Im turbine theater Sihlwald ist diesen Sommer Perfektion angesagt. Zwischen all den moralisch einwandfreien Menschen des späten 19. Jahrhunderts findet sich nämlich auch „Ein idealer Gatte“. Doch Oscar Wildes scharfzüngiger Klassiker zeigt auch 2025, wie unterhaltsam die moralische Grauzone doch sein kann. Unter der Regie von Sophie Stierle erlebt das kulturbegeisterte Publikum in einem überdachten Freilichttheater am Rande des Wildnisparks Sihlwald in Zürich, wie sich die ganze viktorianische Gesellschaft noch bis am 17. Juli 2025 beim Tee mit gepflegter Heuchelei die Hände wärmt. Zu einem waschechten Skandal kann man halt einfach nicht nein sagen.
Das Besondere an Oscar Wildes Geschichten ist immer die ungeschönte Menschlichkeit seiner Figuren. Auch wenn es Archetypen gibt, wird im Verlauf des Stücks offensichtlich, dass Menschen -seien sie noch so perfekt – mehrdimensional sind. Der Held bleibt niemals Held und den perfekten Bösewicht gibt es auch nicht, denn auch er – oder in diesem Fall SIE – hat zu viele menschliche Schwächen, um keine Sympathien zu wecken. Ja, Wilds Geschichten sind verzwickt und genau deshalb so brillant.
Oscar Wilde in Bestform
Ein idealer Gatte (im Original: An Ideal Husband) ist eine Komödie von Oscar Wilde, die 1895 uraufgeführt wurde. Sie handelt von dem englischen Politiker Sir Robert Chiltern, dessen makellose Fassade durch eine dunkle Vergangenheit bedroht wird, denn eine intrigante Dame namens Mrs. Laura Cheveley droht, ein Geheimnis über Chilterns Aufstieg in der Gesellschaft preiszugeben, das seine Ehe und politische Karriere ruinieren könnte. Zum Glück eilt ihm jedoch sein guter Freund und Dandy Lord Arthur Goring zur Hilfe, der mit der Intrigantin auf eine kurze Verlobung zurück blicken kann und in ihr noch immer Gefühle wecken vermag, was ihm in die Karten spielt. Doch schadet dies womöglich seinen eigenen Heiratsplänen mit Miss Mabel Chiltern?
Oscar Wilde gehörte zu den bekanntesten und umstrittensten Schriftstellern des viktorianischen Großbritanniens. Zu seinen bekanntesten Bühnenstücken gehörten neben Ein idealer Gatte, Ernst sein ist alles (The Importance of Being Earnest) und Salomé. Sein einziger Roman mit dem Titel Das Bildnis des Dorian Gray wurde mehrfach verfilmt. Wilde war bekannt für seinen scharfen Witz, seine ironischen Bemerkungen und sein extravagantes Auftreten, das ihn zu einer lebenden Verkörperung der ästhetischen Bewegung machte. In Ein idealer Gatte hat sich Oscar Wilde mit der Rolle des Lord Goring ein kleines Denkmal gesetzt, ist dieser doch eine literarische Verkörperung von Oscar Wildes eigener Persönlichkeit und seiner ästhetischen Ideale. Goring ist ein scharfer Beobachter der Gesellschaft und übt subtile Kritik an ihren Konventionen, wodurch Wilde auf durchaus persönliche Weise die Scheinheiligkeit und Oberflächlichkeit der damaligen Gesellschaft zu entlarven vermag.
Der Klassiker wird im Sihlwald zum lustvollen Freilicht-spektakel
Alleine die zauberhafte Kulisse des turbine theater Sihlwald, das sich im Besucherzentrum des Wildnisparks Sihlwald, unweit der Haltestelle „Bahnhof Sihlwald“ befindet und dieses Jahr bereits 25-jähriges Bestehen feiert, ist einen Besuch wert. Die charmante Scheunen-Atmosphäre, die durch die Christian Jollers ausgereifte Lichttechnik in Szene gesetzt wird, erfährt durch das Öffnen der Rückwand ein ungeahntes Update, blickt man doch plötzlich auf die grüne Baumfront, die auf der anderen Seite der sanft dahin fliessenden Sihl liegt. Die Wirkung ist magisch und sorgt für das erhoffte Freilicht-Gefühl, nur eben wind- und wettergeschützt. Zudem sind Auf- und Abgänge der Darsteller auf diese Weise noch viel eindrucksvoller, besonders, wenn sie von der epischen Komposition von David Hohl untermalt werden, während sie über den grossen, weissen (Lauf-)Steg schreiten.

Ansonsten bleibt das Bühnenbild im ersten Teil mit ein paar weissen Klappstühlen modern und überschaubar, was sinnvoll ist, da die Geschichte, wie sie daher kommt, weder an Ort noch Zeit gebunden ist, sondern jederzeit in ähnlicher Weise stattfinden könnte. Auch im zweiten Teil werden nur einige Raumteiler mit Lamellen sowie eine kleine Feuerstelle ergänzt. Gerade die Raumteiler werden jedoch sehr aktiv und wirkungsvoll ins Geschehen mit einbezogen. Dafür kommt dann schon mal ein Scooter zum Einsatz, mit dem Mabel Chiltern über die Bühne saust.
Kostümtechnisch gibt es einiges zu sehen. Vom adretten rosaroten Tweed-Deux-piece, mit dem Getrud Chiltern ihre Tugend und ihren Status gekonnt zur Schau trägt, über Lord Gorings weisses Schleifchen-Hemd kombiniert mit Boxershorts und -Stiefeln, die ihm die entsprechende Exzentrik verleihen, bis hin zu Lord Cavershams fast schon SHEIN-anmutendem Onesie in Karomuster zur Fuchs-Stola, ist alles mit dabei. Mann trägt durchgehend kurze Hose, während die Damen der Gesellschaft je nach Rolle schon mal die Hosen anhaben oder auch schon mal mit weitschwingendem roten Abendkleid mit modernem Twist die Bühne beherrschen. Die vielen Details sind eine wahre Freude und man munkelt, Oscar Wilde selbst hätte an diesem opulenten Kostümbild, das oftmals jedoch mehr Schein als Sein ist, seine wahre Freude gehabt. Es wird definitiv geklotzt und nicht gekleckert, oder wenn, dann nur mit den giftgrünen und knallroten Cocktails, die während des ganzen Abends in rauen Mengen von der High Society getrunken werden.

Grundsätzlich darf man behaupten, dass kein Outfit wirklich zufällig gewählt ist, sondern stets das Image der Trägerin oder des Trägers unterstreicht. Um direkt bei der visuellen, sehr klugen Schachzügen zu bleiben, sticht ein Kostümteil besonders ins Auge und regt zur Diskussion an. So tragen Lord Goring, Sir Chiltern, Mrs. Cheveley und Lady Markby unter ihrer Kleidung eine zweite Latex-Haut am Oberkörper, die den Damen eine erstaunliche Oberweite und den Herren einen Sixpack verschafft. Es ist unübersehbar, dass diese künstlichen, physischen Attribute aus Imagezwecken getragen werden, um in der Gesellschaft den entsprechenden Status zu verteidigen und dem Bild zu entsprechen, das diese von einem hat. Dabei geht es aber weit weniger um die optische, sexualisierte Wirkung, sondern vielmehr um ihre Rolle in der Gesellschaft. Umso eindrücklicher ist es, wenn die Figuren sich dieser zweiten Haut – dieser Rüstung – entledigen und wagen, sich so zu präsentieren, wie sie sind, echt und verletzlich. Wie z.B. in Sir Chilterns Fall, hat man beinahe das Gefühl, dass er sich in dieser „Haut nicht wohl fühlt“ (eventuell weil er sich dies mit unlauteren Machenschaften verdient hat, die seinem Naturell gar nicht entsprechen) und sie wirklich nur trägt, um anderen – und davon ist seine Gattin leider nicht ausgeschlossen – zu gefallen. Denn Gertrud Chiltern idealisiert ihren Ehemann so stark, dass er fast keine andere Wahl hat, als sich rund um die Uhr zu „verkleiden“. Auch Mrs. Cheveley entledigt sich ihrer Oberweite absolut bewusst und wirkt danach erstaunlicherweise sogar weiblicher und mädchenhafter, als zuvor mit XXL-Busen und Lord Goring scheint sein Sixpack nicht mal besonders viel wert zu sein, sondern wirklich nur als Accessoire zu tragen, da er durch das ganze Stück hinweg doch sehr ehrlich und authentisch wirkt und vor allem vor der Person, die er wirklich von sich überzeugen möchte, sein wahres Selbst zeigen und so geliebt werden möchte.
Getrud, die ganz offensichtlich sehr auf ihr Image bedacht ist, trägt spannenderweise keine künstliche Haut, was höchstwahrscheinlich daran liegt, dass ihr ihre gesellschaftliche Rolle in Fleisch und Blut übergegangen ist und sie sich dieser weder entledigen kann noch will.
Diese Regieidee ist also subtil, klug und dramaturgisch wirkungsvoll. Sie betont Wildes Kritik nicht nur an Doppelmoral, sondern auch an moralischem Fanatismus, der sich für Aufrichtigkeit hält.

Die High Society der Schweizer Schauspielriege in Bestform
Es ist immer spannend zu sehen, in welche Sommer-Freilicht-Produktionen sich die Schweizer Künstler:innen verteilen. Bei Ein Idealer Gatte durften wir uns erneut auf Flavio Dal Molin und Wanda Wylowa, welche uns schon aus anderen Produktionen bekannt waren, freuen, aber auch auf für uns neue Gesichter, die uns begeisterten.
So waren wir z.B. sehr angetan von Florian Steiners Lord Arthur Goring. Mit überraschend grosser Ernsthaftigkeit spielt er den Dandy mit der moralischen Klarheit eines Philosophen und der Lebenslust eines Lebemanns sehr eindringlich und ausdrucksstark. Es ist eine wahre Freude, seine Mimik (vor allem auch, wenn er keinen aktiven Part hat, da sein Gesicht einen zeitweise richtig „entrückte“ Ausdruck annehmen kann) und das Zusammenspiel mit den verschiedenen Personen zu beobachten. So z.B. die tiefe Freundschaft zu Sir Robert Chiltern, die Florian Steiner auf sehr ruhige und warme Art darzustellen vermag, wie in der ehrlichen Freude über dessen positiven Zeitungsartikel, was in Anbetracht der offenkundigen Präferenz seines eigenen Vaters bewundernswert ist (Lord Cavershame würde Sir Chiltern seinem eigenen „nichtsnutzigen“ Sohn wohl jeder Zeit vorziehen, dennoch ist dessen Verhalten ihm gegenüber stets tadellos und ironisch respektvoll), oder in kleinen Ritualen, wie der Begrüssung. Aber auch sein spannungsgeladenes Zusammentreffen mit seiner ehemaligen Verlobten Mrs. Laura Cheveley, wo er für ein Mal auch nicht davor zurück schreckt, seinen Charme manipulativ einzusetzen, hat ihren Reiz, wie auch das eher vorsichtig freundschaftliche Verhältnis zu Roberts Ehefrau, die in ihm einen Vertrauten sieht, was ihn wiederum in Schwierigkeiten bringt. Sie alle sind jedoch nicht vergleichbar mit der fast schon animalischen Spannung zwischen ihm und Anna Elisabeth Kummrow in der Rolle der Mabel Chiltern. Die Intimität zwischen den beiden nimmt streckenweise fast schon unangenehme Züge an, wenn, sich ihre Blicke auf kürzeste Distanz einfach nicht von einander lösen wollen und dies auf höchst unviktorianische Weise. Doch kein Wunder, verkörpert Mabel Chiltern, genau wie er, eine neue, unkonventionelle, junge Generation, die ihren eigenen Weg geht. Anna Elisabeth Kummrow ist dabei eine zauberhafte und sehr lebendige Darstellerin mit starker persönlicher Präsenz und und dadurch eine echte Erscheinung, die sich ihrer Wirkung absolut bewusst ist, was nicht nur an den zahlreichen Heiratsanträgen liegt, die sie in regelmässigen Abständen, kriegt. Doch sie ist auf der Suche nach mehr Echtheit, einer Beziehung auf Augenhöhe, was sie in Lord Goring zu sehen scheint.
Ich finde dich mit all deinen Fehlern perfekt. Gib keinen davon auf.
Mabel Chiltern

Mrs. Cheveley, eine unverheiratete Frau, die in Sachen Intelligenz, strategisches Kalkül und Machtgier eher in der Männerliga mitspielt, was dem einen oder anderen Zeitgenossen eher sauer aufstossen mag, nimmt in diesem Stück eine sehr zentrale Rolle ein. Dass Regisseurin Sophie Stierle von dieser Rolle angetan war, ist gut zu spüren, wirken die intriganten Schachzüge doch ausgesprochen lustvoll und lassen den einen oder anderen Besucher diabolisch grinsen. Chantal Dubs gelingt es mit Bravour, mit viel unterschwellig gefährlichem Raubkatzen-Charme, das traditionelle Rollenbild, das Ende des 19. Jahrhunderts noch sehr stark verankert war und von Lady Chiltern zum Beispiel in Vollendung gelebt wird, aufzubrechen und die versnobte High Society so richtig aufzumischen. Mit Glitzerndem Hosenanzug steht sie ihren Mann, weiss aber auch ihre weiblichen Reize zu nutzen und bringt Sir Chiltern gewaltig ins Schwitzen, indem sie seine Jugendsünden auf den Plan bringt und ihm, durch die angedrohte Bekanntmachung seiner korrupten Machenschaften das Messer an die Brust setzt. Mrs. Cheveleys Achillesferse in Form von Lord Goring, der einst ihr Verlobter war und den sie aus Geldgier verlassen hatte, zeigt jedoch auf, dass auch sie nicht komplett immun gegen alle romantischen Sehnsüchte ist und in seiner Anwesenheit schwach wird. Diesen Kontrast zwischen der eiskalten Geschäftsfrau und der fast schon mädchenhaft Schmachtenden, ist eine darstellerische Meisterleistung von Chantal Dubs, vor allem, als sie dann doch noch als manipulativen und fast schon etwas verzweifelten Schachzug den Brief, der Sir Chilterns Karriere und Leben zerstören könnte, gegen eine Heirat mit Lord Goring eintauschen möchte, …und auf einmal hat man Mitgefühl mit diesem Biest… Bravo!
Moral ist nur die Haltung, die wir gegenüber Menschen einnehmen, die wir nicht leiden können.
Mrs. Cheveley

Als sehr auf ihr gesellschaftliches Ansehen bedachtes Ehepaar Chiltern überzeugen Wanda Wylowa und Flavio Dal Molin auf ganzer Linie. Herrlich versnobt und in allen Belangen perfekt scheinen sie vom Glück begünstigt. Keine Skandale, keine Ausrutscher, das Bild eines viktorianischen Ehepaars mit perfekter Rollenverteilung: Er der erfolgreiche Politiker und Geschäftsmann, sie die tadellose Ehefrau, die ihren Gatten bewundert, …aber leider auch idealisiert. Denn als Robert in Schwierigkeiten gerät, kann er sich genau IHR nicht anvertrauen, da sie dieses kleinen, schwarzen Fleck auf seinem Lebenslauf, auf dem aber sein ganzer Erfolg gründet, nicht kennt und er in ihren Augen „ein idealer Gatte“ ist. Und Gertrud zeigt auch kein Verständnis dafür, als sie es schlussendlich erfährt, da sie nicht versteht, wie er es wagen kann, ihren hohen Idealen nicht gerecht zu werden.
Du warst ein Ideal für mich und diese Welt. Bleib dieses Ideal!
Getrud ChiltERN
Das Gefühlschaos, in dem sich dieses Ehepaar befindet, könnte man nur erahnen, wenn die beiden Darsteller uns die Tiefe ihrer Verzweiflung nicht am eigenen Leibe spüren lassen würden. Roberts und Getruds Hilflosigkeit im Angesicht dieser drohenden oder bereits eingetretenen Existenzkriese – je nach Perspektive – geht wirklich an die Nieren und lässt das Publikum – uns eingeschlossen – völlig verzückt ob dieser darstellerischen Meisterleistung mit fiebern. Wanda Wylowa, deren Rollen-Problem weniger der Existenzielle Ruin, sondern der Verlust ihres Weltbilds zu sein scheint, bringt die ganze Palette ihrer Emotionen zum Ausdruck (inkl. Tränen), während Flavio Dal Molin aka Robert angesichts seiner ausweglosen Lage, in der ihm jede nahestehenden Person in den Rücken zu fallen scheint, innerlich versteinert und sein gesamtes Selbstbewusstsein zu verlieren, was erschreckend und faszinierend zu beobachten ist.
Früher oder später müssen wir alle für das bezahlen, was wir getan haben.
Sir Robert Chiltern

Als Fels in der Brandung mit beinahe 100%iger Bühnenzeit agiert Fisar Sefa in der Doppelrolle Mason/Phipps, Buttler bei Sir Chiltern und Lord Goring. Diese stumme Rolle hat ihren ganz eigene Charme. Stets bemüht, die zahlreichen Gäste auf zuvorkommende Art zu bedienen und den diversen Wünschen nachzukommen, fasziniert Fisar mit beinahe clownesker Ausdruckskraft. Die Vielzahl an Gefühlen, die sich auf seinem expressiven Gesicht spiegeln sind erstaunlich. Zudem obliegt ihm die Verantwortung die interszenischen Wechsel des Bühnenbildes zu koordinieren, Stühle neu zu arrangieren und die Rückwand zu öffnen oder zu schliessen und dies mit der Eleganz eines Tänzers. Ein echtes Highlight!

Ebenso allgegenwärtig, aber nicht immer ganz so stumm sind die beiden Freundinnen und sozialen Schmetterlinge Lady Olivia Basildon (Julia Barth) und Mrs. Marchmont (Paulina Quintero), die mit ihren auffälligen Outfits eher an der Streetparade, als auf einer viktorianischen Soiree erwartet würden, aber mit mit einer Riesenportion persönlichem Charme und Humor agieren. Es ist einfach die pure Freude, mit zu verfolgen, wie beiden Darstellerinnen als Personifizierung der gelangweilten und deshalb umso skandalbegierigen höheren Gesellschaft stets ihre Augen und Ohren offen haben, um ja keinen Klatsch und Tratsch zu verpassen und sich auch das eine oder andere Mal in eine fast schon peinliche Lage manövrieren, aus der sie sich aber charmant herauswinden, um direkt hinter der nächsten Ecke hervor zu linsen. Ihre Gespräche drehen sich bevorzugt um die nicht vorhandene Bestätigung ihrer Ehemänner oder ihre Teilnahme an Partys, sind jedoch oftmals klug und voller Wortwitz. Als eher „dekorative“ Figuren tragen sie wenig zur Handlung bei, doch gerade bei Wilde dürfen diese nie unterschätzt werden.

Die ältere Generation der Gesellschaft wird durch Lady Markby und Lord Cavershame verkörpert. Ihr Ideal ist ganz klar das traditionelle Rollenbild und die Beibehaltung der altbewährten Werte. Doch in dieser Sihlwald- Inszenierung ist Lady Markby weder grauhaarig noch matronenhaft. Monica Marquardt verströmt viel eher Carmen Geiss- Glam mit blonder Langhaarperücke und ganz in Animal-Print gekleidet. Und selbstverständlich trägt sie ihre künstliche Latexbrust ebenso stolz zur Schau, wie ihren Schmuck, denn wer hat, der hat. Monica Marquardt beherrscht die Kunst des oft inhaltslosen Dauergeplapper mit Perfektion.

Ingo Ospelt, füllt die Bühne als Lord Cavershame sehr erfolgreich mit einer altehrwürdigen, fast schon furchteinflössenden Präsenz, die alles andere als sympathisch wirkt, da er seinen Sohn immer wieder auf höchst unangenehme Weise angeht. Der Generationenkonflikt ist hier so richtig spürbar, ebenso wie die Überheblichkeit des Alters, die nur einen einzigen Weg akzeptiert, nämlich den eigenen. Er steht für puren Konservativismus, während sein Sohn das Dandytum verkörpert, welches das Leben zur Kunst macht. Gegen Mabels Charme ist jedoch auch er nicht gefeit.

Fazit – Ein Theaterabend mit Nachhall – kultiviert, komisch, und gefährlich ehrlich
Was Wildes literarischen Charme ausmacht, ist stets die Rohheit der menschlichen Natur. Wenn die Masken fallen – und dies tun sie im Sihlwald auf vielfältige Weise – beginnen seine Geschichten, ihren Zauber zu verströmen und die Zuschauer fühlen sich auf wunderbare weise angenommen und verstanden. Ein idealer Gatte ist keine Komödie. Es ist ein höflich servierter Aufstand gegen die Selbstgerechtigkeit. Wer moralische Klarheit sucht, findet Widerspruch in schönem Zwirn. Und wer lacht, sollte sich fragen: über wen?
Das turbine theater Sihlwald hat zu seinem 25-jährigen Jubiläum ein ganz wunderbares Hybrid-Freilicht-Erlebnis, gespickt mit intelligenten, humorvollen, aber messerscharfen Dialogen und einer modernen, optisch überraschenden Inszenierung parat, das man gesehen haben sollte.
Ein Idealer Gatte ist noch bis am 27. Juli 2025 zu sehen und Tickets gibt es unter: https://www.turbinetheater.ch/event/einidealergatte/#tickets
Ein Herzliches Dankeschön an Christian Menzi und das turbine theater für die Möglichkeit, dieses eindrückliche Theaterstück zu sehen und zu rezensieren.
Cast & Creatives
Sir Robert Chiltern: Flavio Dal Molin
Lady Gertrude Chiltern: Wanda Wylowa
Mrs. Laura Cheveley: Chantal Dubs
Lord Arthur Goring: Florian Steiner
Mabel Chiltern: Anna Elisabeth Kummrow
Mason / Phipps (beides Buttler): Fisar Sefa
Lord Cavershame: Ingo Ospelt
Lady Markby: Monica Marquardt
Lady Olivia Basildon: Julia Barth
Mrs. Marchmont: Paulina Quintero
Creatives
Regie: Sophie Stierle
Übersetzung: Peter Niklaus Steiner
Szenographie (Bühne und Kostüme): Jules Claude Gisler
Musik: David Hohl
Maske: Rahel Linder
Bühnentechnik (Licht und Ton): Christian Joller
Regieassistenz: Paulina Quintero
Abendtechnik: Esther Ambühl
Technik Infrastruktur: Michel Baumgartner
Bühnenbau: Nik Stahlberger
Produktionsleitung: Peter Niklaus Steiner


























