Das 33. Programm des Vorstadt Variétés Schaffhausen widmet sich vollumfänglich der „grünen Insel“, besser bekannt als Irland.
Dass Irland in Sachen Musik und Tanz jede Menge zu bieten hat, ist bekannt. Tanzshow- Phänomene wie Riverdance oder auch das irische Musikensemble Celtic Woman füllen die grossen Hallen mit Leichtigkeit. Irland mag zu begeistern und auch die Mitwirkenden des Vorstadt Variétés schaffen es mit vielseitigen, künstlerischen Darbietungen den Zauber Irlands nach Schaffhausen ins Restaurant Schützenstube zu bringen und präsentieren „…zwei Stunden traumhafte Kleinkunst vom Feinsten – so gehaltvoll wie ein Irish Stew und so tiefgründig und herb wie ein grosser Schluck Guinness…“
Nachdem Charlene letztes Jahr das Vorstadt Variété Schaffhausen zum 1. Mal besucht hatte (siehe Review 32. Programm), freuten wir uns sehr auf unseren diesjährigen Besuch, was einerseits an der besonderen Atmosphäre dieses winzigen Theaters, das die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum wortwörtlich verschmelzen lässt, lag, und andererseits am diesjährigen Programm. Dass wir irische Wurzeln besitzen, spüren wir immer besonders stark, wenn wir die unverkennbaren Klänge und Rhythmen, irischer Musik hören. Ja, da kommen dann schon starke Gefühle auf.
Das Vorstadt Variété Schaffhausen hat eine lange Tradition. Der erste Vorhang im Restaurant Schützenstube hob sich bereits im Jahr 1957, damals noch als „Vorstadt Cabaret“, sonst wäre das aktuelle Programm ja auch nicht das 33., sondern das 67. Erst 1992 startete das Vorstadt Variété, wie es auch heute noch das Kleinkunst-begeisterte Publikum anlockt (mehr Details zu Geschichte und Location findet ihr ebenfalls in der Review von 2023).

Auch diesmal verdanken wir das vielseitige Programm den beiden Vorstadt Variété- Cheffen, Martin Huber und Annette Démarais. Mit nicht endender Kreativität und einem untrüglichen Gespür für neue und originelle Acts, sind sie fraglos das Herz des Variétés. Zum 3. Mal übernahm Annette Démarais auch die Künstlerische Leitung und dies mit Erfolg… UND ehrenamtlich, was für ihre grosse Liebe zur Kunst spricht und ausserordentlich bewundernswert ist.
Ebenfalls mit dabei ist ein Mal mehr Werner Siegrist, der anno dazumal das Vorstadt Variété zusammen mit Martin Huber gründete. Aufgrund der grossen Nachfrage gibt er zusammen mit Martin Huber wieder die berühmte Eröffnungs-Cabaret-Nummer, wobei wir auch direkt beim ersten Programmpunkt (selbstverständlich nach dem wie immer sehr kreativen Opener An Irish Dream des gesamten Ensembles zur Einstimmung) angelangt sind:

Fisherman’s Friends – Martin Huber und Werner Siegrist
Unglaublicher Wortwitz, gespickt mit lokalen und auch politischen Themen. „Da do do isch es Tatoo – you have a Tatoo too. Da do do isch mi Tatoo und da do do isch di Tatoo, hät aber nix ztue mit me too.“ Unser Stadtrat Daniel Preisig wird auf die Schippe genommen, ebenso Alain Berset, dessen rote Street Parade Boa sie sogar aus dem Rhein fischen. Sie vergleichen die torlosen Spiele unseres FC Schaffhausen mit ihren vergeblichen Versuchen, Fische zu fangen. Die beiden Herren feuern ihre Gags wie aus einem Maschinengewehr mit absoluter Treffsicherheit und unbewegter Miene, so dass das gesamte Publikum an ihren Lippen hängt. „Do bisch am Fische ganz gmüetli, was ziesch use, so es mieses Hüetli.“ Der Grund für das ausbleibende Fischerglück wird dann auch rasch gefunden, da auf der mitgebrachten Wurmdose ‚Made in Ireland‘ steht:“ …üsi Fisch sind uf Schwizerwürm trainiert…“, Irische Maden ziehen da nicht. Die Texte stammen übrigens allesamt aus der Feder von Werner Siegrist, -einfach sensationell.
Insgesamt zählt das aktuelle Programm 24(!) Einzelnummern und eines kann man sagen: Langweilig wird es definitiv nicht. Die einzelnen Künstler/Acts sind mehrere Male auf der Bühne zu bewundern, weshalb man sie im Laufe des Abends richtig lieb gewinnt. Aufgelockert wird das Programm immer wieder gekonnt mit Ensemble-Nummern, die aufgrund der begrenzten Platzverhältnisse auf der Bühne oft einiges an Ideenreichtum voraussetzen.

Das erfolgreiche Künstler-Duo ist seit 25 Jahren auf allen Kleinkunstbühnen der Schweiz unterwegs und war auch schon diverse Male im Vorstadt Variété zu Gast. Schon bei ihrer Eröffnungsnummer ist klar, diese beiden Herren kennen ihr Publikum genau: zum Schreien komisch schildern sie ihre Erfahrungen mit dem Titelgebenden Irish National Circus, wo sie als Türsteher das Publikum zum Eintreten animieren mussten, was sie in Vorstadt Variété nun mit „begrenzten Mitteln“ und zweckentfremdeten Gegenständen nachspielen und das Publikum erfolgreich mit einbinden. Oleg ist die moderne Version eines „dummen August“ und bildet mit seiner ausdrucksstraken Mimik und dem überzeichneten Make up einen herrlichen Kontrast zum distinguierten Gilbert. In Child Worries, ihrer zweite Nummer, erzählen die beiden die fiktive Kindheitsgeschichte des keltischen Sagenhelden Finn MacCool. Oleg verkörpert den Säugling Finn, Gilbert den Sagenerzähler und das Publikum weint vor Lachen. In Irish Love übernimmt Oleg nicht nur die Rolle von Finn MacCool, sondern auf umständliche Weise auch die der Angebeteten, während Gilbert Oleg in Down in the Cellar dann immer wieder in den „Keller“ schickt, was zu einigen Schwierigkeiten führt. Clownerie und Pantomime der Extraklasse! Wahrlich zwei Meister ihres Fachs, die aber auch musikalisch einiges zu bieten haben. Vor allem Oleg am Cello beeindruckt nachhaltig.

Ein Künstler und Ire, wie er im Buche steht. Mit rotem Haar und Bart und keltischem Knotenmuster auf der Wange weiss man direkt, wohin die Reise geht. Der vielseitige Künstler, Zauberer, Autor und Comedian ist „leicht verrückt“, weshalb man sich zu keinem Zeitpunkt in Sicherheit wägen darf, da auch mal eine völlig unerwartete Kitzel-Attacke drohen kann. Bei Bratach präsentiert er seine Zauberkünste auf poetische Weise und verpasst auch nicht die Gelegenheit, die Irische Flagge gekonnt einzubringen, während er bei Magic Spoons auf Tuchfühlung mit dem Publikum geht und dabei ganz im Stil von Uri Geller mit seinen magischen Fähigkeiten Löffel nicht nur verbiegt, sondern auch verdreht. Bei Celtic Magic sehen wir eine Art Karten-Trick, allerdings mit Keltischen Runen. Hier ist das Publikum gefordert und auch wir durften aktiv mitmachen, was uns absolut begeisterte. Überhaupt besitzt Daniel GreenWolf diese besondere Ausstrahlung, die einen gerne an Magie glauben lässt. Ein aussergewöhnlicher Künstler, der sein Publikum vom ersten Augenblick an in den Bann zieht.
Dass er dann bei den Ensemble-Nummern sein Talent als Leadsänger und Bodhrán-Spieler beweist, ist ein zusätzliches Plus auf einer so oder so schon langen Liste, die für ihn spricht.

Die schöne Luftakrobatin, die bereits beim Cirque du Soleil , bei Art on Ice und Salto Natale Engagements hatte, verzaubert mit poetischen, schwerelosen Nummern. Ob bei Hammock (so wird das Tuch, das Luftakrobaten verwenden genannt) mit strassbesetztem Ganzkörperanzug, oder bei Cube mit einem – wie es der Titel schon verrät – Würfel, ihre kraftvolle Eleganz und geschmeidige Körperbeherrschung verzaubern das Publikum, sobald sie auf die Bühne tritt. Für Irland, wo, wie auch in Island, der Glaube an Naturgeister wie Feen und Kobolde noch immer sehr lebendig ist, passt die elfenhafte Aerialistin perfekt ins Programm und zeigt, zu welch aussergewöhnlichen Dingen der menschliche Körper fähig ist.
Ganz besonders begeisterte sie uns aber auch in den Ensemblenummern. Ob an der Querflöte oder als Irish Softshoe-Tänzerin (Werner Siegrists Verzückung, beim gemeinsamen Tanz kann man wahrlich nachvollziehen).

Der junge Jongleur zeigt, dass die traditionelle Jonglage-Technik mit Fantasie und dem Einsatz moderner Mittel immer wieder neu erfunden werden kann. Bereits bei seiner ersten Nummer, Flying Clubs, wird klar, Moritz Rosner ist nicht wie andere Jongleure: anstatt auf Schnelligkeit und eine möglichst grosse Anzahl Keulen, setzt er auf eine perfekt auf die Musik abgestimmte Choreographie. Der stehts geheimnisvoll lächelnde Künstler lässt seine abwechselnd 3-5 Keulen durch die Luft tanzen und das mit einer Ruhe und Anmut , die eine beinahe hypnotische Stimmung erzeugt. Weiter verstärkt wird diese Wirkung bei Dublin Lights durch den Einsatz von bunt leuchtenden und Farbe wechselnden Keulen.. Wirklich unglaublich schön und auch aufregend anzusehen. Hier kommen sicher auch Peter Moser und Jürg Huber von der Beleuchtung ins Schwitzen, da das Ein- und Ausschalten des Lichts genau getaktet ist. Und es kommt beim einen oder anderen Zuschauer bestimmt der Gedanke auf, dass sich das Programm des Vorstadt Variétés Schaffhausen mit den grossen Veranstaltungen absolut messen kann.
Moritz Rosner hat während der Ensemble Nummern auch Einsätze am Schlagzeug und präsentiert mit Oleg einen faszinierenden Besenstil-Tanz während An Irish Night.

Die argentinische Zirkusartistin Sophia Speratti hat ihre Wurzeln in der rhythmischen Sportgymnastik und begeistert mit humorvollen, kortonistischen Jonglage-Bummern. Bei Popinella zeigt sie direkt ihre eigene, individuelle Disziplin: Handstand mit Bällen. Dabei verlässt sie sich aber nicht nur auf ihre erstaunlichen athletischen Fähigkeiten, sondern gibt ihren Nummern das gewisse Etwas mit Comedy-Charakter. Ein bisschen flirty, ein bisschen verrückt hat sie ihr Publikum vom ersten Moment an im Griff. Bei Rings of Kerry tauscht sie die Bälle dann gegen Reifen.
Als einzige scheint sie kein Instrument zu beherrschen, was sie bei den Ensemblenummern mit viel Charme wett macht. Dafür überzeugt sie auf ganzer Linie als Irish-Tänzerin.

Werner Sigrist
Neben dem bereits erwähnten Fisherman’s Friend präsentiert der Schaffhauser Showman auch eine Solonummer Guiness, bei der das Publikum erneut in den Genuss seiner aussergewöhnlichen Reimkünste kommt. „…es bitters Bier, wo me scho im Gsicht sieht, dass es eim mehreri Löcher zämezieht…“ Auch die zum Teil unsinnigen Weltrekorde, die jedes Jahr gekürt werden, finden Erwähnung: „…do frog ich mich, was chan ich, usser uf eim Bei stoh wien en Kranich…“ Bei Working Men wird es dann melancholisch, als Werner Sigrist das harte Leben der Mienenarbeiter Irlands besingt. Das Publikum lauscht andächtig und berührt. Und bei An Irish Night gehört sein Tanz mit Janine Eggenberger fraglos zu den Highlights des Abends. Was für eine zauberhafte Darbietung.

Annette Démarais
Die Vollblutkünstlerin verzaubert mit Liedern aus der Feder des Schaffhauser Liedermachers Dieter Wiesmann. Mit Graveyard Myross und De Irischi Wind sorgt sie für echte Gänsehautstimmung. Ob an der Gitarre oder der Geige, Annette Démarais ist eine aussergewöhnliche Musikerin mit ausdrucksstarker Stimme, die aber auch mit viel Lebensfreude das Tanzbein schwingt.
In Londonderry Air überzeugt sie im Trio mit Peter Nussbaumer und Oscar Velasquez mit einer Interpretation von Danny Boy, dem Irland-Klassiker schlechthin.
Eine musikalisch so professionelle Show zu bieten, wäre ohne das Mitwirken dieser eben erwähnten Musiker nicht möglich. Der kolumbien-stämmige Oscar Velasquez begeistert an Saxophon und Klarinette, aber auch ein typisch irisches Blasinstrument darf natürlich nicht fehlen: so erlebt das Publikum ihn in diesem Programm auch an der Tin Whistle, was uns besonders freute.

Peter Nussbaumer, der zum 4. Mal in Folge als Musikalischer Leiter fungiert, begleitete das Programm am Klavier und an der Harmonika und zeichnet sich auch für das traumhafte A capella-Stück Molly Malone, das mehrstimmig von den Mehrheit der Herren des diesjährigen Ensembles gesungen wird, verantwortlich, wie auch für alle anderen Arrangements.

Nachdem er im letztjährigen Programm überraschend die Stepptanzschuhe hervorzauberte, hofften sir dieses Mal natürlich auf eine Irish Tap-Einlage, die leider nicht erfolgte, was in Anbetracht des grossartigen Programms leicht zu verkraften war.
Unbedingt erwähnt werden, muss aber noch die zauberhafte Choreographie von Yvonne Barthel zu An Irish Night, die die grossartige Stimmung und Lebensfreude eines Irish Pubs perfekt einfängt und alle Künstler unabhängig von ihrem tänzerischen Niveau mit einbezieht.

Das Menü
Wer das Vorstadt Variété Schaffhausen besucht, weiss, dass er neben hochkarätiger Kleinkunst auch einen echten Gaumenschmaus erwarten darf. Ob man eher der Kunst oder der Kulinarik wegen kommt, bleibt jedem selbst überlassen, ein Hochgenuss ist garantiert. Die Tatsache, dass Annegreth Eggenberger und Anita Schwegler die Variété-Gäste zum letzten Mal verwöhnen, da ihre Zeit in der Schützenstube mit der Dernière am 25. Januar 2024 endet, ist allerdings ziemlich tragisch. Gerade deshalb genossen wir das Menü ganz besonders.
Um den ersten Hunger bereits vor der Vorstellung zu stillen, kriegt man leckere Silserbrötli. Nach der Vorstellung darf es dann aber etwas reichhaltiger sein. Zur Auswahl stehen je zwei Varianten.
Bei der Vorspeise konnte man diesmal zwischen einem kleinen Nüsslisalat mit Ei und einem Lachsteller wählen. Als Vegis und weil der Nüsslisalat schon beim letzten Programm so begeistern konnte, wählten wir diese Option und wurden nicht enttäuscht.
Die Hauptspeise fiel etwas deftiger aus, was man aber gut vertragen konnte. Ob Garlic Cheese Chips oder Beef and Guiness Stew, man konnte rundherum nur zufriedene Gesichter ausmachen. Als Knoblauch-Fans setzten wir natürlich auch Variante 1 und waren begeistert von den vielfältigen Geschmacksnoten dieses an und für sich einfachen Gerichts.
Und zum Dessert hatte man die Wahl zwischen Pannacotta mit warmen Beeren und Chocolate mousse. Da wir Schokoladen-Fans sind, entschieden wir uns für den luftig-lockeren Schoko-Traum.



Fazit:
Auch das 33. Programm des Vorstand Variétés Schaffhausen überzeugte und begeisterte das Publikum inklusive uns. Der besondere Charme dieser winzigen Bühne im Restaurant Schützenstube und die Nähe von Künstlern und Publikum ist unwiderstehlich und einzigartig für beide Seiten.
Neben den fantastischen Einzel-Acts hinterlassen vor allem auch die Ensemble-Nummern einen bleibenden Eindruck und ein schönes Gefühl.
Einen Besuch des Vorstadt Variétés Schaffhausen können wir wärmstens empfehlen. Der Vorverkauf für das nächste Programm startet voraussichtlich im Oktober 2024.





























