Vorstadt Variété Schaffhausen- „Leinen los!“

Für das 34. Programm hat des Vorstadt Variété Schaffhausen nach diversen Ländern diesmal einen etwas anderen Themenschwerpunkt gewählt, denn sie stechen in See.
Unter dem Titel „Leinen los!“ erwartet das kulinarisch und artistisch interessierte Publikum eine zweistündige „Rundfahrt“, die alles bietet, was das nautische Herz begehrt und einige Überraschungen bereithält.

Das Vorstadt Variété Schaffhausen mit seinem alljährlichen Programm darf als echtes Highlight in unserem Show-Kalender bezeichnet werden. Auch, wenn wir nun gerade mal auf drei von 34 (!) Inszenierungen zurück blicken können, sind wir uns ziemlich sicher, dass hier eine Tradition gelebt wird, die von Beginn an auf Qualität und Kreativität setzte. Zudem ist das Restaurant Schützenstube – neu: noah’s Schützenstube in der Schaffhauser Vorstadt als Location einfach einmalig mit seiner kleinen, aber perfekt ausgestatteten Bühne und dem winzigen Publikumssaal, in den – und das grenzt fast schon am Magie – rund 90 Zuschauer an zwei grossen und sieben kleineren Tischen passen. Ja, eine Vorstellung im Vorstadt Variété Schaffhausen ist eine kuschelige Angelegenheit und deshalb so einzigartig.

Nachdem wir 2024 so unglaublich viele Inszenierungen besucht haben, teilweise auch hallenfüllende Riesenproduktionen, müssen wir sagen, dass unser Herz schon auch sehr für die kleineren Shows in intimerem Rahmen schlägt. Und beim Vorstadt Variété Schaffhausen gibt es immer echte und handverlesene Juwelen zu entdecken. Sowohl für die Künstler, als auch für das Publikum ist die fehlende Distanz sehr spannend und ein einmaliges Erlebnis. Für uns, die den Kontakt zu den Künstlern immer sehr schätzen, ist es wunderschön.

Nach mehrerer Abstechern in verschiedenen Länder in den vergangenen Jahren bleibt das Ensemble diesmal auf hoher See. Unter dem Titel „Leinen los!“ erlebt das Publikum eine farbenprächtige und abwechslungsreiche Show mit nautischem Anstrich. Jeden Künstler darf mehrere Male erlebt werden und wie es sich für das Vorstadt Variété Schaffhausen gehört, auch in lebendigen Ensemble-Nummern. Dies macht für uns mit den grössten Reiz dieser Veranstaltung aus. Es ist keine pure Aneinanderreihung bestehender Solo-Nummern, sondern wirklich eine Show mit rotem Faden und einem gemeinsamen Nenner. Da kann es durchaus auch passieren, dass einer der Künstler ein Instrument erlernt, um mitspielen zu können.

Unglaublich begeistert waren wir dieses Jahr vom Bühnenbild. Es ist atemberaubend, was der gemalte Schiffbug (oder ist es das Heck?) in 3D mit der Tiefenwirkung der kleinen Bühne macht.

©leslynch.ch – Hannu Juntunen

Doch die wahre Magie am Vorstadt Variété Schaffhausen resultiert aus den kreativen Köpfen, die Jahr für Jahr aufs Neue ein Programm der Extraklasse zusammen stellen.

Annette Démarais – Das Multitalent mit Theater im Blut

Zum vierten Mal in Folge übernimmt Annette Démarais die Künstlerische Leitung, wobei sie bereits ihre 11. Saison im Vorstadt Variéte Schaffhausen spielt. Wie es sich für Theatermenschen gehört, lässt sie es sich nicht nehmen, aktiv auf der Bühne mit zu wirken und begeistert das Publikum nicht nur als Multiinstrumentalistin mit Gitarre, Geige und Akkordeon, sondern auch mit stimmungsvollen Gesangsnummern wie My Bonnie und mit Captain Seagull sogar als Puppenspielerin. Erfahrung bringt sie in diese Bereich mit, hat sie in den vergangenen 15 Jahren, mehrere Produktionen mit dem Figurentheater Felucca aus Basel realisiert. Zu sehen ist sie neben den bereits genannten Nummern in Kleine Kneipe am Hafen, My heart will go on und Love and Happiness. Besonders begeisterte uns auch der fast schon magische Kostümwechsel mitten auf der Bühne, den man nicht verpassen darf.

©leslynch.ch – Annette Démarais

Werner Siegrist – Der Wortakrobat mit spitzer Zunge

Als einer der „Gründer-Väter“ des Vorstadt Variétés weiss Werner Siegrist genau, was das Schaffhauser Publikum liebt und erwartet. Zaubernummern, atemberaubende Akrobatik – das ist alles wunderbar, doch eines der Highlight sind nach wie vor seine Auftritte als Teil der „Direktion“ zusammen mit dem grandiosen Martin Huber, der als Gründungsmitglied weiterhin für die Programmgestaltung zuständig ist und die Gesamtleitung innehat. Diesmal erleben wir die beiden relativ zu Beginn als Pirates of the Caribbean in beeindruckender Piraten-Kostümierung. Wenn die Schaffhauser Politiker aufs Korn genommen werden und fragwürdige Kunstprojekte sorry, Riklin Bros) mit Wortwitz analysiert werden, bleibt kein Auge trocken, ebenso wenig wie in seinem gesellschaftskritischen Der alte Mann und das Meer, das zusätzlich mit einem visuellen Überraschungsmoment aufwartet. Sanfte, musikalische Klänge stimmt er zusammen mit Annette Demarais bei Love and Happiness an.

©leslynch.ch – Werner Siegrist und Martin Huber

Vollblutmusiker, Multiinstrumentalisten und Neulinge

Als Musikalischer Leiter des Vorstadt Variétés wurde diesmal Christian Roffler verpflichtet. Wir hatten ihn bereits bei Das Ziel ist im Weg der Shake Company als One-Man-Band erlebt und teilweise hatte er uns fast vom Geschehen auf der Bühne abgelenkt. Deshalb waren wir begeistert, ihn erneut in Action erleben zu dürfen. Sein lebendiges, charmantes Klavierspiel, das auch mal durch das Akkordeon ersetzt wird bei Kleine Kneippe am Hafen und My heart will go on begeistert eben so sehr, wie sein Einsatz bei der Bodypercussion-Ensemble-Nummern Leinen los!, wo wir auch Adrian Mira (alternierend Oscar Velásquez) einmal ohne Blasinstrument erleben konnten. Dieser ist bei den beiden zuvor genannten Stücken nämlich jeweils am Saxophon, der Klarinette oder der Tin Whistle im Einsatz.

©leslynch.ch – Christian Roffler und Adrian Mira (vorne Rahel Merz und Annette Démarais)

Gefühlt spielt jeder Artist ein Instrument, einige professionell (wie auch Annette Demarais), andere hatten vielleicht mal in der Kindheit eins gelernt und durften diese für die Ensemble-Nummern wieder hervor holen. Gerade bei so unterschiedlichen Niveaus ist es immer wieder erstaunlich, wie gut das Ergebnis schlussendlich ist. Dies ist nicht zuletzt der musikalischen Leitung zuzuschreiben, die natürlich den Auftrag hat, alles zu arrangieren. Auch dieses Jahr waren wir begeistert von so viel Liebe zur Musik und Kunst.

Hannu Juntunen – Ein Zauberer, wie er im Buche steht

Magier gibt es ja in rauen Mengen und mit unterschiedlichen Stilen. Würden wir uns einen basteln dürfen, käme er Hannu Juntunen sehr nahe. Der elegante Finne mit der mysteriösen Ausstrahlung weiss fraglos, wie man die Aufmerksamkeit seines Publikums gewinnt. Alleine seine kontrollierten Bewegungen, seine Mimik und seine Blicke, lassen einen wie gebannt zuschauen, wenn er seine Magie vollbringt. Dabei bedient er sich alltäglicher Gegenstände wie Spielkarten, Bällen oder sogar Colaflaschen. Das anspruchsvolle Genre der Objektmanipulation beherrscht er ohne jede Frage und sorgt mit jedem seiner Auftritte für Begeisterung und Erstaunen. Wie waren auf jeden Fall komplett hin und weg. Mit Tempesta magica, Yllätys – Surprise und Historical snack sorgt er während des Abends immer wieder für magische Augenblicke. Dass er extra für das diesjährige Programm etwas Deutsch zur Verständigung mit dem Publikum gelernt und Bass-Stunden genommen hat, um bei den Ensemble-Nummern mit musizieren zu können, machen den gutaussehenden Nordländer umso sympathischer.

©leslynch.ch – Hannu Juntunen

Rahel Merz – Luftakrobatik wie pure Poesie

Die bildschöne Rahel Merz war diesmal definitiv eines der Highlights des Programms (wobei beinahe jeder Künstler als Highlight bezeichnet werden darf, da das Programm so gut zusammen gestellt ist). Es ist nur schon absolut erstaunlich, wie auf diesem verhältnismässig beengten Raum überhaupt eine Luftakrobatiknummer durchgeführt werden kann (man bedenke die Höhen, die ein Zirkuszelt so bietet), aber das Vorstadt Variété lässt sich keine Grenzen setzen und findet stattdessen Lösungen. Rahel füllt die Bühne mit einer solch ätherischen Leichtigkeit, das man verzaubert jeder ihrer Bewegungen folgt und die pure Ästhetik und Poesie geniesst, die ihre Auftritte vermitteln, aber auch über ihre athletische Eleganz staunt. Während sie bei Voilà, voilà an einem verhältnismässig einfach wirkenden Reif ihre Kunststücke vorführt, während sie ein verspieltes, buntes Kostüm trägt, das ein ursprüngliches Zirkus-Gefühl weckt, wird sie bei Sous la mer beinahe eins mit der für diese Nummer gewählte Spirale. In einem mit Strasssteinen besetzten Bodysuit lässt sie Wirklichkeit und Fantasie auf eine beeindruckende Art verschwimmen und zeigt, was für der menschlichen Körper alles möglich ist. Eine wunderbare Artistin, die man sich nicht entgehen lassen darf.

©leslynch.ch – Rahel Merz

Nico Stroet und Christoph Spielmann – Clownerie at its best

Während Comedy die jüngeren Generationen schon lange in seinen Bann zieht, scheint Clownerie als Kunstform mehr und mehr an Reiz zu verlieren, was sicher nicht zu Letzt mit den Horror-Clown-Meldungen der letzten Jahren zusammen hängt. Überhaupt scheinen viele Menschen Clowns eher zu fürchten, als sich darüber zu amüsieren. Dabei Hat diese Kunstform unglaublich viel zu bieten und rote Nasen und grosse Mündern sind definitiv nicht zwingend nötig. Die Clownerie ist also eine facettenreiche Kunstform, die weit über bloße Unterhaltung hinausgeht. Sie verbindet Humor, Emotionen und Menschlichkeit auf einzigartige Weise und schafft es, Menschen aller Altersgruppen zu berühren, wobei sie poetisch und philosophisch sein kann.
Nico Stroet und Christoph Spielmann, die sowohl solo als auch als Duo auftreten verbinden Artistik und Clownerie und erschaffen ein einzigartiges Kunstwerk. Die Harmonie zwischen den beiden ausdrucksstarken Mimen ist grandios und aufregend und man freut sich beim Vorstadt Variété über jede Nummer, wobei man auch etwas Bammel vor Interaktion hat, da sie diese typische Unberechenbarkeit ausstrahlen. Mit seiner Solo-Nummer Houd die unter anderem einen Kleiderständer, einen Mantel und einen Hut mit einbezieht, begeistert Nico gleich zu Beginn des Programms. Bei Skål, Popcorn und Caja de cigarros vereint er seine Kunst mit der von Christoph aka Hitsch Large und beweist, wie wunderbar moderne Clownerie sein kann. Christoph Spielmann zeigt bei seiner Solo-Nummer Flag in the wind dann noch sein beeindruckendes akrobatisches Können, das von seiner enormen persönlichen Ausstrahlung nur profitieren kann. Zwei Künstler, von denen wir gerne noch mehr sehen würden!

©leslynch.ch – Christoph Spielmann und Nico Stroet

Chenying Lu – Chinesische Anmut mit einem Augenzwinkern

Die zauberhafte Chenying Lu bringt mit ihren farbenprächtigen Antipoden-Nummern, die auch an jedes Zirkusfestival gepasst hätte, internationales Flair nach Schaffhausen. So lässt sie bei Schirmtanz der Wellen voller Anmut chinesische Schirme auf ihren Füssen und Händen tanzen oder bringt bei Rhythmus der Gezeiten Tücher zum wirbeln. Die Energie und Lebensfreude, die sie in ihren Nummern mit dem Publikum teilt ist wie eine willkommene Verjüngungskur. Mit Freuden lässt man sich in ihre bunte Welt entführen und von der Schönheit ihrer Kunst verzaubern. Besonders charmant ist auch ihr Intro der ersten Nummer, in dem sie mit einem Augenzwinkern, die für chinesische Touristen typischen Selfie-Bilder schiesst.

©leslynch.ch – Chenying Lu

Gaumenfreuden für Theaterfreunde

Was einen Besuch des Vorstadt Variétés Schaffhausen zu einem perfekten Ausflug macht, ist aber natürlich auch das anschliessende Menü, zum 1. Mal von noah’s. Da wir diesmal an der Generalprobe waren, um uns nur die Show anzusehen, können wir leider nicht aus erster Hand berichten, wie uns das Menü geschmeckt hat, aber der Vollständigkeit halber möchten wir es hier nicht unerwähnt lassen:

Apéro zum Starten:
🍽 Hausgemachte Kartoffelchips, Oliven und noahs Nussmischung

Vorspeisen:
🍽 Noah’s Wintersalat, Wildkräuter, Sauce nach Mamas Rezept
🍽 Knusprige Rauchforelle, Aioli, Rande, Eingelegtes

Hauptgänge:
🍽 Polpette, Risotto, Safran, Macadamia
🍽 noahs Bouillabaisse, Kartoffeln, Rauchpaprika
🍽 Haugemachte Gnocchi, Meeresdashi, Edelpilze

Dessert:
Buttermilch, weisse Schokolade, Tonkabohne, Portwein

Na, da läuft einem doch das Wasser im Mund zusammen, oder etwa nicht?

Fazit

„Leinen los!“ ist eine Show, die wie im Fluge vergeht. Auch das 34. Programm des Vorstadt Variétées Schaffhausen konnte wieder auf ganzer Linie überzeugen. Die atemberaubenden nationalen und internationalen Artisten sorgen für einen Abend voller Highlights in einer heimeligen Atmosphäre, die seinesgleichen sucht. Für uns ist der Besuch des Vorstadt Variétés immer wieder der pure Genuss, den wir nicht mehr missen möchten und den wir von Herzen empfehlen können.


Ein herzliches Dankeschön an Annette Demarais für die Möglichkeit, dieses wunderbare Programm vorab ansehen und rezensieren zu dürfen.

©leslynch.ch
©leslynch.ch – Nico Stroet
©leslynch.ch – Chenying Lu und Werner Siegrist
©leslynch.ch – Adrian Mira
©leslynch.ch – Rahel Merz und Christian Roffler
©leslynch.ch – Christoph Spielmann
©leslynch.ch – Hannu Juntunen
©leslynch.ch – Rahel Merz
©leslynch.ch – Werner Siegrist
©leslynch.ch – Rahel Merz
©leslynch.ch – v.l.n.r. Christoph Spielmann, Nico Stroet und Annette Démarais
©leslynch.ch
©leslynch.ch – Adrian Mira und Chenying Lu
©leslynch.ch – Christoph Spielmann
©leslynch.ch – Annette Démarais
©leslynch.ch – Nico Stroet und Hannu Juntunen
©leslynch.ch – Christian Roffler
©leslynch.ch – Annette Démarais als Captain Seagull (hinten Rahel Merz)
©leslynch.ch – Werner Siegrist
©leslynch.ch – Rahel Merz
©leslynch.ch – Chenying Lu
©leslynch.ch – Nico Stroet, Christoph Spielmann und Adrian Mira
©leslynch.ch – Annette Démarais
©leslynch.ch – Hannu Juntunen
©leslynch.ch – Werner Siegrist (hinten: Hannu Juntunen)
©leslynch.ch – Rahel Merz
©leslynch.ch – Werner Siegrist, Nico Stroet, Christoph Spielmann und Adrian Mira
©leslynch.ch – Chenying Lu
©leslynch.ch – Hannu Juntunen, Christiop Spielmann und Annette Démarais als Captain Seagull
©leslynch.ch – Martin Huber
©leslynch.ch – Adrian Mira, Rahel Merz, Christoph Spielmann und Annette Démarais

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