11 in Zürich liess auch 2023 keine Wünsche offen und konnte unter Beweis stellen, dass es nach wie vor zurecht zu den ganz grossen Ballettkompanien der Welt gehört. Mit Gil Roman steht ein innovativer Künstler und Visionär an der Spitze, der diese Truppe mit neuen, modernen und anspruchsvolle Stücken in die Zukunft führt und dem Werk Béjarts weiterhin eine würdige Plattform bietet.

















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