D’Schatzinsle – Das Piratenmusical für die ganze Familie im Bernhard Theater

Seit dem 11.11. 2023 geht es in Zürich etwas ungehobelter und wilder zu und her: im Bernhard Theater sind die Piraten los, denn die Shake Company spielt das Familienmusical: „D’Schatzinsle“ und wie schon 2008 begeistert das schweizerdeutsche Bühnenstück, frei nach dem bekannten Abenteuerroman mit viel Humor und den mitreissenden Songs von Adrian Stern, Ritschi und Michael von der Heide Gross und Klein.

Kaum ein Buch hat so viele Leser in ihren Bann gezogen, wie der 1883 erschienene Abenteuerroman „Treasur Island“ von Robert Louis Stevenson, das 1897 ins Deutsche übersetzt und im deutschsprachigen Raum als „Die Schatzinsel“ bekannt wurde. Die Geschichte des kleinen Jim Hawkins, der in den Besitz der Schatzkarte des berüchtigten Piraten Captain Flint, kommt und zusammen mit Long John Silver und weiteren Piraten auf der Hispaniola lossegelt, um diesen zu heben, inspirierte zu über 20 Filmen und steigerte die Popularität damit weiter.

2008 feierte das Piratenmusical der Shake Company mit der schweizerdeutschen Übersetzung von Kamil Krejč Premiere und spielte 4 Monate vor ausverkauften Rängen, so gross war die Begeisterung für die singenden und tanzenden Piraten. Grund genug, das Musical wieder aufleben zu lassen und 2023 unter der Regie von Evelina Stampa in See stechen zu lassen.

– Foto: ©Caro Koopman

Wir sind jedes Mal gespannt, was uns erwartet, wenn wir das Theater für eine Shake Company-Produktion betreten. Die vor kurzem besuchte Operette „Im Weissen Rössl„, die im Grunde genommen parallel zu „D’Schatzinsle“ läuft, nur einfach am Abend, während die Piraten am Nachmittag ihr Unwesen treiben, hat ja eine ganz andere Stimmung und somit auch ein ganz anderes Bühnenbild. Und es wäre naheliegend, sich diesen Um- und Rückbau so einfach wie möglich zu machen, jedoch scheint dies nicht der Fall zu sein. Auch „D’Schatzinsle“ hat ihren ganz eigenen Look und auch hier wurde eine richtige Erlebniswelt kreiert.

Beim Betreten des Theater-Saals begrüsst einen sanftes Meeresrauschen und bläuliches Scheinwerferlicht erzeugt eine nächtliche, etwas mystische Atmosphäre, das sich vom orange beleuchteten Holz auf der Bühne abhebt. Der Fokus liegt auf dem bogenförmigen Fenster im Hintergrund, das den Blick auf den Nachthimmel freigibt und klar macht, dass man sich nicht auf einem Schiff befindet, sondern in einem Haus. auf der Bühne wurden mehrere Ebenen aus altwirkendem Holz geschaffen, die eine Tiefenwirkung erzeugen. Holzkisten, zusammengerollte Segel, aufgerollte Taue, eine Seemannstruhe und vieles mehr machen deutlich, wohin uns die Reise führen wird. Doch in der Mitte liegt auch eine provisorische Bettstatt, die neugierig macht.
Erneut hat Roman Fischer ganze Arbeit geleistet. Im Verlauf des Stücks darf man nämlich bewundern, wie vielseitig einsetzbar die Bühnenelemente sind und wie schnell und nebenbei ein Szenenwechsel von statten geht. Besonders überraschend und faszinierend einfach wurde z.B. der Eingang zur sagenumwobenen Schatzhöhle umgesetzt. Dabei darf auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass es sich bei dieser Produktion um den Versuch handelt, das erste „grüne“ Musical der Schweiz zu produzieren. Man bedient sich nachhaltiger Praktiken, umweltfreundlicher Materialien und setzt auf alternative Transportwege, um die CO2-Emission zu reduzieren. Für Kostüme, Bühnenbilder und Requisiten werden, wo immer möglich, Secondhand-Materialien verwendet, was bei den Kostümen rund 80% sind. Zu sehen war dies aber nicht. Im Gegenteil: Die Kostüme von Anna Rien-Ninck sind wunderschön anzusehen. Manche Kostüme wie z. B. Richter Trewlaneys und Kapitän Smollets sind aufwändiger, als andere. Dennoch ist auch kostümtechnisch eine Einheit entstanden, die grandios zum Gesamtbild der Inszenierung passt.
Bei einem Familienmusical, das auch die ganz jungen Zuschauer ansprechen soll, hat die Idee des „grünen Musicals“ eine ganz besondere Bedeutung. Immerhin erschaffen wir, die Erwachsenen, die Welt, in der diese Kinder leben müssen.

Für Kinder, die noch viel stärker in ihrer Fantasie leben, muss das Eintreten in diese Welt enorm aufregend sein. Aber auch wir als Erwachsene kommen kaum aus dem Staunen raus. Faszinierend ist auch, wie schleichend der Beginn des Stücks ist. Keine Ansage, dass die Handys ausgeschaltet werden sollen, kein Gong, dass das Stück in wenigen Minuten los geht. Lediglich die Lichter werden etwas gedimmt und die Hintergrundgeräusche verstärken sich, bevor Kim die Bühne betritt, es sich auf ihrem Bett bequem macht und nach ihrem Buch greift. Sie liest sich und ihren Stofftieren,  einem Papagei und einem Äffchen (den beiden werden wir in „belebter Form“ im Verlauf der Geschichte wieder begegnen, wo sie für viele Lacher sorgen) laut aus „Die Schatzinsel“ vor, bis ihre Mutter die Szenerie betritt und ihr rät, sich schlafen zu legen. Nun erfahren wir auch, dass wir uns auf dem Dachboden befinden, in Kims „Piratenhöhle“. Als Kim dann langsam einschläft, nachdem ihr ihre Mutter noch ein paar Zeilen vorgelesen hat, erscheinen die Figuren aus ihrem Buch und lassen das Publikum wissen, dass sie die einmalige Möglichkeit hat, das Abenteuer aus der Schatzinsel wirklich zu erleben. Während dieses Songs bauen die Piraten die Bühne langsam zum Wirtshaus um. Diese Eröffnungsnummer erinnert leicht an den Prolog des Musicals „Elisabeth“, sehr aufregend und perfekt inszeniert. Erzählt wird die bekannte und beliebte Piratengeschichte diesmal aus der Sicht einer weiblichen Jim und lässt die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwinden.

Als Regisseurin und Choreographin für „D’Schatzinsle“ hat die Shake Company Evelina Stampa an Bord geholt und profitiert von ihrer grossen Erfahrung und Kreativität. Die ganze Inszenierung hat einen sensationellen Drive, ist modern ohne die zeitliche Ansiedelung des Romans zu verraten. Gekonnt werden aktuelle Themen wie z.B. Homeoffice mit ein geflochten, was wohl eher die erwachsenen Begleitpersonen zum Schmunzeln bringt, ABER „D’Schatzinsle“ ist nun mal ein FAMILIENmusical und da soll jeder auf seine Kosten kommen, was definitiv der Fall ist. Und die Kleinen erfreuen sich an kindgerechten Auseinandersetzungen, Kämpfen und den Darstellern, die sich immer mal wieder ihren weg zur Bühne durch den Publikumsraum suchen.

Bei sieben Darstellern, deren tänzerische Fähigkeiten extrem unterschiedlich sind, ist es eine Herausforderung, eine Choreographie zu entwickeln, die jedem Niveau entspricht. In diesem Fall besteht sie grösstenteils aus gesangsbegleitenden, effekt- und kraftvollen Bewegungen. Auf übertrieben komplizierte Schrittfolgen, die das teilweise sehr junge Publikum kaum wertschätzen könnte, wird passenderweise verzichtet. Alles ist sehr natürlich gehalten und dient der Geschichte, was es wie aus einem Guss und sehr natürlich wirken lässt.
Besonders hervorheben möchten wir den Segel-Setz-Song, dessen stampfenden Rhythmus dieselbe anregende Wirkung, wie „We will rock you“ hat. Die dynamische Choreographie mit ausgelassenen Stepptanzelementen gehört zum Aufregendsten, das wir seit langem auf der Bühne erleben durften. Und auch die zauberhafte Unterwasserszene nach dem rettenden Sprung von Board mag mit einfachsten Mitteln ein Gefühl von Schwerelosigkeit erzeugen. Hier kann man gut sehen, dass Evelina Stampa eine Meisterin ihres Fachs ist. Beide soeben genannten Szenen dienen dem Umbau der Bühne, ohne dass man es wirklich wahrnimmt, da einen das Geschehen so in seinen Bann zieht. Definitiv zwei der absoluten Highlights, die lange nachwirken. Grandios!

– Foto: ©Caro Koopman

Musikalisch hat „D’Schatzinsle“ einiges zu bieten, obwohl nicht live gespielt wird. Die Musikstücke von Adrian Stern, Ritschi und Michael von der Heide sind angenehm und sehr abwechslungsreich. Obwohl gleich drei Komponisten mit sehr unterschiedlichen Stilrichtungen am Werk waren, passen die schönen Harmonien, temporeichen Elementen und kindgerechten Texte wunderbar zusammen. Zwar haben wir versucht, die Songs den Musikern zuzuordnen, müssen aber zugeben, dass es sich um nicht mehr, als Vermutungen handelt. Es gibt aber einige Ohrwürmer. „Leine los“ summen wir noch immer vor uns hin. Vielleicht sollten wir uns die CD doch noch besorgen.

Das Cast des Piratenmusicals wartet auf mit einigen bekannten Gesichtern (ja, alle männlichen Darsteller kann man zurzeit auch „Im Weissen Rössl“ bewundern):

  • Chiara Egger als Kim (Jim)
  • Lavdrim Xhemaili als Long John Silver
  • Fabio Romano als Kapitän Smollet / Bill Bones / Blauer Butt
  • Flavio Dal Molin als Richter Trelawney / Ben Gunn / Grüner Kakadu
  • Sabrina Kern als Betty / Lila Lachs/ Äffchen Pipa / Papagei Flint
  • Yvonne Barthel als Mutter / Wirtin / Wahrsagerin / Rote Chili / Stan
  • Nico Jacomet als Georg / Gelber Krake

Lavdrim Xhemaili überzeugt als Long John Silver auf ganzer Linie, was nicht zuletzt an seiner ausserordentlichen Bühnenpräsenz liegt. He’s got charms, he’s got looks und spielt den vertrauenswürdigen Schiffskoch ebenso überzeugend, wie den gefährlichen Piraten, der er eigentlich ist. Bis zum Schluss hofft man auf ein Happy End für ihn, wie es halt bei den charmanten Bösewichten so ist. Gesanglich begeistert er mit viel Gefühl und einer besonders schönen Färbung vor allem in den Duetten mit Chiara Egger. Seine tänzerischen Fähigkeiten, über die er als Profitänzer verfügt, mag er diesmal bei der eher einfachen Choreographie nicht wirklich unter Beweis stellen können, aber Stil und Können zeigt sich auch in Gestik, Körperhaltung und Rhythmus-Gefühl und davon hat er im Überfluss.

Silver, wie Gold.

Long John Silver

Eifach chli weniger schön.

Gelber Krake

Die Rolle der Kim/Jim hat in diesem Musical eine grosse Bedeutung, da sie für das junge Publikum die Bezugsperson No 1 ist. Deshalb waren wir auch sehr gespannt, wie Chiara Egger die Herausforderung, ein Kind zu verkörpern, meistern würde. Was sollen wir sagen: mit Bravour! Bewegungen, Gang, Stimme, Chiara Egger hat ihre Hausaufgaben zweifellos gemacht und entführt mit kindlicher Begeisterung und Überzeugung in ihre Traumwelt und wir gehen gerne mit. Auch wenn teilweise das Gefühl aufkommt, dass gewisse Passagen für ihre Stimmlage ein klein wenig zu hoch sind, beeindruckt sie mit grossem Stimmvolumen und viel Kraft.

Sowohl auf Fabio Romano, als auch auf Flavio Dal Molin, die in „D’Schatzinsle“ gleich mehrere, sehr unterschiedliche Rollen zu verkörpern haben, freuten wir uns sehr und wurden nicht enttäuscht. Die Spielfreude und Wandelbarkeit, die beide an den Tag legen, reisst einfach mit. Der Gap zwischen Kapität Smollet und Blauer Butt ist ebenso gross, wie der zwischen Richter Trelawney und Ben Gunn und verlangt von beiden Darstellern viel darstellerisches Können, das in Körperhaltung, Mimik und Sprechweise zum Ausdruck gelangt. Stimmlich überzeugen beide auf ihre ganz eigene Art und Weise und zeigen, dass sie für jede Produktion ein echter Gewinn sind.

Matros mittellos. Held ohne Geld.

Kapitän Smollet

Ein grosses Bravo geht auch an Sabrina Kern, die neben Betty und Lila Lachs auch das Äffchen Pipa spielt und „vertont“ und die Stimme von Papagei Flint übernimmt und dies ziemlich lebensecht, was nicht nur beim jungen Publikum für Begeisterung sorgte, sondern auch bei uns.

Yvonne Barthel besitzt das Talent, jede Rolle so individuell anzulegen, dass man beinahe das Gefühl hat, tatsächlich verschiedene Personen zu sehen, was leider dazu führt, dass man sie alle als kleinere Nebenrolle abtut, was aber in der Gesamtheit keineswegs so ist. Jede einzelne Figur verkörpert sie mit viel Tiefgang und Überzeugung und ihr Stepptanz als Rote Chilli bleibt in Erinnerung.

Lediglich Nico Jacomet als Georg und Gelber Krake bleibt etwas flach, eventuell geben die beiden Rollen aber auch einfach nicht ganz so viel her, denn „Im weissen Rössl“ hatte er uns sehr überzeugt.

Als Ensemble funktionieren alle zusammen aber einwandfrei und vor allem die Gruppennummern entwickeln eine richtige Sogkraft.

Fazit

„D’Schatzinsle“ bietet perfekte Unterhaltung für Gross und Klein. Auch wenn es sich hier um keine Inszenierung handelt, bei dem die Kinder aktiv zum Mitmachen aufgefordert werden, ist sie sehr kindgerecht, aber auch für Erwachsene spannene. Mit sympathischen Darstellern, viel Humor und grandioser Musik erzählt die Shake Company einen Abenteuer-Klassiker, der bei Kindern hoffentlich nicht nur die Lust am Lesen, sondern auch am Musical weckt.

Chaiara Egger und Lavdrim Xhemaili
Flavio Dal Molin und Sabrina Kern
Lavdrim Xhemaili und Chiara Egger – Foto: ©Caro Koopman
Flavio Dal Molin und Fabio Romano
die zauberhafte Chiara Egger – Foto: ©Caro Koopman
– Foto: ©Caro Koopman
Yvonne Barthel, Flavio Dal Molin und Chiara Egger
Flavio Dal Molin und Sabrina Kern – Foto: ©Caro Koopman
Lavdrim Xhemaili und Fabio Romano
Fabio Romano und Lavdrim Xhemaili
– Foto: ©Caro Koopman
Flavio Dal Molin, Lavdrim Xhemaili und Fabio Romano
Sabrina Kern, Pipa und Nico Jacomet
Lavdrim Xhemaili und Flavio Dal Molin – Foto: ©Caro Koopman
Flavio Dal Molin und Fabio Romano – Foto: ©Caro Koopman
Chiara Egger und Yvonne Barthel – Foto: ©Caro Koopman
Flavio Dal Molin, Chiara Egger und Fabio Romano
Sabrina Kern und Yvonne Barthel
Flavio Dal Molin und Chiara Egger

Herzlichen Dank an die Shake Company, dass wir uns das Stück ansehen und es rezensieren durften.

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