Was wie der Titel eines Heimatfilms aus den 1950er klingt, ist eine zutiefst romantische Erzählunge Heinrich von Kleists und gehört zu den Klassikern der deutschen Literatur. Bei Konzert und Theater St. Gallen wird die Liebesgeschichte zwischen dem unschuldige Käthchen und Friedrich Wetter Grafen von Strahl noch bis zum 5. Juni 2025 in einer enstaubten und visuell höchst anregenden Version gezeigt, die das Publikum in Käthchens zeitlose Traumwelt eintauchen lässt.
Der eine oder andere wird es während seiner Schulzeit in Form eines gelben Reclam-Büchleins gelesen haben: Das Käthchen von Heilbronn. Während man als romantisch verklärter Teenager die Beweggründe dieses Mädchens nachvollziehen konnte, verschwindet das Verständnis für die beinahe schon unangenehm anmutende Stalking-Aktion mit voranschreitendem Alter. Dennoch kommt man nicht umhin, der bedingungslosen Liebe und Hingabe dieser jungen Frau, wie sie bei Konzert und Theater St. Gallen erzählt wird, zu erliegen, selbst wenn die Mehrheit der emanzipierten Frauenherzen des 21. Jahrhunderts sich vehement dagegen wehrt.
Käthchen und der Traum der grossen Liebe
Wenn man als 16-jähriges, unschuldiges Mädchen in der Silvesternacht die grosse Liebe prophezeit kriegt und einem im Traum das Gesicht des Zukünftigen erscheint und dieser dann auf einmal leibhaftig in der Werkstatt des Vaters vor einem steht, kann man schon mal an Vorsehung glauben. Wenig verwunderlich also, dass das hübsche, natürliche Käthchen ihrem Ritter in glänzender Rüstung folgen muss, komme, was da wolle, egal wohin und selbst, wenn dieser nicht nur irritiert ist, sondern sich sogar richtig belästigt fühlt. Dies könnte daran liegen, dass Friedrich Wetter Graf vom Strahl einem eigenen Traumbild hinterher jagt, nämlich der Kaisertochter, die ihm ebenfalls in der Silvesternacht im Traum erschienen ist und die Tochter des Schmieds kann das ja wohl nicht sein.
Doch Käthchen gibt nicht auf uns beweist ihre Liebe wieder und wieder und besteht sogar die berühmte Feuerprobe, die ihr von Kunigunde, die Friedrichs Braut werden soll, aufgetragen wird. Denn Käthchen scheint einen Schutzengel zu haben, der ihr zur Seite steht und der wohl auch möchte, dass ihre wahre Identität ans Licht kommt und sie zu einer standesgemässen Partie für Friedrich wird, damit das Paar glücklich bis an ihr Lebensende sein kann… Oder etwa doch nicht?

Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt – Ein Bühnenbild zum Träumen
In der St. Galler Inszenierung dieses romantischen Ritterspiels läuft Käthchen durch eine durch und durch traumhafte Welt, deren Element oder Zustand sich im Laufe der Zeit ändert, denn dieses Käthchen läuft nicht nur ihrem Ritter hinterher, sondern direkt durch Raum und Zeit, wobei die verschiedenen Epochen visuell unterschiedlichen „Elementen“ zugeordnet sind (Mittelalter: Wald/Erde, Barock: Eis/Schnee, Romantik: Feuer, 20er Jahre: Wasser). Es ist gerade zu überwältigend, was Regisseurin Anna Bergmann (Inszenierung und Bühne) zusammen mit Sophie Lux (Video), Lane Schäfer (Kostüm) und Alex Gahr (Bühne) im Grossen Haus von Konzert und Theater St. Gallen erschaffen hat. Der Klassiker hat einen modernen Anstrich erhalten, indem alles Überflüssige weggelassen wurde, bis nur noch die Essenz übrig war, um diese dann neu aufzubauen und mit fantastischen Elementen so richtig zum Leuchten zu bringen. Der Zuschauer wird während 150 min (inkl. Pause) immer tiefer hineingezogen in diesen Mikrokosmos aus Bewegung und Gefühl und hat beinahe Probleme, zur Pause wieder heraus zu finden, weshalb es auch sehr angenehm, aber auch etwas verwirrend ist, dass die Pause schleichend beginnt und endet.
Auch wenn Bühnenbild und Ausstattung bei uns in der Regel nach den Darstellern und bestimmten Thematiken behandelt werden, kommt man beim St. Galler Käthchen nicht darum herum, zuerst das Bühnenbild zu betrachten. Wer sich, wie wir, gerne Plätze in den vorderen Reihen schnappt, wird beim Betreten des Zuschauerraums direkt erstaunt sein. So hat man keinen Orchestergraben vor sich, sondern zwei grosse dunkle Räder, die zunächst noch still stehen, aber bald schon in Bewegung geraten. Der Übergang zwischen Zuschauerraum und Bühne ist fliessend und die sogenannte 4. Wand ist tatsächlich nicht immer vorhanden, wie man bei Beginn des Stücks direkt merkt, als Theobald Friedeborn, Käthchens Vater und somit Kläger sowie Friedrich Wetter Graf von Strahl, als Angeklagter direkt zum Publikum sprechen, welches, wie man schnell merkt, als mittelalterliches Femegericht fungiert, da Teile des Textes einfach weggelassen werden und die ursprünglichen Dialoge zwischen Gericht und Kläger/Angeklagtem, zu leidenschaftlichen Monologen werden. Unbewusst fühlt man sich als Zuschauer dadurch in die Verantwortung genommen und hört sich die Anklagepunkte genau an, die Käthchens Vater voller Wut und Besorgnis vorträgt, ebenso wie die verzweifelten Versuche Friedrichs, sich zu rechtfertigen. Im Verlauf des Stücks merkt der Zuschauer, dass er stellvertretend für die Gesellschaft steht, die sich so oft das Recht herausnimmt, über andere zu urteilen, ohne die wahren Begebenheiten wirklich zu kennen.
Neben den beiden Rädern, spielt auch der grosse Vorhang, auf welchen Bilder und Videos projiziert werden, eine grosse Rolle. Durch die leicht transparenten Bilder, die darauf erscheinen, wirkt alles, was zu sehen ist, sehr traumhaft und vage. Zu Beginn sind es Videos von Käthchen, die durch die Landschaft rund um St. Gallen läuft. Doch sie taucht auch ab ins Wasser oder geht durchs Feuer. Die Wirkung ist überwältigend und dies sagen wir, die keine grossen Freunde von Videoprojektionen sind. Aber in dem Fall wurden diese bisher einfach noch nie so elegant eingesetzt, wie es in St. Gallen der Fall ist.
Der Einsatz von Live-Kameras, die z.B. das Gesicht der einzelnen Darsteller in Grossaufnahme dupliziert lässt den Zuschauer wichtige Details erkennen oder es werden sehr intime Momente inszeniert, wie z.B. als sich Friedrich zu Käthchen ins Gras legt und mit ihr spricht, während sie schläft. Diese Sequenz ist so voller Romantik und Liebe, dass man beinahe schon selbst Schmetterlinge im Bauch kriegt, wobei das zauberhafte, gefühlvolle Spiel der beiden Darsteller durch die Aufnahme von oben intensiviert wird. Ebenfalls sehr berührend sind Sequenzen, in denen Traum (was auf der Leinwand geschieht) und Wirklichkeit ( was auf der Bühne vor sich geht) sich vermischen und z.B. das Traum-Käthchen mit dem Friedrich auf der Bühne interagiert.

Richtig eindrücklich wird es aber, wenn sich der Vorhang zum ersten Mal hebt und diese gigantische, runde, treppenähnliche Bühnenskulptur, die sich natürlich auch drehen kann, zum Vorschein kommt und sämtliche Szenarien möglich macht. Mal ist sie Schloss, dann Festtreppe, Gebirge oder Schlachtfeld und stellt auch die berühmte Grotte, in welcher Kunigunde, die ihren Körper betreffend ja ein Geheimnis hegt, entdeckt wird. In Bezug zu den beiden kleineren Rädern assoziieren wir damit kreisende Planeten, Rad der Zeit, Mühle des Schicksals. Es ist faszinierend und unheimlich zugleich, vor allem aber sehr mächtig und wie es scheint, unaufhaltsam. Die Geschichte wird weiter getrieben, es gibt keine Möglichkeit, sie aufzuhalten, genau so, wie Käthchen sich nicht aufhalten lässt.

Die Bilder, die vor den Augen des Publikums entstehen sind dabei zauberhaft, wie aus einem Märchenfilm, dramatisch, wie in einem Thriller oder auch mal unheimlich, wie in einem Horrorfilm (Kunigunde in der Grotte, während über ihr der Kampf in Gange ist, ist einer der verstörendsten, unheimlichsten Szenen, die wir auf der Bühne je erleben durften). Und Filme spielen tatsächlich auch eine grosse Rolle in dieser Inszenierung, denn Referenzen gibt es einige, mal offensichtlicher, mal subtiler. So wird z.B. das Ringgedicht aus Herr der Ringe zitiert (offensichtlich) und Lola – entschuldige, Kähtchen, rennt, wie im gleichnamigen 90er-Film. Käthchens Frisur erinnert jedoch fast mehr an Milla Jovovic in Das fünfte Element. Am augenscheinlichsten sind aber doch die Referenzen zum sehr aktuellen, dreifach Oskar-nominierten Body-Horrorfilm, The Substance, in dem Demi Moore eine alternde Schauspielerin mimt, die eine Droge einnimmt, um ein jüngeres Ich zu erzeugen, mit dem sie fortan in einer symbiotischen Abhängigkeit leben muss. Und dieses Motiv wurde sowohl in der Figurentwicklung von Kunigunde, wie in deren Kostüm und teilweise auch im Bühnenbild übernommen, was der sehr vage gelegten Fährte von Heinrich von Kleist über die körperliche Anomalität der eigentlich sehr schönen Frau eine klare Richtung gibt und für deren blutrünstigen Charakter eine spannende Erklärung bietet.

Obwohl es sicher beim Käthchen nicht um ein Musical handelt, darf es dennoch als Musiktheater gehandelt werden, denn immer wieder untermalen kürzere Musikstücke, die entweder a capella gesungen oder am Klavier begleitet werden, die Handlung oder stoppen sie auch mal für kürzere Zeit. Dabei wird der weisse Flügel mehrheitlich von Friedrich (Andrej Agranovski), aber auch mal von Kunigunde (Pascale Pfeuti) besetzt und professionell gespielt. Auch als musikalisches Highlight darf man das Duett dieser beiden nennen. Während Friedrich ein inbrünstiges The Power of Love für seine Angebetete zum Besten gibt, stimmt diese mit einem koketten und unentschieden I weiss nid wär i bi ein. Die beiden Songs fügen sich zu einem faszinierenden, eindringlichen Arrangement zusammen, das für Gänsehaut sorgt.

Spannende Charakterstudien mit On-Stage- Entwicklung
Was bei Das Käthchen von Heilbronn in St. Gallen sehr aufregend ist, ist die Zeitreise-Thematik, die die Figuren in Sachen Kostüm, Frisur und Verhalten eine Entwicklung durchlaufen lässt und für Kostümdesignerin Lane Schäfer einiges an Möglichkeiten bietet. Interessanterweise gibt es zwei Figuren, die keine bis nur wenig optische Veränderungen durchlaufen, was auch ihr Inneres widerspiegelt.
Zum einen ist dies Käthchen, die von Beginn an mit orangerotem Pagenkopf samt Pony und weissem, simplen Kleidchen auf der Bühne steht. Stark in ihrem Willen, weiss sie, wer sie ist und was sie will, ohne sich der entsprechenden Mode zu unterwerfen. Lediglich die Länge ihres Kleides wechselt. Während sie zu Beginn im kurzen weissen Hängerchen fast kindlich wirkt, kriegt sie mit langem weissen Kleid samt Schleppe ein Weiblichkeits-Upgrade, ohne sich selbst untreu zu werden, und nähert sich dem Braut-Ziel optisch an. Annabel Hertweck weiss als Käthchen auf ganzer Linie zu überzeugen. So ist sie kein süssliches kleines Mädchen, sondern überrascht mit erstaunlich tiefer Stimme (die auch direkt zu Beginn in ihrem rauchigen If I head a heart von Fever Ray, welches sie a capella singt, perfekt zur Geltung kommt) und fast schon burschikosem Verhalten, was der Rolle extra Pfeffer verleiht. Die starken Gefühle spiegeln sich in jedem ihrer Blicke, in jeder Bewegung und auch ihre Stimme kann diese nicht verbergen, wenn sie mit Friedrich spricht,, wodurch jeder im Publikum ihre Unsicherheit nachempfinden kann. Annabels Käthchen hat nichts Geziertes, nichts Aufgesetztes oder Antrainiertes, sie ist die pure Natürlichkeit und ihre Liebe fliesst frei von äusserem Einfluss, was sie unwiderstehlich macht. Besonders intensiv sind auch ihre Zwiegespräche mit Gott, in denen sie spannenderweise beide Rollen übernimmt und mit sich selbst einen Dialog führt. Dabei wechselt sie schnell, ohne ins Komödiantische abzurutschen, was man nur bewundern kann. Dass Käthchen tatsächlich die Tochter des Kaisers ist kein Spoiler, denn dies entspricht dem bekannten Original), könnte ihr grosses Glück sein, da der neue Status ihr den Mann ihrer Träume einbringen kann. Doch hat eim Mädchen wie Käthchen so eine Legitimierung nötig? Und passt das bauschige Sahnetörtchen-Hochzeitskleid samt Krönchen wirklich zu Käthchen?

Gottschalk, Friedrichs Knecht ist eine etwas ambivalente Figur, die durch ihre Unveränderlichkeit aus dem Rahmen fällt. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart bleibt er seinem Look aus schwarzen Lederanzug mit langen blonden Haaren und mystischen Symbolen auf Gesicht und Wange treu. Ein bisschen denkt man an The Witcher, weshalb man ihm ebenfalls direkt besondere Fähigkeiten andichtet. Seine zweite Rolle als Cherub, der Käthchen im Feuer erscheint und sie, wie es aussieht, rettet, sowie sein äusserst freundliches, fast liebevolles Verhalten gegenüber Käthchen lassen den Gedanken aufkommen, dass es sich bei ihm um eine Art Schutzengel handelt, der für den richtigen Verlauf der Dinge sorgt. Jonathan Fink spielt Gottschalk seht expressiv und mit viel Humor und hinterlässt beim Publikum eine angenehme Irritation.

Marcus Schäfer übernimmt in diesem Stück direkt mehre Rollen, wobei er das Publikum komplett vergessen lässt, dass es sich bei Käthchens Vater Theobald Friedeborn , Gräfin von Strahl und dem Kaiser um ein und dieselben Darsteller handelt. Denn nicht nur optisch wird jeweils eine komplett neue Figur erschaffen. Marcus Schäfer erweckt jede einzelne von Ihnen mit seiner chamäleonesquen Art zum Leben und überzeugt auf ganzer Linie. Sein Auftritt als Theobald Friedeborn, der mit seinen langen, etwas zotteligen Haaren und dem ledernen Arbeitsgewand ganz klar zur Arbeiterschicht gehört und verzweifelt und wütend um die Ehre seiner Tochter kämpft, beeindruckt direkt von Beginn an. Aber auch die Gräfin von Strahl mit ihrem opulenten Gewand und Perücke ist nicht nur kostümtechnisch eine Augenweide, sondern erhält von ihrem Darsteller die entsprechende erhabene Ausstrahlung. Und der Kaiser, den er in der Neuzeit verkörpert, ist einfach herrlich unangenehm und affektiert und verkörpert alles, was wir eigentlich verabscheuen und dennoch heimlich bewundern. Eine wirklich beeindruckende Leistung von Marcus Schäfer.

Kunigunde von Thurneck, Käthchens Gegenspielerin, wird von zwei Darstellerinnen verkörpert, deren Figuren, wie bereits erwähnt, in einem symbiotischen Abhängigkeitsverhältnis zu einander existieren, wobei die jüngere Kunigunde ihre Zofe Rosalie war, die jetzt zur zweiten Hälfte eines Doppelwesens wurde. So zehrt und gestaltet sich die ursprüngliche Kunigunde aus dem Körper der Jüngeren, doch diese emanzipiert sich immer weiter, weil sie nicht nur noch ein Schönheits- und Jugendspender sein möchte, sondern wirklich einen Platz beansprucht. Abwechslungsweise agieren sie als Edelfrau und zeigen zwei völlig verschiedene Seiten einer Person. So wirkt Diana Dengler als neue Kunigunde sehr sinnlich, aber irgendwie auch stets auf der Hut. Sie kämpft mit der Rolle, die ihr in dieser Symbiose zugedacht wurde. Als ehemalige Zofe, ist sie sich gewohnt, zu dienen, doch nun beginnt sie sich zu emanzipieren und ihren Platz zu erkämpfen, sorgt zum Schluss für die grosse Überraschung. Pascale Pfeuti als ursprüngliche Kunigunde ist ausserordentlich kokett, wirkt verspielt, aber auch manipulativ und berechnend und lässt das Dunkle, das in ihr schlummert, mal subtiler, mal deutlicher durchscheinen. Dieses Doppelwesen ist beängstigend und faszinierend, was einerseits natürlich am aussergewöhnlichen Konzept liegt, aber andererseits auch an den beiden grandiosen Darstellerinnen, die sowohl einzeln viel Präsenz besitzen, zusammen aber eine überwältigende Intensität entwickeln. Unterstrichen wird ihre unheimliche Wirkung durch die fantastischen Kostüme, die Lane Schäfer für die beiden entworfen hat. Ein bisschen Alien, ein bisschen Hexe und dennoch auf merkwürdige Weise anziehend. Selbst wenn das weisse Make-up und der weit nach hinten gesetzte Haar nicht dem aktuellen Schönheitsempfinden entspricht, wirken sie auf eine seltsame Art wunderschön und man merkt ein Mal mehr, dass Schönheit nicht immer nur im Auge des Betrachters liegt, sondern oft auch vom Status abhängt. Allerdings ist Kunigunde auch ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man den eigenen Wert von der Gesellschaft abhängig gemacht wird und der einzige Trieb irgendwann nur noch darin besteht, jung und begehrenswert zu sein, um die eigene Existenz zu legitimieren.

Friedrich Wetter Graf von Strahl startet als mittelalterlicher Ritter in Rüstung samt entsprechend ritterlichem Verhalten ins Stück. Der Kodex verlangt von ihm, Käthchen auf Abstand zu halten und ist auch Grund für seine Verzweiflung, da ihm vor Gericht grundlos ein Fehlverhalten vorgeworfen wird, das seinem Ruf schaden könnte. Andrej Agranovski, der in der St. Galler Inszenierung den schönen Ritter verkörpert, macht direkt in der ersten Szene klar, dass er als Charakterdarsteller zu überzeugen weiss, aber auch am Klavier und bei den Kampfszenen (ein grosses Kompliment an Annette Bauer, die sich für die Kampfchoreographie verantwortlich zeichnet). Wie Käthchen ist auch Friedrich romantisch fixiert auf die Frau aus seinen Träumen und fest entschlossen, sie zu finden und zu heiraten, auch, weil eine Kaiserstochter seinem Stand als Grafen entsprechen würde. Seine Rolle ist sicher diejenige, die nicht nur äusserlich die markanteste Entwicklung durchläuft. Der jeweiligen Epoche entsprechend wechseln Frisur und Outfit, aber auch sein Verhalten, ganz im Gegensatz zu Käthchen. Es ist offensichtlich, dass dieser Mann keine gerade Linie besitzt und ein Opfer von Gesellschaft und Mode ist. In den 20ern kommen er und Käthchen sich näher, was unter anderem auch an der gelockerten Anstandsregeln liegen mag und weil Käthchens proaktives Verhalten in den 20ern gar nicht so abwegig ist und ein junge Mann entsprechend darauf einsteigen kann. An diesem Punkt wünscht man sich, dass die beiden ein Happy End finden, wie von Kleist erdacht, ob man die bis anhin recht einseitige Beziehung nachvollziehen kann, oder nicht.

Ein überraschender Twist
Während in Kleists Ursprungsversion von Das Käthchen von Heilbronn alle Fäden schlussendlich zusammen laufen und das Paar, wie es vorbestimmt zu sein scheint, zusammen findet, nimmt das Schicksal im der St. Galler Version einen anderen Lauf. Eventuell liegt es aber ach einfach daran, dass die Frauen dieser Geschichte ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Während das Ende dieser Inszenierung, das nicht im Detail verraten werden möchte, im ersten Moment das romantische Herz enttäuscht, spürt man aber bald schon, wie durchdacht und schön es eigentlich ist. Sollte ein Käthchen, das so ehrlich, so beständig, so rein und so voller bedingungsloser Liebe ist, diese an einen Mann verschenken, der Opfer jedes Modetrends ist und seine Gefühle abhängig macht von der Meinung des Kollektivs? Eine wilde, lebendige Weiblichkeit und Liebe, die die Käthchen in sich trägt, bräuchte einen beständigen, ehrlichen und zutiefst maskuline Energie als Gegenpool, falls sie überhaupt einen Mann „braucht“, und an diesen echten Männern mangelt es aktuell leider doch ziemlich. Nicht, dass es keine „guten“ Männer gäbe, aber sie sind doch rarer geworden und Selbstdarsteller, Trittbrettfahrer und Männer, die lieber eine weibliche Rolle übernehmen (und wir sprechen nicht von queeren Personen, sondern von Männern, die sich als „echte Männer“ wahrnehmen, die dazugehörige Verantwortung aber nicht übernehmen wollen oder können), haben doch stark zugenommen. Zu sehen, zu welcher Version Friedrich in der Gegenwart wird, verstört nicht nur Käthchen, sondern auch das Publikum, ebenso wie das plakative ins Rampenlicht-Zerren der anstehenden Hochzeit und der damit verbundenen Personen (das so perfekt mit der von Gottschalk geführten Live-Cam in Szene gesetzt wird).
Ja, das Ende mag etwas unerwartet, brutal und erschreckend sein, doch tief im Inneren auch nachvollziehbar, denn die grösste, ehrlichste Liebe sollte immer die Selbstliebe sein. Und wer sich an den Anfang des Stücks erinnert, an dem das Publikum als Spiegel der Gesellschaft als Richter agierte, darf sich nicht wundern, wenn es es zum Schluss auf der Anklagebank sitzt.

Wer sollte sich Das Käthchen von Heilbronn in St. Gallen ansehen?
Da diese Inszenierung von Kleists Literaturklassiker in St. Gallen einen anderen Weg wählt und ihre Botschaft universell ist, darf man beim Zielpublikum eigentlich keine Einschränkung machen. Für Kleist-Fans bietet das St. Galler Käthchen eine völlig neue Sichtweise, die bedingungslose Liebe nicht herabsetzt, sondern ihr eine neue Richtung gibt. Für Vertreter eher feministischer Denkweise ist dieses Stück ein willkommenes und längst überfälliges Update. Für Schulklassen mit Käthchen auf dem Lehrplan könnte es eine perfekte Diskussionsgrundlage sein und die Möglichkeit, Kleists wunderbare Sprache auf sehr verständliche, aufregende Weise zu erleben. Denn diese energetische Inszenierung ist alles, nur nicht langweilig und lässt einen nicht kalt. Theater-Liebhaber kommen zu 100% auf ihre Kosten, da sämtliche Formen der darstellenden Kunst – moderne und traditionelle – auf wunderbare, spektakuläre Weise miteinander verwoben werden, um das Publikum in einen magische Traumwelt zu entführen, die Gefühle auf eindrucksvolle Weise sichtbar werden lässt.
Ein herzliches Dankeschön an Konzert und Theater St. Gallen für die wunderbare Möglichkeit, diese unglaubliche Inszenierung sehen und rezensieren zu dürfen. Wir waren völlig verzaubert.
Tickets für weitere Vorstellungen gibt es hier: https://www.konzertundtheater.ch/programm/a-z/das-kaethchen-von-heilbronn/
Cast & Creatives
Cast
Käthchen: Annabel Hertweck
Kunigunde von Thurneck I: Pascale Pfeuti
Kunigunde von Thurneck II: Diana Dengler
Friedrich Wetter Graf vom Strahl: Andrej Agranovski
Gottschalk / Cherubim: Jonathan Fink
Theobald Friedeborn / Der Kaiser / Gräfin vom Strahl: Marcus Schäfer
Creative Team
Inszenierung und Bühne: Anna Bergmann
Bühne: Alex Gahr
Kostüm: Lane Schäfer
Musik: Heiko Schnurpel
Video: Sophie Lux
Licht: Andreas Enzler
Dramaturgie: Anna Haas
Kampfchoreografie: Annette Bauer
Regieassistenz: Veronika Jocher
Inspizienz: Ivana Aeschbacher






























