„…de Heiri hät es Chalb verchauft, de Heiri wott, dass öpis lauft…“ Wer sich Tickets für Die kleine Niederdorfoper, welche vom 24.10.2024 – 09.02.2024 im Bernhard Theater in Zürich zu sehen ist, kauft, kann sich sicher sein, DASS etwas laufen wird. Als eine der beiden finalen Inszenierungen setzen Erich Vock und Hubert Spiess von spock productions erneut auf die musikalische Kultkomödie und lassen ihr Publikum in nostalgischen Gefühlen schwelgen.
Die kleine Niederdorfoper ist eine berühmte Schweizer Musikkomödie, die 1951 von Paul Burkhard komponiert wurde. Premiere hatte sie damals an Silvester 1951 im Schauspielhaus Zürich. In der Uraufführung spielten namhafte Schweizer Schaudpielgrössen wie Ruedi Walter, Margrit Rainer, Anne-Marie Blanc, Sigfrit Steiner, Heinrich Gretler und Walter Roderer. Die Operette spielt im Niederdorf, einem Stadtteil von Zürich, und wurde von Burkhard zusammen mit dem Kabarettisten Walter Lesch und dem Librettisten Hans Gmür geschrieben.
Die Version der spock productions mit Erich Vock in der Hauptrolle des Bäuerchens Heiri ist jedoch mindestens so kultig wie das Original und kann ein ebenso grosses Staraufgebot vorweisen. Bereits bei der 1. Inszenierung in der Theatersaison 2009/2010 und der Wiederaufnahme 2019/2020 standen grosse Namen der Schweizer Theater-Szene auf der Bühne und umso schöner ist es, dass sich einige der damaligen Künstler erneut im „Vatiéré Lämmli“ einfinden, teilweise sogar in ihren ursprünglichen Rollen. So sehen wir erneut Erich Vock als Heiri, Maja Brunner als Irma, Philipp Roussel als André und Pascale Sauteur alternierend als Ruthli. In neue Rollen geschlüpft sind Viola Tami, Gabriela Steinmann, Hubert Spiess, Daniel Bill, Thomas Meienberg und Nico Savary Bahl. Hinzu kommen weitere bekannte Künstler, die bereits in anderen Produktionen des Erfolgs-Team zu sehen waren.
Als in Zürich noch nichts los war
Die kleine Niederdorfoper spielt – wie könnte es anders sein – im Zürcher Nierderdorf. Sie ist eine satirische Darstellung des Lebens, der sozialen Strukturen der damaligen Zeit und glänzt mit liebevollem Lokalkolorit, Schweizer Humor und Dialekt. Zu diesem Klassiker des Schweizer Musiktheaters gehören bekannte Lieder, die auch ihren Weg in die Hitparade fanden und die Charaktere des Zürcher Niederdorfs und der damaligen Zeit humorvoll wiederspiegeln.
In einer Zeit, in der die Party People der umliegenden Kantone mit Vorliebe nach Zürich pilgern, ist es kaum vorstellbar, dass das einzige Lokal, in dem etwas los war, das „Variété Lämmli“ war. Aber dort steppt dafür der Bär.

Wenn das Ruthli mit dem Bruno und dem André
Die Handlung des Stücks ist herrlich unbedarft und genau deshalb so charmant. Ruth, die Tochter des Trödlers Schaggi Baumann will sich am nächsten Tag mit dem jungen Polizisten Bruno verloben. Ihr Herz hängt aber noch immer am Chansonnier und Frauenhelden André, der sich nach seinem letztjährigen Gastspiel im „Lämmli“ nicht mehr bei ihr gemeldet hatte. Doch genau am Abend vor ihrer Verlobung taucht der Charmebolzen erneut im Niederdorf auf und lädt Ruthli am Abend zum neuen Programm ein. Sie kann nicht widerstehen, was von Serviertochter Irma nicht gut geheissen wird, genau so wenig wie von ihren Eltern. Zeitgleich trifft der Bauer Heiri aus Hausen im Niederdorf ein, um das Geld, das er beim Verkauf eines Kalbs gemacht hat, auf den Kopf zu hauen und dabei merken muss, dass das liebe Geld die Wahrnehmung trüben und man damit temporär viele Freunde finden kann. Mit dem Diebstahl einer Perlenkette kriegt das Stück noch etwas Krimi-Feeling. All dies spielt sich an genau zwei Schauplätzen ab, auf der Straße zwischen dem Trödelladen und dem „Variété Lämmli“ und im „Lämmli“ selbst.

Ein Bühnenbild zum Niederknien und die schickste Liveband der Welt
Wenn sich der Vorhang für Die kleine Niederdorfoper hebt, bleibt einem zuerst einmal der Mund offen stehen aufgrund dieses wunderschönen, liebevoll und so detailliert gestalteten Bühnenbildes. Die zauberhaften, mehrstöckigen Häuser, die man wirklich betreten kann, zu einer Strasse angeordnet, alle sorgfältig angeschrieben, lassen einfach nur staunen. Dazu die Zeitschriften vor dem Trödelladen mit Sujets aus längst vergangenen Zeiten. Nicht minder zauberhaft ist die zweite Location, das Innere des „Lämmli“, das ausgestattet mit Bar und kleiner Bühne sowie mehreren Tischen einfach nur perfekt anzusehen ist. Die Arbeit, die in das Bühnenbild gesteckt wurde lohnt sich aber zu 100%. Mit echten Fahrrädern, einem echten Roller UND – Trommelwirbel – einem echten Hund werden grosse Geschütze aufgefahren. Es gibt so unglaublich viel zu entdecken.

Diese augenscheinliche Detailliebe setzt sich im Kostüm- und Maskenbild fort. Historisch akkurate Kostüme, die sich auch der entsprechenden gesellschaftlichen Schicht anpassen, und stilvolle Frisuren/Perücken zaubern eine perfekte Illusion der 50er-Jahre. So wahren wir z.B. besonders begeistert von Heiris abgetragenen Schuhen, wie es sich für einen schlichten Bauern gehört oder den Polizeiuniformen mit dem Emblem der Stadtpolizei Zürich, wie sie nach 1943 im Einsatz war.

Sehr schick präsentiert sich auch die Liveband in weinrotem Anzug, welche links des Zuschauerraumes positioniert ist. Zu schade, dass wir sie erst beim Finale richtig bewundern konnten. Musikalisch sind sie aber für das gesamte Publikum sehr präsent und begeistern mit harmonischen Arrangements und erstklassiger Technik. Und folgende wunderbar nostalgische Titel dürfen wir im Verlauf des Abends und nach der Ouvertüre geniessen:
• E Frau, en Maa
• De Heiri hät es Chalb verchauft
• Hoch die Moral
• Drum wänn’s eine git, mis Chind
• Mer kännt sie ja
• Quand on n’a pas ce qu’on aime
• Grüezi, grüezi, grüezi mitenand
• Uns gab’s im alten Babylon
• Ganz ein kleines Mädchen
• Gib mir Geld
• Jubel, Trubel, Heiterkeit
• Jässodu
• Rosenkohl
• Leib und Seele
• Händ sie nie de Chopf verloore
• Mir mag halt niemert öppis gune

Eine Bühne voller Stars
Die kleine Niederdorfoper ist ein Stück, das es Rezensenten, die sich stark auf die Leistung der Darsteller fokussieren (wie wir es gerne tun), ziemlich schwer macht. Wie um Himmelswillen soll man hier Darsteller hervorheben? Bei 25 Künstlern, die ihre Rolle bis in die Haarspitzen ausfüllen und leben, ist es unmöglich, jedem einen Abschnitt zu widmen, selbst, wenn sie es verdienen würden.
Aber natürlich kann es keine Kritik ohne eine Special Erwähnung von Erich Vock als Heiri geben. Noch Tage danach sprechen wir über seine fast schon unheimliche Intensität in der Rolle des unbedarften Bauern. Darstellerisch im Allgemeinen und komödiantisch im Speziellen hält Erich Vock das Stück zusammen und beweist einmal mehr, dass er mit seinem unvergleichlichen Stil die Zürcher Theaterszene massgeblich geprägt hat. Und sein vor Selbstmitleid triefendes Mir mag halt niemert öppis gune lässt niemanden kalt. Allerdings wäre es zu Schade, sich die gute Stimmung von einem düsteren Lied verderben zu lassen, deshalb werden die Strophen gegen Schluss immer witziger und aktueller, was das Publikum zum Jubeln bringt.

Maja Brunner, welche wir tatsächlich zum 1. Mal auf der Bühne erleben durften, verkörpert die Serviertochter Irma mit einer solchen Sensibilität und Natürlichkeit, dass man sie kaum aus den Augen lassen mag. Die missbilligenden Blicke, mit welchen sie André bedenkt, könnten töten und die liebevolle Fürsorge, die sie Ruth entgegen bringt, wirkt so echt, dass man man sich direkt eine Irma in seinem eigenen Leben wünscht. Ihre Entertainer-Qualitäten stellt sie unter anderem beim amüsanten Rosenkohl unter Beweis.

Gabriela Steinmann beweist in der Rolle der Lämmli-Wirtin erneut ihr faszinierendes Talent für Komik und Dialekte und hat die Lacher, wann immer sie auf der Bühne erscheint auf ihrer Seite. Ja, wir sind echte Gabriela Steinmann-Fans! So überzeugt sie gleich zu Beginn des Stücks in Mer kännt sie ja, einem Moral-Battle zusammen mit Karin Moser als Margret Baumann.

Philipp Roussel als halbseidener Chansonnier André begeistert mit grosser persönlicher Ausstrahlung, seinem gewinnenden Lächeln und seiner einschmeichelnden Stimme, die mit dem charmanten französischen Akzent noch besser zur Geltung kommt. Sein Quand on n’a pas ce qu’on aime verzaubert nicht nur Ruth, sondern das ganze Publikum. An seiner Seite erleben wir die bildschöne Viola Tami als Olly Moreen mit grandioser Stimme und einem Charme, der seinesgleichen sucht und sich bei Gib mir Geld besonders gut entfalten kann. Ihr Blicke und Gesten sind stets auf dem Punkt und die Darstellung ihrer ambivalent Beziehung zu André absolut glaubhaft. Eine perfekte Besetzung für diese glamouröse Rolle.

Keine spock productions Inszenierung ohne Hubert Spiess, der diesmal der Rolle des Trödlers Schaggi Baumann viel Eleganz und weltmännisches Flair einhaucht. So lacht man herzhaft darüber, wie er mit diabolischer Freude mehr oder weniger diskret Schmuddelheftchen verhökert oder auf einmal seine Meinung bezüglich „Lämmli“ ändert. Einfach ein grossartiger, stilvoller Künstler!
Do hend sie jones paar zünftigi Sexklusivitäte verwütscht.

Röbeli Meier, der in unserer Vorstellung von Kurt Schrepfer verkörpert wurde, sorgt im Laufe des Stücks mit seinem trockenen Humor und treffenden Sprüchen für viel Freude und hat viel Bühnenzeit, was sowohl eine grosse, persönliche Präsenz, als auch die Fähigkeit, gezielt in der Masse zu verschwinden, voraussetzt, was Kurt Schrepfer beides besitzt.
Sind die nid scho mol do gsi?
Die chömed all Johr…, wie d’Stürrechnig.
Eine ebenfalls ausgesprochen eindrucksvolle Performance liefert Corina Good als Bianca. Zusammen mit Lolotte (Monika Michel) und Milly (Yael de Vries). Die drei „leichten Damen“, die Heiri direkt als leichtes Opfer ausmachen, sorgen für Action im „Lämmli“, wobei Corina Good mit ihrer absolut überzeugenden Darstellung und vor allem ihrer lauten, gewollt eintönigen Sprechstimme in breitestem Bündner-Dialekt für besonders viel Begeisterung sorgt.

Einmal mehr darf man auch Daniel Bill in Höchstform bewundern. Seine Interpretation von Bunker-Willy, einem der drei Ganoven, die mit ihrem Perlen-Diebstahl für mächtig Aufregung im Niederdorf sorgen, ist auf eine herrliche Art unangenehm, bösartig und faszinierend. An seiner Seite erleben wir Nico Savary Bahl als Räuber-Seppli mit einmaligem Lachen und der etwas überdrehte, stotternde Zungen-Miggel aka Stephan Luethy.
Ich bin en Sklav vo minere Intelligenz.

Das hübsche Liebespaar Bruno und Ruthli wird von Adrian Burri und Nicole Zehnder verkörpert. Beide überzeugen mit starken darstellerischen und gesanglichen Fähigkeiten. Adrian Burri mimt den pflichtbewussten, gutherzigen jungen Polizisten mit einer bewundernswerten Standfestigkeit im „Lämmli-Trubel und sehr natürlichem, ausdrucksstarkem Spiel, während Nicole Zehnders schmachtende Blicke für André den ganzen Saal zum Schmelzen bringen könnten. Gerne hätten wir sie noch mehr singen gehört, da ihre Stimme einiges zu bieten hat.

Auch alle anderen Rollen sind hervorragend besetzt und sorgen im Kollektiv für allerbeste Unterhaltung, wie sie nur die spock productions auf die Bühne zu bringen vermag.
Ist Die kleine Niederdorfoper sehenswert?
Die kleine Niederdorfoper ist ein echtes Gesamtkunstwerk, das den Zeitgeist der 50er-Jahre in Zürich mitsamt seinem nostalgischen Charme perfekt einfängt und in seiner ersten Spielzeit zurecht einen Prix Walo für die beste Theaterproduktion verliehen bekam. Ob man sich zum ersten Mal eine Inszenierung ansieht oder zu den langjährigen Liebhabern gehört, es gibt keinen, der dem besonderen Zauber dieses Stücks nicht erliegt. Neben der grossartigen Regie, den liebevollen Einfällen und den teilweise – trotz durchgehend leichter Stimmung- überraschend tiefgehenden Momenten, sind es vor allem die vielen, einzigartigen Darsteller, die mit viel Herzblut bei der Sache sind und mit ihren facettenreichen Spiel dem Stück viel Leben verleihen. Ein wahres Juwel der Schweizer Theater-Szene, das man wenigstens ein Mal, aber besser sogar mehrmals gesehen haben sollte.
Wir hatten einen grossartigen Abend und freuen uns schon auf die zweite und leider letzte Produktion vom Erich Vock und Hubert Spiess nach dem beliebten Kinderbuch Klassiker von Erich Kästner Emil und die Detektive.
Tickets für Die kleine Niederdorfoper
Tickets für Emil und die Detektive
Beide Stücke sind noch bis am 09.02.2025 im Bernhard Theater in Zürich zu sehen.
Ein herzliches Dankeschön an spock productions für die Möglichkeit, dieses zauberhafte Stück sehen und rezensieren zu dürfen. Wir haben es sehr genossen!
Cast
Bauer Heiri: Erich Vock
Schaggi Baumann: Hubert Spiess
Margret Baumann: Karin Moser
Ruthli Baumann, Tochter: Nicole Zehnder
Frau Strobel, Lämmli-Wirtin: Gabriela Steinmann
Polizist Bruno: Adrian Burri
Polizist Müller III: Thomas Meienberg
Röbeli Meier, Hausfaktotum: Kurt Schrepfer
Zungen-Miggel: Stephan Luethy
Räuber-Seppli: Nico Savary Bahl
Bunker-Willy: Daniel Bill
Olly Moreen, Sängerin: Viola Tami
Chansonnier André: Philippe Roussel
Irma, Serviertochter: Maja Brunner
Bleicher Jüngling: Denis Maurer
Herr Wiederkehr: Hansjörg Bahl
Albert Hagenbuch/Goldschmied: Heiner Hitz
Frau Wipf, Heilsarmistin: Heidi Diggelmann
Lolotte, leichte Dame: Monika Michel
Bianca, leichte Dame: Corina Good
Milly, leichte Dame: Yael de Vries
Herr Kübler: Richard Bucher
Frau Kübler: Elisabeth Graf
Martin Kübler, Rekrut / Musiker auf Roller: Fidan Wyder
Zeitungsverträgerin/Heilsarmistin/Bauchladen-Girl: Annika Leitner
Foxli, ein Hund: Pata
Band: Erich Strebel, Andreas Wettstein, Matthias Landtwing, Daniel Häusler
Regie: Erich Vock
Musikalische Leitung: Erich Strebel
Choreographie: Kurt Schrepfer
Bühnenbild: René Ander-Huber, Simon Schmidmeister
Produktion: spock productions gmbH, Hubert Spiess und Erich Vock



























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