Ein Beziehungsende ist nie leicht und für ein Paar im letzten Lebensdrittel schon gar nicht. Immerhin hat man den Grossteil seines Lebens gemeinsam verbracht, kennt sich gegenseitig in- und auswenig, oder glaubt dies zumindest. Und alleine alt zu werden, ist auch keine besonders erstrebenswerte Perspektive. Doch was, wenn es einfach nicht mehr passt, wenn irgendwie das ganze Leben nicht mehr passt.
In „Der Abschiedsbrief“, der deutschsprachigen Erstaufführung der neuen Tragikomödie von Audrey Schebat konfrontieren Tonia Maria Zindel und Andrea Zogg als Michèle und Julian ihr Publikum vom 31.10. – 24.11.2024 auf der Bühne des turbine theaters mit unausweichlichen Fragen in einem intimen und sensiblen Dialog voller Humor und Tiefgang.
Die Schweizer Kulturlandschaft ist vielfältig und überraschend. So kann es passieren, dass man im kleinen, intimen turbine theater zwei grosse Namen der Schweizer Film- und Theaterszene zusammen auf der Bühne erleben darf. In Der Abschiedsbrief, einer neuen Tragikomödie von Audrey Schebat, das Ende letzten Jahres in Paris mit Sophie Marceau und François Berléand erfolgreich uraufgeführt wurde, glänzen Tonia Maria Zindel (bekannt aus Amur senza fin oder Schellen-Ursli) und Andrea Zogg (unter anderem Sennentuntschi und Zwingli) als wortwörtlich „lebensmüdes“ Ehepaar im letzten Lebensdrittel.

Eine Situation, auf die einen keiner vorbereitet
Bläuchliches Licht taucht das zweckmässige Bühnenbild in kühles Dunkel. Die melancholisch klimpernde Klaviermusik lässt unterschwellig bereits Ungutes erahnen. Und als das Licht angeht, fällt der Blick zuerst an den vorne am Bühnenrand aufgehängt Strick. Auf den ersten Blick ist klar: Julian will seinem Leben ein Ende setzen. Doch was treibt einen erfolgreichen Psychoanalytiker dazu, diesen Schritt zu gehen? Diese und viele andere Fragen werden im Verlauf des Stücks beantwortet, zunächst muss aber die entsprechende Ausgangslage für den Freitod geschaffen werden. Die Putzfrau wird noch schnell per Handy für den nächsten Morgen extra früh aufgeboten, damit die Ehefrau, die später eintreffen wird, ihn nicht am Strick vorfinden muss. Eine Sonnenbrille wird aufgesetzt, um die hervorquellenden Augen zu kaschieren. Wenn da nur nicht ständig eine seiner langjährigen, wie es den Eindruck macht, selbstmordgefähredeten Patientinnen auf den Anrufbeantworter sprechen würde… Doch dann geschieht das Unerwartete und Ehefrau Michèle kehrt viel zu früh von ihrer Berlin-Reise zurück und findet ihren Mann in unwürdiger und unmissverständlicher Situation. – Selbstmordversuch kläglich gescheitert.
Michèles Fassungslosigkeit ob dieser surrealen Szene weicht rasch einer vorwurfsvollen Energie, wodurch sich die natürliche, über Jahre verfestigte Rollenverteilung zu offenbahren beginnt und sich in sehr intimen, oft wenig sensiblen, aber klärenden Gesprächen auf Augenhöhe langsam herauskristallisiert, woran nicht nur die Beziehung krankt, sondern auch, woraus der Lebensüberdruss resultiert. Knallhart und teilweise erschreckend emotionslos wird Bilanz gezogen.

Selbstmord ok, aber NICHT ohne Abschiedsbrief
Relativ rasch erklärt sich die Wahl des Stücktitels, da Michèle sich in Anbetracht der Überforderung, die ein nur knapp verhinderter Selbstmord mit sich bringt, einen kleineren Aufhänger sucht. Der Abschiedsbrief! Wo ist der Abschiedsbrief? Die Tatsache, dass Julian darauf verzichtet hat, einen solchen für sie zu verfassen, da er nicht die richtigen Worte finden konnte, verstört sie fast mehr, als der Entschluss ihres Mannes, sich das Leben zu nehmen. Immerhin ist so ein Abschiedsbrief in so vielerlei Hinsicht wichtig und nützlich. Man erfährt die Gründe für die Todessehnsucht, kann den Sinn dieses Akts Angehörigen und Bekannten besser erklären und je nach Grad der Romantik bleibt man mit einem besseren Gefühl zurück. Ja, so ein Abschiedsbrief ist äusserst wichtig und da darf man auch Ansprüche stellen, wie z.B. einen gewissen Humor oder eine gutgemeinte Lüge. Da Julian hier versagt hat – und das als Autor diverser Fachbücher – versucht Michèle, einen entsprechenden Beispielbrief zu formulieren, wird dann aber von Julian mit einem Gedicht über ihr gemeinsames Leben überflügelt, was Michèle etwas versöhnt und eine Art neuer Nähe aufkommen lässt, die zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und Erwartungen führt.
Ja, ich wollte sterben. Aber ich wollte nicht aufhören, zu leben.
Julian
Trotz Julians eigentlicher Resignation zeigt sich nun seine Sehnsucht nach Leben bzw. danach, sich lebendig zu fühlen, während Michèle zu müde für einen eigenen Neuanfang ist, da sie befürchtet, ihr „ich“ während der vielen Jahre als „wir“ verloren zu haben.

Unterdrückte Gefühle und Agressionen drängen ans Licht
Als Julian Michèle zu verstehen gibt, dass er ihr nun die Verantwortung für sein Lebensglück aufdrängt, da sie ihn gerettet habe, eskaliert die Situation unter Michèles Sarkasmus, was jedoch schlussendlich die Bahn frei macht für rationale Gespräche und Lösungensfindungen. Dabei staunt wohl nicht nur das Ehepaar, wie wenig in den gemeinsamen Jahren über tiefere, ursprüngliche Sehnsüchte gesprochen wurde. In dieser fatalistischen Stimmung, in der ohne Rücksicht auf Verluste das Innerste nach aussen gekehrt wird, indem Kindheitserinnerungen herausgekramt und intime Geständnisse gemacht werden, schafft das Paar es jedoch tatsächlich, ein neues Wir-Gefühl zu entwickeln und mit Inspiration von unerwarteter Seite gemeinsam einen Abschiedsbrief der anderen Art zu schreiben.
Wir haben Besseres zu tun, als Leute wie wir zu bleiben.
MIchèle

Die bittersüsse Balance zwischen Komik und existenziellen Fragen
Das Erstaunliche an Audrey Schebats Stück ist die Tatsache, dass die Schwere der Thematik von einer sensiblen Leichtigkeit getragen wird. Dabei bleibt das Niveau konstant hoch, selbst bei expliziten Gesprächen über Sex oder die Stuhlinkontinenz von Julians Patientin. Dieser Balanceakt ist erstaunlich und bringt dem Creative Team von Der Abschiedsbrief die Anerkennung des Publikums ein. Shebats charakteristischer Humor bleibt bei der Übersetzung ins Deutsche erhalten, ebenso die geistreichen Dialoge und Zwischentöne, was einerseits für Peter Niklaus Steiners Sensibilität bei der Regieführung, als auch das nuancenreiche Spiel der beiden Hauptdarsteller spricht. Diese beiden älteren Figuren, die mit der Ernüchterung, die das Leben früher oder später mit sich bringt, zu kämpfen haben und dabei ganz unterschiedlich damit umgehen, sind eine grossartige, wenn auch nicht zu grosse Herausforderung für die beiden erfahrenen Schweizer Charakterdarsteller.

Tonia Maria Zindel spielt die erfolgreiche Konzertpianistin Michèle mit einer vibrierenden Energie und lebensbejahenden, energischen Leidenschaft und ist bereit, das Leben, für das sie sich entschieden hat, mit all seinen Höhen und Tiefen zu leben, dabei aber keinen Blick nach links oder rechts zu wagen, aus Angst, zu entdecken, dass es noch ein lebenswerteres Leben gäbe, für dessen Neubeginn sie aber keine Energie mehr hat. Für die Melancholie ihres Ehemanns zeigt sie wenig Verständnis. Dass in ihrem Inneren noch immer die junge, romantische Frau steckt, die sich einst in diese Liebe gestürzt hat, lässt sie hin und wieder durchblicken, was ihrem Spiel eine zauberhafte Facette hinzufügt. Besonders schön sind ihre liebevollen, weichen Momente, die sie noch schöner erscheinen lassen, als sie sowieso schon ist. Ebenso faszinierend sind aber auch ihre fast schon grausamen Parts, in denen sie genüsslich in Julians Psyche herumstochert oder sich in verletzendem Sarkasmus verliert und sich dabei teilweise am Klavier begleitet, was die Not ihres Mannes ins Lächerliche zieht.

Andrea Zogg, auf dessen Auftritt wir uns ganz besonders gefreut hatten, da wir ihn als Schauspieler schon seit Jahren bewundern, beherrscht die Bühne mit seiner starken Präsenz vom ersten Augenblick an, als er sich in Unterhemd und Shorts gekleidet, den Strick um den Hals legt und dabei eine Hoffnungslosigkeit vermittelt, die an die Nieren geht. Sein Unvermögen, den entscheidenden Schritt zu gehen, ist sinnbildlich für die abwartende Haltung, mit der er sein Leben bisher lebte. Die verletzliche Schönheit des Alters zeigt er ebenso natürlich, wie die Resignation, die ihn zu diesem Akt zwingt. Als besonders tragisch empfindet man die Tatsache, dass ein so erfolgreicher und intelligenter Mann, dessen scharfer Geist sich immer wieder zeigt, so gebrochen und sich selbst so überdrüssig sein kann, dass er keinen anderen Ausweg sieht. Andrea Zogg zählt nicht grundlos zur Schweizer Schauspieler Elite und es war uns eine Freude und Ehre, ihn in dieser Rolle auf der Bühne erleben zu dürfen.
Hast du keine Lust mehr?
Michèle
Ja, ich habe keine Lust mehr. Ich kann mich selbst nicht mehr ertragen.
Julian
Da sind wir schon zwei.
Michèle

Abgesehen von den Einzelleistungen der beiden Hauptdarsteller fasziniert auch ihr gemeinsames Spiel, geprägt von einer grossartigen Chemie und gegenseitiger Wertschätzung. Es ist richtig zu spüren, wie diese beiden Künstler einander im Laufe des Stücks anstacheln und die Intensität und Eindringlichkeit immer weiter zunimmt, was für die Darstellung der Beziehung natürlich perfekt ist. Das langjährige Ehepaar mit Routinen und Konflikten, das noch immer Liebe und ja, sogar Leidenschaft für einander empfindet, selbst wenn letztere Gefühle etwas verschüttet sind, spielen die beiden mit einer Extraportion persönlichem Charme so menschlich, dass man ihnen die für Aussenstehende nur schwer zu ertragenden Verhaltensweisen durchaus nachsieht. So möchte man Julian einfach schütteln und sagen: Jetzt reiss dich mal zusammen! Michèle möchte man hingegen zur Seite nehmen und ihr raten, diesen armen Mann doch endlich mal in Ruhe zu lassen oder noch besser in den Arm zu nehmen. Aber Beziehungen entwickeln nun mal ihre eigene Dynamik uns wir Zuschauer sind und bleiben Beobachter…, auch wenn wir so einiges zu sehen kriegen…

Was das Publikum aber wirklich geniesst, sind die geistreichen Schlagabtäusche zwischen den beiden sowie ihre Art, sich trotz teilweise gegensätzlicher Meinungen oder Voreingenommenheit als Paar gegen andere zu verbünden, wie z.B. gegen Frau Ziegler. Und genau hier zeigt sich auch immer wieder ihre Verbundenheit, weshalb man zu hoffen wagt…
Überhaupt müssen die beiden gesichtlosen Rollen, die nur als Stimme auftreten erwähnt werden. Julia Jentsch brilliert als verzweifelte, aufdringliche Langzeitpatientin Frau Ziegler und Ewa Früh als resolute polnische Putzfrau Agnieszka.
Der Zauber psychologischer Kammerspiele
Selbstverständlich lieben wir grosse, aufwändig inszenierte Stücke mit gigantischem Bühnenbild und grossem Cast, doch je länger je mehr entdecken wir auch unsere Vorliebe für intime Kammerspiele, bei denen alles auf das Nötigste reduziert ist und die Darsteller und ihr Innenleben wirklich im Fokus stehen.
Das Bühnenbild von Christine Fueter, das sich perfekt in das charmante Kellergewölbe des turbine theaters einfügt, mag schlicht sein, hat aber durchaus Symbolkraft. Der Teppich, der nicht nur den Boden bedeckt, sondern den Raum begrenzt, indem er sich bis zum Gewölbe hochzieht, wirkt einschränkend und alltäglich und unterstreicht das Gefühl von Routine und Ausweglosigkeitkann, kann mit wärmerer Beleuchtung aber auch gemütlich wirken. Zu erfahren, dass Julians Therapiesitzungen in dieser Wohnung stattfindet, verstärkt das beklemmende Gefühl weiter, als ob Julian seine vier Wände nie verlassen würde, während seine Frau durch die Weltgeschichte jettet. Der Flügel in grellen Orange wirkt zwischenzeitlich wie eine dritte Person, ein Nebenbuhler. Michèle flüchtet sich auch immer wieder hinter die vertrauten Tasten, streichelt und besteigt ihr geliebtes Instrument, bringt ihm zwischenzeitlich mehr Zuwendung entgegen, als ihrem Mann. Dass der Strick an einem Bein des Flügels befestigt wird, hat etwas Verstörendes, aber Nachvollziehbares. Das Sofa, auf dem Julian schläft, zeigt seine Einsamkeit, da das Paar wohl nicht das Bett teilt. Beim Schäferstündchen auf demselben Möbelstück wirkt es hingegen wie ein Hilfsmittel, um dem dem Alltag, der Routine auszubrechen und etwas Neues auszuprobieren. Unverzichtbar ist auch der Einsatz der Beleuchtung, um subtile Stimmungsänderungen zu verdeutlichen, ebenso wie die bereits erwähnte Musik von David Hohl. Die sanften Klavierklänge, die zu Beginn des Stücks und zwischen den Akten erklingen, erzeugen eine atmosphärische Dichte, die das Publikum in die entsprechende Szene versetzt.

Um direkt bei der Ausstattung zu bleiben: kostümtechnisch setzt Natalie Péclard auf Gegensätze. Bei ihrer Ankunft wirkt Michèle im schwarzen Samtanzug wie die Grande Dame, aber auch ihr legèrer Homestyle ist elegant und hochwertig mit schwarzem Negligée und Morgenmantel. Julian hingegen wirkt in seiner abgetragenen Kleidung eher etwas verwahrlost. Der Unterschied zwischen den beiden ist beinahe grotesk, aber beschreibend.
Wie es bei Kammerspielen meist der Fall ist, hat auch Der Abschiedsbrief eine stark psychologische Ausrichtung und behandelt Fragen wie:
- Ist mein Tod MEINE Angelegenheit, oder muss ich andere miteinbeziehen?
- Trage ich die Verantwortung für die Gefühle meiner Hinterbliebenen?
- Habe ich das Recht in einem fortgeschrittenen Alter genug von mir und meinem Leben zu haben?
- Darf ich trotz Familie und Karriere Sinnlosigkeit empfinden?
- Macht es noch Sinn, ab einem gewissen Alter Selbstmord zu begehen, oder ist dieser Akt lediglich Jüngeren vorbehalten?
Es ist erstaunlich und wunderschön zu erleben, wieviel Details über das Leben und Innenleben zweier fiktiver Personen man im Laufe eines Stücks erfahren kann, wenn die Handlung mehr oder weniger wegfällt und sich alles in einem einzigen Raum abspielt, als stecke man zusammen in einem Aufzug fest. Die Identifikation mit Julian und Michèle ist stark und man beginnt sich selbst existenzielle Fragen zu stellen, um allenfalls Partei ergreifen zu können. Besonders spannend, aber auch beängstigend ist der Aspekt, dass Julian selbst Psychoanalytiker ist und dennoch in diese Situation geraten kann.
Ist Der Abschiedsbrief sehenswert?
Der Abschiedsbrief von Audrey Schebat unter der Regie von Peter Niklaus Steiner im turbine theater in Langnau am Albis ist eins jener Stücke, bei denen man sich wünscht, es immer und immer wieder zum ersten Mal sehen zu dürfen, da es einen sehr starken 1. Eindruck hinterlässt und aufwühlt. Und der Mensch möchte aufgewühlt werden, um sich lebendig zu fühlen. Mit Tonia Maria Zindel und Andrea Zogg erleben wir zwei hochkarätige Schweizer Künstler in Bestform in einer sehr intimen und intensiven Inszenierung voller Tiefgang, Geist und Witz. Wir sind begeistert und empfehlen dieses Stück von Herzen.
Tickets gibt es hier und wer das turbine theater unterstützen möchte, kann sich hier über die verschiedenen Möglichkeiten informieren.
Ein herzliches Dankeschön für die Möglichkeit, dieses geistreiche und sensible Stück sehen, rezensieren und diese beiden grandiosen Darsteller live auf der Bühne erleben zu dürfen.
Mit Andrea Zogg und Tonia Maria Zindel
Regie: Peter Niklaus Steiner
Bühne: Christine Fueter
Kostüme: Natalie Péclard
Musik: David Hohl
Regieassistenz: Christian Menzi
Technik: Michel Baumgartner
Produktionsleitung: Theater Affix
Deutsche Übersetzung von Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand
Aufführungsrechte beim Theaterverlag Desch GmbH




















