Willkommen im Berlin der 20er Jahre! vom 25.02. – 02.03.2025 wird im Theater 11 in Zürich getanzt, gesungen und dieses einzigartig prickelnde und faszinierenden Jahrzehnt, in dem alles möglich erschien und die Gesellschaft zwischen Weltwirtschaftskrise und ungebremster Vergnügungslust ein bisschen aus der Reihe tanzte, zelebriert. Mit glitzernden Paillettenkleidchen, kultigen Melodien wie Puttin’ on the Ritz, Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, Mackie Messer und Bei mir bist du schön darf das Publikum in eine Welt eintauchen, die der heutigen – vor allem in politischer Sicht, aber auch in ihrem Wunsch nach persönlicher Freiheit und Entfaltung – gar nicht so unähnlich ist. Ob Berlin Berlin nur eine inszenierte Motto-Party ist, oder allenfalls sogar als Mahnmal gesehen werden darf, erfahrt ihr hier.
Auch heutzutage führt kein Weg an den 20er-Jahre vorbei. Diese Zeit, die so kreativ, wild und experimentierfreudig war, gehört zu den beliebtesten Party-Themen und die Kultfiguren jener Zeit, wie Marlene Dietrich und Josephine Baker kennt auch so manch jüngere Generation noch. Der Showszene brachten die „roaring 20s“ einen nie dagewesenen Aufschwung, von dem sowohl die Boulevard- und Theaterwelt, als auch die Filmwelt profitierte.
Das Berlin der 20er Jahre war eine pulsierende Welt-Metropole, ein Hotspot und mit 3.9 Millionen Einwohnern, die drittgrösste Stadt der Welt. Sie war das Sinnbild der golden 20s voller Glamour, Luxus und überbordende Lebensgier. Dass es aber auch viel Arbeitslosigkeit, Unterernährung und enge Mietskasernen gab, wird gerne vergessen, oder unter den Tisch gekehrt. Und auch die im Hintergrund schwelende Gefahr in Form von faschistischen Gruppierungen, die – wie wir uns ungern erinnern – leider relativ schnell an Boden gewannen, darf man nicht vergessen. Dennoch denkt man lieber an das wilde, verruchte Berliner Nachtleben mit über 40 Theatern und 170 Variétés sowie unzähligen Lichtspielhäusern, das nach dem Elend des Krieges zum Feiern einlud. Mittendrin der Admiralspalast, das Haus Vaterland und das Varitétheater Wintergarten, auf deren Bühnen die grossen Stars das Publikum begeisterten. Aber auch Kleinkunst hatte ihren Platz und Bars, Nachtclubs, Weindielen und russische Teestuben waren gut besucht und luden ein, selbst das Bein zu schwingen und neue, umstrittene Tänze wie den Charleston zu lernen.
Berlin war schon immer bekannt für seine Weltoffenheit. In der Liebe wurde Freiheit neu definiert und Beziehungen über alle Geschlechtergrenzen weg offen gelebt. Travestielokale wie das Berliner El Dorado wurden zu Hotspots der Nacht. Auch heute noch gibt es in Berlin mehr Schwulen- und Lesbenlokale als sonst wo in Europa.
Selbstverständlich setzten die 20er-Jahre auch modetechnisch neue Massstäbe. auf einmal trugt die Frau von Welt Bubikopf und knielange Kleider, oder griff auch schon mal zur Hose. Die neue Freiheit wollte gelebt werden. Auch Drogen und Alkohol waren hoch im Kurs – vor allem das Modegetränk Absinth vernebelte so manch einem und einer den Kopf, doch in den 20ern war alles exzessiv und provokativ und Skandale waren gewünscht und an der Tagesordnung.

Berlin Berlin – Zeitzeugnis oder Apell?
Berlin Berlin – Die grosse Show der goldenen 20er-Jahre darf nicht mit anderen Musicals verglichen werden, WEIL es kein Musical ist. Das Creative Team hat sich seinerzeit ganz bewusst für die Revue-Form entschieden, da die Revue in den20er-Jahren das präferierte Form des musikalischen Unterhaltungstheaters war und die bis an hin bevorzugte klassische Operette des 19. Jahrhunderts ablöste. Das Zeitalter des Musicals, wie wir es kennen und lieben, wurde eigentlich erst 1957 mit der Uraufführung von Bernsteins Westside Story eingeläutet. Und die Idee für eine Show dieser Zeit das damals gängige Format zu wählen, ist so angebracht wie kreativ. Wer mit dem Begriff „Revue“ nicht vertraut ist, hier eine kleine Begriffserklärung: Im Gegensatz zum Musical, welches eine durchgehende Handlung hat, also eine Geschichte erzählt, ist eine Revue eine Aneinanderreihung von Einzelnummern. Diese können durch ein übergeordnetes Thema verbunden sein. Durch die Revue führt ein sogenannter Conférencier, der allerdings neben seiner moderierenden Tätigkeit auch Anekdoten erzählt oder Lieder beisteuert. Meist handelt es sich um eine sehr charismatische Persönlichkeit, die es schafft, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln, wie es bei Berlin Berlin definitiv der Fall ist.
Das Besondere an dieser Show ist, dass sie sich stetig weiterentwickelt. Die Version, die 2024/2025 auf Tour ist, ist nicht genau dieselbe, wie im Dezember 2019 bei ihrer Uraufführung im Admiralspalast in Berlin. Da die Revue aus der Gegenwart berichtet, werden immer wieder aktuelle Themen mit eingeflochten und auch die Wissensansammlung über die 20er-Jahre selbst ist nie abgeschlossen, denn immer wieder tauchen Zeitdokumente und Originalzitate auf, die in die Show eingeflochten werden, um immer originaler zu werden und vom Fiktionalen weg zu kommen.
Ganz Kluge Köpfe mögen bemerkt haben, dass die offiziellen „golden 20s“ mit dem Börsencrash zu Beginn der Weltwirtschaftskriese 1929 endeten, doch dann wäre der Show ausgerechnet ihr mit unter bleibender Moment entgangen, weshalb es ein dramaturgisch sehr kluger Schachzug war und den Bezug zur heutigen Zeit erst richtig spürbar macht, was der Show den Gehalt gibt, den sie verdient und somit nicht „nur“ unterhält.
Ein charmanter Conférencier, starke Frauenbilder und tolle Einzelleistungen
Berlin Berlin startet relativ unerwartet mit einem sehr eindrücklichen Moment, der hier nicht verraten werden möchte, aber bereits einen Vorgeschmack auf den 2. Akt bietet. Überdeckt wird dieser aber relativ schnell vom energiegeladene Puttin‘ on the Ritz, welches auch im Show-Trailer angetönt wird, und direkt mal sämtliche Tänzer*innen auf die Bühne holt und zeigt, was wir an den 20er-Jahren so lieben. Pailletten, Glitzer, ausgelassene Menschen, Diversität, Party pur! Hier merkt man auch direkt, was dieses Stück wirklich trägt und zwar ist es der grandiose Cast samt Ensemble, der mit einer solchen Spielfreude und Begeisterung bei der Sache ist, dass der Funkte einfach überspringt. Tänzerisch bleiben keine Wünsche offen, was bei so einer Show natürlich unverzichtbar ist. Im Zusammenspiel mit Bühnenbild und Lichttechnik lässt die Show die erste Bombe direkt zu Beginn explodieren, was in diesem Fall absolut richtig ist, um das Publikum in Stimmung zu bringen, da das Stück durchaus seine Längen hat, da klar wird, dass es sich hier nicht um eine vertonte Mottoparty handelt, sondern wirklich das Gesamtbild des Berlins der 20er-Jahre abgezeichnet werden möchte, selbst wenn sich die „Handlung“ (ja, eine kleine Handlung gibt es, die zwischen und manchmal auch währen der Nummern vorangetrieben wird, wenn auch teilweise mit etwas fragwürdigen Dialogen) massgeblich in einem Nachtclub – genau, dem Admiralspalast – abspielt, in dem Der Admiral das Sagen hat und auf Du und Du mit den ganz Grossen dieser Zeit ist, welche bei ihm ein und ausgehen. Mit Dragqueen und modetechnischem Zwitterwesen, halb Frau, halb Mann, wird auch direkt gezeigt, wie offen und modern denkend die Gesellschaft in den 20er-Jahren war, bevor sie praktisch wieder ins Mittelalter zurück geworfen wurde. Verkörpert wird diese fiktive Figur, die als Conférencier durch die Show führt und wirklich sehr präsent ist – am Premiere-Abend in Zürich von Tobias Licht, der Sein Licht (haha, Wortspiel!) wahrlich nicht unter den Scheffel zu stellen braucht. Ausgestattet mit einer fast schon animalischen und sehr starken Präsenz sowie einem starken, wohlklingenden Tenor Bariton überzeugt er von der ersten Sekunde an und überzeugt auch in der Interaktion mit seinen Bühnenkollegen und dem Publikum.
Ein Nachtclub ist ein Ort, wo die Tische reservierter sind, als die Gäste. Admiral

Liebevoll-neckisch ist auch der Umgang mit seinem Sidekick Kutte, einem Berliner Jungen, der Geld verdienen möchte und mit breitestem Berlinerisch immer wieder für Lacher sorgt. Mit Sebastian Prange hat man einen sehr erfahrenen Kutte an Bord, da er schon seit Dezember 2019 mit dieser Rolle auf Tour ist und sie definitiv auch geprägt hat. Sein komödiantisches Talent ist nicht zu übersehen und im Handumdrehen wickelt er das Publikum um den Finger und überzeugt auch am Klavier, wo er wiederholt eine „Eigenkomposition“, deren Refrain aus Lachen besteht, zum Besten gibt, was tatsächlich ansteckend ist.
Junge, Junge, Dummheit ist auch eine Gabe Gottes, aber man muss sie ja nicht so missbrauchen.
Admiral zu Kutte

Dennoch kommen wir nicht umhin zu sagen, dass wir auch unglaublich gerne Lucca Kleimann als Zweitbesetzung in dieser Rolle gesehen hätten, da auch er diesen jugendlichen Charme auf Knopfdruck beherrscht. Aber wer die Vorstellung am 27. Februar besucht, wird diesen Genuss kommen. Wir hingegen durften am 25. einmal mehr seine Wandelbarkeit bewundern. Während er in Puttin‘ on The Ritz (und im Verlauf des Stück immer mal wieder) als 1.84m- grosse Dragqueen im Paillettenkleid über die Bühne stolziert und sowohl seine Stimme, als auch seine Körpersprache überraschend feminin wirken lässt, stimmt er als Harald Paulsen den bekannten Gassenhauser Die Moritat von Mackie Messer aus Brechts und Weils bekannter Die Dreigroschenoper an und lässt das Publikum verwundert über seine komplett anders klingende Stimme zurück (so viel zum Thema Wandelbarkeit) um in Akt 2 dann als einer der Comedian Harmonists wohlklingende Harmonien zu singen, wie erwartet mit viel Humor. Überhaupt sind die fünf Jungs eines der Highlights der Show. Neben Lucca Kleimann durften wir hier Yannic Blauer, Kevin Dickmann, Samuel Franco (auch als Zwitterwesen Spitzenklasse!) !und Peter Fabig beim Präsentieren der bekannten Klassikern von Veronica, der Lenz ist da, über Ich wollt‘ ich wär ein Huhn und natürlich Mein kleiner Grüner Kaktus feiern. Und Ein Freund, ein guter Freund kriegt ganz zum Schluss in einer kurzen Reprise sogar noch einen melancholischen Anstrich.

Obwohl es sicher auch in den 20ern neben den Comedian Harmonists noch ein paar männliche Stars gab, liegt bei Berlin Berlin der Fokus stark auf den weiblichen Ikonen. Gut, gegen eine Marlene Dietrich und eine Josephine Baker kommt tatsächlich kein männlicher Star an. Marlene, die von Lena Müller verkörpert wird, mag nicht ganz dieselbe Stimme besitzen, kann mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme, die bei Gelegenheit ein sehr spannendes schnurrendes Vibrato hat, dass hervorragend zur unterkühlten Erotik der Dietrich passt, aber absolut überzeugen. So gibt sie Songs wie Johnny, wenn du Geburtstag hast und Ich bin die fesche Lola aus Marlenes Debut-Film Der blaue Engel zum Besten. Selbstverständlich darf auch Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt nicht fehlen und man ahnt, warum diese Frau in den 20ern eine solche Faszination ausübte. Bei Berlin Berlin sorgt sie unter anderem mit einer inszenierten Liebelei mit Anita Berber für einen kleinen Skandal. Die Berber, eine beeindruckende Persönlichkeit, die als Skandaltänzerin Erfolge feierte und sich in dieser Show mit frechen Sprüchen in rotzigem Berlinerisch und emanzipierten Reden Gehör verschafft und von Koks bis Absinth kein Suchtmittel auslässt, erwacht durch Jil Clesses Präsenz zum Leben. Mit Cabaret aus dem gleichnamigen Musical sorgt sie für ein Highlight der Show, da ihre Stimme an Kraft und Vielseitigkeit kaum zu überbieten ist. Beim Im Weissen Rössl-Medley überrascht sie sogar mit Jodel-Fertigkeiten. Wirklich eine tolle Künstlerin mit einer facettenreichen Stimme und starker persönlicher Ausstrahlung und Ausdruckskraft.
Berühmt werden im Berlin ist leicht. Berühmt bleiben, ist die Hölle.
Anita Berber

Die dritte im Bunde ist vor allem mit Bananen-Röckchen bekannt: Josephine Baker, die mit einem Mix aus Exotik, Kreativität und Leidenschaft Europa im Sturm eroberte und eine wahre Galleonsfigur der 20er-Jahre war. Dominique Jackson wirbelt über die Bühne wie ein Derwisch und ist eine der Künstlerinnen, die für ihre Leistung stark gelobt wird, was wir absolut nachvollziehen können. Was für eine Präsenz, was für ein 20s-Flair! Und dieser Stil! Tänzerisch, akrobatisch, gesanglich UnND darstellerisch absolut phänomenal, wird sie während der Performance Opfer einer rassistischen Attacke, was leider den Tatsachen entspricht. Josephine Baker war seit ihrer Kindheit Rassismus ausgesetzt, bewies aber viel Resilienz und war und 2. Weltkrieg sogar Résistance-Mitglied.

Der grossartige Peter Fabig (dies kann von Vorstellung zu Vorstellung wechseln), der eben noch als einer der Comedian Harmonists über Hühner und Kakteen sang, brüllt vom Zuschauerraum aus auf einmal faschistische Parolen und beschimpf Josephine als Affe. So manch einem Besucher muss in dem Moment, wie auch wir, schwer schlucken. Sein tiefer Bass-Bariton klingt bedrohlich und gerade zu angsteinflössend, wenn er langsam auf die Bühne zubewegt. Bei Berlin Berlin wird Josephine Baker von der gesamten Admiralspalast-Truppe beschützt und der Nazi in seine Schranken gewiesen zu Mein Herr aus Cabaret. Unser Gänsehaut-Moment und unser Show-Highlight schlechthin – aufregend, intensiv und auf seltsame Weise auch einfach schön, weil für diesen Moment jeder für jeden eintritt, um das Böse in Schach zu halten. Doch wie wir wissen, wird die ausgesprochene Drohung bald schon traurige Wahrheit.
Ich komme wieder, aber nicht alleine…
Nazi

Was fürs Auge und die Ohren
Ein bisschen erstaunt waren wir, dass wir vorab von den aufgezeigten Gegensätzen Berlins lasen, aber während des Stücks überhaupt nichts davon mitkriegten. Offensichtlich sollte man Armut und Luxus gleichermassen sehen, auf was wir sehr gespannt waren. Nach anschliessenden Recherchen wussten wir dann auch wieso: die negativen Seiten dieser Zeit wurden wohl oft am Bühnenrand eher im Dunkeln oder aber auf der Leinwand im Hintergrund dargestellt, während vorne die Post abging. Dank unserer Plätze im Flügel links aussen, konnten wir dies leider nicht wahrnehmen, da wir gerade mal den äussersten rechten Viertel der Bühne sehen konnten. Somit ging für uns natürlich ein grosser Teil der Message verloren, was bei einer detaillierten Kritik wirklich schade ist. Vom Bühnenbild konnten wir lediglich den rechten Rand einer zweiten Ebene und eine von zwei Showtreppen sehen, die mit warm leuchtenden Glühbirnen bestückt ist und ein bisschen an Freizeitpark erinnert. Der ganze optische Zauber von Berlin Berlin blieb uns aber leider verwehrt. Dies schmerzt uns sehr, da wir sehr gespannt auf das Bühnenbild von Conny Kraus waren.

Dennoch möchten wir festhalten , dass das, was wir von Matt Coles dynamischer Choreographie und der Umsetzung durch das hochtalentierte Ensemble sahen, wirklich grandios ist, wenn wir auch nie die gesamten Gruppenszenen sehen konnten. Die integrierte Charleston-, Swing- und Lindy Hop- Elemente geben der ganzen Show eine solche Fröhlichkeit und Leichtigkeit, dass man am liebsten gar nicht mehr fort, sondern einfach mittanzen möchte. Besonders in Erinnerung bleibt uns auch eine Choreographie, bei der Cocktail-Shaker mit einbezogen wurden. Alles wirkt sehr organisch und natürlich und fügt sich perfekt ins Geschehen ein.

Kostümtechnisch darf man sich auf Qualität freuen, denn darauf scheint Katia Convents besonderes Augenmerk gelegt zu haben. Dass es sich um die 20er handelt, ist leicht zu erkennen, aber die Kleidchen und Anzüge wirken nicht wie aus dem Fastnachtsversand, sondern original. Auch die Perücken (hier war Andre Gutzler am Zug) schreien mit ihren Wasserwellen 20s und wirken auch von Nahem nicht wie Perücken, sondern echte, hochwertige Haare. Auch in Sachen Kostüme soll man die Gegensätzen zwischen Luxus und Armut gut erkennen können. Mehr als den Mantel des Admirals, der gegen Ende kein bisschen glamourös mehr war, konnten wir leider nicht erkennen, da wohl auch dies ausserhalb unseres Sichtfelds angesiedelt war.

Speziell zu erwähnen, weil ganz besonders aufregend, ist, dass der Bananenrock von Josephine Baker in Berlin Berlin trägt, von Mine Vergès, der Designerin des Original-Kostüms selbst, neu entworfen wurde. Was für eine grandiose Hommage an diese legendäre Künstlerin.

Dass da eine achtköpfige Band, „Die Original Admiral Swing Boys“, am hinteren Bühnenrand unter der Leitung von Michael Lieb live für den richtigen und historisch akkuraten Bigband-Sound sorgen (was übrigens gar nicht so leicht ist, da die Spieltechniken von damals heutzutage nicht mehr unbedingt eingesetzt werden) sahen wir auch erst beim Finale, als wir uns erlaubten aufzustehen und für ein paar Fotos weiter nach vorne zu gehen. Ebenfalls sehr schade, dass wir davon nichts mitgekriegt hatten, denn eine sichtbare Liveband ist immer ein Zeichen für Qualität und die Integration ins Bühnenbild ein schöner und kreativer Einfall.
Musikalisch bietet Berlin Berlin eine schöne Auswahl der bekanntesten Songs der 20er-Jahre, die das Lebensgefühl dieser einmaligen Zeit aufs Beste widerspiegelt. Es wurde darauf geachtet, die musikalische Vielfalt einzufangen, die damals in Berlin herrschte, da vom Berliner Schlager über amerikanischen Jazz bis zur Vokalmusik der Comedian Harmonists alles aktuell war und diesen speziellen Sound bildete. Bei einigen Stücken konnten die Original-Arrangements praktisch unangetastet übernommen werden, da sie so bekannt sind. Andere Nummern wie Puttin‘ on the Ritz kriegten brandneue Arrangements im Stil des Originalsounds. Auf jeden Fall darf gesagt werden, dass die Musik grandios ist und einen fast von den Stühlen reisst.

Politische Botschaft und jede Menge Cabaret
Was einige Kritiken bemängelten, ist die deutlichen Parallelen mit Cabaret, einem Musical aus den 60er-Jahren, das in der Filmversion mit Liza Minelli unsterblich wurde. Angesiedelt in den 20er-Jahren zeigt es ebenso wie Berlin Berlin diese erschreckende Übernahme Deutschlands durch die Nazis auf, wodurch die vielfältige Kulturlandschaft (und alles andere natürlich auch) zerstört wurde. In Kombination mit gleich zwei Songs aus Cabaret, die durch ihren Stellenwert in der Show auch noch besonders in Erinnerung bleiben, ist dies durchaus nachvollziehbar. ABER, ist es verboten ein so wichtiges Thema, eines der schwärzesten Kapitel unserer Geschichte in mehr als einer Show zu thematisieren? Wir sagen ganz klar: Nein! Dramaturgisch wurde bei Berlin Berlin alles richtig gemacht und die beklemmende Stimmung, die gegen Ende des zweiten Akts erzeugt wird, ist wirklich eindrücklich und hätten wir nicht missen wollen. Mit riesiger Hakenkreuz-Flagge und hinter dem Vorhang angedeuteten erhöht positionierten Soldaten und den dazwischen stehenden Menschen, die ein schauerlich, hoffnungslos klingendes Irgendwo auf der Welt singen, kommt man wirklich nicht umhin, zu den sich aktuell die aktuell in Deutschland abzeichnenden politischen Strömungen Vergleiche herzustellen und sich vorzustellen, was passieren könnte…, wieder passieren könnte. Aber genau dies ist die Absicht der kreativen Köpfe hinter Berlin Berlin, denn dieses Stück ist wirklich nicht nur eine unterhaltsame, dynamische Revue, sondern hinterlässt Spuren.
Zum Glück wird man aber nicht in dieser Stimmung in die Freiheit entlassen. Zum Abschluss gibt es noch mal ein richtig, ausgelassenes Finale mit grandiosen Tanzszenen und Papierschlagen-Regen, das wir wie bereits erwähnt etwas weiter vorne stehend und Blick auf die gesamte Bühne verfolgten und somit auch noch ein bisschen das Gesamtkunstwerk bewundern konnten.
fÜR WEN IST Berlin Berlin sehenswert?
Berlin Berlin ist definitiv empfehlenswert für Besucher, die das Konzept der Revue gewohnt sind und es zu schätzen wissen, oder sich für Tanzshows begeistern können. Für Musical-Fans, die eine wirklich Handlung bevorzugen, ist diese eventuell etwas dürftig. Die Erwartungshaltung spielt sicher eine grosse Rolle. Definitiv sollte man sich KEINEN Platz links aussen buchen, sonst hat man nichts von der Show. Es erwartet einen nämlich eine dynamische, zum Nachdenken anregende Revue mit grandiosen Darstellern, einer mitreissenden Choreographie und toller Musik.
Sehen könnt ihr Berlin Berlin noch bis Sonntag 02.03.2025 im Theater 11 in Zürich. Und hier ist der Ticketlink: https://www.musical.ch/de/berlin-berlin
Cast & Creatives
Cast:
Der Admiral: Tobias Licht
Kutte: Sebastian Prange
Anita Berber: Jil Clesse
Marlene Dietrich: Lena Müller
Josephine Baker: Dominique Jackson
Comedian Harmonists: Samuel Franco, Yannic Blauert, Kevin Dickmann, Lucca Kleimann, Peter Fabig
Ensemble:
Resident Director, Swing: Michael Gugel
Dance Captain, Swing: Jay Albray
Theresa Weber, Jay Albray, Jack Buchanan, lzzy Cross, Ellie Cutler, Sonny Grieveson, Jordan Maisuria-Wake, Annis Rallis, Agnes Pure
Band und Creative Team
Die Original Admiral Swing Boys“:
Musikalische Leitung und Piano: Michael Lieb
Geige: Florentine Chiran
Schlagzeug: Ruben Diaz Cuchillo
Posaune: Thorsten Heitzmann
Bass: Robert Lindemann
Trompete: Diego Martfnez Ordifana
Banjo, Gitarre: Johannes Weik
Klarinette/Saxophon: David Romero Peralvarez
Creative Team:
Buch und Regie: Christoph Biermeier
Co-Autor: Thomas Lienenlüke
Konzept und Executive Producer: Martin Flohr
Musik-Arrangements und Co-Musikalischer Leiter: Richard Morris
Musikalische Leitung: Gary Hickeson
Kostümdesignerin des Originalkostüms von Josephine Baker: Mine Vergès
Kostümdesign: Katia Convents
Perücke und Maskenbild: Andre Gutzler
Choreographie: Matt Cole
Set Design: Conny Kraus
Sound Desing: Dan Samson
Licht- und Videodesign: Nick Richings
Stage Manager Kristina Perner
Technische Leitung Markus Klocker
Danke an Musical.ch für die Möglichkeit, diese Revue zu „sehen“ und zu rezensieren.



























