Der Löwe, der nicht schreiben konnte – Das Kindermusical im Bernhard Theater

Vom 17.09. – 15.10 zeigt das Bernhard Theater in Zürich die Musicalfassung des beliebten Kinderbuch-Bestsellers von Martin Balscheit, „Der Löwe, der nicht schreiben konnte“. Nach seiner Schweizer Premiere im Frühjahr 2020 und einer Wiederaufnahme im Herbst 2021, ist der farbenprächtige Grosserfolg zurück und begeistert Gross und Klein.

Kinder sind bekanntlich das schwierigste Publikum, da sie gnadenlos ehrlich sind und mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten. Wenn sie an etwas das Interesse verlieren und gelangweilt sind, zeigen sie dies ungeniert. Somit ist ein Kindermusical eine besondere Herausforderung. Bei „Der Löwe, der nicht schreiben konnte“ war definitiv niemand gelangweilt. Vielmehr wurde das ganze Publikum im Saal – ob Gross oder Klein- auf fantasievolle und kindgerechte Art und Weisen in das Stück mit einbezogen.

Das Musical nach dem modernen Kinderbuchklassiker von 2002, „Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte„, welches sich bereits über 300’000 Mal verkaufte, stammt aus der Feder von Martin Balscheit, einem der renommiertesten deutschen Kinderbuchautoren und -illustratoren und erzählt die Geschichte des Löwen, der sich in eine neu hinzugezogene, sehr belesene Löwin verliebt und sich ihr annähern möchte. Ihm ist aber sofort klar, dass er so eine Dame nicht einfach küssen kann, sondern zuerst einen Liebesbrief schreiben muss. Aber genau da liegt das Problem: Der König der Tiere KANN nicht schreiben, was er aber mit allen Mitteln zu verheimlichen sucht, um sein Gesicht nicht zu verlieren. Aus diesem Grund beschliesst er, einen seiner Untertanen, den Brief schreiben zu lassen. Dass Affen, Nilpferde und Mistkäfer aber komplett andere Vorstellungen von einem gelungenen Liebesbrief haben, muss er zuerst lernen.

Wer sich das Stück anschaut, wird nicht darum herumkommen, bereits beim Betreten des Saals die grünliche, geheimnisvolle Dschungel-Beleuchtung und die Urwald-Geräusche zu bewundern, bevor er nach und nach die liebevoll gestalteten Deko-Elemente auf und um die Bühne entdeckt. Es wurde mit einfachen Mitteln eine erstaunliche Wirkung geschaffen, die einen direkt in den Bann zieht. Ebenfalls sehr aussergewöhlich ist die Bestuhlung im Bernhard Theater. Auf mehreren Ebenen stehen kleine Tische mit Stühlen, was eine gute Sicht auch von weiter hinten ermöglicht. Alles zusammen wirkt sehr charmant.

Eröffnet wird die Show von den drei Affen, die mit akrobatischen Elementen, lustigen Sprüchen und viel Charme das Eis brechen und das Publikum zum Mitsingen animieren, während sie den Löwen vorstellen. So zeigt sich gleich zu Beginn, dass mit ein bisschen Feingefühl und einem Creative-Team, das sich in ein jüngeres Publikum hineinversetzen kann, Musical auch ein Genre für die ganz Jungen sein kann.

Viele mögen das Gefühl haben, dass ein Kindermusical eine simple Sache ist und von Laien produziert wird, weil es ja „nur“ eine Inszenierung für Kinder ist, doch wie bereits erwähnt, sind Kinder eine sehr anspruchsvolle Zielgruppe, weshalb das Creative Team ziemlich hochkarätig ist. Für Regie und Inszenierung verantwortlich ist einer der ganz Grossen der Schweizer Showbranche: Tino Andrea Honegger, seines Zeichens „Head of Shows“ bei Maag und selbst Künstler. Nicht minder erfolgreich ist das Multitalent, das die Choreografie beigesteuert hat: Isabelle Flachsmann. Und auch für die Musikalische Leitung hat man keinen Unbekannten ins Boot geholt: Lukas Hobi, der aktuell sogar für den Deutschen Musical Theater Preis nominiert ist. Was aber wäre ein Schweizer Kindermusical ohne schweizerdeutsche Texte. Beigesteuert wurden sie von Rolf Sommer, ebenfalls für den Deutschen Musical Theater Preis nominiert.

Um noch kurz bei der Musik zu bleiben: Die Musik von Alex Maschke ist eingängig und abwechslungsreich und hat definitiv Ohrwurm-Charakter. Besonders das Duett der beiden Löwen sorgt für Gänsehautstimmung. Oft macht die Musik aber auch einfach nur Spass und gerät etwas in den Hintergrund, was bei dieser Inszenierung aber kein Problem ist, da das Gesamtpaket stimmt. Die CD kann man übrigens hier bestellen.

Was bei einem Kindermusical aber auf keinen Fall zu kurz kommen darf, sind Kostüm- und Bühnenbild. Kinder wollen verzaubert und in eine andere Welt entführt werden (ok, Erwachsene auch). Da darf es bunt und opulent sein. Wir waren jedoch positiv überrascht, dass es nicht im Geringsten kitschig oder kindisch wirkte. Eigentlich hätten wir aber nicht überrascht sein sollen, denn wenn das kreative Schwestern-Duo, Simone und Kathrin Baumberger am Werk ist, kann man sich auf das Ergebnis freuen. Deshalb gibt es praktisch keine Schweizer Produktion ohne die beiden.

Simone Baumbergers Bühnenbild für dieses Musical ist bunt und stabil (Affen klettern nun mal auf Bäume) und besitzen ein gutes Mass an Realismus, ohne den Kinderbuch-Charakter zu verlieren. Auf der verhältnismässig kleinen Bühne wird eine schöne Tiefenwirkung erzeugt, die mit Hilfe von Licht verstärkt wird. Die Buchstaben, die als Requisiten dienen und im Verlauf des Stücks auf die Bühne gebracht werden, sind plakativ, bunt, glitzernd oder beleuchtet und passen perfekt zum Thema. Zudem zieht sich das Bühnenbild bis über die Bühne hinaus, was Sinn macht, da die Darsteller auch oft im Zuschauerraum agieren und die Seitentür nutzen, was das Musical noch lebendiger wirken lässt.

Kathrin Baumberger und ihr Team entwarfen für „Der Löwe, der nicht schreiben konnte“ Kostüme, die einerseits das entsprechende Tier gut erkennbar darstellen, aber auch dessen Eigenschaften unterstreichen. Dafür nutzten sie Stoffe, deren Textur und Farbe Federn oder Fell imitieren, aber auch Accessoires oder Kleidungsstücke, die zu den Charaktereigenschaften passen. So trägt der Löwe, der eher etwas träge und gewollt cool dargestellt wird, kein Löwenkostüm, wie es z.B. an der Fastnacht getragen wird, sondern Bomberjacke, Rippshirt und Goldkette. Die Löwendame hingegen trägt einen Sleekdress in Satinoptik, der auf den ersten Blick erkennen lässt, wie elegant und edel die Löwin ist. Die Affen wirken mit den kurzen Trägerhosen einerseits jugendlich, was ihre kindliche Leichtigkeit verkörpert, aber auch athletisch. Und die umherschwirrenden Kolibris verzaubern in bunten Fransenkleidchen im 20s-Style und Spitzenschuhen.

Ergänzt wird der tierische Gesamteindruck durch Haar und Make-up von Marc Hollenstein, wobei diverse Perücken zum Einsatz kommen, die zur Rolle passen. Das Make-up ist bei Darstellern, die in der Figur bleiben, charakteristischer, als bei solchen, die mehrere Rollen übernehmen.

Auch bei den Darstellern wird nicht auf Laien gesetzt. Nein, hier stehen Darsteller auf der Bühne des Bernhard Theaters, die immer wieder in grossen Musicalproduktionen im DACH-Raum zu sehen sind. Dies mögen die Kinder nicht wissen, aber natürlich spüren, sehen und hören sie diese Professionalität, was dieses Musical auch für die erwachsenen Begleitpersonen zu einem Genuss macht.

In der Hauptrolle des Löwen, der nicht schreiben kann, sehen wir Marc Früh. Ihn hätten wir beinahe nicht erkannt und waren wirklich überrascht, was für eine Typveränderung hier vor allem Perücke und Darstellung bewirken können. Der Löwe mag etwas prollig wirken, aber auch attraktiv und männlich, wie man sich einen Löwen vorstellt, der sich auf der Tatsache ausruht, dass er der König des Tierreichs ist. Mar Früh versprüht er seinen Charme grossflächig und brilliert stimmlich und darstellerisch auch in den ruhigen, unsicheren Momenten, in denen sein wunder Punkt berührt wird. Die Botschaft, dass es nicht nötig ist, sich cooler dazustellen, als man ist, zu seinen Gefühlen stehen darf und Schwächen absolut ok sind, ja, sogar liebenswert machen, ist sehr wichtig.

Als elegante, belesene Löwin überzeugt Sarah Madeleine Kappeler auf ganzer Linie. Ihre Schönheit erhellt das ganze Theater und lässt alle nachvollziehen, warum der Löwe sich Hals über Kopf in sie verliebt. In der Reihe vor uns glaubte ein kleines Mädchen, „Elsa“ zu sehen, was natürlich einem Ritterschlag gleichkommt. Aber Sarah Madeleine Kappeler hat definitiv Disney Princess-Potential. Mit grosser Bühnenpräsenz und einer ausdrucksstarken Stimme verzaubert sie das Publikum vom ersten Augenblick an und zeigt, dass es für jeden und jede eine Herausforderung sein kann, an einem fremden Ort neue Freunde zu finden, unabhängig von Aussehen oder Status.

Gerne hätten wir auch Ronja Borer als Löwin gesehen, da sie sich die Rolle mit Sarah Madeleine Kappeler teilt, waren aber alles andere als enttäuscht von ihrer Darstellung der etwas hochnäsigen Giraffe und des emsigen Post-Kranichs. Viel mehr kann sie ihre Vielseitigkeit und Wandelbarkeit unter Beweis stellen und ihr komödiantisches Talent zeigen. Innert kürzester Zeit wechselt sie Backstage nicht nur ihr Kostüm, sondern gleich auch ihre Stimme, Mimik und Gestik. Ganz besonders hervorzuheben ist auch ihr Geschick bei der Interaktion mit dem jungen Publikum. «Dü Da Do, Postauto» wird zum Running Gag, der immer wieder zum Mitmachen animiert. Eine wirklich starke Leistung.

Die drei Affen, dargestellt von Davide Romeo, Lucas Fischer und Gianmarco Rostetter, führen wie ein roter Faden durchs Musical und sorgen immer wieder für Auflockerung. Mit akrobatischen Tricks – wobei sich Lucas Fischers Background als Kunstturner natürlich nicht als Nachteil erweist – sorgen sie für Lacher und eine richtige Feel-Good-Atmosphäre. Wie bereits erwähnt sind sie massgeblich am „Eis brechen“ beteiligt, in dem sie die jungen Zuschauer zum Mitmachen auffordern. So kann z.B. der Löwe nur mit der lautstarken Unterstützung der Zuschauer aufgeweckt werden.
Auch die Affen-Gestik und das ganze Verhalten wurde perfekt einstudiert, was allerdings auch bei allen anderen „Tieren“ zu beobachten ist.
Lucas Fischer übernimmt zusätzlich die Rolle des „schönen Löwen“ und direkte Konkurrenten des Löwen, der nicht schreiben kann. Mit spanische Akzent und einer kleinen Tanzeinlage zusammen mit der Löwein zeigt er eine ganz andere Seite von sich.
Und auch Gianmarco Rostetter ist in einer zweiten Rolle zu bewundern. Als Krokodil mit charmantem Bündnerdialekt sorgt er für viel Erheiterung.

schöni Täsche, das isch mini Grossmuetter gsi.

Krokodil

Und last but not least möchten wir Myriam Mazzolini für die grandiose Verkörperung des Mistkäfers und des Nilpferds hervorheben. Vor allem als Mistkäfer sorgt sie für wahre Lachkrämpfe, wenn sie voller Begeisterung und erstaunlich tiefer Stimme von ihrer Gagi-Kugel schwärmt und der Brief, den sie für den Löwen verfasst, ist uns bleibt, eines der Highlights überhaupt, wobei man hier definitiv auch Rolf Sommer für die schweizerdeutsche Übersetzung ein Kränzchen winden muss:

Liebste Freundin, wollen Sie mit mir auf der Erde kriechen? Ich habe auch ganz feinen Gagi. Gruss Löwe.

Brief des Mistkäfers

Aber auch die kleineren Rollen, wie die beiden Kolibris (ganz zauberhaft und tänzerisch perfekt: Maura Oricchio und Kizzy Garcia) sorgen für schöne Momente. So bleibt zum Beispiel ihr Spitzentanz in Erinnerung und auch ihre Auftritte als Begleiter der Giraffe sind eine wahre Freude.
Und die Schlange, welche von Olivia Limina verkörpert wird, trägt durch ihre ruhige, besonnene Art entscheidend zum Happy End der beiden Löwen bei.

Fazit

„Der Löwe, der nicht schreiben konnte“ ist ein Riesenspass für die ganze Familie und empfohlen für Kinder ab 4 Jahren. Die Inszenierung ist sehr kindgerecht, aber dennoch hochprofessionell, was zu einem Grossteil am grossartigen Ensemble liegt. Der Einbezug des Publikums und die interaktiven Teile sorgen dafür, dass die Kinder während des ganzen Stücks aufmerksam und konzentriert bleiben, ohne sich zu langweilen. Neben eingängigen Musikstücken, energiegeladenen, Choreografien, humorvollen Dialogen und absolut fantastischen, kreativen Kostümen, die zusammen mit dem zauberhaften Bühnenbild für echte Dschungel-Stimmung sorgen, spielen vor allem die Botschaften, die dieses Stück dem jungen Publikum vermittelt, eine wichtige Rolle. Es gibt wohl kein Kind, das nach dem Besuch dieses Musicals nicht lesen und schreiben lernen möchte.

Herzlichen Dank ans Bernhard Theater, für die Möglichkeit, dieses zauberhafte Musical zu besuchen.

Wir hatten richtig Spass, wie man unschwer erkennen kann!

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