Selbst in strahlendem Sonnenlicht hat der Walensee, wie er dunkel und unbewegt am Fusse der Churfirsten liegt, etwas Mysteriöses. Kein Wunder, dass sich diverse Sagen und Legenden um ihn ranken.
Ein wahrer Geniestreich also von Simon Burkhalter und Bernd Stromberger mit der Unterstützung des Vereins „Unter Freiem Himmel“, in Murg am Walensee ein Freilichtspiel zu inszenieren, das nicht nur die atemberaubende Naturkulisse, sondern vor allem auch deren Mystik mit einbezieht. UNGEHEUERLICH entführt das Publikum vom 09.07. – 09.08.2025 ins Jahr 1861 und spinnt unter Einbezug historischer Fakten eine Geschichte voller Magie und menschlichen Abgründen, die man nicht verpassen sollte.
Hätten wir den Ratschlag „warme und wetterfeste Kleidung“ zu tragen, doch etwas ernster genommen, als wir uns am 9. Juli 2025 bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg zur Premiere von UNGEHEUERLICH in Murg am Walensee machten. Das Wetter war zwar perfekt, doch die kühlen Temperaturen, die am Walensee, inmitten der hohen Berggipfel herrschen, sollte man definitiv nicht unterschätzen, vor allem nicht bei Abenddämmerung. So trugen wir dann eine kleine Erkältung davon, die den grossartigen Eindruck, den wir von dieser aussergewöhnlichen Inszenierung hatten, aber nicht mindern sollte.
Wir hatten uns direkt in Murg ein Hotelzimmer genommen und bereits am Nachmittag ein wenig die Umgebung erkundet, was unsere Vorfreude auf die abendliche Vorstellung nur noch steigern sollte. Dennoch mussten wir, bei Ankunft des Shuttle-Schiffs, welches die Besucher von Unterterzen während einer 15minütigen Fahrt direkt zur Freilichtbühne bringt und im Ticketpreis inbegriffen ist, sagen: Hätten wir diese Möglichkeit doch nur wahrgenommen. Ist diese Überfahrt doch eine absolut grandiose Art und Weise den Walensee gleich noch mal etwas intensiver erleben zu können. Vor allem die Rückfahrt nach Vorstellungsende muss sich herrlich ungeheuerlich anfühlen, nachdem man weiss, was sich in den dunklen Tiefen des Sees verbirgt…
-> Unser Tipp: Unbedingt das Shuttle-Schiff für ein aufregendes Rundumerlebnis nutzen.
Die Magie der lokalen Exklusivität
Es gibt Stücke, die kann man an jedem Ort dieser Welt aufführen, da sie nicht das Geringste mit der Umgebung zu tun haben. Und viele Freilichtbühnen handhaben dies auch sehr flexibel. Und ja, ein schönes Bergpanorama über einem glitzernden See kann auch einfach ein toller Hintergrund sein, selbst wenn eine Geschichte in Frankreich, Griechenland oder den USA spielt. Daran ist nichts auszusetzen und kann ebenfalls in vollen Zügen genossen werden, wenn die Inszenierung selbst die Erwartungen erfüllt. Und ab und zu möchte man ja auch einfach einen bekannten Musical-Klassiker geniessen.
Die Umgebung zum integralen Bestandteil und – ja – fast schon Mitwirkenden zu befördern, ist jedoch next level. Deshalb darf sich diese, mit rund 300 Tribünenplätzen, verhältnismässig kleine Freilichtbühne in Murg durchaus mit grösseren Freilichtproduktionen messen. Auch die Tatsache, dass dieses Stück an keinem anderen Ort der Welt, aufgeführt werden könnte, gibt ihm eine aufregende Exklusivität und sollte die theaterbegeisterten Schweizer:innen und natürlich auch Touristen (die jedoch der deutschen Sprache mächtig sein sollten) zahlreich ans Ufer des Walensees locken.

Das Stück spielt nämlich – und das macht das Ganze erst so richtig schön – direkt in Murg, wo 1861 die alte Spinnerei in voller Blüte stand und in diesem Stück eine grosse Rolle übernehmen darf. So ist der Fabrikbesitzer Othmar Blumer z.B. keine Fantasiefigur, sondern spielte in der hiesigen Textilindustrie tatsächlich eine Rolle und war tatsächlich Gründer der alten Spinnerei, was dieser Geschichte, in der 12 Menschen mit unterschiedlichen, oft sehr weltlichen Problemen, eine berührende Authentizität verleiht, selbst, wenn sie mit einigen sehr schönen Fantasie-Elementen aufwarten kann. Hierzu zählen natürlich die Sagen und Legenden, die in der Walensee-Region am Leben erhalten werden und unter anderem die eines Drachens, der auf den Mürtschenstock stürzte und dabei das berühmte Mürtschenloch in den Berg riss. Was mit diesem Drachen danach geschah, ist ein Geheimnis…, war ein Geheimnis… bis jetzt…
Ein weiteres Highlight und eine liebevolle, kleine Besonderheit ist der Einsatz von Dialekt-Ausdrücken im auf Hochdeutsch gespielten Stück, was zunächst etwas irritiert, dann aber besonders charmant und irgendwie heimelig wirkt. Allerdings setzt es die ganze Aufmerksamkeit des Publikums voraus, da man nicht direkt jeden Ausdruck aus dem Kontext gerissen verstehen könnte.
Und auch lokale Traditionen, wie das Mitbringen von „Ankezüpfe“ (Hefezöpfe) zur Trauerfeier wird mit aufgenommen und die Entstehung derer erklärt. Somit wäre auch bereits verraten, dass es in diesem Stück zu mindestens einem Todesfall kommen wird…
Wichtig ist vielleicht noch zu erwähnen, dass es sich hier nicht um die bereits etablierte Walensee-Bühne in Walenstadt handelt, welche seit 2005 alle zwei Jahre ein Musical auf die Bühne bringt.
Eine Geschichte voller Ursprünglichkeit
Die Alte Spinnerei Murg läuft auf Hochtouren. Da sind Unfälle an der Tagesordnung. Diesmal hat es die Hand einer jungen Spinnerin erwischt und die Arbeiterinnen sind ausser sich. Da ist das Ehepaar Blumer froh, verkünden zu dürfen, dass der bekannte Märchensammler Jacob Grimm mit seiner Schauspieltruppe nach Murg kommt und die gesamte Belegschaft der Spinnerei, eine Vorstellung besuchen darf. Die geheimnisvolle Anna von Quinten, die als Heilerin, Seelsorgerin und Geschichtenerzählerin beinahe schon ein wenig den Status einer Druidin innehat, hilft nicht nur der verletzten Spinnerin, sondern soll Jacob Grimm auch mit Sagen und Legenden der Region unterhalten, damit dieser eventuell sein 101. Märchen finden kann. Zwischen den beiden entsteht jedoch bald schon mehr, wobei Annas grösstes Geheimnis, das sie voller Vertrauen mit Jacob teilt, beinahe verraten wird. Denn Anna weiss etwas über den Walensee, das alles verändern könnte.
Eine ungewollte Schwangerschaft, Überforderung, die beginnende Industrialisierung, unerwiderte Liebe, ein Waisenkind, das sich eine Familie wünscht, ein unerfüllter Kinderwunsch und eine junge Frau, die sich nach Sicherheit sehnt, ergänzen den vielschichtigen Plot.
Wer also meint, dass es sich bei UNGEHEUERLICH lediglich um ein schönes Märchen für Kinder handelt, hat weit gefehlt. Die Realität mit all ihren Problemen hat in diesem Stück die Oberhand, auch wenn die Mystik des Walensees wie ein feiner Nebel über dem gesamten Stück liegt, der sich mit dem Hereinbrechen der Nacht immer weiter verdichtet.

Doppelte Churfirsten und magischer Nebel
Ja, dieser Ort ist wahrhaft magisch und ist eine faszinierende Kulisse für diese Inszenierung, die in der Wahl eines sehr dezenten Bühnenbildes sicher alles richtig gemacht hat, um die Natur in den Fokus zu setzen und für sich selbst sprechen zu lassen. Die kleine aber feine Bühne, die ist Richtung See weist, ist nämlich mehr oder weniger offen und je weiter oben man auf der Tribüne man sitzt, desto mehr ist vom See und den dahinterliegenden Churfirsten zu sehen. Die Rückwand der Bühne besteht lediglich aus halbhohen Holzbrettern, deren Silhouette der dahinterliegenden Gebirgskette nachempfunden ist, was eine sehr harmonische Wirkung erzeugt. Die Bühne hat mittig eine integrierte Drehbühne, die vor allem bei Szenenwechsel sehr wirksam eingesetzt werden kann und weitere Elemente des Bühnenbilds mal in den Vordergrund, mal in den Hintergrund bringt und auch aufgeklappt werden kann. Zudem ist sich das Ensemble nicht zu schade, auch mal eine Tür oder ein Fenster zur Verdeutlichung der Szenerie selbst mit auf die Bühne zu bringen.
Dave Leuthold, dem nicht nur das Lob für das gleichzeitig ursprünglich und modern wirkende Bühnenbild gebührt, darf auch für das Lichtdesign ein Kränzchen gewunden werden. So weiss er nicht nur die Beleuchtung den sich beim Sonnenuntergang stetig verändernden Lichtverhältnissen optimal anzupassen, um dem Publikum stets eine einwandfreie Sicht auf die Darsteller zu bieten, sondern setzt auch sein in Naturtönen gehaltenes Bühnenbild und den gezielt eingesetzten Kunstnebel durch bunte Scheinwerfer magisch in Szene. Bravo!

Ganz zauberhaft fügen sich die historisch akkuraten und sehr hochwertig wirkenden Kostüme von Manon Noëmie Criblez in die Szenerie ein. Besonders stimmig erscheint der Einsatz von Farbe. So sind alle in Murg ansässigen Figuren in die verschiedensten Lila-Violett-Bordeaux -Schattierungen gekleidet, wobei die Spinnerinnen einheitliche, uniformelle Kleidung tragen. Auch das Ehepaar Blumer trägt Violett, allerdings unterscheidet sich der Schnitt der Kleidung – vor allem das Kleid von Ruth Blumer, das einen direkteren Vergleich mit den Kostümen der Arbeiterinnen zulässt – in Sachen Raffinesse massgeblich. Ebenfalls keine farbliche Ausnahme bilden Ingenieur Urs Nägeli und Anna von Quinten.

Mehr Farbe ins Spiel bringt dann die Schauspieltruppe von Jacob Grimm, was zu einer ganz deutlichen Unterscheidung führt und zeigt, dass sie fremd an diesem Ort sind. Wie es sich für die Showbranche gehört, finden sich in ihren Kostümen starke Farben wie Grasgrün, Sonnengelb, ein knalliges Rot oder in der Vorführung der Truppe selbst auch ein silbern glänzendes Kleid, das dann gar nichts mehr mit den sehr simplen Alltags-Stoffen der Spinnerinnen gemein hat. Hier kommen auch märchenhafte Requisiten, wie ein Wolfs- oder Froschkopf zum Einsatz oder fliegenden Vögel an einer Angel.
Auch das Maskenbild von Marina Keller lässt nicht zu wünschen übrig, wobei in Sachen Haare bei den Spinnerinnen wohl das eigene Haar bevorzugt wurde. Die Schausteller-Truppe hingegen trägt Perücke und Martina Lory als Anna darf ihren zauberhaften blonden Lockenkopf mit einem perfekt passenden Zopf verlängern.
Make-up-technisch bleibt es in Murg natürlich, wobei sich auch hier die Schaustellerinnen mit roten Lippen abheben. Dafür wird bei den Arbeiter:innen der Spinnerei grosszügig Schmutz eingesetzt oder auch mal Kunstblut.

Figuren mit Tiefgang und Charakter
Wie bereits angedeutet, gibt es bei UNGEHEUERLICH natürlich die beiden Hauptfiguren Anna von Quinten und Jacob Grimm, über deren Leben und Charakter man einiges erfährt und die im Laufe des Stücks auch eine Entwicklung durchmachen (mehr dazu später). Doch auch die anderen Figuren – wie nennen sie mit vollem Bewusstsein nicht Nebenfiguren – bleiben nicht zweidimensional, sondern geben dem Publikum grosse Identifikationsmöglichkeit durch Menschlichkeit.
So ist z.B. das Ehepaar Blumer ein Gespann, das in einer flacheren Inszenierung wenig Tiefgang gehabt hätte. Othmar Blumer, dem reiche Fabrikbesitzer, der mit seiner adretten Kleidung und Zylinder über die Bühne spaziert und seine Frau mit einer Spinnerin betrügt, bringt man aufgrund der schönen Rollenausarbeitung und natürlich auch wegen Roland Hermanns Spiels tatsächlich etwas Verständnis entgegen. Seinerzeit war es gang und gäbe, dass ein Mann sich eine Geliebte nahm und in dieser Position sowieso. Ebenso verbreitet war es, dieses Kind natürlich NICHT anzuerkennen, wie es bei der schwangeren Lea der Fall ist. Trotz der eigentlichen Kaltblütigkeit, mit der er Anna um ein Mittel zur Abtreibung des Kindes bittet, wirkt er sehr unsicher und überfordert mit der Situation, was ihn fast ein bisschen sympathisch macht.
Ruth Blumer ist eine Dame aus höherer Gesellschaft, wie sie im Buche steht. Nach der neuesten Mode gekleidet verströmt Stefanie Verkerk in dieser tragischen Rolle eine Noblesse, die ihresgleichen sucht. Ausgestatten mit einem starken Geschäftssinn, steht sie ihren Mann, das Mutterglück bleibt ihr jedoch verwehrt, was ihr ziemlich zusetzt. Eine wirklich schöne, berührende Interpretation einer Frauenfigur, die trotz Herzschmerz das Beste aus der Situation macht..

Und auch jenes bemitleidenswerte Mädchen namens Lea Kälin, das ihrem Geliebten überglücklich die frohe Botschaft mitteilt und schnell realisiert, dass sie ihre Unschuld ohne Hoffnung auf eine erfüllte Liebe einem Unwürdigen geschenkt hat, macht Eindruck. Nina Rehn schenkt ihrer Rolle mit ihrem ausdrucksstarken Spiel eine inspirierende Stärke, die selbst durch die Trauer und Hoffnungslosigkeit, die ihre aussichtslose Lage mit sich bringt, durchscheint, was Lea zu einem wirklichen Highlight macht.
Sehr gefreut haben wir uns auf Cécile Gschwind, deren Wandelbarkeit uns immer wieder überrascht und begeistert. Auch diesmal konnte sie uns auf ganzer Linie überzeugen. Als Vorarbeiterin Dora Mächler übernimmt sie eine Art Mutterrolle für die Spinnerinnen und ist immer an vorderster Front mit dabei, so z.B. beim ziemlich blutigen Unfall, wo sie eine wirklich glaubwürdige Mischung aus Schock und Stärke zu vermitteln weiss.

Christian Menzi überzeugt mit seiner Interpretation des gutherzigen, an den technischen Fortschritt glaubenden Ingenieurs Urs Nägeli, der sich ganz der Konstruktion der neuen Turbinen verschrieben hat, sowohl schauspielerisch, als auch tänzerisch und gesanglich auf ganzer Linie. Als Künstler eine solch leidenschaftliche Begeisterung für technische Zeichnungen zu vermitteln, ist nicht ohne. In guter Erinnerung bleiben wird auf jeden Fall sein Song Maschinenwelt, oder die vorsichtige Annäherung an Schaustellerin Ottilie Abendroth, gespielt von der zauberhaften Raya Sorentino, die wiederum den Wunsch nach Stabilität und Sicherheit hinter einer Welt auf Glitzer und Applaus verspürt, was sie bei Urs Nägeli zu finden hofft. Zusammen mit Annina Rosa alias Henriette Morgenroth sorgt sie im Verlauf des Stück für viele sehr unterhaltsame Momente, wobei vor allem die komödiantische Interpretation der beiden bösen Stiefschwestern von Aschenputtel für Begeisterung sorgt. Nicht zu unterschätzen ist jedoch die unterschwellige Spannung, zwischen den beiden Schauspielerinnen und ihrem wahrlich prinzenhaften und ausdrucksstarken Kollegen Fritz Krümplemann, gespielt vom sehr bühnenwirksamen Lénárd Kókai, der sein Herz an die schöne Ottilie verloren hat, aber insgeheim leidenschaftlich von der herzensguten Henriette geliebt wird. Genau diese zwischenmenschlichen Beziehungen sind es aber, die der Schauspieltruppe mit ihrem überzeichneten Spiel die Oberflächlichkeit nehmen, da jeder sieht und spürt, dass auch dieses Leben nicht so glamourös ist, wie es den Spinnerinnen erscheint.

Einen echten Glanzpunkt setzt ein mal mehr Rolf Sommer, der mit seinem untrüglichen Gespür für feine Nuancen aus seinen Rollen stets etwas ganz Besonderes zu zaubern vermag. Gottlieb Sonderegger, der Assistent von Jacob Grimm übernimmt in diesem Stück eine sehr spannende Position. Einerseits gewissenhafter Assistent, der auf jede Frage Grimms sofort eine Antwort weiss und jedes Wort unaufgefordert notiert, aber auch Märchenschreiber. Denn es ist offensichtlich, dass er den Job seines Meisters längst beiläufig übernommen hat, aber nicht dessen Gier. Seine Wertvorstellungen sind sehr konkret, was er in Duett mit , Ein Mädchen reines Herzens, zum Ausdruck bringt. Für uns eine der zu Herzen gehendsten Momente, da Lea sich ihrer Mängel durchaus bewusst ist.

Prof. Jacob Grimm wird durch Theodor Reichhardt zum Leben erweckt. Er besitzt ohne Zweifel die starke Präsenz und Persönlichkeit, die es benötigt, um eine solch schillernde Figur, wie den bekannten Märchensammler zu verkörpern. Dabei lässt er weder stimmlich noch darstellerisch an Gefühl und Tiefgang vermissen und weiss auch tänzerisch zu begeistern, denn dieser Grimm ist ein echtes Showtalent. Auch bei ihm sticht die spannende Rollenausarbeitung ins Auge. So präsentiert sich Jacob Grimm zunächst ziemlich unsympathisch, oder – wie eben auch Othmar Blumer – als Kind seiner Zeit. Kommt er doch nach Murg, um einen Gelehrten zu treffen, der ihm die hiesige Märchen- und Sagenwelt näher bringen soll, ist er zunächst sehr verärgert, als ihm stattdessen die auf den ersten Blick doch sehr gewöhnliche Anna von Quinten präsentiert wird. Doch schnell nähern sich die beiden an und die gegenseitige Faszination und Anziehung wird zu einem wichtigen Faktor der Geschichte und man beginnt Jacob Grimm zu mögen. Aber nur so lange, bis er sich nicht davon abbringen lassen will, sein 101. Märchen niederzuschreiben, das jedoch Annas grosses Geheimnis in sich trägt. Mit viel Feingefühl gelingt Theodor Reichhardt den Kampf zwischen Gier und Liebe nachvollziehbar und keineswegs überspitzt darzustellen.
Als Gegenspielerin und doch auch Verbündete steht Grimm die schöne, aber auch geheimnisvolle Anna von Quinten zur Seite. Für diese spannende, starke und nicht ganz einfach zu verkörpernde Frauenrolle wurde mit Martina Lory eine Idealbesetzung gefunden. Mit ihrer faszinierenden Stimme, die in so vielen Genres zu Hause zu sein scheint und ihrer flirrenden Präsenz und dem zauberhaften Äusseren, schenkt sie Anna eine Kraft und Tiefe, die die ganze Bühne beherrscht und perfekt zur mystischen Thematik der Geschichte passt. Mit einer berührenden Natürlichkeit und Rohheit nimmt sie das Publikum gefangen und sorgt immer wieder für wahrhaft fantastische, aber auch zutiefst menschliche Momente. Als Heilerin und „Hüterin der Legenden“ ist sie Anlaufstelle für jegliche Probleme und Fragen, was sie unter grossen Druck setzt, was sie in ihrem Song Wer fragt mich schon? mit viel Gefühl zum Ausdruck bringt. Doch ob es sich um ein schwangeres Mädchen oder einen verletzten Drachen handelt, Anna ist stets bereit zu helfen, auch wenn sie selbst dabei oft etwas auf der Strecke bleibt und sie unter dem Druck der teilweise grossen Verantwortung fast zu zerbrechen droht. Als sie in Jacob Grimm einen Seelenverwandten zu erkennen glaubt und sie ihm ihr grosses Geheimnis verrät, das sie ihr Leben lang für sich behalten musste, ist es fast eine Erleichterung, selbst, wenn sein Vertrauensmissbrauch eine Katastrophe auslöst. Für uns sehr besonders war es, keine jungen Liebenden zu erleben, sondern erwachsene Menschen, die unerwartet spät im Leben noch einmal dieses Gefühl erleben dürfen (1861 wäre Jacob Grimm nämlich bereits 76 Jahre alt gewesen). Aber Liebe kennt kein Alter.

Immer wieder an Annas Seite zu finden, ist Anneli, ihr jüngeres Ich, ihr inneres Kind. Als Verkörperung der Vergangenheit, tritt Anneli alias Mirjam Baur immer dann in Erscheinung, wenn Anna sich erinnert oder das grosse Geheimnis bedroht ist. Diese Aufspaltung einer Person in zwei Rollen ist spannend und berührend und lässt die starke, selbständige Anna zarter und verletzlicher erscheinen. In dem Anna Jacob ihr grosses Geheimnis verrät, geht sie ein grosses Risiko ein, doch der Wunsch nach Verbundenheit und Liebe ist stark, da muss Anneli doch ziemlich kämpfen. – Mirjam Bauer ist aber in einer 2. Rolle zu bewundern. So spielt sie auch die burschikosen Marie, die nicht immer das Aschenputtel, sondern lieber mal den Prinzen spielen will und sich nach einer Mutter sehnt. Hier bewunderten wir ihr wunderbar natürliches und lyrisches Spiel, das vor allem auch in ihren stillen, in sich gekehrten Momenten zu Tragen kommt, wie beim Marionettenspiel. Doch auch ihre ansteckende Begeisterung ist einfach unwiderstehlich.

Eine musikalische Reise in die Magie der Natur
Auch wenn sich UNGEHEUERLICH nicht entscheiden kann, ob es ein Musical oder ein Theaterstück sein möchte, spielt die eindrückliche Musik von Sami Hammi, die leider nur vom Band kommt, was der Wirkung aber keinen Abbruch tut, eine tragende Rolle. Mal zart und untermalend, mal machtvoll und berauschend, trägt sie massgeblich zur mystischen Wirkung dieses Stücks bei und entführt das Publikum in eine ursprüngliche Welt voller Geheimnisse. Dass Sami Hammi sich auch in Sachen Filmmusik einen Namen gemacht hat, ist deutlich zu spüren und in diesem Fall ein echtes Geschenk, so kann seine Komposition sehr präsent sein, sich aber auch unbemerkt einschleichen und die Empfindungen des Publikums ungerbewusst beeinflussen, um für ein noch grossartigeres Erlebnis zu sorgen.
Nummern wie Maschinenwelt, Die Märchen der Gebrüder Grimm oder Das Märchen des Aschnputtel sind aber dafür echte Showstopper, die sowohl musikalisch als choreographisch das Musicalherz höher schlagen lassen. Besonders zu erwähnen sind die grandiosen und inspirierten Choreographien von Evelina Stampa, die ihr grosses Können und ihre Kreativität unter Beweis stellen. Die Revue-artigen Tanzszenen der Schauspieler-Truppe, bei der fantasievolle Requisiten zum Einsatz kommen, begeistern auf ganzer Linie, ebenso wie die stampfenden, – ja – maschinenartigen Bewegungen bei Maschinenwelt, die vor allem in der Gruppe richtig zur Geltung kommt. Aber auch die kraft- und ausdrucksvollen Gruppentanzszenen, die fast schon neoklassische Züge tragen und die Mystik und Dramatik der Geschichte unterstreichen, bieten einen echten Mehrwert, was nicht zuletzt am höchst professionellen, ausdrucksstarken und spielfreudigen Ensemble liegt. Das teilweise fast schon gebärdensprache-anmutende Bewegungsvokabular von Evelina Stampa, ist faszinierend und für alle leicht verständlich und passt perfekt ins sehr künstlerische Gesamtkonzept von UNGEHEUERLICH.

Was ist denn nun mit dem Drachen?
Eine Frage, die sich sicher jeder stellt, ist: Werden wir den Drachen sehen? Wir enttäuschen euch nur ungern, aber auch in unserem Bericht, werdet ihr es nicht erfahren. Dafür müsst ihr euch das Stück schon selbst ansehen. Doch soviel darf verraten werden: Es gibt eine wirklich aufregende, unheimliche und mächtige Szene, die vor der dunklen See-Kulisse ihre Wirkung nicht verfehlt.
Wer dieses zauberhafte Freilicht-Spektakel unter der Regie von Simon Burkhalter noch erleben möchte, sollte sich beeilen, denn die Vorführungen erfreuen sich grosser Beliebtheit. Zu sehen ist UNGEHEUERLICH noch bis am 9. August 2025 und Tickets findet ihr hier: https://www.ticketino.com/de/organizer/4431035
Cast & Creatives
Cast:
Anna von Quiten: Martina Lory
Anneli/Marie: Mirjam Bauer
Prof. Jacob Grimm: Theodor Reichardt
Gottlieb Sonderegger: Rolf Sommer
Othmar Blumer: Roland Herrmann
Ruth Blumer: Stefanie Verkerk
Urs Nägeli: Christian Menzi
Dora Mächler: Cécile Gschwind
Lea Kälin: Nina Rehn
Fritz Krümplemann: Lénárd Kókai
Henriette Morgenroth: Anina Rosa
Ottilie Abendroth: Raya Sarontino
Tänzerinnen, Statist:innen,
Ola Marie Julie, Lisa Herles, Barbara Blättler, Doris Keller, Daniel Schmid, Franziska Kaufmann, Mela Medina, Mario Blättler, Rosmarie Mariacher
Creative Team:
Regie: Simon Burkhalter
Regieassistenz und Requisite: Yves Ulrich
Produktionsleitung: Markus Müller
Geschichte: Bernd Stromberger
Musik: Sami Hammi
Choreographie: Evelina Stampa
Bühnenbild und Lichtdesign: Dave Leuthold
Kostümbild: Manon Noëmie Criblez
Maskenbild: Marina Keller
Ein ungeheuerliches Dankeschön an die Seebühne Murg für die Möglichkeit, dieses bewegenden Stück zu sehen und zu rezensieren.











































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