S’letschte Märlibuech – Ein zauberhaftes Familienmusical

und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Mit diesem einprägsamen Satz enden einige der beliebtesten  Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm: Rotkäppchen, Frau Holle, Aschenputtel, Schneewittchen…jä, Schneewittchen nicht mehr, denn am 1. und 2. Juni 2024 wurde  im wunderschönen Bernhard Theater in Zürich das Ende des bekannten Märchens neu geschrieben.

Märchen – vor allem die bekannten – gehören zu einer gelungenen Kindheit einfach dazu. Dass diverse Märchen heute in den Augen vieler Menschen etwas fragwürdige Handlungsstränge aufweisen, kann man immer mal wieder nachlesen. Aber die Zeiten verändern sich halt und mit ihnen gesellschaftliche Normen und Wahrnehmungen. Dinge, die im 18. Jahrhundert als romantisch angesehen wurde, können heutzutage als übergriffig gewertet werden und damalige Bestrafungen als unmenschlich.

Und dennoch erzählt man diese Märchen weiterhin, wohlwissend, dass sie die Denkweise unserer Kinder beeinflussen und prägen können. Immer wieder gibt es Versuche, Märchen politisch korrekt zu verändern, was aber oft auf Gegenwehr stösst, wie es bei bestimmten Disney Realverfilmungen der Fall ist. Denn irgendwie haben wir diese Märchen dennoch lieb gewonnen haben und wollen sie so belassen, wie sie sind.

Aber wie sieht es aus, wenn die Märchenfiguren selbst in Aktion treten? Haben sie das Recht, ihre Geschichte umzuschreiben?

Warum es doch funktionieren kann, ein bekanntes Märchen umzuschreiben

Sandra Suter, Autorin, Komponistin, Künstlerische Leiterin und Dramaturgin von S’letschte Märlibuech hat sich dem altbekannten Schneewittchen- Stoff angenommen, um ihn von seinem staubigen Image zu befreien und mit aktuellen Werten zu versehen. Dabei macht sie jedoch nicht den altbekannten Fehler, dem Publikum einfach eine veränderte Geschichte aufzuzwingen, sondern lässt die Geschichte sich selbst schreiben zusammen mit der eigentlichen Zielgruppe, den Kindern.

Melia Lahyani als Schneewittchen

Zwei Kinder, die im Märliland für Ordnung sorgen

In S’letschte Märlibuech können Janina und Luca ihr Märchenbuch nicht mehr finden. In der Nacht reisen sie ins Traumland, wo sie erfahren müssen, dass sie nicht die einzigen sind. Alle Märchenbücher sind verschwunden, weil die Menschenkinder keine Märchen mehr hören wollen. Die Folge ist, dass sich die Märchen nun im Märliland stauen und die Geschichte von «Schneewittchen» ist bereits gehörig durcheinandergeraten. Oder wie lässt sich erklären, dass sich die Königin in den Zwerg Vladimir verliebt hat und Schneewittchen zwar standesgemäß den Schönheitswettbewerb «Märliland’s next Topmodel» gewonnen hat, sich aber kein bisschen dafür interessiert, sondern lieber im Bergwerk arbeitet?

Da dies kein Zustand ist, bittet der Märliwächter die beiden Kinder, selbst ins Märliland zu reisen, um vor Ort Ordnung ins Chaos zu bringen. Dabei ist Detektiv-Arbeit gefordert, da sie herausfinden sollen, wie die wahre Geschichte von Schneewittchen geht und dabei mit einer Menge Märchenfiguren und Fabelwesen sprechen. Dumm nur, dass sich niemand daran erinnert. Aber aufgeben ist keine Option. Selbst wenn dies bedeutet, dass die Geschichte selbst zu Ende geschrieben werden muss. Zusammen mit den Märchenfiguren packen Janina und Luca die Sache schliesslich mit viel Humor und Fantasie selber an. Dabei lassen sie die Märchenfiguren selbst mitentscheiden und deren Vorstellungen unterscheiden sich doch ganz schön gewaltig von der Ursprungsgeschichte.

Professionelle Musicaldarsteller und ein regionaler Chinderchor begeistern das Publikum

Die Produktion von „Notenkopf und Wortgold“  startete im Dezember 2023 als Koproduktion mit dem Theatercasino Zug. Im März folgten Gastspiele im Le Théatre Emmen. Nachdem es im April bereits zwei spezielle Aufführungen für autistische Kinder im The Millers in Zürich gab, waren sie am 1. und 2. Juni  nun im Bernhard Theater ebenfalls in Zürich zu Gast. Neben Eveline Suter, die von Beginn an in der Rolle der Königin zu sehen war und weiteren professionellen Musicaldarstellern, wie Christian Menzi als Vladimir steht auch jeweils ein regionaler Kinderchor mit auf der Bühne. Als Wolken und Waldgeister verkleidet singt und tanzt die Wohlishofer Gruppe „Spotlight on“ in den Zürcher Aufführungen und zeigen, dass sich die wochenlangen Proben unter der Leitung von Joëlle Reggli gelohnt haben, selbst wenn nicht jede Zeile oder Bewegung perfekt sitzt. Aber das macht das Ganze umso charmanter.

Ohrwürmer für Gross und Klein

Musikalisch bietet S’letschte Märlibuech eine grosse Palette an Ohrwürmern. Die Melodien sind eingängig, aber erstaunlich abwechslungsreich und teilweise sogar ausserordentlich anspruchsvoll. Die Songtexte sind aussagekräftig und keineswegs banal. Fast staunt man ein wenig, wie gut die Kinderdarsteller mit dieser Menge an Text klar kommen. Auf jeden Fall ziehen wir unseren Hut vor Sandra Suters Fähigkeiten als Komponistin und Texterin.

Die dreiköpfige Liveband bestehend aus Piano (Simone Baumann), E-Bass (Stefanie Hess) und Drums (Dominic Eschmann), zeitweise ergänzt von Peter Niklaus Steiner, der in der Rolle des Märliwächters auf der Bühne steht, an der Klarinette, überzeugt mit einer durchgehend professionellen Leistung und ist auch noch ein Blickfang, da auch sie Anteil der „Märliboys“ (Zwergen-Band)  sind und in entsprechender Kostümierung an ihren Instrumenten sitzen.

Spannende Charaktere mit persönlicher Entwicklung

Wie erwartet, erlebt man bei S’letschte Märlibuech keine oberflächliche Kindergeschichte. Die Figuren haben Ecken und Kanten, sind deshalb nicht so eindimensional, wie man es von gewissen Märchen gewöhnt ist, wo Gut gut ist und Böse böse. Ganz im Gegenteil, gewisse Figuren zeigen zutiefst menschliche und sehr nachvollziehbar Züge, wobei einige Figuren ihr Potential voll ausleben können.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Königin, brilliant verkörpert von Eveline Suter. Mit ihrem klassisch schönen Gesicht und der würdevollen Ausstrahlung bringt sie alles mit, was man sich von dieser Figur erhofft. In ihrem traumhaften Spitzenkleid, zieht sie alle Blicke auf sich, was aber natürlich vor allem an ihrer grossen Präsenz liegt. Ihr Spiel ist sehr natürlich und immer auf dem Punkt. Es macht Freude, mit zu erleben, wie sie dieser vielschichtigen Königin, die die grösste Entwicklung der Geschichte durchmacht, Leben einhaucht. Absolut nachvollziehbar ist dabei die Angst vor dem Alter und der vergehenden Schönheit, die sich nach der Zweitplatzierung hinter Schneewittchen beim Schönheitswettbewerb noch verstärkt, ihre Gefühle für Vladimir und die Reue, als ihr bewusst wird, was sie getan hat. Mit ihrem schönen, klaren Sopran verzaubert sie in gefühlvollen Solostücken und ihrem komödiantischen Talent in amüsanten Duetten wie dem Fotoshootinglied. Aber auch als Mutter von Janine und Luca ausserhalb des Märlilands weiss sie zu glänzen. Wirklich eine hervorragende, persönliche Leistung und ein echter Kunstgenuss.

Eveline Suter als Königin

Christian Menzi überzeugt in S’letschte Märlibuech als Märliboy Vladimir nicht nur mit seinem warmen Bariton, sondern vor allem mit seiner ruhigen, harmonisierenden Ausstrahlung und seiner positiven Energie, die perfekt zu dieser loyalen, ehrlichen und herzensguten Märchenfigur passt. Bis über beide Ohren in die hübsche Königin verliebt, hat er keine Hemmungen, ihr seine Gefühle zu zeigen. Sehr schön dargestellt werden die Konflikte zwischen ihm und der Königin, die aus persönlichen Unsicherheiten resultieren und Vladimirs Sorge um Schneewittchen, die zeigt, wie wichtig es ist, eine eigenständige Person zu bleiben, um einen geliebten Menschen auch mal zurück auf den richtigen Weg zu bringen. Christian Menzi ist einfach eine Erscheinung und eine Bereicherung für jede Produktion. Nicht mal ein langer Zipfelbart kann diesen schönenen Menschen entstellen.

Christian Menzi als Vladimir

Die beiden jungen Hauptdarsteller Fabrice Heeb und Robin Starmans als Luca und Janina bringen schon in jungen Jahren eine Menge Starpotenzial auf die Bühne des Bernhard Theaters. Mit schönen, klaren Kinderstimmen meistern sie die zweistimmigen Parts mit Bravour und zeigen, daß eine musikalische Vorbildung eine wirkliche Bereicherung sein kann und sich das Talent für sie Bühne schon früh zeigt. Auch darstellerisch kann ihnen niemand etwas vormachen. Ihr Duett S’Lebe isch e Gschicht wird vom Publikum mit tosendem Applaus gewürdigt. Ein grosses Bravo an den talentierten Nachwuchs!

Robin Starmans und Fabrice Heeb als Janina und Luca

Als Märliwächter verkörpert Peter Niklaus Steiner eine Mischung aus Erzähler und weisem Führer, der die beiden Menschenkinder auf ihre Mission schickt, eine Rolle, die er mit seiner markanten Sprechstimme hervorragend ausfüllt. Begleitet wird er von einer kleinen Tyrannosau, die auf seiner Schulter sitzt und mit ihren Quietsch-Grunzlauten für Lacher sorgt. In unseren Augen hätte die Rolle des Märliwächters durchaus noch mehr Potential gehabt und etwas ausgebaut werden können. Zwar sitzt er, nachdem er die Kinder in die Geschichte hinein geschrieben hat, immer am Bühnenrand, von wo aus er das Geschehen beobachtet, tritt jedoch sehr selten in Aktion, was wir bedauern. 

Peter Niklaus Steiner als Märliwächter

In Erinnerung bleiben wird definitiv auch Sandro Niederberger, der für viele Lacher sorgt. Ob als Reporter, der dank eines Zaubertranks der Königin verfällt, Märliboy Richard oder als PDF-chen in Frauenkleidung, er ist ein echter Szenedieb. Vor allem als PDF-chen läuft Sandro zu Höchstform auf und zeigt sein aussergewöhnliches, komödiantisches Talent und sein Gefühl für perfektes Timing und Charakterdarstellung. Bravo!

Sandro Niederberger als Reporter

Schneewittchen durchläuft in diesem Stück entgegen unserer Erwartung keine  grosse Entwicklung, sondern ist einfach der Prototyp eines Teenagers, der seinen eigenen Weg gehen und nicht die Träume der Mutter erfüllen möchte, was in diesem Fall bedeutet, dass sie lieber im Bergwerk ihr eigenes Geld verdient, als als Schönheitskönigin vor der Kamera zu posieren. Mit viel trotzigem Charme holt Melia Lahyani alles aus der Rolle raus, was möglich ist und zeigt als Märliboy Xaver eine weitere Seite von sich.

Melia Lahyani als Schweewittchen

Junia Reller zeigt in vier verschiedenen Rollen ihr schauspielerischen Können. Als Prinz Langhaar, der zur Rettung von Schneewittchen gerufen wird, verkörpert sie den perfekten, selbstverliebten und überraschend maskulinen Macho-Prinzen und bleibt mit diesem relativ kurzen Auftritt in starker Erinnerung.

Junia Reller als Prinz Langhaar

Ein minimalistischen Bühnenbild und eine zauberhafte Ausstattung

In Sachen Bühnenbild und Requisiten wurde bei diesem Familienmusical alles richtig gemacht. Die grossen Regal-Gebilde lassen sich schnell und problemlos arrangieren, was direkt von den Darstellern übernommen wird und und einen modernen, minimalistischen Look verleiht. Von der Decke hängen Lampione, die mit wenig Aufwand eine märchenhafte Atmosphäre erzeugen.

Kostüm-technisch gibt es grosse Unterschiede. Wärend das Kostüm der Königin sehr hochwertig ist, wirken die meisten andere eher improvisiert. Die Kostüme der Kindergruppe sind originell und kindgerecht, ob Wolkenhut, Schneckenhäuschen oder Flügel.

Wie tiefsinnig darf ein Kindermusical sein?

S’letschte Märlibuech wird ab 6 Jahren empfohlen. Dies macht von der Thematik her durchaus Sinn. Es geht um ein Märchen, es gibt viele Kinderdarsteller und die Aufmachung hat auch viel Zauberhaftes. Es gibt einen Erzähler mit einem niedlichen Sidekick und vor allem zu Beginn des Stücks wird das vermehrt junge Publikum intensiv mit ein bezogen. Es wird ein Countdown gezählt bei dem enthusiastisch mit gemacht wird, die Darsteller suchen im Publikum nach dem letzten Märchenbuch, was zu einer schönen Interaktion führt. Die Auftritte des Kinderchors sind stimmig und zeugen von grosser Spielfreude und die Choreographien scheinen so ansteckend zu sein, dass manches Kind im Publikum bereits mit zu tanzen versucht. 

Allerdings gibt es auch Passagen, in denen die Aufmerksamkeit des jungen Publikums leidet, so z.B. bei den langen, für Erwachsene äusserst spannenden, aber für Kinder zu wenig unterhaltsamen Liedern oder Dialogen, die sich tiefer mit der Beziehung der Protagonisten, deren Gefühlswelt oder Psyche beschäftigen. Eventuell sind aber auch einfach 80 Minuten Spielzeit ohne Pause sehr lange.

Eveline Suter

Viele schöne und originelle Ideen sorgen für ein magisches Abenteuer

Das Besondere an S’letschte Märlibuech sind zweifellos die fantasievolle Geschichte von Sandra Suter und die unendlich vielen liebevollen Details und Ideen. Dazu kommen die hervorragenden Kompositionen.

Märchenhafte Figuren wie die Kumpelikane oder die Waldgeister begeistern nicht nur das junge Publikum. Ebenso originell ist das Chaos, das sich durch den Märchenstau ergibt. Ein Schneewittchen, das im Bergwerk arbeitet, während die Zwerge aka Märliboys eine Band gründen und den Haushalt machen ist jung und modern. Eine Königin, die sich in einen der Zwerge verliebt, hat fast schon Romeo-und-Julia-Vibes. Und ein Prinz mit Glatze, der Langhaar heisst, ist natürlich ein genialer Gag.

Fazit

Mit S’letschte Märlibuech hat Sandra Suter ein wirklich zauberhaftes und fantasievolles Familienmusical mit tollen Songs erschaffen, das wichtige, zwischenmenschliche Themen behandelt und dazu auffordert, nicht alles einfach so hinzunehmen, wie es schon immer war, sondern zu hinterfragen und auch Änderungen vorzunehmen, wenn es nicht mehr passt. Die Mischung aus professionellen Darstellern und Kindern hat einen besonderen Charme und macht dieses Stück nicht nur für das junge Publikum spannend, sondern auch Eltern, Großeltern und andere erwachsene Begleitpersonen werden sich bestens unterhalten fühlen. Und natürlich gibt es auch ein märchenhaftes Happy End mit Hochzeit und Kuss…

Ein Herzliches Dankeschön an Sandra Suter für die Möglichkeit, dieses märchenhafte Stück sehen und rezensieren zu dürfen.

Schade ist, dass wir es nicht mehr empfehlen können, da am 02.06.2024 bereits der letzte Vorhang fiel.


Dauer : ca. 80 min. ohne Pause, Schweizerdeutsch, ab 6 Jahren empfohlen

ENSEMBLE
Eveline Suter : Königin, Mutter
Peter Niklaus Steiner : Märliwächter
Christian Menzi : Vladimir (Märliboys), Kumpella
Melia Lahyani : Schneewittchen, Xaver (Märliboys)
Sandro Niederberger: PDF-chen, Reporter, Richard (Märliboys)
Junia Reller: Prinz Langhaar, Josefine (Märliboys), Assistent, Kumpelonius

Fabrice Heeb: Luca
Robin Starmans: Janina
Simone Baumann : Piano, Ambrosius (Märliboys)
Stefanie Hess : E-Bass, Kontrabass (Märliboys)
Dominic Eschmann : Drums (Märliboys)

Kinder der Musicalgruppe Spotlight On, Zürich Wollishofen

TEAM
Text, Musik, künstlerische Leitung Sandra Suter
Regie Sonja Streifinger
Co-Regie und Theaterpädagogik Kati Stark
Bühne und Requisiten Sandra Antille
Kostüme Tiziana Angela Ramsauer
Bandleitung Simone Baumann
Choreografie Joelle Regli, Sandro Niederberger
Chorleitung Naomi Messina
Maske Marion Loosli
Produktionsleitung Shirin Lupp, Tiffany Ritschard
Fundraising Cornelia Roos, Shirin Lupp
Regieassistenz Tiffany Ritschard
Lichtdesign Lou Weder
Tontechnik Urban Bircher

Robin Starmans als Janina
Sandro Niederberger als PDF-chen
Eveline Suter und Christian Menzi
Peter Niklaus Steiner
Fabrice Heeb als Luca
Eveline Suter
Robin Starmans
Christian Menzi
Melia Lahyani
Junia Reller
…und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…

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