Vom 11. November 2023 – 24. März 2024 zeigt die Zürcher Märchenbühne „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Das musikalische Dialektmärchen verzaubert mit eingängigen Melodien, zauberhaften Kostümen, einer zwar bekannten, aber originell und kindgerecht inszenierten Geschichte und grandiosen Darstellern im Theater am Hechtplatz.
Es war 1961, als als der Theaterproduzent und Fotograf Edi Baur den Entschluss fasste, Theater für Kinder zu produzieren und die Zürcher Märchenbühne ins Leben rief. Seither sind viele Jahre ins Land gegangen und viele Märchen haben zur Weihnachtszeit Kinderherzen höher schlagen lassen. Seit 1963 dient das Theater am Hechtplatz als Spielstätte.
Die Hälfte dieser 60 Jahre, nämlich seit 1994, lag die Leitung bei Erich Vock und Hubert Spiess. Mit viel Kreativität und Freude an der darstellenden Kunst inszenierten sie kindgemässe Stücke, wobei nicht nur Märchen, sondern auch beliebte Geschichten wie „Das kleine Gespenst“ oder „Das Sams“ den Weg auf die Bühne fanden.

Das aktuelle Stück: Schneewittchen und die sieben Zwerge
Mit der Geschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen, das aktuell übrigens in der Sparte „Kinder-Produktion“ für den Prix Walo nominiert ist, geht eine Ära zu Ende. 2024 wird die neue Leiterin, Ramona Fattini übernehmen. Doch auch Fattini ist keine Unbekannte und seit vielen Jahren bei der Zürcher Märchenbühne dabei. So sieht man sie dieses Jahr z.B. in der Rolle des Schneewittchens.
Die Handlung des Stücks muss kaum erzählt werden. Es ist die bekannte Geschichte über brennende Eifersucht und ihre Folgen, Freundschaft, die Berge versetzt, eine grosse Liebe und den verhängnisvollen roten Apfel. Die Inszenierung von Erich Vock und Matthias Thurow hält sich grösstenteils an das Originalmärchen der Gebrüder Grimm, einige Figuren wurden jedoch etwas angepasst oder dazu genommen.
Wenn man als Erwachsener ein Kinderstück besucht, achtet man selbstverständlich auf andere Dinge, als es Kinder tun. Dennoch versuchen wir, es auch mit Kinderaugen zu betrachten. Wie fühlt sich ein Kind im Jahr 2024, wenn es ein Theater besucht? Lässt sich diese Generation noch genau so verzaubern?
Bereits 30 Minuten vor der Veranstaltung wimmelte es auf dem Hechtplatz nur so vor Prinzessinnen in Disney-Kostümen und anderen süssen Glitzerkleidchen. Eine ganze Gruppe kleiner Mädchen mit roten Maschen auf dem Kopf stachen aus der Masse heraus und die Aufregung war deutlich zu spüren.
Und auch wir waren gespannt, was uns erwarten würde, hatten wir doch erst vor Kurzem Ein Käfig voller Narren von spock productions, das noch bis am 28. April im Bernhard Theater gespielt wird, gesehen und durften uns in Schneewittchen und die sieben Zwerge auf ein Wiedersehen mit Erick Vock, Hubert Spiess, Ramona Fattini, Gabriela Steinemann, Daniel Bill, Thomas Maienberg und Nico Savary Bahl freuen, diesmal natürlich in ganz anderen Rollen. Aber zu denen kommen wir noch.

Bühnenbild, Kostümbild und Musik überzeugen
Zuerst möchten wir ein paar Worte über das Bühnenbild von Roland Hausheer & Simon Schmidmeister verlieren, denn dieses lässt das Herz jedes Theaterbesuchers höher schlagen. Kindgemäss, bunt und plakativ, aber keineswegs kindisch wartet es mit einigen grossartigen Ideen auf, um aus der relativ kleinen Bühne alles heraus zu holen und teilweise echte Illusionen zu schaffen, worüber sich die Erwachsenen möglicherweise sogar noch mehr freuen. Während die Kinder sich einfach nur verzaubern lassen, verstehen die Begleitpersonen die Idee dahinter und können diese Genialität wert schätzen.
So staunten wir über die auf einen Vorhang gedruckte Ahnengalerie, deren Portraits bei entsprechender Beleuchtung zum Leben erwachen oder freuten uns jedes Mal, wenn die Aussenansicht des Zwergenhäuschens mit all den süssen Pilzen zur Seite glitt und das Innere offenbarte.
Als absolutes Highlight in Sachen Bühnenbild und Inszenierung erwies sich das erste Stück der Zwerge. Mit einfachsten Mitteln, aber einem so gekonnten Einsatz dieser, wurde die Illusion eines Bergwerks erzeugt. Das Zusammenspiel aus Musik, Rhythmus, Choreografie, Licht und Bühnenbild schuf eine fast schon hypnotische Wirkung. Hier zeigt sich auch in einer Kinderaufführung Erick Vocks untrügliches Gespür für perfektes Timing und dessen Wirkung. Überhaupt kann gesagt werden, dass Erick Vock auch in für Kinderaugen geschaffene Shows das erwachsene Publikum nicht ausser Acht lässt, denn dieses kommt genau so auf seine Kosten.

Um gleich noch bei der Musik zu bleiben. Diese spielt nämlich in diesem Märchen eine so grosse Rolle, dass wir bereits von einem Musical sprechen können. Die 13 Songs, die 2011 von Matthias Thurow eigens zur Jubiläumsproduktion der Zürcher Märchenbühne komponiert wurden, haben es in sich. Die Melodien sind eingängig, die Texte amüsant und meist leicht zu verstehen. Besonders in Erinnerung bleibt auf jeden Fall der Tango der bösen Königin.
Auch die Kostüme wissen zu überzeugen. Die Stoffe und Accessoires wirken hochwertig, was bei Kinderaufführungen nicht die Regel ist. Ebenso überzeugen Perücken und Prothesen, wie sie bei den Nasen der Zwerge zum Einsatz kommen.
Ein sagenhaftes Ensemble und tolle Charaktere
Aber eine Inszenierung ist nur so gut, wie ihre Darsteller und die Zürcher Märchenbühne viele viele begnadete Schauspieler zu ihrem Team, die bereits seit Jahren für glänzende Kinderaugen sorgen, selbstverständlich dem jeweiligen Märchen entsprechend in wechselnder Besetzung.

Beginnen wir mit Gabriela Steinemann als Böse Königin. Was für ein Juwel! Sie ist in dieser Rolle der beste Beweis dafür, wie aufregend und faszinierend das Böse sein kann. Von Beginn an beherrscht sie sie Bühne und jedes Wort, jeder Blick, jede Geste ist perfekt dosiert und platziert. Auf die kleinen Zuschauer mag ihre Darstellung beängstigend wirken, etwas, das bei klassischen Märchen-Stereotypen durchaus gewollt ist, doch für uns Erwachsene ist sie einfach nur grandios! Ihre facettenreiche Sprechstimme hat eine atemberaubende Präsenz, aber auch in den Gesangsnummern überzeugt sie auf ganzer Linie.
Me hät nur Ärger mit dem Frätzli, drum hau ich ere eis as Lätzli.
Böse Königin
Für Begeisterung sorgt auch Thomas Maienberg. Mit viel persönlichem Charme und Würde verkörpert er den distinguierten Oberhofmeister Ottokar, der das Herz am rechten Fleck hat und das arme Schneewittchen unter seine Fittiche genommen hat. Als väterliche Figur sorgt er für ihr Wohl und ihre Sicherheit, was für die Kinder im Publikum eine höchst willkommener Gegenpart zur Königin ist.

Eine mues dere böse Trucke mol zeige, wo de Bartli de Moscht holt.
Ottokar

Dass die Inszenierung nah am Original der Gebrüder Grimm bleibt, zeigt sich besonders an Schneewittchen. Lieb, unbedarft und einiges zu naiv für diese Welt tappt sie in jede Falle, die ihr gestellt wird und lässt sich vom erst besten Prinzen retten und heiraten. Für die heutige Generation, die dafür bekannt ist, jedes Märchen umzuschreiben, um ja keine falschen Vorbilder zu schaffen, ist dies eher ungewohnt. Dass Ramona Fattini mit ihrem zauberhaften Äusseren und der lieblichen Sprechstimme der Vorstellung einer Prinzessin sehr nahe kommt, ist selbstredend und die Begeisterung der kleinen Mädchen im Publikum war der beste Beweis für diese Wahl, ebenso wie der kleine Junge in der Reihe hinter uns, der ehrfürchtig: „Sie isch würkli di Schönscht…“ murmelte.
Me chönnti meine, ich sigi so wüescht, dass sie sich müessti schäme.
Schneewittchen
Die Zwerge rocken das das Theater am Hechtplatz
Viel Raum nahmen tatsächlich die Sieben Zwerge, deren individuelle Persönlichkeiten überraschend stark ausgearbeitet sind und keineswegs als homogene Masse daher kommen, ein. Selbst wenn gewissen Figuren, sehr nahe am traditionellen Rollenbild bleiben, freuten wir uns darüber, dass einige der Zwerge von weiblichen Darstellern verkörpert werden.
Als Anführer der Zwergentruppe mit dem Rufnamen Baba, der beinahe jeden Satz mit: „Kamerade, Manne, Zwerge!“ beginnt, sehen wir Erich Vock und können nicht genug von ihm kriegen. Mit seiner unwiderstehlichen Art, zu sprechen und Sätze in die Länge zu ziehen, wickelt er jeden direkt um den Finger.
Hubert Spiess hat die Lacher als grummliger Zwerg Chnuusi auf seiner Seite. Mit seinem Standard-Satz: „Isch gar nöd luschtig“, hat er einen der Running Gags des Stücks. Auch sonst sorgt sein miesepetriges Gehabe für viel Freude, vor allem beim Tanz. Und die Zwerge tanzen oft, teilweise richtig ausgefeilten Choreografien von Kurt Schrepfer. Aber sie singen auch oft und dies in besonders schönen Harmonien.
Foodie, der ewig hungrige Zwerg mit dem leicht missverständlichen Namen und dem grössten Leibesumfang von alle wird vom komödiantisch grossartigen Daniel Bill verkörpert.
Pfuusi (ja, ihr ahnt, wofür sein Name steht), heisst der müdeste Zwerg von allen, der im Nachthemd auftritt und von Natali Welti gespielt wird, hat kein Problem, zu den ungünstigsten Gelegenheiten einzuschlafen.
Visuell weniger offensichtlich ist Plodi, gespielt von Karin Moser. Umso prägnanter ist aber sein unkontrolliertes Geschnatter, das nicht nur den Zwergen ab und zu zu viel ist. Aber auch hier beweist Erich Vock als Regisseur perfektes Timing.
Unter der Kostümierung von Studi, der mit Brille, Schnauz und Buch wie ein älterer, weiser Mann wirkt, verbirgt sich die überraschend jungen Pascale Sauteur. Darstellerisch definitiv eine Meisterleistung.
Und last but not least, der junge, unsichere, aber hochgewachsene Bebe, unter dessen Maske man Rafael Luca Oliveira kaum erkennt, aber mit charmantem Stottern Sympathie-Punkte sammelt.
Jeder einzelne Zwerg spielt seine Rolle so überzeugend und mit so viel Engagement, dass es eine wahre Freude ist. Ob Dialoge, Lieder oder Tanzeinlagen, die Zwerge rocken die Bühne und das ganze Stück.
sie hät es Guetzli i de Hoor…
Foodie
Das isch en Kamm.
Studi

Corina Good glänzt in der neuen Rolle der imperialen königlichen Kammerzofe Chèretrude, oder bürgerlich Trudi, die der bösen Königin treu ergeben ist, aber immer wieder schlecht behandelt wird. Ihr Spiel ist sehr authentisch und vor allem für das erwachsene Publikum gut nachvollziehbar. So mag man teilweise lachen, insgeheim weiss man aber genau, wie schmerzvoll es ist, die Unarten von Vorgesetzten schweigend hinnehmen zu müssen.
Und natürlich darf auch der Prinz nicht fehlen, der erst ganz zum Schluss seinen Auftritt hat. Auch wenn seine Gefühlsbekunden leicht seltsam wirken, in Anbetracht dessen, dass er Schneewittchen noch nicht einmal in lebendigem Zustand getroffen hatte, ist Nico Savary Bahl der perfekte Prinz für die perfekte Prinzessin und da wird uns jedes Kind zustimmen. Dass wir Erwachsenen so verkorkst sind und uns die grosse, romantische Liebe auf den 1. Blick nicht mehr vorstellen können, ist schlussendlich unser Problem.
Fazit
Schneewittchen und die sieben Zwerge ist ein würdiges Abschluss-Stück für die beiden scheidenden Leiter der Zürcher Märchenbühne. Sie zeigen nachdrücklich, dass auch Kindertheater mit viel Klasse und Intelligenz inszeniert werden kann und dass es nicht weniger Feingefühl und Timing braucht, als bei Erwachsenenproduktionen. Im Gegenteil. Kinder sind ein extrem anspruchsvolles Publikum und gnadenlose Kritiker, die eine „Entzauberung“ oder Überlänge grausam zurück zahlen. Deshalb ist es eine wahre Freude, zu sehen, wie in diesem Märchen mit Sorgfalt sowohl die Bedürfnisse der Kinder, als auch der Erwachsenen abgeholt werden, um jedem einzelnen Zuschauer ein Märchen-Erlebnis der besonderen Art zu präsentieren.
So sehr wir bedauern, dass Erich Vock und Hubert Spiess die Leitung abgeben, so gespannt sind wir auf die kommenden Inszenierungen unter Ramona Fattini und wünschen ihr jetzt schon viel Erfolg für das Weihnachtsstück 2024.
Wer dieses zauberhafte Stück noch sehen möchte, hat noch bis 24. März Zeit. Und Tickets gibt es hier: https://theaterhechtplatz.ch/produktionen/schneewittchen-und-die-7-zwerge/
Ein grosses Dankeschön an Erich Vock und Hubert Spiess für die Möglichkeit, ihre grandiose Abschiedsinszenierung für die Zürcher Märchenbühne zu sehen und zu rezensieren. Es war uns eine grosse Freude und Ehre!














