Pinocchio 2.0 – Ein Märchen für Erwachsene – Märlitheater Zürich

Das Märlitheater Zürich hat dieses Jahr zwei Stücke auf dem Plan – oder sagen wir 1,5. Dabei handelt es sich ein Mal um das Dialekt-Märli Pinocchio für Kinder und einmal um das doch eher weniger kindgerechte Pinocchio 2.0., das im The Millers in Zürich aufgeführt wird. Diese Aufführung interpretiert den Klassiker neu und stellt Fragen zur Aktualität des Märchens, den gesellschaftlichen Regeln und den Problemen der Figuren. Unter der Leitung der Psychologin „Sieglinde Freudlos-Jung“ wird die Geschichte auf witzige, ironische und aktuelle Weise analysiert.

Dass Märchen nicht immer ganz kindgerecht daher kommen, weiss mittlerweile jedes Kind. Doch bei Pinocchio 2.0 sind es nicht die grausamen Strafen oder die moralisch bedenklichen Geschlechterrollen, die im Kreuzfeuer stehen. Hier wird das ganze Stück analysiert und richtet sich mit seiner satirischen Note auch eher an ein erwachsenes Publikum.

So beginnt diese moderne Inszenierung nach dem Buch von Aniko Donáth unter der Regie von Evelina Stampa auch direkt mit einer Selbstvorstellung von Sieglinde Freudlos-Jung, ihres Zeichen Märchentherapeutin. Während des ganzen Stücks sitzt sie auf der kleinen Seitenbühne, macht Notizen, stoppt das Stück mit ihrer Fernbedienung (sie kann aber auch schon mal die Taste verfehlen und dann wird eventuell versehentlich das Tempo verlangsamt oder beschleunigt, was natürlich zu grossem Gelächter führt) und bittet einzelne Figuren zu sich, um ihnen gezielte Fragen zu stellen. Dabei bleibt sie mehrheitlich ruhig und gelassen, kann aber auch kurzzeitig mal aus der Rolle fallen, wenn man ihr z.B. Professionalität vorwirft.

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Sieglinde Freudlos-Jung

©leslynch.ch – Andrea Fischer Schulthess

Geppetto und sein hölzerner Sohn

Die Geschichte von Pinocchio kennen wir alle. Ein älterer, allein lebender Puppenmacher, dessen neuestes Werk aus Pinienholz zum Leben erwacht und auf schmerzliche Weise lernen muss, dass es nicht ganz einfach ist, ein guter und anständiger Junge zu sein und das Leben nicht nur aus Spass besteht. Begleitet von der Blauen Fee lernt er seine Lektionen, teilweise auf die harte Weise (er wird hinters Licht geführt, bestohlen, verwandelt sich in einen Esel, wird von einem Wal verschlungen). Schlussendlich darf er jedoch ein echter Junge werden und weiss die Vaterliebe Geppettos dann auch zu schätzen.

Pinocchio ist psychologisch interessant, da das Märchen zentrale menschliche Themen und Entwicklungsprozesse symbolisch darstellt. Seine Geschichte bietet eine tiefgründige Grundlage für psychologische Interpretationen, insbesondere in den Bereichen Moral, Identität und Selbstentwicklung.
Ganz so stark wird in dieser Inszenierung aber dann doch nicht auf die psychologischen Aspekte der Figuren eingegangen, allerdings sind die Charaktere sehr schön ausgearbeitet und lassen die tiefere Bedeutung gut erkennen. Pinocchio z.B. steht für das Kind in uns allen, neugierig, impulsiv und, ja, auch ungehorsam, da er ständigen Verlockungen durch Vergnügen und Abenteuer ausgesetzt ist und nach einer sofortigen Befriedigung strebt. So vermag Jeremy Müller, der in der titelgebenden Rolle auf der Bühne steht, seinem Pinocchio eine grosse Portion Unschuld und Kindlichkeit zu verleihen, ohne diese ins Lächerlich zu ziehen. Auch gut erkennbar ist der stets präsente innere Konflikt dieser Figur und die Darstellung seiner Entwicklung vom impulsiven Kind zum reifen und moralisch gefestigten Selbst, das Eigenverantwortung übernimmt und später auch nicht davor zurück scheut, harte körperliche Arbeit zu verrichten, um seinen Vater zu unterstützen. Stimmlich gewohnt stark, überzeugt Jeremy Müller darstellerisch mit einem sehr natürlichen, gut dosierten Spiel, das dem Stück, das natürlich auch mit vielen gewollt Slapstick-mässigen Einlagen auffährt, eine überraschende, aber sehr willkommene Ernsthaftigkeit verleiht.

©leslynch.ch – Jeremy Müller

Geppetto steht für den archetypischen Fürsorgeaspekt des Elternteils. Er ist liebevoll und opfert viel, um Pinocchio zu erziehen. Er ist buchstäblich bereit, sein letztes Hemd (in dieser Inszenierung seine Jacke) zu geben, um ihm den Schulbesuch zu ermöglichen. Beat Gärtner ist die perfekte Besetzung für diese fürsorgliche Figur und hinterlässt beim Publikum mit seinem ausdrucksstarken Spiel grossen Eindruck. Er ist die Vaterfigur, die sich jeder wünscht, aber nicht jeder hat und sorgt mit seiner sehr echten Darstellung des kranken, schwachen Geppettos für echte Betroffenheit.
Aber auch in den anderen Rollen, die Beat Gärtner übernimmt kann er auf ganzer Linie überzeugen, sei es als „flissigs Beieli“ (die haben wir geliebt!) oder als furchteinflössender Puppenspieler.

©leslynch.ch -Beat Gärtner

Die Blaue Fee, die ihren Namen nicht nur ihres Kleides wegen trägt

Die Blaue Fee ist eine Symbolfigur des Gewissens und der moralischen Instanz (Über-Ich). Sie hilft Pinocchio, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, und leitet ihn auf seinem Weg zur Selbstverbesserung. Im Grunde übernimmt sie die Erziehung (Geppetto ist ja eher etwas nachsichtig) und lässt Pinocchio die Konsequenzen seines Handelns spüren (z.B. durch den berühmten Wachstum seiner Nase beim Lügen). Dass diese Fee hier ein bisschen vielschichtiger ist, wird beim ersten Auftritt direkt klar. Etwas burschikos mit Convers zum blauen Tüllrock will sie gar nicht erst das ätherische Wesen sein, sondern steht mit beiden Beinen fest im Leben, wird dadurch aber auch zur Bezugsperson für Pinocchio. Auf die Frage der Märli-Therapeutin, wie sie denn zu ihrem Namen käme, zieht sie dann auch frech den Flachmann hervor und bestätigt damit, was wir uns schon immer dachten.

Flucht nach vorn: bin meischtens bsoffe.
Blaue Fee

Debi Althuser verzaubert in dieser Rolle (sie spielt nämlich noch einige mehr) mit viel Natürlichkeit und Wärme, aber auch mit einer deftigen Prise Humor. Ganz besonders begeistert waren wir von ihrer gefühlvollen, Sprechstimme, die der Fee doch etwas Überirdisches und Mütterliches verlieh.

©leslynch.ch – Debi Althuser

Weitere spannende Figuren sorgen für Lebendigkeit

Die ganze Inszenierung lebt durch ihre unendlich vielen, lebendigen Figuren, die für das verhältnismässig kleine Ensemble eine perfekte Illusion erzeugen und eine unglaublich ausgefuchste Organisation voraussetzen. So ist es fast nicht möglich, zu sagen, in wie vielen verschiedenen Rollen wir Gianni Pfister auf der Bühne bewundern durften. Sehr prägnant war z.B. seine Darstellung des Fuchses. So herrlich fies und manipulativ, aber auch verführerisch. An seiner Seite Debi Althuser als etwas dumme Katze (die beiden sind übrigens auch für die Produktionsleitung zuständig – echte Multitalente!). Aber dank Siglinde Freudlos-Jung wissen wir jetzt auch, warum dieses Gaunerpaar schon so lange zusammen ist.

…mir händ guete Sex.
Fuchs

So lang zäme und immer no guete Sex…
Pinocchio

Wie gesagt, diese Version ist nichts für Kinder.

Ebenfalls in Erinnerung bleiben wird Giannis Darstellung der verängstigten Marionette oder die des leichtherzigen Schülers Docht, der Pinocchio dazu bringt mit ihm ins Schlaraffenland / Paradies des Nichtstuns / Pleasure Island (wie man es auch immer nennen mag) zu reisen. Immer wieder begeistert sind wir von seiner ausdrucksstarken Mimik und seiner Vielseitigkeit. In der Schul-Sequenz durfte Debi Althuser dafür als fiese Mobberin brillieren und kurz darauf als Esel ihre Vielfältigkeit unter Beweis stellen. Und dies sind noch längst nicht alle Rollen der beiden. Wirklich eine erstaunliche Leistung.

©leslynch.ch – Gianni Pfister

Jeannine Friedrich, ist nicht nur Regieassistenz, sondern mimt in Pinocchio 2.0 auch die Assistentin der Psychologin. Und in der Rolle des Polizisten steht René Pfister auf der Bühne. Bei Pinocchio 2.0 zum ersten Mal Theaterluft schnuppern durfte, Fabian Egger alias „Der Praktikant“ (YouTuber und TikToker) in der Rolle des Lehrers.

©leslynch.ch – Fabian Egger

Originelle Ideen und eine zauberhafte Ausstattung

Direkt ins Auge sticht das zauberhafte Bühnenbild von Simone Baumberger, das lediglich aus einer mehrteiligen Rückwand aus Holz besteht auf der grosse „Skizzen“ von Zahnrädern, Werkzeugen, Gliederpuppen und Uhren abgebracht sind, das den Eindruck von „Entwicklung“ erweckt. die Rückwand kann allerdings noch gedreht werden, worauf eine herrliche „Schlaraffenland“-Landschaft ersichtlich wird. Rosa mit Cupcakes, Torten, Donuts und anderen Leckereien, so verführerisch wie es sich gehört. Dreidimensional wird das ganze mit zusätzlichen Aufstellern und bedruckten Holzwürfeln. Letztere werden in rein holziger Version aber auch in der anderen Szenerie eingesetzt.

Erwähnenswert ist definitiv auch die Sequenz im Meer, bei der mit einem grossen, sich bewegenden Stück aus blauem Stoff und Lichteffekten gearbeitet wird. Eine wunderschöne Illusion, die hier erzeugt wird.

©leslynch.ch

Das Kostümbild ist einmal mehr das Werk von Kathrin Baumberger. Nicht, dass wir keine Fans von superechten Kostümen wären, noch mehr fasziniert uns immer die Andeutung der Rollen in bestimmten Details. So trägt Pinoccio lediglich hölzerne Armstulpen oder auch der Fuchs mit braunrotem Ledermantel und Schnurrbart oder die Katze eine „Katzenaugen“-Maske. Und auch die Eselohren reichen, um den Esel zu verkörpern. Hier überzeugt z.B. Debi Althusers Darstellung auf ganzer Linie mit ihren ängstlichen Bewegungen und Blicken. Auch die „flissige Beieli“ sind eher als Arbeiter gekleidet, was unter umständen an ihrem gelben Helm mit den hübschen kleinen Fühlern liegt. Komplettiert wird dieses Outfit mit gelbschwarzen Ringelsocken. Sehr hübsch und originell. Ein durchwegs gelungenes Kostümbild, ohne Frage.

©leslynch.ch – Beat Gärtner

Unsere HIghlights

Pinocchio 2.0 hat eine Menge Highlights zu bieten, dazu gehört sicher Andrea Fischer Schulthess als Sieglinde Freudlos-Jung. Mit ihrer Nonchalance und Bühnenpräsenz zieht sie die Blicke des Publikums auf sich, manchmal sogar, während auf der Hauptbühne die Musik spielt. Wirklich zum Schreien ist zum Abschluss die Präsentation des überarbeiteten Märchens, welches sie ganz im Stil von Trudi Gerster aus dem grossen Märchenbuch vorliest. Hier werden Tränen gelacht.

Auch Gianni Pfister als ängstliche Marionette gehörte zu den besonderen Augenblicken. Mit viel Ausdruckskraft und Tiefgang fühlte jeder im Publikum mit ihm und lachte herzlich, wenn er zum Bühnenrand robbte.
Debi Althuser als Esel berührte uns sehr, ebenso aber in der Szene, als sie Pinocchio etwas zu Essen anbot.

Witzig waren auch die Referenzen zu anderen aktuellen Stücken, wie Billy Elliot in der MAAG Halle in Form von Tickets oder Frau Holle, das aktuell im Theater am Hechtplatz läuft. Solche Querverweise sind klug und witzig. Bravo!

Darf man die gesamte Regie als Highlight bezeichnen? Falls ja, dann ist sie es. Erneut hat Evelina Stampa bewiesen, dass sie ein hervorragendes Gespür für besondere Momente besitzt. Mit dem Blick auf Details verliert sie dennoch nie das grosse Ganze aus den Augen, weshalb Pinocchio 2.0 und bestimmt auch Pinocchio einen wunderbaren Flow haben. Und wenn wir gleich noch bei Flow sind. Jeremy Müllers beinahe schon tänzerische Bewegungen im Meer darf man mit Sicherheit auch Evelina zuschreiben. Alleine diese wären schon ein Highlight wert.

Lohnt es sich Pinocchio 2.0 anzusehen?

Ja, ohne Frage, denn dieses Stück ist witzig und sehr professionell mit spannenden, teils gesellschaftskritischen Ansätzen und originellen Ideen. Nur leider kann man es nur noch am 20. Dezember im The Millers in Zürich sehen. Also gaaaanz schnell Tickets bestellen!
Wer mit seinen Kleinen einfach Pinocchio sehen möchte, hat noch mehr Möglichkeiten und zwar nicht nur in The Millers, sondern auch bei den Kammersspielen Seeb und an diversen anderen Orten.

Schauspieler & Figuren
Sieglinde Freudlos-Jung: Andrea Fischer Schulthess:
Pinocchio: Jeremy Müller
Geppetto, Puppenspieler, Biene und weitere Rollen: Beat Gärtner
Fuchs, Marionette, Docht und weitere Rollen : Gianni Pfister
Blaue Fee, Katze, Zirkusdirektor und weitere Rollen: Debi Althuser
Lehrer: Fabian Egger (Der Praktikant)

Kreativ-Team

Produktionsleitung : Debi Althuser & Gianni Pfister
Regie : Evelina Stampa
Regieassistenz & Bühnentechnik : Jeannine Friedrich
Musik : Monika Romer
Bühnenbild : Simone Baumberger
Kostüme :  Kathrin Baumberger
Maske : Florence Schätti
Bühnenbild: Roman Fischer
Technischer Leiter : Simon Binggeli


Ein herzliches Dankeschön ans Märlitheater Zürich für die Möglichkeit, dieses aussergewöhnliche Märchen zu sehen und zu rezensieren.


©leslynch.ch
©leslynch.ch – Beat Gärtner
©leslynch.ch – Jeremy Müller
©leslynch.ch – Andrea Fischer Schulthess und Jeremy Müller
©leslynch.ch – Gianni Pfister
©leslynch.ch – Jeremy Müller
©leslynch.ch – Jeremy Müller und Beat Gärtner
©leslynch.ch – Jeremy Müller
©leslynch.ch – Gianni Pfister
©leslynch.ch – Andrea Fischer Schulthess
©leslynch.ch – Debi Althuser und Jeremy Müller
©leslynch.ch – Jeremy Müller und Debi Althuser
©leslynch.ch – Andrea Fischer Schulthess und Fabian Egger
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©leslynch.ch – Beat Gärtner
©leslynch.ch – Debi Althuser und Jeremy Müller
©leslynch.ch – Beat Gärtner
©leslynch.ch – Beat Gärtner und Jeremy Müller
©leslynch.ch – Andrea Fischer Schulthess
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©leslynch.ch – Gianni Pfister
©leslynch.ch – Jeremy Müller und Debi Althuser
©leslynch.ch – Jeremy Müller und Gianni Pfister
©leslynch.ch – Beat Gärtner und Jeremy Müller
©leslynch.ch – Debi Althuser, Jeremy Müller und Gianni Pfister
©leslynch.ch – Gianni Pfister und Debi Althuser
©leslynch.ch – Ensemble
©leslynch.ch – Jeremy Müller
©leslynch.ch – Jeremy Müller
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