„Schacher Sepp“ – Die Musical-Urinszenierung in Mammern

…I bi dr Schacher Seppeli, im ganze Land bekannt…“ Wer kennt ihn nicht, diesen unsterblichen Schweizer Hit, der 2007 in „Die grössten Schweizer Hits“ sogar „Ewigi Liäbi“ und „Alperose“ auf die Plätze zwei und drei verwies? Der Liedtext handelt von einem bescheidenen, redlichen Menschen und anderen, die einander des lieben Geldes wegen Böses antun und genau diese Thematik behandelt auch das Musical „Schacher Sepp“, welches noch bis zum 18. Juni 2023 in Mammern aufgeführt wird.

Getreu unserem Vorsatz, mehr Schweizer Musical-Produktionen zu besuchen, waren wir am 3. Juni 2023 zum ersten Mal in Mammern. Schacher Sepp ist bereits das dritte Musical, das in Mammern in einem Zirkuszelt (richtig gehört, es wird für die Vorführung extra ein Zelt aufgestellt, was dem Ganzen ein besonderes Flair verleit) uraufgeführt wird. Dies ist nämlich eine weitere Eigenart der Bühne Mammern. Jedes Musical wird eigens komponiert, selbst für eine verhältnismässig kurze Spielzeit von zwei bis drei Wochen. Die Darsteller, die für die Hauptrollen engagiert werden, sind bekannte Grössen der (Schweizer) Musical-Szene. Unterstützt werden sie von einem Musical-Chor und einer Liveband unter der Führung von David Lang, der auch Autor und Komponist des Musicals ist.

Eine Kritik für dieses Musical zu verfassen ist gar nicht so einfach. Kann man es mit anderen Produktionen vergleichen? Will man es mit anderen Produktionen vergleichen? Will es überhaupt verglichen werden?

Hintergrund

Dass Schacher Sepp überhaupt das Licht der Welt erblickte war eher Zufall. So erfuhr David Lang 2021, aus der Zeitung vom Schicksal eines Aargauer Biobauern, der in den 70er-Jahren seiner Existenzgrundlage beraubt wurde, weil die durch eine neugebaute, nahegelegene Kerichtverbrennungsanlage verursachte Dioxin-Kontaminierung unter den Tisch gekehrt wurde. Fast noch schlimmer war jedoch die Art und Weise, wie die anderen Dorfbewohner ihn behandelten. Diese Abgründe des menschlichen Wesens inspirierten David Lang zum Musical Schacher Sepp. Das Lied „Schacher Seppli“, dessen Aufführungsrechte für dieses Musical erworben wurden, dient neben seinem Ohrwurm-Charakter auch dazu, die entsprechende Botschaft zu verstärken.

Geschichte

Jean Traber, ehemals Bauer in Frohwil, hört, wie beim Radio-Wunschkonzert, eine ihm aus der Vergangeneheit bekannte Person das Lied „Schacher Seppli“ wünscht und alte, nie ganz verheilte Wunden brechen auf. Er beschliesst, seiner ehemaligen Gemeinde einen „Besuch“ abzustatten und deren grosse Jubiläumsfeier zu stören, nicht ahnend, dass auch seine Tochter Laura auf der Suche nach ihren Wurzeln auf dem Weg nach Frohwil ist.

Lauras Anwesenheit sorgt für Unruhe bei Gemeindepräsident Karl Bornhauser und Bauherr Roger Studer, da sie das unmenschliche Verbrechen, welches sie vor 25 Jahren begangen hatten, gerne weiterhin tot geschwiegen hätten, da gerade alles so gut läuft in Happy Ville, dem erfolgreichen Freizeitpark, der auf dem ehemaligen, verseuchten Traber-Grundstück erbaut wurde. Aber nun kommt alles an die Oberfläche und Bürger, die sich vor 25 Jahren mit Geld zum Schweigen gebracht wurden, können mit ihrem schlechten Gewissen nicht mehr länger leben.

Cast

Wie bereits erwähnt, achtet dir Bühne Mammern auf ein hochkarätiges Cast. Mit Marisa Jüni, Ronja Borer, Nina Amon, Benjamin Fröhlich,  Edward Piccin und Chasper Mani ist ihnen dies auch 2023 gelungen.

von links nach rechts: Ronja Borer, Benjamin Fröhlich, Edward Piccin, Marisa Jüni

Marisa Jüni

Als Laura Traber hat Marisa Jüni die schwierige Aufgabe, eine 30-jährige Frau, aber in den Rückblenden auch ein fünfjähriges Mädchen, das seine Mutter verloren hat und verzweifelt um die Aufmerksamkeit ihres ebenso verzweifelten Vaters kämpft, zu spielen. Diese Herausforderung meistert die gebürtige Bernerin aber mit Bravour. Selbstverständlich spielt ihr dabei ihre zarte Physiognomie in die Hand, ohne ihr darstellerisches und gesangliches Können wäre diese Verwandlung aber nicht glaubhaft. Ihre helle, klare Stimme nimmt als kleines Mädchen eine beinahe schon unheimlich kindliche Färbung an und ihr zappeliges, aber nie übertriebenes Verhalten spiegelt das eines aufmerksamkeitshungrigen Mädchens perfekt wieder. Wenn sie selbstvergessen mit Hobelspänen oder den Ohren einer Kuh spielt, möchte man sie nur in den Arm nehmen, ebenso beim Trompeten-Lied, in dem sie hofft, dass die Mutter im Himmel sie hören kann.
Aber auch als 30-jährige Laura hat sie ihre grossen Momente und ihre Darstellung von Maria Vendetta sorgt mit rassigem, italienischem Charme und einem Augenzwinkern für viele Lacher. Sie zählt ohne Frage zu unseren Highlights in diesem Stück.

Edward Piccin und Marisa Jüni

Edward Piccin

Edward Piccin ist einer jener Menschen, denen man auf der Strasse, im Zug oder im Supermarkt begegnen könnte und direkt wüsste: Dieser Mann ist Künstler. Deswegen freuten wir uns sehr darauf, ihn live zu erleben. Und wir wurden nicht enttäuscht. Als Jean Traber, spielt Edward Piccin die mit Abstand tragischste Rolle in Schacher Sepp und dies mit verstörendem Tiefgang. Der Bauer, der seine Frau verloren hat und sich nun alleine um ein kleines Kind kümmern muss, vor den Scherben seiner Existenz steht, weil ihm alle Kühe unter der Hand wegsterben, ohne nur einen Funken Unterstützung aus seiner Gemeinde zu erhalten, sondern von dieser auch noch ausgestossen wird, hat wirklich ein hartes Los. So viele Schicksalsschläge zu ertragen, ist beinahe unmöglich und noch schwerer darzustellen. Doch Edward Piccin schafft dies mit einer beeindruckenden Leichtigkeit. Man nimmt ihm diesem gebrochenen Mann einfach ab. Sein ganzes Gesicht spiegelt den Schmerz wieder, den er in sich trägt. Er ist ein wahrhaft grossartiger Schauspieler. Als er bei der Chorprobe seiner Enttäuschung Luft macht und sein Solo abgeben muss, geht das wirklich tief, ebenso, wie als er entdeckt, dass Laura neben der toten Kuh schläft – so viel Leid, so viel Gefühl… Ebenfalls zu erwähnen, seine komödiantisch einwandfreie Darstellung des senilen Jean Trabers. Da schaut man ihm gerne mehrere Minuten zu, wie er schimpfend seine Gehilfe durch die Manege manövriert. Aber auch gesanglich sorgt er für grosse Momente, da seine sonore, gefühlvolle Stimme Emotionen klar und direkt transportiert. Bereits als er „Lyôba“ anstimmte, diesen an sich einfachen Kuhreihen aus dem Kanton Freiburg, war klar, dass wir hier einen weiteren grossen Künstler erleben dürfen. Man sagt, dass wenn irgendwo und irgendwann in einer Gruppe ein Sänger den „Ranz des vaches“ zu singen beginnt und dann alle im Chor in den Refrain : „Lyôba, lyô-ôba“ einstimmen, dann fühlen sich alle als „wahre Schweizer und Schweizerinnen.“ Jean Trabers „Lyôba“ war definitiv unserer Gänsehautmoment. 
Edward Piccin war an diesem Abend unsere „Neuentdeckung“, da wir ihn noch nie live gesehen hatten. Ab nun haben wir ihn aber auf dem Radar.

Edward Piccin

Benjamin Fröhlich

Was uns an Benjamin Fröhlich immer wieder aufs Neue begeistert, ist sein natürliches Spiel. Es ist eine wahre Freude, ihm dabei zuzusehen, wie sich Gefühle auf seinem Gesicht abzeichnen, zudem ist er ein echter Charakter-Darsteller. Obwohl Karl Bornhauser einer der Bösewichte in diesem Stück ist, verkörpert Benjamin Fröhlich ihn so differenziert, dass man ihm gar nicht wirklich böse sein kann, wobei er während der „Preisverhandlung“ doch sehr berechnend und gefährlich wirkt, ganz im Gegensatz zu seiner verwirrten Tollpatschigkeit bei öffentlichen Reden. Es kann tatsächlich vorkommen, dass man Benjamin Fröhlich zusieht, während er einfach nur in seiner Rolle bleibt, während die Musik eigentlich an einem anderen Ort auf der Bühne spielt, wie z.B. als Karl zusammen mit seiner Ehefrau Archivdokumente studiert.
Bereits in Sister Äct hatte uns seine Stimme und vor allem die Kontrolle, die er über seine Stimme hat, begeistert. Und auch in Schacher Sepp stellt er sein Können wider unter Beweis. Er war neben Marisa Jüni einer der Darsteller, die für uns der Grund waren, dieses Stück in Mammern zu besuchen.

Ronja Borer und Benjamin Fröhlich

Ronja Borer

Ronja Borer verkörpert in „Schacher Sepp“ Mirjam Bornhauser, die Ehefrau von Gemeinsepräsident Karl Bornhauser. Mit ihrer blonden Lockenmähne und ihrem bildschönen Gesicht ist sie eine echte Erscheinung und auch stimmlich überzeugt sie vom ersten Augenblick an. Mag man sie zu Beginn als Gewinnerin des Miss Happy Ville-Contests für ein stereotypes Blondchen halten, macht sie während des Stücks eine der grössten Entwicklungen durch, welche Ronja Borer mit ihrem schauspielrischem Können ihrem Publikum glaubhaft vermittelt. In einer Gemeinde, in der Lüge und Vertuschung an der Tagesordnung sind, ist es nicht verwunderlich, dass Mirjam eine Affäre mit Bauherrn Roger Studer unterhält, um die Liebe und Aufmerksamkeit zu kriegen, die sie in ihrer Ehe vermisst. Diese innere Zerrissenheit verkörpert sie mit viel Tiefgang, genau so wie die aufkeimende Erkenntnis, dass sie, wie alle anderen Frohwiler, grosse Schuld auf sich geladen hat, weshalb sie massgeblich zum „Happy Ende“ der Geschichte  beiträgt. Wirklich eine beeindruckende Leistung.

Leider schafften es Nina Amon und Chasper Mani nicht ganz, uns zu fesseln. Darstellerisch einwandfrei spielten sie ihre Rollen höchst professionell, der Funke sprang jedoch nicht so über. Zwar gab es immer wieder schöne Momente, vor allem im Spiel mit einem der anderen Darsteller, alleine wussten sie jedoch nicht ganz zu überzeugen.
Wir könnten mir vorstellen, dass bei Nina Amon die sehr klassische Stimme war, die in dieser Konstellation wie ein Fremdkörper wirkte. Nicht jede Partitur hat, was eine klassische Altstimme braucht, um die richtige Wirkung zu erzielen, vor allem, wenn alle anderen Stimmen laut „Musical“ schreien. Es entsteht automatisch eine gewisse Distanz, die für die Rolle der Angelika Sober in unseren Augen nicht ganz passend ist.
Chasper Mani spielt Roger Studer herrlich unangenehm und mag auch gesanglich überzeugen, aber das gewisse Etwas fehlte uns einfach.

Der Musical-Chor

Dass der Musical-Chor ein Laienchor ist, war zwar zu merken, störte aber nicht im geringsten und verleiht der Inszenierung viel Charme und Energie. Die  gesangsbegeisterten vorwiegend älteren Damen und Herren gaben sich komplett in ihre Rollen als Frohwiler Dorfbewohner. Da wird mit Hingabe geputzt und gemobbt und nach Würsten verlangt. So viel Leidenschaft macht wirklich Freude.

Musik

Ein grosses Plus ist ohne jede Frage die Liveband, die mit stilvollen Glitzerkostümen präsent am Manegenrand sitzen. Mit Piano, Perkussion, Bass, Klarinette, Saxophon und Bratsche begleiten die fünf Vollblutmusiker dir Sängerinnen uns Sänger professionell unter der Leitung von David Lang, der am Piano mit von der Partie ist.

Das Publikum erlebt eine Reise durch verschiedene Musikstile und wird immer wieder überrascht. Man spürt das grosse Verständnis und die breite Erfahrung von David Lang für Chor-Kompositionen. Wie bereits erwähnt, war unser Highlight Jean Trabers „Lyôba“.

Bühnenbild und Kostüm

Sehr begeistert waren wir vom Bühnenbild von Marion Menziger mit den vielen, liebevollen Details. Ein Karussel, eine Kiosk, einem Schiessbuden-Büchsenturm (der effektvoll und variabel eingesetzt wird), ein echter Erdhügel und ein Toi Toi Häuschen. Trotz des gewollt maroden Looks wirkt alles sehr hochwertig. Die Plüschkühe, welche im Traber-Stall stehen, sorgen für Jöh-Momente und passen perfekt zum Freizeitpark-Thema. Die Absperrungen werden sehr dynamisch eingesetzt und tragen vor allem in der Preisverhandlungs-Szene massgeblich zur steigenden Spannung bei. Ein grossartiger Einfall! Gerade bei einer so kurzen Spielzeit von zwölf Vorstellungen hätten wir kein so grandioses Bühnenbild erwartet. BRAVO!
Nicht immer ganz eindeutig war zu erkennen, wo sich eine Person zeitlich (Vergangenheit oder Gegenwart) oder örtlich befindet. Zwar werden Zeitsprünge mit Kostüm- oder Frisurenwechsel und hinzugefügten Accessoires verdeutlicht, dies muss aber zuerst erkannt werden. Örtlich ist es manchmal jedoch verwirrend. So war uns nicht direkt bewusst, dass der alte Jean Traber sich in der Opening Scene im Altersheim befindet und nicht im Freizeitpark. Aber bei einem statischen Bühnenbild gibt es halt Grenzen. Dennoch gibt es keine offenen Fragen. Im Verlauf des Musicals wird allen klar, mit welcher Bildsprache gearbeitet wird und alles wirkt sehr modern.

Regie und Dramaturgie

Früher achteten wir nicht ganz so stark auf Regie und Dramaturgie. Da liessen wir uns einfach überraschen und das Gesamtwerk auf uns wirken. Mit der Erfahrung wächst aber auch unser Respekt für diesen wichtigen Aspekt einer Inszenierung. Bei Schacher Sepp gibt es sehr viel Schönes, das ganz klar dem Konto der Regisseurin Barbara Tachini gut geschrieben werden muss.

Fazit

Das „Musical am See“ ist eine feste Instanz und hat eine ganz eigene Daseinsberechtigung, ein bisschen „Aus der Region, für die Region“. Das ist eine Gruppe von kunst- und musikbegeisterten Menschen, die etwas ganz Tolles auf die Beine stellt und mit Herzblut daran arbeitet. Die Begeisterung jedes Beteiligten ist deutlich zu spüren. Vieles ist sehr professionell, anderes hat diesen Laien-Charme. Auch wenn man sich als „Aussenstehender“ irgendwie ein bisschen fremd fühlt in der Mammerer-Gemeinde, ist Schacher Sepp sehr sehenswert, ebenso wie es mit Sicherheit die vergangenen Produktionen waren und es auch die künftigen sein werden.

Schacher Sepp läuft noch bis am 12. Juni. Tickets können hier oder an der Abendkasse gekauft werden.

von links nach rechts: Chasper Mani, Nina Amon, Ronja Borer, Benjamin Fröhlich
von links nach rechts: Edward Piccin, Ronja Borer, Benjamin Fröhlich, Nina Amon
von links nach rechts: Chasper Mani, Marisa Jüni, Ronja Borer

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