Fascht Normal (Next to Normal)- Das Musical – Kulturbogen

Vom 11. – 30. April 2025 wird das Theater im Seefeld zum Brodway, denn Kulturbogen präsentiert ein Rock-Musical, das sich nicht zu schade ist, auch etwas unangenehme Themen anzugehen. Fascht normal – Next to normal, zum ersten Mal in Schweizerdeutscher Fassung, geht tief und zeigt, dass grosse Trauer psychische Folgen haben kann, die auch keine liebende Familie heilen kann. Aus dem Leben direkt auf die Bühne. Roh, ungeschönt und faszinierend.

Wer an Musical denkt, denkt meist an den Broadway mit bunten, überdimensionierten Shows à la The Lion King, Starlight Express oder The Phantom of the Opera mit grossem Bühnenbild, grossem Ensemble und noch grösserem Budget. Um in New York zu bleiben: es gibt aber auch noch den sogenannten Off-Broadway (ok, den Off-Off-Broadway ebenfalls, aber hier sprechen wir dann mehr von Kleinkunst). Und hier findet man die experimentelleren, oft viel innovativeren Musicals, die vielleicht etwas zu wenig Mainstream sind, um die breite Masse anzusprechen und oft auch etwas kleiner und weniger kostenintensiv. Gespielt wird in Theatern mit 100- 500 Plätzen.

Hin und wieder erfreuen sich Off-Broadway-Stücke aber so grosser Beliebtheit, dass ihnen der Sprung an den Broadway gelingt. Erfolgreiche Beispiele dafür sind Corus Line oder auch Hair.

Mittlerweile entstehen am Off-Broadway aber auch Stücke, die sich als Alternativen zu den sehr aufwändig inszenierten und ausgestatteten Stücken am Broadway verstehen. Das Bühnenbild ist reduziert, das Setting klar und die Kostüme weniger aufwändig. Gute Beispiele hierfür sind Avenue Q, The Last Five Years oder Next to Normal, welches vom 11. – 30. April 2025 zum ersten Mal in Schweizerdeutscher Fassung zu sehen ist und mit einem kleinen Ensemble aus sechs Darsteller:innen und einer Liveband aus eben so vielen Musiker:innen im Theater im Seefeld aufwartet.

Eine Handlung mit Trigger-Faktor

Fascht NormalNext to Normal erzählt eine Episode aus dem Leben von Diana Goodman und ihrer Familie. Diana leidet an einer bipolaren Störung, die starke Auswirkungen auf ihr familiäres Umfeld hat. Dan, ihr Ehemann, steht ihr liebevoll zur Seite und versucht alles Menschenmögliche, um ihr zu helfen und gleichzeitig der gemeinsamen Tochter Natalie genügend Aufmerksamkeit zu schenken, was in Anbetracht der Umstände nicht wirklich gelingt. Und dann ist da ja auch noch der gemeinsame Sohn, der in einer etwas rebellischen Phase zu sein scheint. Doch ist das wirklich alles?

Gabe, dessen Namen bis Ende des Stücks nicht genannt wird, ist nämlich nur eine Halluzination, die im Zusammenhang mit Dianas psychischer Erkrankung steht. Dennoch ist er sehr präsent und zeigt auf, wie viele Geheimnisse es in der Familie gibt, unter denen vor allem Natalie leidet. Als erstgeborener Sohn, der im Säuglingsalter starb, spielt er auch nach 16 Jahren eine so tragende Rolle, dass Nathalie nie eine reelle Chance hatte, den Platz als Einzelkind einzunehmen, der ihr eigentlich zustehen würde. Zum Glück erscheint aber Henry auf der Bildfläche, ein Junge aus Natalies Schule, der zwar eine Vorliebe für Gras hat, die musikalische Natalie aber von Herzen liebt und bei ihr bleiben will, selbst wenn diese ihn von sich weist.

Diana wird mit Medikamenten und nach einem Selbstmordversuch sogar mit einer Elektroschocktherapie, die ihre Erinnerungen auslöscht, behandelt und erst nach und nach wieder zurückkehren lässt. Doch mit den Erinnerungen kommt auch Gabe zurück und der Schmerz, der ihre Familie auseinander brechen lässt.

©Helen Ree – http://www.helenree.com

Ein Broadway-Stück mit Off-Broadway-Charme

Die erste öffentliche Lesung von Next to Normal fand 2002 statt. 2008 debütierte das Stück am Off-Broadway und nach einer Überarbeitung lief eine Pre-Broadway-Produktion, nach der erneut Nummern geändert und durch Lieder, die die gewünschten Emotionen vermitteln sollten, ersetzt wurden. Nach den gemischten bis kritischen Bewertungen zu Beginn war die Rückmeldung nun äusserst positiv und das Stück feierte 2009 am Broadway Erfolge.
Die erste deutschsprachige Inszenierung mit den Übersetzungen von Titus Hoffmann kam 2013 mit einer Starbesetzung zur Aufführung.

Die Schweizerdeutsche Fassung Fascht Normal unter der Regie von Livio Beyeler, der sich auch für die Mundart-Übersetzungen verantwortlich zeichnet und sich schon länger gekonnt im Off-Broadway- Umfeld bewegt, darf man vom 11. – 30 April 2025 im Theater im Seefeld geniessen, wobei das Wort „geniessen“ einen falsche Eindruck vermitteln könnte, ist das Stück trotz (oder gerade wegen) grossartiger Musikstücke und Darsteller doch sehr aufwühlend. Der perfekte Stoff für Kulturbogen, einen Verein, der seit 2020 Musicals, die politische und gesellschaftlich relevante Themen in den Fokus rückt, auf die Bühne bringt. Es ist definitiv nicht der Wunsch des Vereins sein Publikum „nur“ zu unterhalten und zu bespassen, sondern aufzuzeigen, dass Musicals auch aktuelle Fragestellungen und soziale Herausforderungen thematisieren und dennoch begeistern können. Anders als in den vergangenen Produktionen sind es diesmal aber keine jungen, relativ unbekannten Musical-Talente, die dank Kulturbogen die Möglichkeit haben, zum ersten Mal bei einer professionellen Inszenierung mitzuwirken, sondern fast durchgehend gut etablierte Schweizer Darsteller:innen.

Nichts desto trotz bleibt Fascht normal der Off-Broadway-Charme erhalten.

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Mit Schwizerdütsch Vertrauen schaffen

Dass wir Schweizer in den letzten Jahren eine Vorliebe für Mundart-Musicals entwickelt haben und es mittlerweile eine Menge kreativer Köpfe gibt, die sich beruflich dieser Aufgabe annehmen, ist bekannt. Ist uns Deutschschweizern unsere Landessprache – in so einem Fall spielt der Dialekt eine untergeordnete Rolle – doch lieb und teuer. Emotionen können direkt und ungekünstelt transportiert werden und alles fühlt sich vertraut an. Fascht Normal komplett in Schweizerdeutsch zu inszenieren, war tatsächlich auch eine strategische Entscheidung. Die Geschichte der Familie Goodman ist eine sehr alltägliche Geschichte, die sich direkt in unserer Nachbarschaft zutragen könnte, und wir müssen auch davon ausgehen, dass sich hinter verschlossenen Türen tagtäglich kleinere Dramen, die auf einer psychischen Erkrankung gründen, abspielen, ohne dass sie in der Öffentlichkeit breit getreten werden. Fascht Normal will aber genau diesen Dialog. Psychische Leiden sind kein Stigma, sondern treten in der heutigen Gesellschaft vermehrt auf und dürfen thematisiert werden. Sie sind normal, oder eben, fascht normal.

Spannend ist aber zu sehen, was die Schweizerdeutschen Songtexte mit dem Musical machen. Hätte man uns gesagt, wie sähen gerade „Plüsch – Das Musical“, wir hätten es fast geglaubt. Vor allem eines der meistdiskutierten Stücke, das im Original I miss the mountains heisst und nur zu I vermisse d’Bärge wird, weckt Erinnerungen an Heimweh (noch de Bärge) – genau, dem Hit von Plüsch. Die Schweizerdeutschen Übersetzungen machen sich einfach zu gut zu den Kompositionen von Tom Kitt. Und der Plan geht auf. Alles fühlt sich vertraut an und man könnte sich jeden einzelnen Song bei Die grössten Schweizer Hits vorstellen.

Die Übersetzungen bleiben auf angenehme Weise nah am Original, es werden aber auch spannende Anpassungen vorgenommen, so wird aus Superboy and the Invisible Girl das poetische und sehr methaphorische Wunderchind und sini Schwöschter us Glas – übrigens ein echter Ohrwurm mit traumhaften Harmonien interpretiert von Deliah Stuker und Joel Goldenberger.

Auch wenn Next to Normal als Rock-Musical deklariert wird, ist der Soundtrack sehr vielfältig und beinhaltet auch Musikrichtungen wie Country und Jazz. Für den musikalischen Genuss sorgt die sechsköpfige Liveband unter der Leitung von Nils Fraser, der zudem als Produktionsleiter zusammen mit Debi Kiener das grosse Ganze im Auge behält. Der Klang der Inszenierung ist rund und meist sehr dynamisch, die Band versteht sich aber auch auf die leisen Töne, die dem Musical gut tun, weil es – wie man meinen mag –  nur wenige musikalische Highlights gibt. Vieles klingt beim erstmaligen Hören sehr ähnlich und dass das Musical zu 90% aus Songs besteht, die beinahe fliessend in einander übergehen, fällt es schwer, diese als einzelne Songs zu betrachten. Dennoch summen wir noch eine Woche nach dem Besuch diverse Songs. Einer der Songs, die und aber direkt beim Anschauen der Show verzaubert haben, war Es Lied vom Vergesse.

Ein Emsemble mit Tiefgang und Respekt vor der Thematik

Wie bereits erwähnt, stehen bei Fascht Normal erfahrene Darsteller auf der Bühne, die der ernsten Thematik mit viel Respekt begegnen. Jede einzelne Figur hat ihre eigenen inneren Kämpfe auszutragen und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sich jeder im Publikum mit einer von ihnen identifizieren kann, was von der liebevollen Ausarbeitung der Figuren begünstigt wird. Wie man liest, ist es bei anderen Inszenierungen meist Diana, die als Sympathieträgerin für viel Identifikation sorgt, doch unserer Meinung nach, ist dies eine sehr subjektive Wahrnehmung, denn für uns waren es z.B. vor allem Dan und Natalie, in die wir uns wirklich hineinversetzen konnten, und ja, irgendwie auch Hernry.

Im Auge des Sturms steht aber ohne Frage Diana, die aufgrund des tragischen Verlustes, den sie nie überwinden konnte, eine bipolare Störung entwickelt hat und zwischen manischen und depressiven Phasen schwankt, was zu einigen skurrilen Situationen führt, über die man eigentlich lachen möchte, sich aber nicht wirklich traut: Wir sagen nur: Sandwich.
Diana sieht ihren verstorbenen Sohn, der in ihrer Vorstellung weiterhin in ihrem Haushalt lebt und den sie entsprechend behandelt, wodurch man erst später (in unseren Augen aber fast etwas zu früh) merkt, dass es sich um kein normales Familienmitglied handelt. Susanne Kunz, die eben noch in Freitag ist Kiwitag als Psychoterapeutin auf der Bühne stand, darf diesmal selbst auf dem Couch platz nehmen. Und ja, man nimmt ihr die psychische Erkrankung ab. Besonders eindrücklich und erschreckend sind ihre Ausraster, ihr unangebracht sexuelles Verhalten oder natürlich die Szenen, in denen sie sich der Vergangenheit stellen muss, die sie aufgrund des Schmerzes verdrängt hat. Ohne Berührungsängste, dafür mit viel Feingefühl verkörpert sie die gebrochene Frau, die nicht weiss, ob sie wieder glücklich sein möchte, oder dies unter Anbetracht der Umstände überhaupt darf. Gefangen in der Vergangenheit, die ihr eine fiktive Gegenwart vorgaukelt, versucht sie ihr Bestes, scheitert aber immer wieder ohne je aufzugeben und wirkt unendlich einsam, obwohl sich Dan wirklich rührend um sie kümmert. Stark und schwach zugleich versucht sie am Leben teil zu nehmen und setzt eigenmächtig ihre Medikation ab, als sie merkt, dass sie diese zu einem gefühllosen Zombie machen und sie sich doch so sehr nach Höhen und Tiefen sehnt. Entsprechend beeindruckend ist auch ihre Interpretation von I vermisse d’Bärge, welches genau diese Sehnsucht thematisiert.

Diana, isch öpis mit de Medis?
Dan

do muesch s’WC froge?
Diana

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Gabe, den es als erwachsenen Sohn gar nie gegeben hat, ist eine etwas ambivalente Figur. Er wirkt rebellisch, energetisch und höchst lebendig und scheint das komplette Gegenteil seiner unglücklichen, verbissenen Schwester zu sein. Er verleitet seine Mutter dazu, ihre Tabletten wegzuschütten und ist auch für ihren Selbstmordversuch verantwortlich. Ja, er scheint allgemein für seine Familie nichts Gutes im Sinn zu haben. Mit seinem weissen Anzug, den er trägt, wenn er seine Mutter zu Spieluhr-Musik zum Tanz auffordert, erinnert er stark an den Tod in Elisabeth, doch genau dieser Vergleich ist für Musical-Fans etwas verwirrend. Aber dazu später.
Als Gabe steht Joel Goldenberger auf der Bühne. Seine erste Musicalrolle meistert der Luzerner Musiker, den man z.B. aus dem TV-Format Sing it your way kennt, mit Bravour. Stimmlich sehr stark holt er aus der Partitur alles raus und verpasst ihr seinen persönlichen Stempel. Dass er noch keine jahrelange Musicalerfahrung mitbringt, darf man auch mal sehen, doch wir sind überzeugt davon, dass sich dies im Laufe der Spielzeit noch finden wird. Sehr schön ist jedoch die Chemie zwischen Suzanne Kunz und ihm, was für diese toxische Verpaarung äusserst wichtig ist.

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Dan Goodman, der verzweifelte und mittlerweile sehr erschöpfte Vater, der selbst an Depressionen leidet, aber seine Gefühle und Schwächen nicht zulassen darf, um für seine Familie stark zu sein, kriegt von Flavio Baltermia nicht nur eine Riesenportion Authentizität, sondern auch eine unvergleichlich schöne Stimme, was ihn für uns mit zum Highlight der Inszenierung macht. Wie bereits erwähnt, wird jeder Zuschauer sich mit einer der Figuren identifizieren können, doch wenn es Dan ist, dann sollte man schnellstmöglich für etwas Leichtigkeit im Leben sorgen, da eine solche Form von Aufopferung extrem gefährlich ist. Doch Flavio Baltermias Performance ist so unwiderstehlich, dass man gar nicht anders kann, als sich emotional mit ihm zu verbinden und seinen Schmerz zu teilen. Mit seiner tiefen, rauchigen, oft fast schon knurrenden Stimme verleiht er der hin und wieder etwas flach wirkenden Partitur willkommene Ecken, Kanten und geschmeidige Kurven.

Wo isch d’Mama?
Natalie

Sie isch…
Dan

…furt.
Natalie

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Sehr gefreut haben wir uns auf Deliah Stuker in der Rolle der Natalie, eine Figur, die darstellerisch sehr viel Spielraum bietet. Das unsichtbare Mädchen, das versucht, durch Leistung Anerkennung und Liebe zu verdienen, ist voller unterdrückter Gefühle, die bei Gelegenheit in Aggression ein Ventil finden. Besonders Henry, ihr Verehrer, kriegt während ihrer Ausbrüche mehr ab, als er verdient, erträgt aus Liebe zu ihr aber alles und bleibt an ihrer Seite. Deliahs Natalie ist ernsthaft, aber manchmal auch kindisch, fokussiert, aber gelegentlich auch naiv, verzweifelt und wütend, aber auch verletzt und verletzend, verliebt und sarkastisch, fürsorglich und kalt. Deliah lotet die Gefühlswelt ihrer Figur darstellerisch aus und überzeugt mit facettenreichem, wohldosiertem Spiel. Besonders in Erinnerung bleibt Natalies verpatztes Vorspiel am Klavier, bei dem ihre Verletzlichkeit und Einsamkeit herzergreifend zu Tage treten und das Publikum unvermittelt treffen. Stimmlich wagt sie Neues, was durchaus zu den Schweizerdeutschen Texten passt. Fraglos eine der stärksten Leistungen der Inszenierung, die von Bühnenpartner Lucca Kleimann hervorragend ergänzt wird. Als herzensguter, dem Kiffen nicht ganz abgeneigter Henry bringt er Ruhe, Ausgeglichenheit und ein bisschen Leichtigkeit ins Stück, was bei der oft spannungs- und konfliktgeladenen Atmosphäre sehr willkommen ist. Ein Mal mehr begeistert Lucca Kleimann gesanglich mit warmer Klangfarbe und erstaunlichen Stimmumfang und überzeugt darstellerisch mit fein nuanciertem Spiel, das man gerne auch beobachtet, wenn er gerade „nur“ im Hintergrund ist. Selbst wenn Henry eher eine Nebenfigur ist, bleibt er dank Lucca Kleimanns Charisma in starker Erinnerung.

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Flavio Dal Molin bringt als Aussenstehender ein wenig Humor ins Stück, ohne das erste Thema aber ins Lächerliche zu ziehen. Er verkörpert zwei verschiedene Ärzte, wobei Dr. Madden auf jeden Fall der auffälligste von beiden und in Dianas Fantasie fast schon ein Rockstar ist, was er – zur Freude des Publikums – immer wieder hören lässt. Aufgrund von Flavio Dal Molins Präsenz freut man sich auf jeden seiner Auftritte.

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Ein flexibles Bühnenbild und Special Effects mit Folgen

Das Bühnenbild von Gabor Nemeth, der auch schon bei tick…tick…BOOM! an Livio Beyelers Seite für das passende Setting sorgte, begeistert auch bei Fascht normal mit innovativem Design. Das zweistöckige Bühnenbild, dessen unterer Bereich mit einem Fadenvorhang, auf den wahlweise Bilder oder Animationen projiziert werden, abgegrenzt ist, aber auch geöffnet werden kann, bietet der Familie Goodman ein Zuhause. Auf der rechten Bühnenseite befindet sich Natalies Flügel, aber auch die Praxis des Arztes. Mit mobilen Möbeln werde  auf minimalistische Weise, aber gut erkennbar, die nötigen Szenerien geschaffen.
Besonders begeistert waren wir von der deckenhohen Strassenlaterne und dem metaphorischen Einsatz von Licht.

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Trigger-Warnung: Dass die Special Effects in Form von Kunstblut am Waschbecken täuschend echt wirken, führte an der Premiere sogar zu einem kleinen Zwischenfall, als ein Herr in der 1. Reihe, der kein Blut sehen konnte, zusammenbrach.

Kostümtechnisch haben alle Figuren ihren Signature-Look. Diana scheint mit Nirvana-Bandshirt und hochhackigen Boots in der Vergangenheit hängen geblieben zu sein, eventuell in der Zeit, in der sie glücklich war. Dan hingegen ist erwachsen geworden, was mit Businesslook verdeutlicht wird. Natalie wirkt mit Trainerhose und Shirt, als ob ihr ihr Äusseres nicht all zu wichtig wäre, während Henry mit Latzhose und Strickmütze sehr individuell daher kommt. Gabe passt mit seinem Look zu Diana, was durchaus Sinn macht, da seine erwachsene Präsenz komplett ihrer Vorstellung entspringt. Sehr passend sind die Arztkittel, die sich das Ensemble in Gruppenchoreographien ab und zu überwirft. Um direkt noch kurz bei den Choreographien von Debi Kiener zu bleiben. Diese sind überraschend, originell und effektvoll. Überraschend auch deshalb, weil man sie in dieser Art Musical nicht erwarten würde. Dabei bringen sie viel Abwechslung ins Stück und die Leidenschaft der Darsteller kommt dabei besonders deutlich zur Geltung.

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Wer oder was ist Gabe?

Wie bereits erwähnt, hatten wir ein wenig Probleme mit der einzigen metaphysischen Rolle des Stücks. Als bekennende Liebhaber von Rollen, die einem Stück einen etwas mystischen Touch verleihen, wie eben zum Beispiel der Tod in Elisabeth oder dem Alkohol in Dällebach Kari, sind wir vielleicht auch etwas kritisch, dennoch wirkt die Rolle manchmal nicht besonders gut ausgearbeitet oder zu Ende gedacht. Warum ist es ein junger Mann, wenn Gabe als Baby starb? Was ist das Ziel von Gabe? Will er leben und Teil der Familie sein? Will er Diana in den Tod ziehen? Will er die Familie zerstören? Warum ist er „böse“? Wir haben lange darüber diskutiert und sind zum Ergebnis gekommen, dass Gabe als eine von Diana erschaffenen Halluzination, die sie seit dem frühen Tod ihres Sohnes genährt hat und die mit ihr mitgewachsen ist, zum Zeitpunkt des Stücks ein junger Mann sein MUSS. Deshalb ist Gabe auch nicht ganz klar in seinem Charakter, da er ja die Einbildung einer Frau mit bipolarer Persönlichkeitsstörung ist, die selbst starken Stimmungsschwankungen unterworfen ist. Es würde auch erklären, warum er sie zum Selbstmord verführen will. Mit einer Wahnvorstellung, die diese Macht ausübt, kann Diana die Verantwortung für ihr Tun abgeben und für ihr Baby, sterben, da sie sich niemals richtig verziehen hat, was damals passiert ist und mit dieser Last auch nicht wirklich leben kann. Warum Gabe allerdings gelegentlich im weissen Anzug auftritt, hinterlässt noch immer ein paar Fragezeichen bei uns. Erfüllt er in diesen Momenten wirklich eine Art romantische Sehnsucht, wie es der Tod in Elisabeth tut, wenn er als Liebhaber im weissen Anzug auftritt? Wenn Gabe aber Dianas Halluzination ist, warum geht er nicht mit ihr fort, sondern bleibt, um anschliessend Dan zu quälen, der ihn ganz offensichtlich auch sehen kann? Und hier gehen die Fragen weiter. Warum kann er Gabe plötzlich sehen? Konnte er ihn schon immer sehen, hat ihn aber verleugnet? Ist er doch eine Art Geist? Ist es eine übertragbare Halluzinationen? Passiert es am Schluss, weil Dan sich nun doch seiner Depression ergibt, nachdem Diana fort ist?

Grundsätzlich ist es schön, wenn nicht alles vom ersten Moment an klar ist (deshalb hätte aus unserer Sicht auch die Tatsache, dass Gabe gar nicht wirklich existiert noch etwas länger verschleiert werden können), dennoch sehnt sich der Mensch in der  Regel nach einer Art Auflösung, weil er sonst unbefriedigt bleibt. Allerdings bleibt das Stück dadurch definitiv in Erinnerung, da man nicht aufhören kann, sich mit dieser Figur zu beschäftigen. Aber dieser Kritikpunkt gilt nicht der Inszenierung, sondern dem Buch an sich, auch wenn wir keine Vergleiche haben.

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Ist Fascht Normal einen Besuch wert?

Dieses Musical gehört thematisch definitiv zu den aussergewöhnlichen Stücken, die wir bisher sehen durften und wurde von Regisseur Livio Beyeler hervorragend in Szene gesetzt. Es ist grandios, den Verein Kulturbogen in Zürich zu haben, da er auch vor schwierigeren Themen wie – in diesem Fall – Trauer, Depression, Selbstmord, Drogenmissbrauch oder der Ethik der modernen Psychiatrie nicht zurück schreckt und seine Aufgabe nicht nur in der reinen Bespassung des Publikums sieht, sondern ihm auch soviel Tiefgang zutraut, dieses Stück positiv aufzunehmen. Wie könnte es aber auch nicht, bei diesen hervorragenden Darstellern, die das Publikum mit Persönlichkeit und Können in ihren Bann ziehen und der tollen Ausstattung? Massgeblich für die Zustimmung des Publikums ist aber fraglos auch die Musik und vor allem die Schweizerdeutsche Übersetzung der Songs, die einem die traurige, aber so alltägliche Geschichte der Familie Goodman richtig nahe bringt. Ja, Fascht Normal ist definitiv einen Besuch wert, vielleicht sogar zwei, um die Musik richtig würdigen zu können.

Wer also noch die Gelegenheit hat, bis zum 30. April das Theater im Seefeld zu besuchen, sollte diesem aussergewöhnlichen Musical auf jeden Fall eine Chance geben. Tickets gibt es hier: https://www.kulturbogen.ch

Cast, Creatives & Band

Cast
Diana Goodman: Susanne Kunz
Gabe Goodman: Joel Goldenberger
Dan Goodman: Flavio Baltermia
Natalie Goodman: Delia Stuker
Henry: Lucca Kleimann
Ärzte: Flavio Dal Molin

Kreativteam
MusiK: Tom Kitt
Buch und englische Originaltexte: Brian Yorkey
Regie und Übersetzung: Livio Beyeler
Choreographie und Produktionsleitung: Debi Kiener
Musikalische Leitung und Produktionsleitung: Nils Fraser
Bühnenbild: Gabor Nemeth
Lichtdesign: Monika Krzesniask
Tondesign: Reto Knaus
Kostüme: Nicola Leibacher

Band
Piano: Erika Schmied
Schlagzeug: Carlo Ribaux
Gitarre: Nils Fraser
Bass: Nicolas Winter
Violine: Jana Wirth und Andrina Bischof


Ein herzliches Dankeschön an Kulturbogen für die Möglichkeit, dieses aussergewöhnliche Stück zu sehen und zu rezensieren.


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