Ein Käfig voller Narren – die Kultkomödie im Bernhard Theater

Vom 18.01.2024 bis zum 28.04.2024 kann es im Bernhard Theater in Zürich ein wenig bunter und unkonventioneller zugehen, als üblich, denn die spock productions gmbh unter der Leitung von Erich Vock und Hubert Spiess zeigt die Schweizerdeutsche Produktion von Ein Käfig voller Narren, der sozialkritischen Kultkomödie von Jean Poiret über die Schwierigkeiten eines homosexuellen Paares, für sich selbst, ihre Liebe und ihr Lebensart einzustehen, wenn es um das Wohl eines weiteren geliebten Menschen und dessen Zukunft geht.

Seit frühester Kindheit haben wir eine Faszination für Drag und Travestie. George Preusse als Mary haben wir geliebt und die Shows jährlich zu Silvester geschaut und die grossartige Lilo Wanders alias Ernie Reinhardt haben wir über das Musical Beiss mich! Ich will das Leben spüren, kennengelernt. Ob bei Olivia Jones, Ru Pauls DragRace, oder unsere Schweizer Dragqueen Paprika aka Michel von Känel, wir kommen ins Schwärmen in Anbetracht dieses wunderschönen, farbigen Make-ups, der fantasievollen Kostüme und vor allem der Zelebrierung des Überweiblichen…Für uns sind Männer in Frauenkleidung genau so normal wie Frauen, die sich ohne Schminke wohler fühlen.

Dass weder Travestie, noch gleichgeschlechtliche Liebe (oder alle weiteren Möglichkeiten, die unter dem Begriff LGBTIQA+ zusammengefasst werden) Normalität geniessen , zeigt Jean Poirets  sozialkritische Komödie Ein Käfig voller Narren, die unter dem Titel La Cage Aux Folles 1973 in Paris uraufgeführt und ganze 900 Mal im Théâtre du Palais-Royal gespielt wurde aufs Beste. Seither ist dieses Stück aus der Theaterwelt nicht mehr weg zu denken und neben der ebenfalls erfolgreichen Musical- und Filmversionen, bleibt auch die Original-Version ein Dauerbrenner, die nun von der spock productions gmbh, die von Erich Vock und Hubert Spiess 2007 gegründet wurde, aufgegriffen und ins Mundart übersetzt wurde. Kein ganz neues Thema für die beiden, da sie bereits 2012 mit der schweizerdeutschen Version von La Cage Aux Folles (damals aber als Musical) Erfolge feiern konnten. Die Tatsache, dass diese Thematik auch 2024 nicht an Aktualität und Relevanz eingebüsst hat, bewog die beiden Showgrössen dazu, diesen Klassiker ein weiteres Mal zu inszenieren, allerdings als Schauspiel unter der Regie von Erich Vock selbst. Die Aussicht, Vock und Spiess als Albin und Georges auf der Bühne bewundern zu dürfen, begeisterte uns ungemein, da sie auf und neben der Bühne als absolutes Traumpaar gelten.

Erich Vock und Hubert Spiess – Foto ©Pat Wettstein

Albin kämpft mit den Unsicherheiten, die das Älterwerden mit sich bringt, während sein Alter Ego, Travestie-Star Zaza, über dasselbe Thema auf der Bühne Scherze reisst. Dieses Beispiel ist sinnbildlich für das ganze, leicht wackelige Gerüst, auf dem sich das Paar seine Welt aufgebaut hat. In ihren Rollen selbstbewusst, konfrontiert sie das „wahre Leben“ samt gesellschaftlichen Unverständnisses unbarmherzig. Als Georges Sohn, Lorenz, ein „Fehltritt“ aus Jugendjahren, der aber liebevoll von George und Albin aufgezogen wurde, seinem Vater verkündet, seine Verlobte Muriel, die aus einer erzkonservativen Familie stammt und deren Vater für den Nationalrat kandidieren und unter anderem sämtliche Nachtclubs abschaffen möchte, heiraten zu wollen, hängt der Haussegen augenblicklich mehr als schief. Lorenz möchte nämlich eine „vorzeigbare“ Familie präsentieren, in der es weder Platz für einen Travestieclub noch homosexuelle Eltern gibt. Albin soll verschwinden und mit ihm der Privatkoch, Jakob, der keine Gelegenheit auslässt, in Albins ehemaligen Kostümen aufzutauchen, um seine Qualitäten als Travestie-Star in spe zu präsentieren. Als Albin von diesem Plan erfährt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf, denn wie erwartet, ist er nicht bereit, das Feld zu räumen.

Wettsch mich etzt vorstelle, oder verstecke?

Ich wott dich ihne es bitzeli vorstelle…

Ich han en Geischteschranke ufzoge.

George im Gespräch mit Lorenz

Das intime Bernhard Theater ist die ideale Location für Ein Käfig voller Narren, da zum Stück mehrere Szenen gehören, die im „La Cage aux Folles“, dem titelgebenden Travestie-Club spielen bzw. sich das Theater in den Club verwandelt. Hierfür performt der jeweilige Künstler vor dem geschlossenen Vorhang. Ebenfalls zum Setting des Clubs gehört ein Klavier, an dem der einzigartige Erich Strebel, der auch die Musikalische Leitung inne hat, als geduldiger François in die Tasten haut. Als Signature-Song dient ‚Somewhere over the rainbow“ aus The Wizard of Oz, die Schwulen-Hymne No1 (oder woher, glaubt ihr, stammt das Regebogen-Symbol?). Das zarte Klavier-Intro ist nur der Anfang. Im Verlauf des Stücks steigert sich die Intensität zur opulenten Orchestrierung.

Die meisten Szenen spielen jedoch in der direkt angrenzenden Wohnung von George und Albin, die in Sachen Klischees nichts auslässt. Wir sehen rosa Tapeten, die Statue eines nackten griechischen Jünglings, Bilder, die romantische Szenen zwischen Männern abbilden und ein grosser Schminktisch für Albin, der das einschlägige, absolut grossartige Bühnenbild von René Ander-Huber vervollkommnet. Überhaupt spielt das Stück mit vielen Klischees und bedient sich auch des entsprechenden Vokabulars, das in den Ohren des heutigen Publikums teilweise fast etwas harsch klingt, oder man selbst nicht in den Mund nehmen würde, da Bezeichnungen, wie „Schwuchtel“ oder „Tunte“ doch einen sehr abwertenden Beigeschmack haben. Aber in diesem Stück wird der berühmte Finger drauf gehalten, weshalb es nichts für Mimosen ist.

Erich Strebel und Erich Vock – Foto ©Pat Wettstein

Im 2. Akt, der grösstenteils im umdekorierten Wohnzimmer, das nun vor religiöser Symbolik in Form von goldenen Engeln und überdimensionierten Kreuzen überquillt, spielt, verdichtet sich die Handlung, da nun die Eltern des Bräutigams und die Eltern der Braut, die natürlich auch mit dabei ist, aufeinander treffen. Albin, hat aus Trotz und auch, weil die leibliche Mutter von Lorenz nicht rechtzeitig aufgetaucht ist, beschlossen, in perfekter Verkleidung zum Schrecken von George und Lorenz die Mutter zu mimen.

Erich Vock

Ja, Ein Käfig voller Narren ist provokant …und steht und fällt mit der Besetzung des Albins. Mit Erich Vock in dieser tragenden Rolle war es aber ein berechenbares Risiko. Der ausgebildete Schauspieler fiel schon in jungen Jahren durch sein ausgeprägtes komödiantisches Talent auf und erspielte sich seinen festen Platz in der Schweizer TV- und Theaterszene. Auf der Bühne bewegt sich Erich Vock so natürlich, dass sich das ganze Publikum innert Sekunden entspannt und einfach nur noch geniesst. Besonders intensiv sind die Momente, in denen Albins Stimmung kippt und seine Verletzlichkeit und Menschlichkeit mit aller Wucht zum Vorschein kommt und aufzeigt, dass es unter der Oberfläche mächtig brodelt, was dem an und für sich sehr amüsanten Stück viel Gehalt verleiht. Unvergessen bleiben, wird definitiv die Szene, in der das Publikum mehrere Minuten allein mit dem Bestreichen eines Zwiebacks bei Stange gehalten wird, während die Nerven zum Zerreissen gespannt sind. Eine darstellerische Meisterleistung! Aber auch seine Auftritte als Zaza sind legendär und herrlich vulgär, wie es das Klischee gebietet.

Ich bin di letschti Professionelli. Nach mir die Sintflut.

Albin, bezüglich Mercedes


Herausragend ist – wie erwartet und erhofft- das Zusammenspiel mit Hubert Spiess in der Rolle des Clubbesitzers George, der im Stück seinen Lebenspartner spielt und im wahren Leben sein Ehemann ist. Dass sich die beiden Darsteller in- und auswendig kennen, ist zu spüren. Auch George ist das Milieu, in dem sich das Paar bewegt anzumerken, besonders in seinem aussergewöhnlich distinguierten Auftreten und seiner Kleidung (ein grosses Lob an Lilli Krakenberger für das zauberhafte und in jeder Hinsicht passende Kostümbild im 70er-Jahre-Stil), in der Bühnen-Beziehung übernimmt er aber ohne Zweifel den erwachseneren und ruhigeren Part, was dazu führt, dass er die ganze Last trägt, weil er es unmöglich allen recht machen kann, wobei er diese Hilflosigkeit mit fast schon königlicher Noblesse überspielt. Besonders gut gefällt dem Publikum aber natürlich, wenn auch er an die Grenzen seiner Belastbarkeit stösst, wie z.B. in der bereits erwähnten, Zwieback-Szene, in der er als eine Art Coach, Albin ein männlicheres Verhalten antrainieren will.

Hubert Spiess – Foto ©Pat Wettstein

Neben den beiden Leading Men trumpft das Stück aber auch mit einem hervorragenden Ensemble auf. Als Publikumsliebling Jakob, der bei Albin und George als Koch und Mädchen für alles angestellt ist, erleben wir Christian Menzi mit einer absolut hinreissenden Performance. Mal abgesehen von seinen sehr augenscheinlichen optischen Reizen (was für ein wunderschönes, ausdrucksstarkes Gesicht und ein Körper zum Niederknien!) versprüht er in den verschiedensten Verkleidungen einen Charme, dem man sich unmöglich entziehen kann und überzeugt auf ganzer Linie mit seinem komödiantischen Talent. Bei jedem seiner Auftritte – und davon gibt es zum Glück jede Menge – ist das Publikum gleich ganz Auge und Ohr, um ja keine Augenblick seines gewollt übertriebenen, aber dennoch sehr nuancenreichen Spiels zu verpassen.

Energetisch das komplette Gegenteil ist Mercedes, die, im Gegensatz zu Jakob, bereits den Schritt auf die Bühne des Travestie-Clubs geschafft hat und deren einziges Bestreben es zu sein scheint, Zaza vom Thron zu stossen. Daniel Bill begeistert mit einer grossartigen darstellerischen Leistung und Stimmgewalt und verleiht der Rolle, die mit ihrem herrlich unweiblichen Gehabe, ihren bösartigen, eifersuchtsgetränkten Sprüchen und ihren Eskapaden für viele Lacher sorgt, richtig viel Pfeffer. Durch ihr Ränkeschmieden mit Paparazzo Zubler (herrlich schleimig und unangenehm penetrant gespielt von Nico Savary Bahl), ist sie indirekt für das grosse Finale verantwortlich.

Vincenzo Biagi, Christian Menzi und Daniel Bill – Foto ©Pat Wettstein

Mercedes: der wahre Star – Im Schatten der Schabrake.

Mercedes zu Paparazzo Zubler

Adrian Burri, den wir schon in diversen Musicalproduktionen auf der Bühne erleben durften, und für uns aktuell zu den spannendsten Schweizer Musicaldarstellern gehört, wagt sich in Ein Käfig voller Narren auf neues Terrain und brilliert in diesem Schauspiel in der Rolle des Sohns, Lorenz. Sein gutes Aussehen ist definitiv kein Nachteil, dennoch sind es seine bemerkenswerte, lebendige Bühnenpräsenz und sein Charisma gepaart mit einer ausdrucksstarken Sprechstimme und Mimik, die diese eigentlich fast etwas unsympathische Figur (man bedenke, dass er quasi ein Elternteil, das ihn gross gezogen hat, eigennützig aus seinem Leben streichen möchte) zutiefst menschlich und beinahe schon unschuldig wirken lassen. Besonders im Zusammenspiel mit George und Albin, erscheint Adrian Burri zeitweise wie der kleine Junge, den seine Bühnen-Eltern nach wie vor in ihm sehen, was bei so einem hochgewachsenen Mann darstellerisch eine echte Leistung ist, zumal er nie absichtlich kindisch spielt, sondern nur das natürliche Familiengefüge für sein Publikum sichtbar macht. Die Beziehung zu seiner Verlobten ist in diesem Stück eher ein nebensächlicher Handlungsstrang, dennoch werden die seltenen, zärtlichen Momente zwischen den beiden inmitten der Unsicherheit und des Chaos mit viel Feingefühl inszeniert.

Hubert Spiess und Adrian Burri – Foto ©Pat Wettstein


Da Muriel, die Verlobte von Lorenz, eine eher kleinere Nebenrolle ist, hat Ramona Fattini, die parallel auch als Schneewittchen in der aktuellen Inszenierung der Züricher Märchenbühne zu sehen ist und deren Leitung sie in der nächsten Saison von Erich Vock und Hubert Spiess übernimmt, nicht all zu viel Sprechzeit, dennoch überzeugt sie mit viel persönlichem, mädchenhaften Charme und ihrer lieblichen Stimme, die eine überraschende Präsenz besitzt und berührt in der Szene, in der sie mutig Partei für Lorenz und seine Eltern ergreift, als sie zu einer Entscheidung gedrängt wird.
Ebenfalls überrascht Simones Entwicklung. Gabriela Steinemann verkörpert Lorenz‚ leibliche Mutter mit einer ungeheuren Grazie und Humor und macht schnell klar, weshalb sie so ein Dorn in Albins Auge ist. Der Machtkampf zwischen den beiden ist ein wahrer Genuss, ebenso wie die Spannung, die ihr Auftritt erzeugt, bevor sie dann doch zur richtigen Seite wechselt und für einen der schönste Augenblicke des Abends sorgt.

Erich Vock und Philippe Roussel – Foto ©Pat Wettstein

Ein weiteres Highlight ist Philippe Roussel als Paul-Felix Wüthrich, der Vater von Muriel. Es ist eine wahre Freude, wie dieser gutaussehende Schauspieler die ganze Pracht dieser unsympathischen Figur hervorbringt, mit kleinkarierter Arroganz homophobe Sprüche am Laufmeter ins Publikum schleudert und dazwischen in männlicher Selbstüberschätzung zur Freude aller mit Albin in weiblichen Verkleidung flirtet. Selbst, wenn man sich dann und wann am liebsten vor lauter Fremdschämen unter dem Stuhl zusammenrollen würde, was rein platztechnisch aber gar nicht möglich ist, geniesst man jede Minute seiner Bühnenzeit
Nicht minder unangenehm präsentiert sich Dora Graf als Elisabeth Wüthrich. Während ihr Mann seine Sprüche direkt und laut herauspoltert, sticht sie unerwartet, giftig und ohne eine Spur von Mitgefühl zu, was fast noch weniger gut zu ertragen ist. Dieses Paar ist mitunter der beste Beweis für die Grossartigkeit dieses Theaterstücks sowie das perfekte Casting.

Erich Vock und Dora Graf – Foto ©Pat Wettstein

Der heimliche Star des Abends ist aber Herr Häberli alias Thomas Meienberg, der in seiner Funktion als Restaurantleiter(?) im „La Cage Aux Folles“ als einziger „normaler Mensch“ den Überblick behält und durch seine trockene, wortkarge Art die Lacher auf seiner Seite hat… Doch so einem Käfig voller Narren bringt auch die stärkste Eiche zum Wanken…

Absolut. Schätzli, los: Ich bis Omi, vo all dene chline Schwuchteli.

Herr Häberli

Fazit

Ein Käfig voller Narren überzeugt durch seine unglaubliche Dichte an Sprüchen und Einfällen, zauberhaftem Zürcher Lokalkolorit, einer bombastische Ausstattung und einem durchgehend hervorragenden Cast. Es ist eine Hommage an die Liebe in all ihren Facetten, an Familienbande, egal ob hineingeboren oder erschaffen und die Wichtigkeit, das Leben in all seinen Farben zu geniessen, auch wenn dies bedeutet, gegen verknöcherte Ideologien einzustehen. Die spock productions gmbh hat mit dieser Inszenierung ein wahres Meisterwerk geschaffen, das berührt und jedem ein Lächeln mit auf den Heimweg gibt, denn als bekennende Finale-Fans, dürfen wir hier festhalten, dass noch selten ein Finale in sich so perfekt daher kam, wie dieses. Es ist nicht nur eine grossartige Travestie-Ensemble-Nummer (ein Applaus für den Choreographen, Kurt Schrepfer!) zum bekannten Village People-Hit und Gay Anthem, „Go West“, die mit ihren einheitlichen Kostümen ein bisschen „Floor Show“-Feeling vermittelt, nein, es verschafft dem Publikum auch die absolut konkurrenzlose Befriedigung, kleinkarierte Schwulenhasser in perfekter Synchronität zusammen mit Transvestiten in bunten Glitzerkleidern über die Bühne tanzen zu sehen, um ihren A**** zu retten. Wenn die Welt nur halb so perfekt wäre, wäre sie ein wirklich schöner Ort.

Also unbedingt Tickets besorgen! Sehen könnt ihr Ein Käfig voller Narren noch bis zum 28.04.2024 im Bernhard Theater in Zürich.

Danke, dass wir dieses grossartige Stück sehen und rezensieren durfte

Foto ©Pat Wettstein
Thomas Meienhof und Nico Savary Bahl
Philippe Roussel
Adrian Burri, Ramona Fattini und Erich Vock
Hubert Spiess
Hubert Spiess und Erick Vock – Foto ©Pat Wettstein
Christian Menzi
Erich Vock und Hubert Spiess
Erich Vock, Adrian Burri und Hubert Spiess – Foto ©Pat Wettstein
Christian Menzi
Erich Vock und Hubert Spiess
Philippe Roussel und Christian menzi

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