Die 2. Jubiläumsproduktion der Kammerspiele Seeb greift eine Frage auf, die sich ab einem gewissen Alter wahrscheinlich jeder einmal stellt: Schulden Eltern ihren Kindern etwas? Oder doch eher umgekehrt? In der Mundart- Komödie Die lieben Eltern, die in ihrer ersten Spielzeit in Januar/Februar 2025 bereits für Begeisterung sorgte, stellt ein Lottogewinn eine Familie gehörig auf den Kopf und zeigt auf eindrückliche und humorvolle Weise, wie sehr Geld Menschen und deren Beziehungen beeinflussen kann. Vom 19.03. – 01.06. kehrt das Stück noch einmal zurück auf die Bühne.
Französische Komödien haben ihren ganzen eigenen Charme, ebenso wie Schweizerdeutsche Produktionen. Wenn beides zusammen kommt, kann dies einen ganz besonderen Zauber haben. Bereits vor unserem Besuch von Die lieben Eltern war uns klar, dass wir dieses Stück lieben würden.
Das Theaterstück Die lieben Eltern (Originaltitel: Chers Parents) ist eine Komödie des französischen Autorenduos Armelle und Emmanuel Patron. Es wurde 2022 mit dem Prix Primeurs Publikumspreis ausgezeichnet und feierte seine deutschsprachige Erstaufführung am 20. Januar 2024 am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken, bevor es auch im Kleinen Theater Berlin inszeniert wurde. Nun ist es zum 1. Mal in Mundart zu erleben.
Was passiert
Die Geschwister Samuel, Jonathan und Nathalie Breitenmoser kommen völlig gestresst beim Chalet ihrer Eltern an. Die Nachricht, sie sollen alle SOFORT ins Wallis kommen, lässt die schlimmsten Befürchtungen aufkommen. Doch die Neuigkeit, die sie dann schlussendlich erwartet, übertrifft ihre Fantasien bei weitem. Die Eltern wollen auswandern und zwar nach Kambodscha, wo sie ein Kinderheim gebaut haben. Möglich war dies durch einen Lottogewinn. Die daraus entstehende familiäre Katastrophe nimmt ihren Lauf, denn eine Frage lässt die drei Kinder nicht zur Ruhe kommen: Müsste dieser Gewinn nicht viel eher mit den Kindern geteilt werden?

Wenn die Eltern flügge werden
Wir bei psychologischen Kammernspielen üblich, ist die eigentliche Handlung des Stücks knapp bemessen und umfasst gerade mal 16 Stunden inkl. Schlafenszeit und spielt sich innerhalb von vier Wänden ab. Was beziehungstechnisch geschieht, lässt jedoch fünf Leben gewaltig aus den Fugen geraten und zeigt auf, daßss sich das wahre Grauen oft im Alltäglichen verbirgt.
Besonders eindrücklich ist in diesem Stück, mit zu erleben, wie instabil Gefühle sein können. Spitzenreiter sind hier die drei Kinder, die eine ganze Bandbreite an unterschiedlichsten Gefühle durchleben, während die Eltern relativ gefestigt erscheinen, was wahrscheinlich daran liegt, dass sie sich bereits vertieft ihre Gedanken gemacht hatten, bevor sie ihre Kinder zu sich riefen. Kommen sie doch in der Hütte im Wallis an im festen Glauben, sich von ihren Eltern verabschieden zu müssen, denn was könnte es schon anderes Wichtiges im Leben ihrer Eltern geben?
„P.s. haben euch furchtbar gern…“, isch mega beunruhigend.
Jonathan
Ist der Tod nicht der nächste grosse Meilenstein im Leben der Eltern, nachdem die Kinder das Haus verlassen haben? Hin- Und hergerissen zwischen Sorge, Trauer und rationalen Überlegungen bezüglich aktiver Sterbehilfe, vereinen sich die drei Geschwister, die sonst ihr ganz eigenes Leben führen, um einander zur Seite zu stehen. Sie schwelgen in nostalgischen Erinnerungen und analysieren Aussagen, die ihre Eltern in letzter Zeit gemacht haben. Dabei kristallisiert sich recht schnell heraus, dass vor allem Jonathan den Kontakt zu seinen Eltern pflegt, während Samuel mit seiner Familie und Karriere beschäftigt ist und Nathalie ihr ewiges Studentenleben geniesst. Gut zu spüren ist auf jeden Fall, dass sich die Kinder den Eltern überlegen fühlen und diese eher in einer hilflosen Position sehen.

Das Auftauchen der putzmunteren Eltern stürzt die erwachsenen Kindern dann von Sorge blitzschnell in komplette Fassungslosigkeit, die, als sie von den Plänen der Eltern erfahren, nach Kambodscha auszuwandern, wo sie ein Kinderheim gebaut haben, relativ rasch in Ärger umschlägt. Auf einmal läuft nichts mehr so, wie erwartet. Wie können ihre Eltern solche Pläne machen, ohne dies mit ihnen abzustimmen? Das Kräfteverhältnis kommt ins Wanken. Relativ rasch kommt auch die Frage auf, wie dieses Projekt überhaupt finanziert werden soll, weshalb die Eltern gnadenlos gelöchert werden, bis sie zugeben, bei Euro Millions gewonnen zu haben. Dieses Geständnis schockiert die Kinder, nicht ganz so stark wie die Tatsache, dass ihre Eltern ihnen dies verheimlichen wollten. Immerhin steht ihnen doch ein Anteil zu, oder etwa nicht?

Die angespannte Stimmung bleibt bestehen und die Familienmitglieder gehen unversöhnt ins Bett. Nachts kommt es zu einzelnen Treffen mit dem Vater, der die Kinder bittet, ihm mitzuteilen, wie viel Geld sie denn bräuchten, um glücklich zu sein und die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus. Dennoch erhalten alle Kinder am folgenden Morgen einen Scheck über denselben Betrag, was Begeisterungsstürme auslöst.
Ihr chönd eu nid vorstelle, was mit mim Hirn passiert bi dere Überdosis Kapitalismusendorphine.
Vater
Es ist jedoch weniger die Dankbarkeit, die für Hochstimmung sorgt, sondern das Gefühl, das natürliche Verhältnis wieder hergestellt zu haben. Doch als Jonathan herausfindet, welchen Betrag die Eltern tatsächlich gewonnen haben, eskaliert die Situation und nimmt richtig surreale Züge an. Oder kann sowas wirklich passieren?
Die Situation, dass die eigenen Eltern flügge werden und hinter dem Rücken der Kinder Pläne schmieden, ohne sie mitein zu beziehen, oder alles mit ihnen zu teilen, ist schon beängstigend. So kann man das Verhalten der Kinder ein Stück weit nachvollziehen, auch wenn man es nicht wirklich will, da sie schon ziemlich undankbar und fast schon gemein wirken. Doch wie würdest DU reagieren, wenn Du erfährst, dass deine Eltern einen dreistelligen Millionenbetrag gewonnen haben und du einfach ein normales Leben führst, in dem du dir genau überlegst, wofür du Geld ausgiebst. Würdest du nicht auch ein Stück des Kuchens abhaben wollen? Würdest du nicht auch erwarten, dass deine Eltern dir freiwillig etwas zustecken? Teilen macht doch Freude, oder?

Genau so gut versteht man aber die Seite der Eltern, auch wenn sie teilweise sehr kühl und distanziert wirken. Doch man darf nicht vergessen, dass sie ihre Kinder seit Jahrzehnten kennen, auch ihre schlechten Seiten. Zuerst sind es die lieben Kleinen, die einem den letzten Nerv rauben und wenn sie dann erwachsen sind, kommen sie entweder selten bis nie zu Besuch, oder liegen einem auf der Tasche. Und in Anbetracht des Chalets darf man davon ausgehen, dass alle Kinder eine sehr angenehme Kindheit ohne Geldsorgen verleben durften. Da teilt man den grossen Gewinn eventuell nicht ganz so gern, im Wissen, dass dessen Wert kaum geschätzt würde. Und hat man nicht die Chance verdient, eigenen Projekte zu verwirklichen, Pläne zu verfolgen, aus seinem Leben etwas zu machen? Das Leben muss doch noch mehr bieten, als zusammen mit seinem Partner auf den Tod zu warten und nichts auszugeben, um den Kindern möglichst viel vererben zu können.
Grandiose Darsteller*innen voller Tiefgang
Für Die lieben Eltern wurden fünf grossartige Darsteller*innen verpflichtet, die durch sehr natürliches Spiel, grosses Charisma und eine hervorragende Diktion überzeugen. Jede einzelne Rolle ist detailliert ausgearbeitet und auch wenn man nur am Rande etwas über die einzelnen Personen, ihre Lebensweise und Vergangenheit erfährt, lassen sie einen tief blicken. Man erkennt ihre Unsicherheiten und ihre verborgenen Ängste, die ihre Reaktionen beeinflussen, was jede Figur zutiefst menschlich macht, weshalb man jeden auf eine Art verstehen kann, selbst, wenn man ihr Verhalten nicht unbedingt sympathisch findet.
Suly Röthlisberger und Ernst Sigrist als Mutter und Vater Breitenmoser geben ihren Rollen die erforderliche Elternliebe, aber auch die Kühle und Distanz eines Paars, das noch einmal neu durchstarten möchte. Mit strenger Hand und im besten Wissen und Gewissen treffen sie die Entscheidung, dass es für die drei Kinder keine Vorteile bringen würde, ohne Anstrengung zu einer grossen Summe Geld zu kommen. Deshalb ziehen Sie ihr Vorhaben auch durch und stürzen das Publikum in einen Gewissenskonflikt. Denn wir alle sind Söhne und Töchter und die Kälte dieses Elternpaars verstört ein bisschen, doch viele sind auch Eltern und können die Perspektive von Mutter und Vater Breitenmoser nachvollziehen. Die Vielschichtigkeit, die dieses Paar an den Tag legt, ist faszinierend.

Samuel, der ältere Sohn, ist der einzige der drei Geschwister, der es zu etwas „gebracht“ hat. Er bildet sich auch ziemlich etwas auf seine Selbstständigkeit ein, möchte seiner eigenen Familie nichts von der Schenkung der Eltern sagen (der Apfel fällt also nicht weit vom Stamm), ist aber dennoch Redenführer der geschwisterlichen Revolution. Philippe Graber gibt seiner Rolle eine herrliche Arroganz und Grossspurigkeit. Seine Bühnenpräsenz ist grandios und sein komödiantisches Talent unverkennbar. Ein wahrer Genuss, ihn nach TV und Kino live auf der Bühne zu erleben.
Geschter Obig hämmer nonid gwüsst, dass ihr es Bruttoinlandprodukt vo Burkina Faso gwunne hend.
Samuel

Nathalie, die seit acht Jahren Medizin studiert und sich im Studentenleben gemütlich eingerichtet hat, spürt Existenzängste und fühlt sich stets ungerecht behandelt. Nadine Landert schafft es mit Bravour, das verwöhnte, im Selbstmitleid versinkende Mädchen zu verkörpern, das, um zu seinem Recht zu kommen, auch schon mal zu härteren Massnahmen greifen kann. Mit einer Härte und Fiesheit, die bei ihrer zarten Statur nicht nur überrascht, sondern fast schon erschreckt, erschafft sie eine aufregende Nathalie, die in Erinnerung bleibt.
Mir chrüppled üs eine ab und schlussendlich sterbed mir a Altersarmuet.
Nathalie

Am meisten Sympathie mag das Publikum wohl noch für Jonathan aufbringen, der ein Stück des Kuchens am meisten verdient hätte, ist er doch der einzige der Geschwister, der seine Eltern regelmässig besucht und Anteil an ihrem Leben nimmt. Kein Wunder also, ist seine Enttäuschung, von den Eltern ebenso hinter- und übergangen zu werden, besonders gross. Reto Stalder spielt seinen Charakter mit viel Sensibilität und Bescheidenheit, er lässt das Publikum jedoch auch die Angst, seine Finanzspritzen zu verlieren, spüren. Als erfolgloser Journalist käme Jonathan nämlich ohne das Geld seiner Eltern nicht über die Runden. Durch diese Abhängigkeit ist er im Zwiespalt, was ihm im Verlauf des Stücks mehr und mehr die Nerven raubt und ihn ebenfalls irrational reagieren lässt. Diese Entwicklung wird von Stalder sehr eindrücklich und nachvollziehbar dargestellt.
Ich het nüt dagegen, es kambodchanisches Weisechind z’si.
Jonathan

Was noch mehr begeistert, als die Einzelleistungen der drei Geschwister, ist deren Gruppendynamik. Ihr Umgang miteinander ist genau so verspielt und grob, wie der echter Geschwister und die Rangordnung im „Rudel“ ist gut spürbar. Die Art, wie sie einander gegenseitig anstacheln und über einander herziehen, um dann gleich wieder gemeinsam gegen die Eltern zu fronten, ist bezeichnend für die grandiose Regiearbeit von Simon Keller. Interfamiliäre Beziehungen glaubhaft darzustellen, ist schwieriger, als man glaubt, doch hier wurde alles richtig gemacht. Deshalb habe wir keine Zweifel daran, dass sich auch Philipp Malbec als zweiter Samuel hervorragend einfügen wird.

Applaus für Bühnenbild, Licht und Ausstattung
Die Kammerspiele Seeb sind an Schönheit so oder so schon nicht zu übertreffen und wir lieben es, dieses kleine, aber feine Theater zu besuchen. Auch diesmal waren wir überrascht, wie grossartig die kleine Bühne genutzt wird. Bis ins Detail wurde das Walliser Ferienchalet nachgebildet. Wir sehen ein Wohnzimmer mit offener Küche und einem Aufgang ins erste Obergeschoss. Die Wände aus grossen Steinen im Erdgeschoss sowie was weisse Holz im Obergeschoss lassen das Haus traditionell, aber auch modern wirken, ein Eindruck, der durch die Küche und die Überwachungsanlage verstärkt wird. Die Dekoration ist wunderschön und „heimelig“ mit Pflanzen, Familienfotos, Sportgeräten, Früchten, Mikrowelle, einer kleinen Bar mit Alkohol und Gläsern etc. Man könnte direkt einziehen.

Eindrücklich ist der Einsatz der Wanduhr, die immer wieder die dargestellt Zeit ändert, um zu zeigen, wie sie vergeht, wobei auch das Dimmen oder Ausschalten des Lichts beiträgt. Sehr begeistert waren wir auch davon, wie direktes und indirektes Licht verwendet wurde. So zaubert z.B. das durch’s Fenster fallende Scheinwerferlicht des ankommenden Autos entsprechende Reflexionen auf die Wände des Zimmers. Solche Detailliebe ist magisch. Auch der Blick durchs Fenster ist überraschend lebensecht. Grandios!
Durch Musik wird hin und wieder eine bestimmte Athmosphäre vermittelt. Wie die Kinder im 1. Akt Musik anmachen wollen, um die düstere Stimmung während des Wartens auf ihre Eltern zu vertreiben und eine höchst melancholischen Musik erklingt, ist humor- und effektvoll.
Auch das Kostümbild ist grandios. Wie erwartet, ist es wenig glamourös und wirklich zutiefst alltäglich. Besonders schön ist der Kleiderwechsel im Haus, als Anzug und Krawatte (Samy) gegen Turnhose und „I love Papa“- Shirt eingetauscht werden und Nathalie von Leder, Leo umd Boots zu Hoodie, Bandshirt, Turnhose und Socken wechselt. Jedem ist sofort klar, die Kinder sind zu Hause, wo alle Masken fallen. Entsprechend der Kleidung wird auf den Stühlen rumgelümmelt, wie wohl einst als Teenager.

Lohnt es sich Die lieben Eltern anzusehen?
Die lieben Eltern ist eine Mundart-Komödie über Familienzusammenhalt, Geschwisterliebe und pure Geldgier. Das Stück beleuchtet tiefgründig, aber auch mit Humor die Dynamik von Familie, Liebe und Geld. Es thematisiert die individuellen Platzierungen innerhalb der Geschwisterreihe, die Instabilität von Gefühlen und die verborgenen Facetten, die in jedem Menschen Wer also Freude an psychologischen Kammerspielen hat und ein Interesse an menschlichen Abgründen hegt, darf sich dieses spannende Stück auf gar keinen Fall entgehen lassen. Wir waren begeistert von dieser Inszenierung und dem professionellen Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mitteln, um das Publikum einen sehr intimen Blick in die Familie Breitenmoser werfen zu lassen, was nicht kalt lässt.
Zu sehen ist Die lieben Eltern wieder vom 19. März bis zum 1. Juni 2025 und Tickets gibt es hier zu bestellen.
Creatives & Cast
Cast
Jürg Breitenmoser: Ernst Sigrist
Ruth Breitenmoser: Suly Röthlisberger
Jonathan Breitenmoser: Reto Stalder
Nathalie Breitenmoser: Nadine Landert
Samuel Breitenmoser: Philippe Graber (ab 16.02. übernahm Philippe Malbec die Rolle)
Creative Team
Buch: Armelle & Emmanuel Patron
Übersetzung: Kim Langner
Mundartfassung & Regie: Simon Keller
Regieassistent: Philipp Malbec
Produktionsleitung: Urs Blaser
Bühnenbild: Vicky Dovat
Techn. Gesamtleitung: Henry Moderlak
Licht- & Bühnentechnik: Henry Moderlak, Thomas Gräser & Daniel Hostettler
Musik: Dennis Bäsecke-Beltrametti & Max Molling
Kostüme: Jana Bachl
Maske: Elena De Donno
Ein herzliches Dankeschön an die Kammerspiele Seeb, dieses wunderbare, humorvolle, aber auch zum Nachdenken anregende Stück sehen und rezensieren zu dürfen.




























