Vier werden Eltern – Shake Company

Ist es ein Menschenrecht, Kinder aufzuziehen, selbst wenn die dafür vorgesehenen Körperteile bei einem Paar nicht kompatibel sind oder eines der „Geräte“ nicht die entsprechende Leistung zu erbringen vermag? Darf der Kinderwunsch über die Beziehung gestellt werden? Und ist unser Bild von der perfekten Familie komplett veraltet?
Vier werden Eltern ist eine Komödie über Kinderwunsch und Regenbogenfamilien, geschrieben von Roman Riklin und Michael Elsener. Das Stück feierte im Januar 2023 im Theater am Hechtplatz in Zürich seine Uraufführung und ist wegen grosser Nachfrage noch bis Ende Mai 2025 erneut zu sehen, diesmal aber auf der Comedy Bühne Weisser Wind.

Es kommt relativ selten vor, dass wir ein Stück besuchen, bei dem wir unsicher sind, ob es uns tatsächlich gefallen würde. Dies kann Zum Beispiel daran liegen, dass wir bei gewissen Themen etwas übersättigt sind, da sie immer und immer wieder in den Fokus gerückt werden. Und bei diesem Stück war es tatsächlich ein bisschen der Fall. Wir freuen uns aber umso mehr, wenn wir positiv überrascht werden.

Vier werden Eltern war das erste Theaterstück, an dem Michael Elsener als Autor beteiligt war. Zusammen mit Roman Riklin war es ihm ein Anliegen, ein völlig neues, gesellschaftlich relevantes Stück zu entwickeln und keine ausländisches zu adaptieren. Als im Umfeld der Autoren das Thema Familiengründung zur Sprache kam, war die Idee geboren. Die Komödie thematisiert aktuelle und kontrovers diskutierte Fragen wie Co-Elternschaft, Leihmutterschaft und künstliche Befruchtung. Das Publikum soll zum Nachdenken über neue Familienmodelle angeregt werden, aber alles auf intelligente und humorvolle Weise, was bei solchen Themen durchaus ein Drahtseilakt ist.

Kontroverse Möglichkeiten, zu einem Kind zu kommen

Die Stimmung zu Beginn des Stücks ist ist sehr entspannt und die Kleinigkeiten und Nichtigkeiten, welches Gericht wie gekocht wird und wer wann zu Hause ist, die zwischen Nico und Janosh, einem zauberhaften schwulen Paar, ausgetauscht werden, wähnt einen in einer harmlosen Situation. Man spürt ihre Vertrautheit und erfährt, dass sie Gäste zum Abendessen erwarten, weshalb sie was Leckeres zaubern möchten. Als Binija und Samy eintreffen, wird anhand des Begrüssungs-Rituals von Nico und Binja schnell klar, dass die beiden eine tiefe, langjährige Freundschaft verbindet. Das Gastgeschenk, ein Römertopf, den Nico und Janosh bereits besitzen, lässt darauf schliessen, dass das befreundete Paar regelmässig zu Besuch ist. Doch dann beginnt die Stimmung zu kippen, als die Sprache auf den Kinderwunsch der beiden Paare kommt. Binija und Samys Vorgeschichte handelt von jahrelangen Versuchen mittels künstlicher Befruchtung schwanger zu werden, was allerdings an Samys Fruchtbarkeitsstörung scheiterte, weshalb sie, auch um Binija weiteren Schmerz zu ersparen, die Familienplanung auf Eis gelegt haben. Janosh und Nico hatten mit anderen Problemen zu kämpfen, denn ihr Adoptionsantrag wurde von den zuständigen Behörden abgelehnt. Somit ist das Thema Kinder für alle vier Anwesenden ein echtes Wespennest. Um so überraschender scheint die synchron von Nico und Janosh gestellte Frage:

Chönnted ihr eu vorstelle, vo üs schwanger z’werde?
Nico und Janosh

©leslynch.ch – Dominik Widmer und Sebastian Krähenbühl

Während Binija nicht komplett abgeneigt ist, blockt Samy direkt, einerseits aus Sorge um Binija, andererseits findet er es einfach krank. Dennoch lässt er sich breitschlagen, die Idee einfach mal gedanklich durchzuspielen, was mit Hilfe einer ordentlichen Menge Gin auch sehr interessante Ergebnisse bringt. Eine anonyme Samenspende für ein offizielles Kind für das Hetero-Paar kommt für Janosh auf keinen Fall in Frage, ihm schwebt eher eine Co-Elternschaft vor, da auch er sich schon so lange ein Kind wünscht. Auch die Möglichkeit zwei Kinder zu zeugen, wird diskutiert, was für jedes Paar ein eigenes bedeuten würde. Im Laufe des Abends werden die Ideen immer wilder und es wird eine Kinderquizz veranstaltet, in der Namen, Beruf, zu erlernendes Instrument etc. bestimmt werden.

Als Binija darauf besteht,das Kind auf natürlichem Weg zu zeugen, ist für Samy der Spass aber vorbei und auch Janosh, der als erstes als Samenspender fungieren sollte, kriegt Schwierigkeiten, sich das Ganze vorzustellen, weshalb nur noch Nico übrig bleibt. Als offensichtlich wird, dass Binija „es“ an diesem Abend durchziehen will und es sich nicht mehr rein um ein Brainstorming handelt, eskaliert die Situation.
Dennoch raufen sich alle zusammen und die vier landen im Schlafzimmer, wo der Plan umgesetzt werden soll, unterbrochen von ständigen Störungen seitens Samy. Und dann platzt die Bombe…

©Christian Knecht – vasistas.ch

Ein voyeuristisches Vergnügen mit Tiefgang

Ein Grossteil des Charmes dieses Stücks baut auf dem natürlichen Voyeurismus von uns Menschen auf. Es ist ein unheimlicher Spass, nicht nur einen Blick in die Beziehungen der Protagonisten, sondern unter dem Deckmantel der Kultur sogar in deren Schlafzimmer zu werfen hautnah dabei zu sein, wenn sich Dramen abspielen. Themen wie Co-Elternschaft, Künstliche Befruchtung, oder Leihmutterschaft, die in der Regel nur betroffene Paare kennen und die explizite Auseinandersetzung mit neuartigen Familienmodellen anhand eines „echten“ Beispiels sind schon spannend. Hinzu kommen die kleinen schmutzigen Geheimnisse, wie z.B. Janoshs und Nicos einseitig offene Beziehung, die Nico zwar akzeptiert, aber verletzt, oder auch die ehemalige kurze Jugendbeziehung von Nico und Binija bis hin zu harmloseren Themen, wie verrückten Kosenamen.

©leslynch.ch – Florian Butsch, Michèle Hirsig und Dominik Widmer

Aber es ist auch wieder einmal ein Augenöffner, wie bestimmte Paare unter ihrer Kinderlosigkeit leiden, weil gerade die Behörden eine Adoption unter gewissen Umständen unmöglich machen. Natürlich soll dies im besten Interesse des Kindes sein, aber die Unfähigkeit, eigene Kinder zu zeugen, aus welchem Grund auch immer, wird dadurch natürlich bestraft. Auch wenn wir uns jetzt etwas weit aus dem Fenster lehnen, da wir in unserem Blog nicht gerne Stellung zu solchen Themen beziehen, macht man sich aber natürlich schon seine Gedanken darüber, dass es Kinder gibt, z.B. in Heimen, die in einer, aus irgendeinem Grund als nicht ganz perfekt eingestuften, Familie ein liebendes Zuhause finden könnten, was ihnen aber verwehrt bleibt.

Die sehr unterschiedlichen und auch nachvollziehbaren Reaktionen der einzelnen Figuren lässt das Publikum eine sehr direkte Verbindung aufbauen und man fiebert bald schon mit den Vieren mit. Diese Publikumsnähe gründet neben dem hervorragenden Buch, der originellen und intelligenten Texte und der offenkundig sensationellen Regie-Arbeit von Alexander Stutz, vor allem auch im natürlichen Spiel der Darsteller. Die vier, sehr unterschiedlichen Charaktere, wirken nicht abgehoben oder gekünstelt, sondern, als ob sie sich im echten Leben genau so verhalten würden. Diese Authentizität baut Vertrauen auf und echte Sympathie. Binija z.B., die für uns persönlich etwas zu wild und aufgedreht wirkt, für viele aber wahrscheinlich etwas zu sehr geniesst, Henne im Korb zu sein und deswegen nicht ganz alle Sympathien auf ihrer Seite hat, besonders nicht, als sie ihren Samy im Übermut der Möglichkeit, Mutter zu werden, opfert, wirkt anschliessend so verloren und unglücklich, als ihr bewusst wird, was sie getan hat, dass man sie am liebsten in den Arm nehmen würde. Michèle Hirsig verleiht dieser Rolle eine Zartheit und gleichzeitig eine amazonenhafte Stärke, die uns das gesamte Spektrum dieser hoffnungsvollen und resilienten Frau spüren lässt.

Blibsch au bi mir, wenn ich es Chind ufzieh vomene andere Maa, Nüdeli?
Binija zu Samy

Samy, einer unserer Lieblings-Charaktere, der vom wunderbaren Florian Butsch verkörpert wird, macht die grösste Entwicklung durch. Als eher „normaler“ Mann, der unter seiner Unfähigkeit, ein Kind mit der Liebe seines Lebens zu zeugen, leidet, wird er vor eine echte psychische und emotionale Herausforderung gestellt und muss seinen Stolz und seine Eifersucht einem kollektiven Traum opfern, was ihm alles andere als leicht fällt. Die Intensität, die Florian Butsch beim Unterdrücken seiner wahren Gefühle entstehen lässt, ist fast schon körperlich fühlbar ebenso wie die nuancierte Darstellung seiner Überforderung, vor allem auch mit dem Wissen, dass er er selbst ein Mal untreu war. Aber auch seine Gesangseinlagen, die den Bettsport der drei anderen stören, sind grandios und führt einem die Verrücktheit dieser Aktion immer wieder vor Augen.

Hüt oder nie! Ei Mol mit dinere beste Fründin schlofe!
Binija zu Nico

Hani öpis verpasst? De Übergang vo Gedankespiel zur Realität?!
Samy

Nico, ebenfalls ein eher aufgedrehtes Kerlchen, der im Zusammenspiel mit Binija die Energie eines Dynamos entwickelt, die ihm bei seinen Kinderquizz-Tanzeinlagen zu Gute kommt, zeigt bei Janosh seine ruhige, gefühlvolle Seite. Vor allem sein Schmerz, wenn es um Janoshs Affären geht, vermag Dominik Widmer mit viel Sensibilität darzustellen, ebenso wie der Versuch, dieses Thema möglichst zu meiden, weil er eben weiss, dass es ihn verletzt. Auch seine Unruhe und seinen Drang, dieses grosse Geheimnis, das er, wie sich im Laufe des Stücks herauskristallisiert, mit Binija teilt, preiszugeben, teilt er ungefiltert mit dem Publikum.

Zwei Wohnige nebendenand und dezwüsche het’s e Türe, wo’s Chind cha durechrüche und jedes Johr mached mir’s chli grösser.
Nico

Sebastian Krähenbühl als Janosh, der sicher nicht die leichteste Rolle hat, da nicht viele Menschen, eine offene Beziehung anstreben (oder dies zugeben würden), agiert dennoch als Sympathieträger, was definitiv für die Fertigkeit des Schauspielers spricht, vielschichtige Charaktere ganzheitlich darzustellen. Janoshs Drang nach Abwechslung gründet jedoch eventuell auch in seinem Mangel an echten Aufgaben in seinem Leben, weshalb er wirklich gerne Vater werden würde. Auch rührt sein liebevoller – und sehr glaubwürdiger – nicht nur physischer Umgang mit seinem Lebenspartner und die stolze Präsentation seines Spermiogramms ist eine echte Show.

Es cha doch nid mini Lebensufgob si, Illustrationen für Idee vom Hundecoiffeur z’mache.
Joshua

Viel wichtiger, als die Einzelleistungen der vier Darsteller ist aber das Zusammenspiel und der Aufbau von Spannungen und Beziehung zwischen einander und dies gelingt ihnen mit Bravour. Sei es im Streit, beim Blöden, Diskutieren oder im gegenseitigen Anschweigen, die Spannung zwischen den Akteuren steigt parallel zum Pannungsbogen des Stücks. Grandios!

Ein modernes Bühnenbild mit flexiblen Bühnenelementen

Sehr angetan waren wir vom Bühnenbild von Simon Scmidmeister, das modern und innovativ, aber auch mit viel Detailliebe von Carmen Weirich (Ausstattung) begeistert. Es besteht aus einer grossen Neonröhren-Form in Form eines Hauses, die von von den Besuchern aus Spass mit einer Happy-Birthday-Dekoration, die irgendwo herumliegt, aufgepeppt wird (etwa ein Hinweis?), Bücherregalen mit vielen Details und Einrichtungsgegenständen, einer Kleiderstange, die zudem die Tür zu einem anderen Raum ist und einer Kommode. Das Herzstück des Bühnenbildes sind aber die grossen Bauklotz-artigen Elementen, die zu Beginn als Bar fungieren, dann zum Sofa umgestellt werden, frei im Raum stehen und schlussendlich zum Bett zusammengeschoben werden. Dies wirkt dynamisch und experimentierfreudig, da die Darsteller die Elemente selbst umstellen, was wunderbar zur Thematik des Stücks passt durch das stimmungsvolle Lichtdesign eine spannende Tiefe erhält.

©Christian Knecht – vasistas.ch

Sehr viel Eindruck hinterlassen auch die akustischen Gewittereffekte zu Beginn der beiden Akte. Was für eine originelle Art, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Bühne zu lenken. Dass während des gesamten Abends schlechtes Wetter ist, wird nicht vergessen, auch nicht, als Samy überstürzt die aufgekratzte Runde fluchtartig verlässt. Denn als er zurück kehrt, ist er im wahrsten Sinne des Wortes ein „begossener Pudel“, aber gerade nur so, wie es realistisch ist. Auch sein Hemd, das er unter der offenen Jacke trug ist nur dort nass, wo der Regen es benetzen konnte. Wirklich hervorragend mitgedacht und umgesetzt.
Kostümtechnisch bleibt man im Bereich des Alltäglichen, wobei Nico mit extravagantem Hemd durchaus ein Blickfang ist und die buntgemusterten Socken von Nico und Binija wirken wie ein geheimes Bindeglied.

Musikalisch bleiben vor allem die überraschenden Einspieler von Siri in Erinnerung, aber auch die verzweifelten Versuche, sich musikalisch für das geplante Stelldichein in Stimmung zu bringen, wo die Geschmäcker deutlich auseinander gehen. Siri mutiert so oder so zu einem willkommenen Nebendarsteller, der immer wieder für herrlich unpassende Unterbrüche sorgt oder sogar mal die Stimmung rettet. Ein grandioser Einfall, ebenso wie die angedeutete Velofahrt zu Beginn des Stücks. Hut ab vor Dominik Widmers Bein- und Bauchmuskeln, die er beim Fast-Strip dann auch gekonnt präsentiert.

Heiligi Muetter Maria!!
Joshua

Die heilige Mutter Maria ist die Mutter Jesu, der die Menscheit von der Erbsünde befreit hat.
Siri

Wer sollte sich Vier werden Eltern ansehen?

Da dieses Stück auf humorvolle, aber auch sensible Weise aktuelle und kontroverse Fragen thematisiert, die aus Gründen der Toleranz jeden etwas angehen, ist dieses Stück für Erwachsene jeder Gesinnung empfehlenswert, da es motiviert, um die Ecke zu denken und offen zu sein für andere Denk- und Lebensweisen. Wir leben in einer Zeit, die gesellschaftlich, medizinisch und technisch so viele Möglichkeiten bietet, dass es eine Schande wäre, alleine aus Borniertheit Menschen nicht zu gönnen, glücklich zu werden, selbst, wenn es nicht unseren Vorstellungen entspricht.
Vier werden Eltern ist wirklich ein Stück, das uns auf ganzer Länge überzeugt hat und das wir von Herzen empfehlen. Zu sehen ist es noch bis Ende Mai auf der Comedy Bühne Weisser Wind in Zürich und Tickets gibt es hier: https://shakecompany.ch/vier-werden-eltern/

Cast & Creatives

Samy: Florian Butsch
Binija: Michèle Hirsig
Janosh: Sebastian Krähenbühl
Nico: Dominik Widmer

Buch und Texte: Roman Riklin und Michael Elsener
Regie: Alexander Stutz
Ausstattung: Carmen Weirich
Bühnenbild und Lichtdesign: Simon Schmidmeister
Die Produktion ist eine Zusammenarbeit der Shake Company mit dem Theater am Hechtplatz und den Kammerspielen Seeb.


Ein herzliches Dankeschön an die Shake Company, dass wir dieses aussergewöhnliche Stück sehen und rezensieren durften. Wir haben es sehr genossen und viel für uns mitgenommen.


©leslynch.ch – Florian Butsch
©leslynch.ch – Sebastian Krähenbühl
©leslynch.ch – Dominik Widmer, Michèle Hirsig und Florian Butsch
©leslynch.ch – Dominik Widmer
©leslynch.ch – Dominik Widmer und Michèle Hirsig
©Christian Knecht – vasistas.ch
©Christian Knecht – vasistas.ch
©Christian Knecht – vasistas.ch
©Christian Knecht – vasistas.ch
©Christian Knecht – vasistas.ch
©Christian Knecht – vasistas.ch

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