Das Ziel ist im Weg Plakat Les Lynch Kritik Review

Das Ziel ist im Weg – Ein kabarettistischer Hüttenkoller auf dem Jakobsweg

Dass eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg manchmal ganz andere Herausforderungen mit sich bringt, als nur einen anstrengenden Fussmarsch, beweist die Shake Company seit dem 1. Februar 2024 auf der Bühne des Theatersaals im Restaurant „Weisser Wind“ in Zürich. Da zwingt ein plötzliches Unwetter nämlich drei ungleiche Pilger:Innen in eine abgelegene Hütte, ohne Handynetz, ohne WLAN, aber mit ganz viel ZeitDas kann ja heiter werden!

Der Jakobsweg ist in aller Munde und es gehört mittlerweile fast zum guten Ton, wenigstens ein Mal eine Pilgerreise gemacht zu haben. Nicht erst seit Hape Kerkelings Bestseller Ich bin dann mal weg fasziniert dieser Selbstfindungstrip Richtung Santiago de Compostela Jung und Alt. Dass es unter den beschwerlichen Bedingungen auch mal arg „menscheln“ kann, ist selbsterklärend und deshalb bietet die Thematik jede Menge Stoff.

Das Ziel ist im Weg ist eine musikalische Kabarett-Komödie von von Michael Frowin, Philipp Schaller und Hans Holzbecher. Die Shake Company bringt nun eine neue Schweizer Fassung von Eric Hättenschwiler unter der Regie des mehrfach ausgezeichnete Produzenten und Regisseurs Dominik Flaschka auf die Bühne mit der Intention, das traditionelle Kabarett-Ensemble in der Schweiz wieder zu beleben, das in Deutschland einen festen Platz hat und auch in der Schweiz seinerzeit Erfolge feierte. Gerne erinnert man sich an die grossen Zeiten des Kabarett Federal, Rotstift oder Götterspass.

Mit Das Ziel ist im Weg hat die Shake Company aber ein echtes Ass im Ärmel, das auch das Zürcher Publikum begeistert wird. Als Location hat man sich für die Bühne des Theatersaals im „Weisser Wind“ in Zürich (nur ein paar Schritte vom Theater am Hechtplatz) entschieden, was direkt nostalgische Gefühle weckt, denn die Shake Company trat in der Anfangszeit hauptsächlich im Theater Stok und eben im „Weisser Wind“ auf.

Der Theatersaal befindet sich, über eine separaten Eingang erreichbar, über dem Restaurant “ Weisser Wind“. Das Publikum sitzt an kleinen 4er-Tischen, an denen konsumiert werden darf.

Die Bühne ist klein und nur ein wenig erhöht, was eine sehr persönliche Atmosphäre erzeugt. Das Bühnenbild ist absolut erstaunlich und wir waren sehr beeindruckt, mit wie wenig Aufwand die Bühne in die kleine Hütte, in die sich die drei Pilger:Innen vor dem Unwetter flüchten, verwandelt wurde. Wobei das Wort ‚Aufwand‘ nicht ganz stimmt, denn mit wenig, aber gezielt eingesetztem Material auf kleinstem Raum die  Illusion einer Hütte zu erzeugen, ist mit Sicherheit aufwändiger, als man denkt. Besonders begeistert waren wir auch vom Gewitter im Hintergrund, das durch die Mauerfragmente zu sehen ist. Roman Fischer hat wieder ganze Arbeit geleistet.

Wir hatten das Glück, einen Tisch in der 1. Reihe zu haben, was es uns ermöglichte, das Spiel der Darsteller im Detail zu beobachten, aber alle Plätze bieten einen guten Blick zur Bühne. Wer Glück hat, hat freie Sicht auf den Pianisten bzw. die One-Man-Band links der Bühne. An der 2. Vorpremiere am 2. Februar, welche wir besuchten, begleitete Christian Roffler das Stück musikalisch und es war ein Fest, ihn zu beobachten. Nicht nur, dass er an der Gesprächen als stiller Beobachter rege Anteil nimmt, was sich in seiner Mimik widerspiegelt, nein, hin und wieder wird er auch direkt mit einbezogen, was dem Stück eine weitere Ebene verleiht. Alternierend sitzt Pim Nieuwlands am Klavier, der auch für die Musikalische Leitung zuständig ist.

Christian Roffler, die ausdrucksstarke One-Man-Band

Aber auch das Publikum ist den Darstellern ganz nah. Als die einzelnen Protagonisten mit einem Signature-Song die Szenerie betreten, werden schon ein paar Sprüche gemacht oder in der 1. Reihe ein Schluck aus der Bierflasche eines Zuschauers genommen. Danach konzentrieren sich die drei Hauptdarsteller aber ganz auf einander, was auch nötig ist, um dieses ganz spezielle, etwas beklemmende Gefühl zu erzeugen, wenn sich drei Fremde gezwungen sehen, unbestimmte Zeit miteinander in einer Hütte zu verbringen. Dennoch fühlt sich das Publikum alles andere als ausgeschlossen, da man sich wieder erkennt, was aber nicht immer ganz angenehm ist. Die eigenen menschlichen Schwächen werden einem auf einmal richtig bewusst.

Durchnässt und abgeschnitten von der Aussenwelt nehmen Schulleiterin Marion, Pfarrer Lars und Spulenwickler Dirk eine turbulente Reise in Richtung Lebenssinn auf. Wer auf eine Erleuchtung hofft, sollte sich eventuell doch lieber den Podcast von Veit Lindau anhören, wer aber Lust auf ein Feuerwerk an Humor, politischen Debatten, Wortgefechten und viel Menschlichkeit hat, ist hier genau richtig. Und eben, eine gute Portion Selbsterkenntnis darf man auch erwarten.

Das Ziel ist im Weg bietet eine herrliche Charakterstudie dreier in der heutigen Gesellschaft typischen Persönlichkeiten. Aus diesem Grund fällt die Identifikation mit ihnen auch so leicht. Und nun erübrigt sich auch die Frage, was die drei Fremden zu diskutieren haben. Drei so unterschiedlichen Temperamente, mit unterschiedlichem Background und einem ganz persönlichen Grund, den Jakobsweg auf sich zu nehmen, sorgen für jede Menge Zündstoff.

Peter Denlo, Peter Zgraggen und Tamara Cantieni

So begegnen wir Lars, der Pfarrer eines kleinen Dorfs im Kanton Uri ist und auch zum Amt des Bürgermeisters nicht nein sagen konnte, aber sonst eine sehr offene, lebensbejahende, fast etwas aufdringliche Art zu haben scheint.
Der Deutsche Dirk wirkt zunächst tiefenentspannt mit einem Hang zu Sarkasmus. Als Spulenwickler hat er einen handfesten Job, alles im Griff und auch keine Scheu, Interesse an der hübschen, junggebliebenen Schulleiterin Marion zu zeigen, für die der Jakobsweg eine sportliche Challenge mit gemeinnützigem Hintergedanken sein soll.

Alkohol uf em Jakobsweg git chrummi Bei.

Lars zu Dirk

Doch im Verlauf des Kabaretts wird klar, dass sich alle drei in jahrelanger, harter Arbeit eine Maske als Schutzschild nach aussen, aber auch zum Selbstschutz antrainiert haben. Und in dieser kleinen Hütte fällt diese Maske Stück für Stück, nicht immer ganz freiwillig, aber unaufhaltsam. Und hervor kommen drei Menschen mit Problemen, Ängsten und Sehnsüchten.

Der Anspruch an die Allgemeinbildung des Publikums ist nicht zu unterschätzen. Das Niveau des Stücks ist hoch, höher, als es zuerst den Anschein macht, und wer sich in Sachen Politik und Weltgeschehen auskennt, wird definitiv mehr Spass haben, als jemand, der sich gar nicht damit beschäftigt. Aber kein Grund, Angst zu haben, auch für diejenigen, die Politik nicht unbedingt als ihr Steckenpferd bezeichnen würden, hat dieses Stück einen grossen Unterhaltungswert. Denn schlussendlich geht es in erster Linie um dieses drei „normalen“ Menschen, mit Problemen und Sorgen, wie du und ich und wie sie sich einander langsam öffnen und über sich hinauswachsen. Zudem erwarten das Publikum eine Vielzahl an originellen, mitreissenden Musiknummern, die von fröhlichen und in den Bewegungen sehr natürlich gehaltenen Choreografien von Evelina Stampa begleitet werden und das Stück gekonnt auflockern. Und sonst gibt es ja immer noch Klosterfrau Melissengeist und seine Nebenwirkungen. Auf diese Szene darf man sich freuen!

Was das Stück aber zu einem Grossteil ausmacht und das Publikum begeistert, sind die drei grandiosen Charakterdarsteller, die in die Haut der drei Pilger:Innen schlüpfen. Mit viel Feingefühl erwecken sie die Figuren zum Leben und lassen uns an ihren Schicksalen teilhaben und uns dabei selbst erfahren.

Peter Zgraggen ist Lars

Peter Zgraggen gehört zu den Darstellern, die man nicht mehr so leicht vergisst. Als Pfarrer Lars und beinahe schon hysterisch gut gelaunter Wanderer, zerrt er zunächst mächtig an den Nerven seiner „Mitinsassen“, die kein wirkliches Interesse an einem gegenseitigen Kennenlernen hegen und das so glaubhaft, dass das Publikum fast froh ist, in „Sicherheit“ zu sein. Doch auf Dauer kann sich keiner seinem unschuldigen, harmlosen Charme entziehen, vor allem, weil es Peter Zgraggen gelingt, von Anfang an, die Traurigkeit hinter dem fröhlichen Wesen hervor blitzen zu lassen und seiner Figur damit eine atemberaubende, facettenreiche Tiefe verleiht. In diesem Stück nimmt er das Publikum mit auf eine emotionale Reise mit Höhen und Tiefen, die in mehreren berührenden Szenen gipfeln, wie z.B. der mit Guschti, seinem Ballonfreund. Neben seiner wirklich schönen Sprech- und Gesangsstimme ist es auch sein ausdrucksstarkes Gesicht, das fesselt und ihn für diese Inszenierung unverzichtbar macht, so, dass man sich keinen anderen Lars vorstellen könnte.

Ich chönnt Stundelang über Eremite rede…

Lars
Tamara Cantieni ist Marion

Mit Tamara Cantieni als Schulleiterin Marion werden sich so einige Zuschauer mehr als nur ein bisschen identifizieren können. Bereits sehr schnell wird klar, dass Marion mit dem Alter hadert und verzweifelt versucht, sein Fortschreiten aufzuhalten, während ihre Beziehungsangst sie daran hindert, engere Bindungen einzugehen. In beruflicher Hinsicht ist sie überlastet und kann sich kaum abgrenzen, was mit ein Grund für ihre Pilgerreise ist. Dennoch kann sie nicht aus ihrer Haut und sieht die Wanderung eher als Möglichkeit, sich selbst etwas zu beweisen, indem sie die durchschnittliche Reisezeit unterbieten, wobei sie sich in Apps und Programme flüchtet, die ihr Halt geben, ebenso, wie ihre dominante Art. Es ist faszinierend, zu beobachten, wie die extrem sympathische Tamara Cantieni, in dieser Rolle, den Grossteil des Stücks ziemlich unleidlich und überheblich wirkt. Aber genau das macht einen guten Schauspieler aus. Im Laufe des Stücks gewinnt sie selbstverständlich wieder Sympathie-Punkte zurück, die sie dann aber gekonnt erneut verspielt, nicht zu Letzt mit ihrem preisverdächtigen Wutausbruch, der jeden – nicht nur Dirk – völlig fassungslos zurück lässt. Was für eine sensationelle und äusserst attraktive Darstellerin, die beim Schlussapplaus dann auf einmal wie ausgewechselt ist und mit ihrem herzlichen Lächeln alle Herzen gewinnt… Faszinierend!

Etz reisisch um di halb Welt. Und was triffsch? En Schwizer.

Marion zu Lars
Peter Denlo ist Dirk

Die Rolle des Spulenwicklers Dirk wird alternierend von zwei Darstellern übernommen. Ausser Reto Mosimann darf man auch Peter Denlo auf der Bühne bewundern, der bei der von uns besuchten Vorstellung die Rolle übernahm. Gleich zu Beginn begeistert Peter Denlo mit seinem deutschen Akzent, der tatsächlich nicht von einem Muttersprachler zu unterscheiden ist und auch das etwas Grobe, Direkte mit rein bringt, ehe er kurz darauf mit spanischem Akzent für Lacher sorgt. Ein wahres Sprachgenie und wie gemacht für diese Rolle! Zuerst scheint Dirk der einzige „Normalo“ des Trios zu sein. Doch auch bei ihm offenbaren sich irgendwann seine Schwachstellen und präsentieren einen extrem hilflosen Kerl, der nicht wirklich über den Tellerrand blickt und damit auch völlig d’accord ist. Besonders der bereits angesprochene Wutanfall von Marion, bei dem er ins Kreuzfeuer gerät, verlangt viel darstellerisches Können. Nur schon, wie sich seine Zehen zusammenkrallen, während Marion gnadenlos seine eingeschränkte Sichtweise exponiert, ist eine Meisterleistung und lässt wortlos seine Anspannung spüren. Wir sind sehr dankbar, dass wir diesen grandiosen Darsteller live auf der Bühne erleben durften.

Dirk, hast du ein Problem mit Machern?

Lars zu Dirk

Lars, friss deine Gutzli.

Dirk zu Lars

Ja, Das Ziel ist im Weg sorgt für eine echte Achterbahn der Gefühle und der Wechsel zwischen ernsthaft und witzig ist rasant und kommt oft überraschend, was besonders tief trifft. Nichts desto trotz ist es ein echtes Feel-Good-Stück mit Ohrwürmern, die einen auf dem Heimweg und auch noch die Tage danach begleiten. Und es regt extrem zum Nachdenken an. Wie Marion tracken auch wir jede unserer Kalorien und Schritte und wie Dirk versuchen auch wir ab und zu unsere kleine Bubble zu erschaffen und den Rest der Welt auszuschliessen, „weil man ja doch nichts ändern kann“. Und auch Lars‘ Bedürfnis, eine gute Stimmung zu schaffen und allen ein gutes Gefühl zu geben, kommt uns sehr bekannt vor. Dieses Stück ist wirklich am Puls der Zeit und ganz nah am Publikum und die wenigsten kommen emotional ungeschoren davon, weil hier drei echte Archetypen im Fokus stehen.

Ob man der Typ für Kabarett-Ensembles ist, muss man selbst entscheiden. Für uns war es auf jeden Fall eine ausgesprochen gelungene Einführung in dieses Genre und wir können Das Ziel ist im Weg von Herzen empfehlen. Tickets könnt ihr hier bestellen.

Herzlichen Dank an die Shake Company für die Möglichkeit, dieses grossartige Stück zu sehen und zu rezensieren.

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