Die Bremer Stadtmusikanten – reloaded – Das Familienmusical in der MAAG Halle Zürich

Wer kennt es nicht, das Märchen von Esel, Hund, Katze und Hahn, die sich zusammenschliessen und gemeinsam eine Band gründen, um ihrer unwürdigen Situation zu entkommen. Die Bremer Stadtmusikanten sind los und musizieren vom 24.11. – 31.12.2023 in der Maag Halle in Zürich Hardbrücke. Das Familienmusical über Freundschaft, Mut und Zuversicht ist zurück und lässt nach dem Grosserfolg im Frühjahr 2023 und den drei Nominierungen beim Deutschen Musical Theater Preis erneut Kinderaugen strahlen.

Wenn wir einen Theatersaal betreten und es erklingt Zirkusmusik, dann wissen wir, das wir am richtigen Ort sind. Wie magisch mag diese ganze Atmosphäre und das leuchtende Schild mit der Aufschrift Zirkus Grimmig wohl auf die kleinen Kinder, die bereits neugierig auf ihren Plätzen sitzen, wirken, wenn schon wir ganz verzaubert sind. Und wenn dann dann der Zirkusdirektor mit riesigem Schnauz und Zylinder auftritt und mit sonorer Stimme das Publikum begrüsst, weiss man, dass es sich nur noch um Sekunden handelt, bis die Show beginnt. Für S’Lebe isch en Zirkus, die Eröffnungsnummer, werden direkt alle Register gezogen und von Vornherein klar gemacht, was wir zu erwarten haben. Genau so muss ein Opener sein! Da kann sich „The Greatest Showman“ warm anziehen, wobei gewisse Parallelen nicht von der Hand zu weisen sind. Mit Glitzer, Federn, Bändern, wie sie in der Rhythmischen Sportgymnastik verwendet werden und wunderschönen Kostümen, werden Gross und Klein von der ersten Sekunde an, in den Bann gezogen. Und in der darauf folgenden Zaubernummer, wird das Publikum auch direkt zum aktiven Mitmachen aufgefordert. „Flüge! Flüge! Flüge!“ erschallt es aus dem Publikumsraum.

Dass hinter den Kulissen des Zirkus Grimmig aber nicht nur die Sonne scheint, merkt man schnell. Denn der Esel Isidor Alfons, kurz „Ia“ (oder etwa „i-aah“?) wird nach einer verpatzten Nummer auf die Strasse gestellt und verdient  sein Geld fortan als Strassenmusikant mit Gitarre, die er zum Glück mitnehmen durfte.

Und so nimmt die Geschichte ihren mehr oder weniger gewohnten Lauf. Isidor trifft auf den Hund Lumpi, der keinen Geruchssinn hat und sich auf den ersten Blick in die schöne Katze Cat verliebt, die seine Avancen aber nicht erwidert. Und im dunklen Wald begegnen sie schlussendlich dem oder der Hahn Kiki, der/die sich auch gender-technisch in keine Schublade stecken lassen will und das Quartett vervollständigt. Und dann geht’s, nachdem die (absolut grossartige) Räuberbande vertrieben wurde, auf nach Bremen… bzw. Zürich. Um herrlichen Lokalkolorit zu gewährleisten, wurden die vier Freunde kurzerhand in die Schweiz verfrachtet, was so einiges zu Lachen gibt. Aber der Name „Die Bremer Stadtmusikanten“ macht schon Sinn. Aber zu viel wollen wir hier ja nicht verraten.

Du söttsch uf Züri go spile, det sind d’Lüt mega rich.

Lumpi zu Isidor

Das Kreativteam hat hier ganze Arbeit geleistet. Das originelle Buch und die lebendigen Dialoge und Lyrics, die massgeblich für den Charme dieses Stücks verantwortlich sind, stammen aus der Feder von Isabelle Flachsmann, die schon so manchem Schweizer Musical ihren Stempel aufgedrückt hat und das mit Erfolg.
Für die rasante und sehr kreative Choreographie zuständig zeichnen sich erneut Isabelle Flachsmann und Mitch Sebastian, der die wunderbaren Kostüme von Kathrin Baumberger erstens in Bewegung und zweitens so richtig zur Geltung bringt.
Das Bühnenbild stammt ein Mal mehr von Simone Baumberger, der zweiten Hälfte dieses unglaublich talentierten Schwestern-Duos, das zusammen mit Marc Hollenstein (Maske) erneut eine magische Welt erschaffen hat, die langfristig in Erinnerung bleiben wird. Besonders zauberhaft ist es, wenn Kostüm und Bühnenbild zu verschmelzen scheinen, wie in Form von Blumenwiesen-Mänteln.
Eine der Nominationen des Deutschen Musical Theater Preises gab es übrigens für Kostüm- und Maskenbild und das absolut verdient. Jedes einzelne Kostüm und jede Perücke unterstreicht den Charakter der jeweiligen Figur aufs Beste, und lässt bei den vier Hauptfiguren das Tier durchscheinen, ohne es zu plakativ darzustellen.
Ebenfalls nominiert war die grossartige Komposition von Juri Kannheiser. Die vielen unterschiedlichen Musikrichtungen, die die vier Tiere in die Band bringen, ergeben unterm Strich einen grossartigen Soundtrack mit vielen Ohrwürmern, der mehr als ein Mal für Gänsehaut-Momente sorgt, wozu selbstverständlich auch der brillante Lukas Hobi als Musikalischer Leiter seinen Teil und wunderbare Arrangements beigetragen hat.

Ein solches Musical steht und fällt aber natürlich mit der Qualität der Darsteller. Besonders gespannt waren wir auf Delio Malär, der ebenfalls beim Deutschen Musical Theater Preis nominiert war, als „Bester Darsteller in einer Nebenrolle“. Und wir müssen sagen, dass er diese Nominierung wirklich verdient hat. Die Darstellung des Hundes Lumpi gelingt ihm mit so viel Charme und Gefühl, dass er auch ohne seine Beatboxing- und Rap-Einlagen einen grossen Eindruck hinterlassen hätte. So schafft er es, diese für Hunde typische, etwas hektische Begeisterung auf die Bühne zu bringen und sein Lachen klingt tatsächlich ein wenig wie Bellen. Ob man eine Figur spielt oder verkörpert, sind eben doch noch mal zwei verschiedene Paar Schuhe. Und eines unserer Song-Highlight war definitiv sein Liebesduett mit Tina Umbricht aka Cat.

Delio Malär als Hund Lumpi – Foto: © Thomas Buchwalder

Um gleich bei Cat zu bleiben: Auch Tina Umbricht, die der eine oder andere eventuell aus der 22er-Staffel von DSDS oder The Voice of Switzerland 2020 kennt, schaffte es perfekt, die Katze, samt ihren rasanten, aber so typischen Stimmungsumschwüngen zu verkörpern. Die Redewendung „Wie Hund und Katz“ greift, da ihre widerspenstige, teilweise etwas gelangweilte Art natürlich in erster Linie der liebeskranke Lumpi zu spüren kriegt. Aber dies ist ein umso grossartigerer Kontrast zu ihrer atemberaubenden Schönheit. Eine perfektere Katze hätte man tatsächlich nicht finden können. Auch stimmlich mag Tina Umbricht absolut zu überzeugen und uns sogar zu überraschen, da sie eine Stimme mit Wiedererkennungswert besitzt, die vor allem auch in den tiefen und mittleren Bereichen satt und warm klingt, was wir sehr schätzen. Mit ihrem Song Ich bin ich hebt sie – wir zitieren – „…Chatzemusig uf es ganz neus Level„.

Tina Umbricht als Katze Cat– Foto: © Thomas Buchwalder

Angela Hunkeler bringt als Hahn Kiki dann richtig Pfeffer in die Truppe und sorgt mit E-Gitarre und ihren grandiosen Flöten-Ninja-Attacken immer wieder für Lacher und Begeisterung. Sie schafft es, auf ganz tiefgehende Weise, eine Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln, die über das Spiel hinaus geht, was eine wirklich schöne Erfahrung ist. Und auch wenn jedes der Tiere auf seine Weise im Laufe des Musicals zeigt, dass es ok ist, sich selbst zu sein, ist es Kiki oder eben Angela Hunkeler, die es erst wirklich verständlich macht. Und dies hängt nicht mal nur mit der Passage zusammen, in welcher sie sich nicht in eine Geschlechterrolle drängen lässt.

Angela Hunkeler als Hahn Kiki

Last, but not least gibt es ja noch den Esel Isidor Alphons, dargestellt von Flavio Baltermia, der uns ganz besonders begeisterte und bereits bei seinem ersten Song I bi ganz älei völlig überzeugen konnte. Mit seiner leicht rauchigen, ausdrucksstarken und kraftvollen Stimme, der man einfach nur Stunden lang zuhören möchte, und von ihm wie ein Instrument gespielt wird, hebt „Die Bremer Stadtmusikanten“ auf ein unglaublich hohes Niveau und macht es zu weit mehr, als einem Kindermusical. Nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch vermag er, Gefühle sehr direkt zu transportieren, was bei einer Rolle, wie dem Esel, der als Tier keine so charakteristischen Eigenarten hat, wie die anderen drei, sehr wichtig ist.

Flavio Baltermia als Esel Isidor– Foto: © Thomas Buchwalder

Aber auch in bei den Nebenrollen gibt es praktisch nur Highlights. Hervorheben möchten wir zum Beispiel Tim Hunziker als Zirkusdirektor Grimmig, der mit seiner grandiosen Sprechstimme alleine die Aufmerksamkeit der Zuschauer fesseln kann, aber auch im Ensemble hervorsticht und die Blicke auf sich zieht. Aber auch die grossartige Heidy Suter, reisst als Frau Ramspäck alle aus den Sesseln. Sandra Leon als Räuberin ist einfach brillant und sorgt vor allem mit Gianmarco Rostetter als Räuberling für Lacher.

Mis hirni isch futsch…

Räuberling

Das lohni loh gelte.

Räuberin

Und die schöne Maja Xhemaili-Luthiger verzaubert alleine durch ihre Erscheinung und ihre starke tänzerische Bühnenpräsenz, mag aber auch in kleineren Sprechrollen mit viel Charme und Witz zu überzeugen.

Man darf aber trotz den unglaublichen darstellerischen Leistungen, den zauberhaften Kostümen und Bühnenbildern, der Musik und der Choreographie und den originellen Texten (von denen es hier nur so wimmelt) nie vergessen, wie wichtig die Regie ist. Das Publikum mag nicht genau wissen, was ein Regisseur beiträgt, aber es kann sich sicher sein, dass er überall beteiligt ist und das Stück überhaupt erst zum Leben erweckt, da er eine genaue Vision davon hat, bevor nur ein einziges Kostüm genäht oder ein einziger Darsteller gecastet wurde. Unter der Regie von Tino Andrea Honegger entstand ein wahres Meisterwerk, das seinesgleichen sucht. Ihm gelingt das Kunststück, das Unterhaltung zur Kunst erhebt, indem nichts Überflüssiges bleibt, sondern jeder Satz, jede Note und jede Bewegung eine absolute Daseinsberechtigung haben. Bravo!

Wer sich mit Märchen auskennt, weiss, dass die Beliebtheit der „Bremer Stadtmusikanten“, das von den Gebrüdern Grimm nieder geschrieben wurde, darauf zurück zu führen ist, dass es auf die sozialutopischen Wünsche der Unterschicht in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts einging und die Grausamkeit und Undankbarkeit der Herrschaft gegenüber der im Dienst alt und schwach und somit nutzlos gewordenen Mägde und Knechte an den Pranger stellte. Im Originalmärchen sollen die alten Nutztiere, die ihrer Tätigkeit nicht mehr nachgehen können, ja getötet werden, weshalb sie fliehen.
In dieser modernen Fassung, in der die vier Tiere aus anderen Gründen ihre „Herrschaften“ verlassen oder verlassen müssen (Cat lässt sich zum Beispiel den Psychoterror von Frau Ramspäck, nicht länger gefallen, was diese nicht mal akzeptieren kann, was klare Schlüsse auf das Arbeitsverhältnis schliessen lässt), werden zeitgemässe Themen aufgearbeitet, die unterm Strich aber auf dasselbe hinauslaufen: Die „gesellschaftlichen Aussenseiter“ und „Unperfekten“ ermutigen einander, finden gemeinsam zu ihrer Stärke und besingen ihren Erfolg mit Zäme simmer unschlagbar. Was für eine wunderschöne Botschaft für ein Familienmusical.

„Die Bremer Stadtmusikanten“ könnt ihr bis Ende Jahr in der Maag Halle in Zürich Hardbrücke erleben. Wir empfehlen dieses grandiose Bühnenstück für Gross und Klein von Herzen. Tickets können hier bestellt werden.

Tim Hunziker als Zirkusdirektor
Gianmarco Rostetter
Angela Hunkeler und Tina Umbricht
Flavio Baltermia und Angela Hunkeler
Delio Malär
Tina Umbricht
Heidy Suter
Delio Malär und Flavio Baltermia
Tina Umbricht, Lavdrim Xheimaili und Flavio Baltermia – Foto: © Thomas Buchwalder
Flavio Baltermia
Die Frühlings-Bremer Stadtmusikanten mit Tino Andrea Honegger Foto: © Thomas Buchwalder
Herzlichen Dank an Maag Musical & Arts AG für die Möglichkeit, dieses wundervolle Musical zu sehen und zu rezensieren.

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