Slava’s Snowshow

Vom 4. bis 8. Dezember 2024 wird es im Theater 11 in Zürich poetisch, magisch und ein bisschen surreal, denn Slava’s Snowshow ist zu Gast und garantiert einen Abend, wie man ihn noch nie erlebt hat. Die weltweit gefeierte Theatershow, die vom russischen Künstler und Clown Slava Polunin ins Leben gerufen wurde, kombiniert Elemente von Clownerie, Pantomime, Musik und visuellem Spektakel und zieht seit ihrer Premiere 1993 weltweit ein großes Publikum in ihren Bann.

Am 4. Dezember waren wir im Theater 11 an der Premiere von Slava’s Snowshow. Ehrlich gesagt, wussten wir nicht so genau, was uns erwarten würde. Was man online gesehen hatte, machte uns definitiv neugierig und die Kritiken ebenso. Eine Menge Zuschauer waren nach dem Besuch komplett begeistert und verzaubert, andere hingegen konnten mit Polunins Humor und Bildsprache nicht viel anfangen. Selbst hatten wir ausser im Zirkus noch nicht sehr viel Erfahrung mit Clownerie sammeln können, müssen jedoch sagen, dass wir ein Faible für diese Kunstform haben. Und „eine Mischung aus traditioneller Clownkunst und modernen, experimentellen Elementen“ klang für uns sehr spannend. Und ja, der Schnee überzeugte uns auch sehr. Den wollten wir auf jeden Fall erleben! Für die Qualität der Show sprechen sicher auch die zahlreichen internationalen Auszeichnungen. Dass die Show bereits in über 80 Ländern Erfolge feierte, ist ebenfalls sehr beeindruckend. Da hofften wir natürlich mit unserem Geschmack nicht völlig aus dem Rahmen zu fallen. Aber grundsätzlich gehören wir ja zu der Sorte Mensch, die sich gerne verzaubern lässt, wenn eine Möglichkeit besteht und bei Slava’s Snowshow werden ja alle Hebel in Bewegung gesetzt, um genau dies zu erreichen und auch immer neue Generationen von Theaterbesuchern zu begeistern.

Gelbe Clowns und grüne Clowns wecken Kindeheitserinnerungen

Slava Polunin, ein russischer Pantomime und Clown, schuf die Show aus seiner Leidenschaft für das Theater und die Clownkunst heraus. Bekannt wurde er ursprünglich in der ehemaligen Sowjetunion mit seiner Figur Asisaj, einem melancholischen Clown mit gelbem Overall, grossen roten Pantoffeln und einer riesigen roten Nase. Polunin wollte die Magie und Emotionalität der Clownerie in einem grösseren Rahmen zeigen und entwickelte Slava’s Snowshow als eine Mischung aus traditioneller Clownkunst und modernen, experimentellen Ideen. Das Publikum sollte aber nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken gebracht werden. Das berühmte Bild des weinenden Clowns ist bei Polunin sehr gegenwärtig, doch dieser Clown ist wirklich am Ende, immerhin beginnt die Show direkt mit einem poetischen Selbstmordversuch. So legt sich Asisaj totunglücklich und voller Hoffnungslosigkeit eine Schlinge um den Hals, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Zum Glück scheint jedoch das Seil kein Ende zu finden und als dieses dann doch erreicht wird, hängt daran ein etwas zottelig wirkende grüner Clown, der in dieser Show als chaotischer Kontrast agiert, der zusammen mit seiner Mannschaft an Doppelgängern die nötige Leichtigkeit und Verspieltheit in die Show bringt. Mit viel Feingefühl wird durch das ganze Stück hinweg eine emotionale Balance zwischen ausgelassener Heiterkeit und Melancholie gehalten, was wahrscheinlich dessen Zauber ausmacht. Dabei gibt es weder eine konkrete, lineare Handlung noch Dialoge. Stattdessen erleben wir eine Serie von Szenen und Bildern, die tiefe Emotionen und Stimmungen vermitteln und uns in einem Wechselbad der Gefühle planschen lassen. Dabei können sich die Erwachsenen wahrscheinlich mehr mit Asisaj identifizieren. Wenn man selbst schon grossen Liebeskummer erlitten hat, verlassen wurde und tiefe Traurigkeit und Einsamkeit empfunden hat, werden einem Szenen wie die mit dem Kleiderständer sehr an die Nieren gehen. Ebenso trifft der gespielte Kampf mit dem grünen Clown, bei dem eine Grenze überschritten wird. Jeder von uns kennt Situationen, in denen aus Übermut etwas gesagt oder getan wird, das eine unsichtbare Grenze überschreitet und das Gegenüber verletzt oder verunsichert, wodurch die Stimmung kippt. Es ist faszinierend, wie dem Publikum komplett ohne Worte kleinste Gefühlsregungen verständlich gemacht werden.

©Aya Rufin

Zauberhaft sind auch die Szenen, in denen das innere Kind angesprochen wird. Da wird ein Bett mit Besen und Vorhang kurzerhand zum Boot umfunktioniert und in See gestochen. Ein Bild, wie es nur der Fantasie eines Kindes entspringen kann. Aber auch die Szenen, die die nächtlichen Ängste eines Kindes thematisieren, sind erstaunlich und sehr sensibel umgesetzt, mitunter auch unheimlich, wenn unheimlich lachende, weisse  Gestalten über die Bühne schaukeln oder schwarze, unddefinierbare Schattenwesen auf Stelzen über die Bühne staksen.

Polunin wollte mit dieser Show eine Welt erschaffen, die die Zuschauer aus ihrem Alltag entführt und in eine fantasievolle und gefühlvolle Atmosphäre versetzt. Die Show beeinflusste auch andere Theaterproduktionen und inspirierte viele Künstler, die Poesie und die Kraft des Clown-Theaters neu zu entdecken.

Visuelle und musikalische Trigger am Laufmeter

Slava’s Snowshow lebt durch den Einsatz von künstlerischen Elementen, die direkt auf die Gefühle wirken. Dabei werden visuelle Elemente wie Seifenblasen oder Bälle verwendet, die das innere Kind aktivieren, aber auch Spinnweben, die über das ganze Publikum gespannt werden oder natürlich der atemberaubende Schneesturm, der die Zuschauer gerade zu unter Kunstschnee begräbt. Aber genau diese Masslosigkeit ist es, die es fast unmöglich macht, sich gegen die aufsteigenden Emotionen zu schützen. Durch den gezielten Einsatz von Licht und Farben wird im Theater eine surrealer, magischer Ort erschaffen, den man gar nicht mehr verlassen möchte.

Nicht minder erfolgreich wird auf die Wirkung von Musik gesetzt. Dabei werden bekannte Stücke verwendet, die bekannt dafür sind, Emotionen anzusprechen. Die Auswahl ist sorgfältig zusammen gestellt und reicht von melancholischen Klängen bis hin zu fröhlichen Samba-Rhythmen. Darunter Beethovens Mondscheinsonate, Ravels Bolero oder Carmina Burana. Alles sind Stücke, die bereits rein musikalisch in der Lage sind, eine spezielle Atmosphäre zu erzeugen und zusammen mit dem visuellen Aspekt für ein echtes Erlebnis sorgen, das unter die Haut geht.

©Aya Rufin

Das Publikum als zusätzliches Element

Slava’s Snowshow lebt unter anderem von der Einbindung des Publikums. Wer diese Show besucht, muss sich darauf gefasst machen, mit den Clowns auf Tuchfühlung zu gehen, da diese sich oft in den Zuschauerreihen bewegen, über Lehnen klettern, Gegenstände klauen (eventuell sogar Zuschauer entführen) und anderen Schabernack treiben. Wer damit nichts anfangen kann, sollte sich eventuell Plätze gaaanz weit hinten suchen. Die Konsequenz wäre dann natürlich, dass man auch nicht in den Genuss des überwältigenden Schneesturms kommt (bzw. nur dessen Ausläufer spürt) oder beim Ballspiel mitmachen kann. Für uns war jedoch das Grandiose an der Show, integraler Bestandteil zu sein. Ohne die Interaktion mit dem Publikum würde einiges an Lebendigkeit und Magie verloren gehen. So sollte man auch am Ende der Show nach dem Verbeugen nicht direkt flüchten, sondern im Schnee noch mit den grünen Clowns Ball spielen und diese Fröhlichkeit und Leichtigkeit geniessen, die man in einer solchen Reinform höchst selten erleben darf.

©leslynch.ch

Kindershow oder nicht?

Grundsätzlich hat Slava’s Snowshow sehr vieles zu bieten, das Kinderherzen höher schlagen lässt. Vor allem der „Schnee“, der schon von Beginn an auf dem Boden des Zuschauerraums liegt, wirkt auf die Kinder unwiderstehlich (oder, nicht nur auf die Kinder…) und Nachschub gibt es während der ganzen Show in Hülle und Fülle, ob er von oben aufs Publikum runterschneit, von den Clowns verteilt oder direkt kübelweise über den Köpfen der Zuschauer ausgekippt wird. Eigentlich sind es vor allem die offensichtlichen Gags der grünen Clowns, die kindgerecht sind und natürlich alles, was mit Action zu tun hat. Sobald die Clowns unterwegs sind, ist Spass angesagt. Allerdings gibt es halt auch diese tiefgründigen Momente und längeren Szenen (z.B. die mit den Telefonen)… Da merkt man schon, dass das jüngere Publikum, das von der vorangegangenen Action noch voller Adrenalin ist, unruhig wird und nicht genau weiss, was plötzlich los ist und den Fokus verliert, was zur Folge hat, dass auch die Erwachsenen und älteren Kinder im Publikum sich nicht ganz auf das Geschehen auf der Bühne konzentrieren können. Empfohlen wird die Show seitens Theater für Kinder ab 8 Jahren, wobei Kinder ab 3 Jahren erlaubt sind – ein sehr grosszügiger Spielraum. Und Slava’s Snowshow ist definitiv KEIN Kasperlitheater.

Unsere Highlights

Slava’s Snowshow lebt von Gegensätzen, deshalb ist es auch kaum verwunderlich, dass zu unseren Highlights die ganz grossen, offensichtlichen  Szenen, in denen visuell als auch musikalisch aus dem Vollen geschöpft wird, aber auch die ganz kleinen, zarten Details gehören. So waren wir z.B völlig begeistert von den Spinnweben, die sich zu den aufregenden Klängen des Boleros über das gesamte Publikum spannten oder, wie könnte es anders sein, der Schneesturm, der mit dem strahlenden Licht im Hintergrund und dem gegen die Schneemassen ankämpfenden Asisaj zum epischen Carmina Burana beinahe schon biblische Ausmasse annimmt. Ob man direkt vor der Bühne sitzt und die ganze Ladung Wind und Schnee ins Gesicht kriegt, oder weiter hinten und die „Schneelawine“ auf sich zurollen sieht (letzteres konnten wir nachträglich in einer von Musical.ch auf Instagram geteilten Story bewundern, da nicht alle die Foto- und Video-Regeln entsprechend ernst zu nehmen scheinen), es ist schlicht und einfach überwältigend und wird in so einem Ausmass in einem geschlossenen Saal nicht erwartet.

©Andrea Lopez

Genau so begeistert waren wir aber von der atemberaubenden Körperbeherrschung der Clowns. Diese unglaublich langsamen Bewegungen, die Mimik, die pantomimischen Mittel, die eingesetzt werden, um sich wortlos zu verständigen, die verschiedenen Gangarten etc. Clownerie in Reinform, die z.B. auch bei der Liebes-Szene mit dem Kleiderständer besonders zur Geltung kommt und einen atemlos staunen lässt…
Und selbstverständlich sind auch wir nicht immun gegen die sehr offensichtliche Spässe wie den Hai- Auftritt des einen grünen Clowns. Die Leichtigkeit dieser Spässe legt sich wie Balsam über die „freigelegten“ Herzen der Zuschauer.

Fazit

Slava’s Snowshow ist ein außergewöhnliches Theatererlebnis, das über die traditionellen Grenzen von Theater und Clownkunst hinausgeht. Die Show lädt das Publikum ein, sich auf eine emotionale Reise zu begeben, in der Lachen, Melancholie und Freude auf einzigartige Weise miteinander verbunden sind. Wenn man nach der Show und der Ball/Schnee-Schlacht den Theatersaal verlässt und in die kalte Nachtluft auf dem Gesicht spürt, hat man das Gefühl, soeben die beste Party seines Lebens samt Therapie-Sitzung erlebt zu haben, so frei und leicht fühlt man sich… Wir haben selten in einer Show so sehr gestaunt oder waren in diesem Mass überwältigt, weshalb wir jedem empfehlen, Tickets zu kaufen. Slava’s Snowshow ist eine Show, wie man sie nicht all zu oft zu sehen kriegt. Diese Gelegenheit sollte man nutzen.

Allerdings muss es schnell gehen, denn sie gastieren nur bis zum 8. Dezember im Theater 11. Tickets könnt ihr hier bestellen: https://www.musical.ch/en/snowshow


Ein riesiges Dankeschön an FBM für die Möglichkeit, diese einzigartige Show zu sehen und zu rezensieren wie auch für die einmaligen Plätze.


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