Wir sind die Neuen – Bernhard Theater

Wenn die Wohnungsnot in der Stadt Zürich drei Fast-Pensionierte dazu zwingt, gemeinsam eine WG zu gründen, klingt das nach richtig viel Spass, vor allem, wenn man weiss, dass sie in ihrer Jugend bereits zusammen gewohnt haben. Bis spät in der Nacht zusammen um den Küchentisch sitzen, Wein trinken, philosophieren, in Erinnerungen schwelgen und laut Musik hören, so stellen sie es sich vor. Doch nicht auf dem Plan standen die drei jungen Studenten in der Etage über ihnen, die kurz vor ihrem Abschluss nur Lernen und Schlafen im Kopf haben und mit der feucht-fröhlichen Senioren-Truppe so gar nichts anfangen kann. Dies ist Wir sind die Neuen, eine zauberhafte Komödie über Generationenkonflikte, die so anders daher kommen, als erwartet und 01.03. – 12.04.2025 den Spielplan des Bernhard Theaters in Zürich bereichert.

Dem einen oder anderen mag der Titel Wir sind die Neuen oder die Handlung bekannt vorkommen. Dies könnte daran liegen, dass es es einen gleichnamigen deutschen Film aus dem Jahr 2014 gibt mit Heiner Lauterbach, Gisela Schneeberger und Michael Wittenborn in den Hauptrollen. Seit dem 1. März 2025 darf man als neue Eigenproduktion des Bernhard Theaters die Bühnenfassung in Schweizerdeutsch bewundern. Unter der Regie von Daniel Rohr ist ein humorvolles, aber auch berührendes Generationen-Stück entstanden, das einige eher traurige Themen, wie Altersarmut, Krankheit und fehlendes generationenübergreifendes Verständnis thematisiert, ohne aufs Gemüt zu drücken.

Wenn Anna plötzlich auf der Strasse steht

Anna wird von einem Tag auf den anderen auf die Strasse gestellt.. Doch eine passable und vor allem bezahlbare Wohnung in Zürich zu finden, die wenigstens noch ein bisschen in Stadtnähe ist, ist eine Herausforderung. So beschliesst sie, Kontakt zu ihren Jugendfreunden aufzunehmen, um die damalige WG wieder aufleben zu lassen. Eddie und Johannes sind bereit dazu und schon wird eingezogen.

Ich han e Lischte gmacht mit allne, wo ich kenne, wo kei Geld, oder Partner hend und do sind ihr übrig blibe. – Anna

©leslynch.ch – Hanna Scheuring

Schnell stellt sich aber heraus, dass die Nachbarn über ihnen, drei Studenten, viel erwachsener sind, als sie in jungen Jahren und mit ihrer ausgelassenen Alt-Hippie-Art so gar nichts anfangen können, nein, sogar genervt davon sind. Denn diese stehen kurz vor dem Abschluss und haben grosse Ziele im Leben und dulden keine Störung. Ihre Regeln geben sie auch direkt bekannt. Sie möchten keinen Lärm und werden NICHT helfen, falls altersbedingte Probleme auftreten, da sie absolut keine Kapazität haben.
Die freche Oldie-Truppe lässt sich aber nichts diktieren und so beginnt man sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Dieser Generationenkonflikt führt zu zahlreichen humorvollen Situationen, die zeigen, dass die Generationen viel mehr voneinander profitieren können, als sie denken.

Hend ihr das Schuechäschtli gseh? Die hend Föteli vo de Schueh drufklebt, damit sie wüssed wele Schueh i weles Schachteli ghört… – Anna

©leslynch.ch

Altersarmut und fehlender Anstand

Wir sind die Neuen ist eins jener Stücke, die gnadenlos die Probleme der heutigen Gesellschaft ins Scheinwerferlicht rücken. Bereits Annas Monolog gleich zu Beginn lässt einem das Herz schwer werden, wenn wir, wie bereits erwähnt, erfahren, dass die lebenslustige Biologin in Frühpenison zusammen mit ihrer Katze Yoko von einem Tag auf den anderen aus „ihrer“ geliebten Stadtwohnung ausziehen muss. Anlass dafür ist Eigenbedarf. Denn die Wohnung, die ihrer Schwester gehört und alle Ansprüche von Anna erfüllt hat und in der sie bis dato wohnen durfte, wird per sofort von ihrer Nichte beansprucht. Ein Umstand, der einen Teil der Grundstimmung des Stücks ausmacht: Mitgefühl und Unglaube. Denn ein bisschen fragt man sich schon, wie man so in den Tag hinein leben kann in diesem Alter. Aber man muss halt auch sehen, dass dies eine andere Generation war. Von Beginn an bringt das Stück einen zum Nachdenken. Aber kein Grund zum Trübsal blasen, sehr rasch lacht das Publikum mit Anna über ihre aussichtslose Suche nach einer passablen Wohnung und freut sich dann auf die WG mit Eddie und Johannes, zwei Jungendfreunden, mit denen sie bereits als junge Frau eine Wohnung geteilt hat.

©leslynch.ch

Dies alles geschieht noch vor geschlossenem Vorhang und dies mit gutem Grund, denn sobald sich dieser öffnet, wird das Bühnenbild sichtbar und damit auch die drei Studenten, ihre künftigen Nachbarn von oben, was dramaturgisch perfekt ist. Und es ist schnell zu merken, dass mit denen nicht gut Kirschen essen ist, so verschlossen und konzentriert, wie da jeder auf seinem Stuhl sitzt und auf seinen PC oder sein Buch schaut, so ganz anders, als man sich einen „Jugendlichen“ vorstellt, wobei diese Vorstellung natürlich aus der eigenen Jugend herrührt. Natürlich gab es schon immer ernsthafte, verantwortungsvolle Jugendliche und es gab auch ausgelassene, gedankenlose Rentner, doch das Klischée ist halt ein anderes.

©leslynch.ch

Es werden Umzugskisten geschleppt (die bis dato am Bühnenrand standen – auch ein sehr schöner Einfall!) und miteinander rumgefrotzelt und laut Musik gehört. Johannes, der Anwalt kriegt auch ein bisschen sein Fett weg, da er sich von seinem alten Plunder nicht trennen kann. Und im Anschluss möchte man sich natürlich – wie es sich gehört – den Nachbarn vorstellen. Doch dieser Erstkontakt verläuft ziemlich frostig, so frostig, dass es richtig unangenehm ist, zumal wir alle mit einem gewissen Mass an Anstand und Respekt vor älteren Menschen erzogen wurden. Doch diese drei Jugendlichen halten nicht hinter dem Berg mit ihrer offenkundigen Abneigung für ihre neuen Nachbarn, die in ihren Augen so gar nichts erreicht haben, weder privat, noch beruflich. Ein erfolgreicher Mensch hat es im Alter schliesslich nicht nötig, mit anderen alten Menschen in eine WG zu ziehen. Dann hat man ja Geld und Familie – Dinge, die diesen drei Studenten sehr wichtig sind, auf die sie hinarbeiten und deshalb auch wie besessen lernen. Zudem möchten sie weder Hilfestellung leisten, bei altersbedingten Problemen, noch von deren lauter Musik gestört werden, denn sie haben keine Kapazität und sind entweder am Lernen oder am Schlafen, um wieder lernen zu können.

Mensch, arm sii, isch jo ganz romantisch  wenn me jung isch. Aber wenn me alt isch, isch es nume bitter. – Theo

©Bernhard Theater

Wo sehe ich mich selbst?

Schnell ertappt man sich bei der Frage, zu welcher Gruppe man sich selbst dazuzählt. Und in unserem Fall ist es keine von beiden. Wir sind weder so verbohrt wie die „alten Jungen“, noch so hyper wie die „jungen Alten“ und dies gilt wohl für die meisten. Um ehrlich zu sein, ist keine der beiden Parteien besonders sympathisch und das Zusammenleben mit jeder wäre eine Zumutung. Aber dies ist wohl genau die Absicht des Autors. Es geht nicht darum, eine Altersgruppe zu verteufeln, sondern eben aufzuzeigen, dass von aussen betrachtet, keine im Recht oder Unrecht ist, denn keine von beiden verhält sich „korrekt“ und wirklich gesellschaftstauglich. Jede einzelne Figur ist ein Mensch mit Fehlern, nur haben die einen bereits ein Leben gelebt und die anderen stehen gerade am Anfang und beide sehen ihre Ausgangslage als Rechtfertigung für ihr Verhalten. Wobei, man muss schon sagen, dass die Arroganz der Studenten grenzenlos ist. Aber die heutigen Erziehungs-Methoden können natürlich bereits in jungen Jahren zu einem Gefühl der kompletten Unbesiegbarkeit führen.
Auf jeden Fall ist man schockiert von beiden Gruppen. Senioren, die ständig Party machen und sich betrinken ohne Rücksicht auf Verluste sind genau so unangenehm wie Jugendliche, die nicht den geringsten Funken Respekt haben und ungeniert die offensichtlichen Schwachpunkte ihrer „Gegner“ unterstreichen, um sie zu verletzen. Da ist es dann auch komplett nachvollziehbar, wenn die Schadenfreude Einzug hält, wenn Theo einen Bandscheibenvorfall erleidet und auf Hilfe angewiesen ist, die ihm die beiden Mädels ohne Kapazität nicht gewähren können oder wollen.

Das tuet so guet, wenn me die lädierte junge Lüt gseht. – Johannes

©leslynch.ch – Severin Mauchle

Das Erkennen eigener Schwächen und Stärken

Im zweiten Akt nimmt die Story eine gewaltige Wendung, als die unbesiegbaren Jungen zu schwächeln beginnen. Sie kämpfen mit körperlichen Beschwerden, Liebeskummer und Überforderung und finden Hilfe und Verständnis bei ihren älteren Nachbarn, die im Angesicht der offenkundigen Notlage der Studenten einlenken und mit Lebenserfahrung das Ruder herumreissen. Auch wenn die Jungen ihre Überheblichkeit nur langsam ablegen können, ist es dennoch schön anzusehen, wie sie ihrem Alter entsprechend die angebotene Hilfe der „wirklichen Erwachsenen“ annehmen und mit deren Unterstützung auch ihre Krisen überwinden. Und die Oldies bemerken, dass sie noch immer gebraucht werden und übernehmen Verantwortung, statt sich einfach nur treiben zu lassen und der Vergangenheit nachzuhängen. Beide Generationen lernen auf ihre Weise, dass sie von einander profitieren können, denn wer jetzt jung ist, wird schnell älter werden und wer jetzt alt ist, war vor nicht all zu langer Zeit noch jung.

©leslynch.ch

Ein Ensemble mit Tiefgang und Humor

Ein solches Theaterstück lebt von seinen Darstellern, da es wirklich „menschelt“. Stolz, Eifersucht, Übermut, Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit, dies alles will dargestellt werden und möglichst so, dass das Publikum es wirklich nachvollziehen kann. Und bei diesen sechs Darsteller*innen hat das Bernhard Theater wirklich ins Schwarze getroffen. Neben der wunderbaren Hanna Scheuring, die Anna trotz, oder gerade wegen ihres zarten Äusseren eine ungeheure Präsenz und Eindringlichkeit verleiht und das Publikum von Beginn an ihre Not spüren lässt, ohne ins Melodramatische abzudriften, sondern sehr geerdet und empathisch wirkt (unter anderem auch in ihrer Liebe zu Tieren), erleben wir auch einen grandiosen László I. Kish, der als Eddie im Alter eine starke Verletzlichkeit aufweist, was sich besonders schön während eines Telefongesprächs zeigt (zitternde Hände inbegriffen). Die Erkenntnis, nicht unsterblich zu sein, verleiht der Figur eine schöne Tiefe, die sich durch das Stück zieht. Die Dynamik und Anziehung zwischen diesen beiden Figuren ist sehr zärtlich und melancholisch und bringt einige sehr schöne, aber gewollt undramatische Momente hervor, die wie kleine Inseln in dem sehr turbulenten, spannungsgeladenen Stück wirken. Der Dritte im Bunde, Johannes wird von Klaus Hemmerle verkörpert. Dass er eigentlich nicht wirklich zur Truppe passt, ist durchwegs zu spüren, da es sich um einen sehr eigenen Charakter handelt. Doch die Not hat sie zusammen gebracht und Johannes versucht immer wieder, seine Mitbewohner zu Aktivitäten zu bewegen, die ihm am Herzen liegen – meist erfolglos. Seine Entwicklung im 2. Akt hin zu mehr Selbstbewusstsein ist wunderschön dargestellt und Klaus Werner vermag diese spezielle Type mit all seinen Facetten zum Leben zu erwecken.

@leslynch.ch

Die unausstehlichen Studenten sind aber nicht minder spannend besetzt. Aline Beetschen brilliert als unterkühlte, aber bald schon sehr überforderte Barbara, die sich durch den juristischen Paragraphen-Jungle kämpft und unter zu gehen droht, dann aber in Johannes einen Tutor findet. Mit viel Feingefühl dosiert die Jungdarstellerin die aufkommende Schwäche, ohne all zu schnell von ihrer arroganten Schiene abzuweichen, was die Spannung auf einem hohen Level hält. Anders als die sehr emotionale Kathrin (Jara Bihler), die sehr schnell explodiert und ihren, für ihr Alter völlig normalen, ihrem respektlosen, über-erwachsenen Image aber nicht ganz entsprechenden, Gefühlen schnell nachgibt und alle, wirklich alle lautstark an ihrem Liebeskummer teilhaben lässt und diesem mit wiederkehrenden Gesangseinlagen (Someone like you von Adele) Ausdruck verleiht und für einen Running Gag sorgt. Theo, der wie ein Schnösel aus besserem Hause wirkt, aber ebenfalls keinen Wert auf Anstand legt, entwickelt sich unter Annas Fürsorge zurück zum Muttersöhnchen, das umsorgt werden will. Severin Mauchle lässt seine Rolle mit seinem nuancierten Spiel glänzen und fasziniert nachhaltig.

Hend ihr das jetzt klärt, ob ihr im 21. Jahrhundert Internet bruched und wer mit wem vor 500 Johr gschlofe het? – Barbara

©leslynch.ch – Alina Beetschen und Severin Mauchle

Das gesamte Ensemble schafft eine zunächst herrlich unangenehme, zu guter Letzt aber von gegenseitigem Verständnis geprägte, leichte, harmonische Atmosphäre und nimmt das Publikum mit auf eine Reise.

©Bernhard Theater

All die wichtigen Details

Wie bereits erwähnt, bietet das Bühnenbild von Gabor Nemeth nach dem Öffnen des Vorhangs direkt einen tiefen Einblick in die Charaktererisierung der Studentengruppe. Auch, dass die Studenten in der oberen Etage wohnen, wirkt durchdacht. Die obere Etage wirkt trotz Alltbau-Design offener und moderner durch die blaue Farbe, während die untere Wohnung dank Muster-Tapeten altmodischer erscheint. Verbunden sind die beiden Etagen durch eine Treppe, allerdings ohne Türen. Denn dies Klopf- , Klingel- und Quitschgeräusche werden vom jeweiligen Darsteller mit der Stimme nachgeahmt, was zunächst überrascht, im Verlauf des Stücks aber zu einem willkommener Gag wird, über den man sich immer wieder freut.

Bernhard Theater

Musik spielt eine nicht unerhebliche Rolle, da die Songs aus der Jugend der Oldie-WG das Lebensgefühl dieser Zeit wieder aufleben lassen und Beim Finale sogar noch gesungen werden. Ein bisschen wird sogar getanzt und zuständig für die Choreographie zeichnet sich Tiziana Cocca.

Erneut wird die besondere Architektur des Bernhard Theaters genutzt und die Bühne in den Publikumsraum hinein erweitert. Die Dardteller*innen nutzen alle Möglichkeiten und gehen durch den Raum, was eine herrliche Publikumsnähe schafft.

©leslynch.ch

Wer sich Wir sind die Neuen ansehen sollte

Der Generationen-Konflikte und all die Themen, die angesprochen werden, sind für jeden von uns wichtig. Deshalb kann man behaupten, dass dieses Stück für jeden etwas sein könnte, der mit Schauspiel etwas anfangen kann. Sicher könnte es auch eine Bereicherung sein, dieses Stück als Familie zu besuchen, mit Grosseltern, Eltern und Kindern (aber nicht all zu jung). Das Zwei-Generationen-Ensemble holt das jüngere und ältere Publikum gleichermassen ab und auch diejenigen, sich dazwischen befinden, können ihre Lehren ziehen. Aber die grandiosen Darsteller, das unterhaltsame Buch und all die liebevollen Details sorgen für einen Theaterabend, der in Erinnerung bleibt. Wir hatten viel Spass, konnten aber auch das eine oder andere für uns mitnehmen, weil uns vieles auf tiefer Ebene berührte. Wir sind die Neuen ist fraglos ein Stück, das wir von Herzen empfehlen können.

Cast & Creative Team

Cast:
Hanna Scheuring
László I. Kish
Klaus Hemmerle
Aline Beetschen
Jara Bihler
Severin Mauchle

Creative Team:
Autor: Ralf Westhoff
Theaterfassung: Juergen Popig
Schweizerdeutsche Dialektfassung: Hanna Scheuring
Regie: Daniel Rohr
Regieassistenz / Abendspielleitung: Gianni Pfister
Produktionsleitung: Esther Friederich
Bühne: Gabor Nemeth
Choreographie: Tiziana Cocca
Technik: Jordi Ricciardi, Jered Ricciardi, Lukas Müllner, Moritz Wissmann


Ein herzliches Dankeschön an Hanna Scheuring vom Bernhard Theater, dass wir dieses zauberhafte Stück sehen und rezensieren durften.


©leslynch.ch – Klaus Hemmerle und Aline Beetschen
©leslynch.ch
©leslynch.ch – Laszo I. Kish und Aline Beetschen
©leslynch.ch – Klaus Hemmerle und Laszlo I. Kish
©Bernhard Theater
©leslynch.ch – Hanna Scheuring
©leslynch.ch – Jara Bihler
©Bernhard Theater
©leslynch.ch – Klaus Hemmerle
©leslynch.ch
©leslynch.ch
©leslynch.ch
©Bernhard Theater
©leslynch.ch
©leslynch.ch – Severin Mauchle und Aline Beetschen
©leslynch.ch – Hanna Scheuring
©Bernhard Theater
©leslynch.ch – Hanna Scheuring und Klaus Hemmerle
©leslynch.ch – Jara Bihler und Laszlo I. Kish
©leslynch.ch – Laszlo I. Kish
©leslynch.ch
©leslynch.ch – Hanna Scheuring

Kommentar verfassen