Dass die Anschaffung eines neuen Grills für einem lokalen Tennisverein nicht zu den leichtesten Aufgaben gehört und zu absurden Grundsatzdiskussionen über die Integration oder Akzeptanz anderer Religionen und Kulturen führen kann, zeigt seit dem 3. Oktober die Shake Company im Theater Weisser Wind in Zürich. Diese Hit-Komödie der beiden Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, die sich u. a. bereits für so bekannte Fernsehformate wie Die Wochenshow, Ladykracher, oder Stromberg verantwortlich zeichneten, ist in Schweizerdeutsch noch bis am 6. Dezember zu sehen.
Generalversammlungen sind in der Regel eine ziemlich öde Angelegenheit. Kein Wunder, dass die Traktandenliste relativ zügig abgearbeitet wird und zusätzliche Punkte unerwünscht sind. Immerhin wartet ein Buffet mit Tiramisu, Nudelsalat und kühlem Bier auf die Vereinsmitglieder. Auch Heribert, Vereinspräsident des Tennisclubs „Heimat“, macht da keine Ausnahme. So werden die Punkte 1 – 6 relativ schnell und undemokratisch abgehandelt und auch sie Wiederwahl seiner Person wird einfach mal so festgehalten.
Vizepräsident Matthias versucht, seine mit viel Hingabe erstellten Diagramme zu präsentieren, wird jedoch immer wieder harsch unterbrochen. Doch dass Punkt 7 übergangen wird, lässt er nicht so einfach zu, trotz Heriberts Einwand:
Punkt 7, „Sonstiges“ hämmer no nie öpis gha. As Buffet!
Heribert
Doch Matthias hat viel Mühe in diesen einen zusätzlichen Punkt auf der Traktandenliste gesteckt. Immerhin gilt es einen neuen Grill für Vereinsfeiern anzuschaffen. Grundsätzlich wären auch „alle“ stillschweigend damit einverstanden, …wenn Melanie nicht plötzlich für einen zweiten Grill plädieren würde, immerhin ist Murat, ihr Doppel-Partner Muslime und als sie bei ihm zu Hause war, hatte er extra einen zweiten Grill für Nicht-Muslime aufgestellt, DENN, wie alle wissen, dürfen Muslime keine Würste essen, die mit Schweinswürsten auf dem Grill lagen. Doch Murat ist der einzige Türke im Verein. Lohnt sich so eine Anschaffung überhaupt? Aber wäre es moralisch vertretbar, es nicht zu tun? Die Meinungen zu diesem Thema gehen sehr auseinander. Murats eigene Meinung, findet dabei wenig Gehör. Denn eigentlich will er keine Extrawurst.

Well, That escalated quickly
Und so entwickelt sich aus einigen geschmacklosen, „nicht ernst gemeinten“ Sprüchen innert kürzester Zeit eine wilde und grösstenteils politisch alles andere als korrekte Diskussion, die wohl keiner der Zuschauer so erwartet hätte. Hinzu kommt die Eifersucht von Melanies Ehemann Jean-Pierre, der schon länger gewisse Zweifel an der rein platonischen Tennis-Verpaarung hegt. Und auch die angespannte Beziehung zwischen Heribert und Matthias, die sich beide als besseren Präsidenten sehen, sorgt für einiges an Zündstoff und lässt in der Unterhaltung an Niveau vermissen.
Zu guter Letzt wird sogar noch das „unschuldige“ Publikum, das integraler Bestandteil des Stücks und als Vereinsmitglieder ebenfalls stimmberechtigt ist, in diesen grotesken eskalierenden Streit hinein gezogen:
Wer isch dafür, dass de Murat dörf Schwinigs esse?
Matthias
Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird es etwas unangenehm. Wo man bisher noch hinter hervorgehaltener Hand mit leicht schlechtem Gewissen über die unpassenden, aber nun mal doch extrem witzigen Sprüche kicherte, schielt man nun unsicher nach links und rechts. Man will ja auf keinen Fall als rassistisch gelten.
Obwohl man schon von Beginn an involviert war, ist man nun fast gezwungen, den Diskussionen zu folgen und sich zu überlegen, für wen man Partei ergreifen möchte. Dabei verliert einer nach dem anderen seine Sympathiepunkte und sogar Murat, der den Grossteil des Stücks als Ruhepol und einziger „normaler“ Mensch gesehen werden konnte, platzt irgendwann der Kragen und lässt alle an seiner Meinung über die Schweizer Ausländerpolitik teilhaben, weshalb man als Zuschauer irgendwann gar nicht mehr weiss, an wen man sich halten soll. Dabei werden mit den fünf Darstellern ziemlich alle Meinungen zum Thema vertreten, was durchaus zu einer persönlichen Identifikation führt. Erschreckend ist einfach, wie schnell man erkennt, dass man falsch liegen kann und es nun mal nicht nur Schwarz und Weiss gibt, sondern auch verschiedene Grautöne.

Die Faszination des Menschlichen
Wahrscheinlich ist es genau dieses Echte und Rohe, das den Charme und die Faszination dieses Stücks ausmacht. Gnadenlos und ungeschönt wird dem Publikum der Spiegel vorgehalten und egal ob man sich selbst zu den Gutmenschen zählt, sich für tolerant und offen hält oder sogar offen zugibt, dass man insgeheim den einen oder anderen rassistisch gefärbten Gedanken hegt, wird man in diesem Stück NICHT Recht behalten, was auf unbefriedigende Weise befriedigend ist. Um das Stück uneingeschränkt geniessen zu können, muss man jedoch in der Lage sein, vorgefertigte Meinungen beiseite zu legen, denn sonst könnte man das eine oder andere ev. sogar persönlich nehmen oder in den falschen Hals kriegen. Dieses Theaterstück will zwar unterhalten, aber es regt nachhaltig zum Nachdenken an. Ein wenig hilft das Hintergrundwissen, dass Autor Moritz Netenjakob mit deine Ehefrau, Schauspielerin Hülya, sowie Schwager, Kabarettist Serhat Doğan selbst zwischen den Kulturen lebt und Murat (in der Originalversion Hasan) einen direkten Vergleich mit seinem Schwager zulässt. Aber auch bei der Premiere, an welcher wir teilnahmen, gab es nach der Show Stimmen, dass man bei gewissen Sprüchen nicht hätte lachen dürfen. Ja, Humor ist eine Gratwanderung und Balance zu halten, nicht jedermanns Sache.
De Koran hät doch eh niemand glese, usser em Murat.
Heribert
Ich au nid.
Murat
Das ungeheure Tempo des Stücks, die scharfen, Dialoge und treffsicheren Pointen untermauern die Fähigkeiten der beiden Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, die u. a. bereits bekannten Fernsehformaten wie Die Wochenshow, Ladykracher, oder Stromberg ihren Stempel aufdrückten. Für die Schweiz mussten gewisse Anpassungen und Kürzungen vorgenommen werden, da nicht alles 1:1 funktionieren könnte. So gibt es politisch und gesellschaftlich doch Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz. Dennoch ist das Stück eine wunderbare, runde Sache, was einerseits Regisseur Urs Blaser zuzuschreiben ist, der mit untrügerischem Gespür diesen doch etwas heiklen Stoff mit dem richtigen Mass an Ernsthaftigkeit inszenierte, ohne den einzelnen Figuren zu viel Gewicht zu geben, wodurch der Humor unweigerlich verloren gegangen wäre.
Handverlesene Darsteller mit Standfestigkeit
Da das Stück an und für sich keine grossartige Handlung vorzuweisen hat und sich der Inhalt eigentlich auf die sich stetig verdichtende Diskussion um den Grill und den Unterschied zwischen der hiesigen und fremden Kulturen bzw. Religionen dreht, liegt der Fokus ganz klar auf den Darstellern und ihren vielschichtigen Figuren, von denen kaum ein einziger einen Sympathie-Preis erhalten würde. Ja, in diesem Stück fehlt die Heldenfigur, es kann aber auch kein konkreter Antiheld ausgemacht werden. Nein, es „menschelt“ einfach von Anfang bis Schluss gewaltig, was den Darstellern so einiges abverlangt.

Auf der Bühne steht aber auch ein wirklich grandioses Quintett aus Charakterdarstellern. Es wäre absolut unmöglich, einen Favoriten heraus zu picken, weil jeder einzelne seiner Figur so ungeheuer viel Lebendigkeit und Tiefe verleiht. So haben wir als einzige weibliche Künstlerin Sabina Deutsch, welche Melanie mit ihrer markanten Sprechstimme immer wieder die Aufmerksamkeit des gesamten Publikum sichert, da sie sich hervorragend darauf versteht, Spannung zu erzeugen. Den Gutmenschen verkörpert sie auf so unschuldig penetrante Weise, dass sich einem fast schon die Zehennägel hochrollen, da gut zu spüren ist, dass sie es geniesst, Diskussionen anzuheizen und ihren Ehemann Jean-Pièrre zu provozieren und aus der Reserve zu locken. Dieser wird vom grossartigen Flavio Dal Molin verkörpert. Als Besserwisser ohne Rückgrat unterstützt er meist Melanies Meinung, wenn auch etwas halbherzig und versucht sich mit Fakten Gehör zu verschaffen, wobei er mittels Enten-Experiment von Konrad Lorenz die Anerziehung von Religonen veranschaulichen will, da er seinen Status als Atheist zum Verhöhnen von Religionen missbraucht. Flavio versteht sich perfekt darauf, die überspielte Unsicherheit und Eifersucht immer mal wieder durchblitzen zu lassen, bevor er dann wirklich die Fassung verliert.

Sehr gefreut hatten wir uns auf Lavdrim Xhemailis Darstellung der zentralen Figur Murat, der als einziger Türke im Tennisclub unfreiwillig wortwörtlich Gegenstand der Diskussion wird. So wird er gut den 1. Akt lang fast wie ein Sache behandelt, wobei man sich aber durchgehend an seiner lebendigen Mimik erfreut und ihn als Rettungsanker in der immer wilder werdenden Diskussion betrachtet. Sobald Murat aber in Fahrt kommt, erlebt das Publikum Lavdrims Intensität, die sich im zweiten Akt fast schon auf beängstigende Weise entlädt und für den Schockmoment des Stücks verantwortlich ist. Seine Rolle durchlebt neben Jean-Pierre eine der grössten Entwicklungen, was einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Als undankbarste, weil unsympathischste Figur erleben wir Peter Niklaus Steiner in Topform. Während Matthias, dem Vizepräsidenten mit Ambitionen, das Mitgefühl des Publikums in den ersten Minuten des Stücks nur so zufliegt, als er von Heribert immer wieder in seiner Präsentation unterbrochen und ausgebremst wird, verspielt er diese Sympathiepunkte mit Rekord-Tempo wieder, als er auf erschreckend empathielose Art und Weise beinahe schon rechtsradikale Gesinnungen vertritt und massgeblich zur Eskalation der Situation beiträgt. Auch Matthias Vorliebe sich immer wieder in die Opferrolle zu begeben oder den für den Tennisclub wirklich tragischsten Moment für seine eigenen machhungrigen Ziele zu missbrauchen, sind zutiefst verabscheuungswürdig, was Peter Niklaus Steiner aber die Möglichkeit gibt, seinen Status als exzellenter Darsteller zu festigen. Ein grosses Bravo für diese Leistung!
Du meinsch doch nid ernschthaft, ich mach mich a d’Melanie ane?
Murat
D’Melanie isch doch ufgschlosse gegeüber türkische Würscht…
Matthias

Last but not least, ist auch Eric Hättenschwiler von der Partie. Wo wir ihn noch vor Kurzem in der Musik-Komödie Forever Young feiern durften, erleben wir ihn in Extrawurst erneut in der „Rolle seines Lebens“. Erstaunlich ist einfach, dass jede Rolle, die er spielt, die Rolle seines Lebens zu sein scheint, was für seine chamäleoneske Fähigkeit, sich Rollen zu eigen zu machen und sie unwiderruflich zu prägen, spricht. Mit einer Bühnenpräsenz, die seinesgleichen sucht, ist er die perfekte Besetzung für den fast schon diktatorischen Clubpräsidenten Heribert. Mit seiner natürliche Autorität, die es seiner Figur ermöglicht, durchaus mal ihre weiche Seite hervorblitzen zu lassen (z.B., als Melanie betrunken Auto fahren möchte) oder Schwäche zu zeigen (Ischias), ohne an Basis zu verlieren, steht er im Mittelpunkt des Geschehens und zieht die Fäden, bis er merkt, dass ihm die Situation entgleitet, was sogar dazu führt, dass er sein Amt ablegt, um später zurück zu kehren und herrlich sarkastisch und offenkundig schadenfreudig Matthias‚ Scheitern beizuwohnen, was für das Publikum einen fast schon teuflischen Spass bedeutet. Ein wahres Fest!

Fazit
Extrawurst ist ein Stück, das jeden einzelnen Zuschauer entlarvt, was entweder unangenehm oder befreiend sein kann, je nach dem, wie ehrlich man mit sich selbst ist. Dem Publikum muss bewusst sein, dass es nicht ungeschoren davon kommt, wird, wenn es sich darauf einlässt, aber zwei Stunden pure Emotionen erleben und Teil des Geschehens sein. Die erstklassigen Charakterdarsteller garantieren ein Theater-Erlebnis der Extrawurst- äh -klasse mit jeder Menge Identifikations-Potential. Wir können wirklich nur empfehlen, euch dieses Stück entweder im Theater Weisser Wind in Zürich, oder bei den Kammerspielen Seeb in Bachenbülach anzusehen. Es lohnt sich zu 100%. Prädikat höchst sehenswert!
Tickets und weitere Infos findet ihr auf: https://shakecompany.ch/extrawurst/
Darsteller
Melanie: Sabina Deutsch
Heribert: Eric Hättenschwiler
Murat: Lavdrim Xhemaili
Jean-Pierre: Flavio Dal Molin
Matthias: Peter Niklaus Steiner
Regie: Urs Blaser,
Bühne: Roman Fischer
Kostüme: Susanne Ehrenbaum |
Technik: Markus Ludstock
Regieassistenz: Mareen Beutler
Produktionsleitung: Sabina Deutsch, Eric Hättenschwiler
Produzent: Dominik Flaschka, André Nussbaumer















