Vom 9. November bis zum 15. Februar 2026 zeigt das Märlitheater Zürich an verschiedenen Locations in der Deutschschweiz das zauberhafte Stück Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch in einer Inszenierung von Simon Burkhalter nach dem gleichnamigen Werk von Michael Ende. Wie schon bei seinem anderen Werk Momo werden Themen wie Zeitdruck, Verantwortung, Umweltzerstörung, der ewige Kampf zwischen Gut gegen Böse, aber auch Magie und Satire auf die menschliche Gier und Bürokratie auf einfühlsame, kindgerechten Art behandelt. Prädikat: absolut sehenswert!
Dass Kinder nicht nur unterhalten werden wollen, sondern durchaus auch in der Lage sind, grössere Zusammenhänge zu verstehen, die Einfluss auf ihr Miteinander haben, wusste Michael Ende in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts bereits, als er unvergessliche Werke wie Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Momo oder Die unendliche Geschichte schrieb. Nicht unerwähnt bleiben darf in dieser Aufzählung Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch, der nun als buntes, humorvolles und sehr eindrückliches Kinderstück des Märlitheaters Zürich am 9. November 2025 im The Millers Premiere feierte.
Zwischen Realität und Fantasie
Beim Roman Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch des Kultautors Michael Ende aus dem Jahr 1989 handelt es sich um sein letztes vollendetes Werk, das unter großem Zeitdruck und erschwerten Umständen entstand.
Endes Bücher tragen eine tiefe Sinnhaftigkeit in sich und werden die Zeit überdauern, da sie mit ihrem geistigen und emotionalen Tiefgang Kinder, Jugendliche wie auch Erwachsene gleichermaßen zu fesseln vermögen.
Inspiration fand Michael Ende bei Malern wie Hieronymus Bosch, Francisco de Goya und Salvador Dalí, in der Anthroposophie – der „Weisheit vom Menschen“ – sowie im Zen-Buddhismus. Seine bildhafte Sprache, die eine perfekte Basis für Filme und Bühnenstücke bieten, da sie die Fantasie anregt und viel Möglichkeit zur Darstellung seiner Welten lässt , und die wiederkehrende Verknüpfung der Themen Natur, Geist und menschliche Entwicklung zeugen von seinem tiefen Interesse an diesen Gebieten.
Ein unheimlich vielseitiger Mensch – einer, den man gerne persönlich gekannt hätte.
Zwei Tiere überlisten das Böse
Viele kennen das Buch bereits, daher fassen wir die Handlung nur kurz zusammen:
Am Silvesterabend, während die Welt dem neuen Jahr entgegenjubelt, herrscht in einem alten Turm düstere Aufregung. Der Magier Beelzebub Irrwitzer und seine geldgierige Tante, die Hexe Tyrannja Vamperl, haben ihre höllische Jahresquote an Unheil nicht erfüllt. Vom teuflischen Gerichtsvollzieher Maledictus Made bedroht, greifen sie in ihrer Verzweiflung zu einem verbotenen Rezept – dem satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch, einem Trank, der jeden Wunsch erfüllt, wenn auch nur für eine Nacht.
Der Fantasie ihrer Bosheit sind keine Grenzen gesetzt: Umweltkatastrophen, Krankheiten, Kriege – alles, was Leid und Chaos bringt, soll durch den Zauber entfesselt werden.

Doch während die beiden ihren teuflischen Plan schmieden, wachen andere über das Gleichgewicht der Welt. Der Hohe Rat der Tiere hat längst zwei ungewöhnliche Spione entsandt: den jungen, romantischen Kater Maurizio di Mauro, der in Irrwitzers Dienst steht, und den älteren, zerzausten Raben Jakob Krakel, der Tyrannja gehört. Gemeinsam versuchen sie, den verhängnisvollen Zauber zu verhindern, bevor Mitternacht schlägt. Mit Hilfe des Heiligen St. Silvester gelingt es ihnen schließlich, die Wirkung des Umkehrzaubers des Trankes aufzuheben. So, dass die hinterlistigerweise positiven Wünsche tatsächlich positive bleiben. So wird der finstere Plan vereitelt, die Natur (zumindest vorerst) gerettet, und die beiden Bösewichte landen dort, wo sie hingehören.
Entscheidend ist allein die Qualität
Die Entscheidung Simon Burkhalter für die Regie zu verpflichten, war ein wahrer Geniestreich des Märlitheaters Zürich. Für uns war es nach Ungeheuerlich, Der Graf von Luxemburg und Rigo und Rosa 2 bereits die vierte Inszenierung des innovativen Regisseurs, die wir in diesem Jahr besuchen und rezensieren durften.
Neben der Regie zeichnet sich Simon Burkhalter auch für die Fassung verantwortlich. Es scheint, als mache er keinen Unterschied zwischen Operette und Kinderstück – entscheidend ist allein die Qualität der Inszenierung. Dies schätzen wir sehr, da sich Kunst nicht an der Größe eines Ensembles oder der Zielgruppe misst, sondern an ihrer inneren Wahrhaftigkeit. Oft sind gerade Kinderstücke die ehrlichsten – sie berühren nicht nur die Jüngsten, sondern auch das innere Kind in uns Erwachsenen.
Burkhalters Interpretation der Buchvorlage orientiert sich nicht nur an der Handlung sondern auch an den zugrundeliegenden Ideen Michael Endes. Seine Figuren sind vielschichtig und, trotz farbenfroher Kostüme, nie plakativ. So treten Katze und Rabe nicht in vollständigen Tierkostümen auf, sondern wirken wie eine harmonische Verschmelzung tierischer Attribute und menschlicher Züge – eine wunderbare Arbeit von Kostümbildnerin Moira Bernard, die mit ihren Ideen massgeblich für die starke Wirkung der Figuren verantwortlich ist.
Ein kleines Ensemble mit grosser Wirkung
Melanie Kurmann spielt den jungen, gutmütigen Kater Maurizio di Mauro – pardon Moritz Leuenberger – ,der seinem Meister Beelzebub Irrwitzer zunächst treu ergeben ist und ihm tatsächlich gesteckt hat, dass er ein Spion vom Hohen Rat der Tiere ist.

Wie cha de Maestro so guet sii zu mir und gleichzeitig so bös.
Maurizio
Er ist der Erzähler der Geschichte und wendet sich immer wieser direkt ans Publikum. Melanie Kurmann mit ihrem freundlichen, offenen Gesicht erinnert kostümtechnisch an den kleinen Kater Findus von Petterson und Findus und ist der erklärte Liebling der Kinder. Sowohl ihr Spiel als auch die Interaktion ist wundervoll auf das junge Publikum abgestimmt. Für viel Begeisterung sorgt auch immer wieder ihr dramatisches „Katzenkonzert“.

Ihr zur Seite steht die extrem vielseitige Debi Althuser, die sich nicht nur die Produktionsleitung mit Gianni Pfister teilt und mit ihm zusammen das Stück ins Schweizerdeutsche übersetzt hat, sondern auch den pessimistischen, zerzausten Raben Jakob Krakel interpretiert, welcher ein Symbol für den Verstand und die Logik ist. Debi Althusers Spiel verleiht Jakob Krakel die richtige Dosis Pflichtbewusstsein, Vernunft und Skepsis, die Maurizios emotionales Handeln tadelt und diesem schlussendlich die Augen über Professor Beelzebub Irrwitzer öffnet.
Dieser wird von Tausendsassa Gianni Pfister verkörpert. Der junge Kreative mit dem sympatischen Lächeln ist genau genommen das komplette Gegenteil des 187-jährigen, bösartigen und vom Leben gelangweilten Schwarzmagiers, der eine faszinierende Mischung aus depressivem, antisozialen und überheblichen Professor und Ebenezer Scrooge zu sein scheint. Perfekt unterstrichen wird dieser Eindruck durch Kostüm und Maske: Das Gesicht bleich, die Haare lang, grau und wirr vom Kopf abstehend – man ahnt sofort, dass dieser Zauberer seine Wohnung schon lange nicht mehr verlassen hat und auch nicht sehr oft Besuch erhält, was auch seine panische Reaktion auf das überraschende Klopfen an der Tür verdeutlicht. Grandios!
Es ist eine wahre Freude, ihn zu beobachten, wie er mit einer Pfeife im Mund, im grünen Lieblingsmorgenmantel und Pantoffeln, im Sessel lümmelt oder durch seine vier Wände schlurft. Nur die Socken mit den grünen Kleeblättern lassen erahnen, dass er einst vielleicht ein dynamischerer Zeitgenosse gewesen sein könnte.
Sein Umgang mit Kater Maurizio di Mauro ist kalt und herablassend – was die Beziehung umso spannender und vielschichtiger macht, als wäre er offen boshaft. Dabei ist ausgerechnet dieser Kater die einzige Bezugsperson, die Irrwitzer überhaupt hat. Doch dieser subtile Zynismus gibt der Figur viel Tiefe

Maurizio, frog de grupfti Vogel do emol, was er do z’sueche het und wie er heisst. Beelzebub Irrwitzer
Gianni Pfister stellt diesen Antagonisten so herrlich verschroben und phlegmatisch dar, dass man ihn verachten möchte, aber gleichzeitig ein Stück weit verstehen will. Die Besetzung erweist sich auf jeden Fall als überaus stimmig und er bildet einen herrlichen Kontrast zu seiner Tante Tyrannja Vamperl, die ihn unablässig liebevoll-verächtlich „Bubi“ nennt.
Die eigentlich gefrässige und geldgierige Hexe, sowie Tante von Beelzebub Irrwitzer wird von der zarten Charlotte Heinimann geradezu legendär verkörpert. Vom ersten Moment an als sie sich singend ihren Weg durch den Kamin bahnt und aufgrund ihrer durch einen Reifrock dargestellten Leibesfülle beinahe steckenbleibt, gehört ihr die Bühne. Das letzte Mal durften wir sie in der Rolle von Schwester Maria Nirwana in Sister Äct auf der Bühne bewundern. Charlotte Heinimann ist eine dieser Schauspielerinnen, die einem mit ihrem Spiel komplett gefangen nehmen. Obwohl sie eigentlich den zweiten Bösewicht des Stücks verkörpert, muss man sie und ihren wunderbaren Basler Dialekt lieben, der ihrer Darstellung eine unverwechselbare Note verleiht.

Hei, wie kunsch du denn uf so e Güggelmischt?!
Tyrannia Vamperl
Tyrannia liebt Reichtum, Macht und Luxus, was deutlich an ihrem farbigen, pompösen Kleid und dem grossen Edelsteinring, sowie der gepflegten hochtoupierten Frisur zu erkennen ist. Sie ist die perfekte Mischung aus Bienekönigin und Marie-Antoinette. Sie gönnt sich schlichtweg alles. Eigentlich ist sie komplett empathielos, kann dies aber absolut perfekt hinter ihrem breiten Grinsen verbergen. Ohne mit der Wimper zu zucken, wäre sie bereit, ihren Neffen zu opfern, nur um die eigene Haut zu retten – und dennoch tut sie es mit solch charmantem Selbstverständnis, dass man beinahe hofft, sie finde doch noch einen Weg, ihre Seele zu behalten. Charlotte Heinimanns Zusammenspiel mit Gianni Pfister ist sagenhaft, die Chemie der beiden ist wahrlich ein Highlight.
Wo wir beim Stichwort „Highlight“ sind: Kurt Schrepfer in seiner Rolle als der infernaler Gerichtsvollzieher Maledictus Made, dem dritten Bösewicht, ist ein weiteres Glanzlicht dieser Produktion. Kurt Schrepfer verkörpert alles, was wir am Theater so sehr schätzen. Als ausgebildeter Tänzer verfügt er über eine vibrierende, vollkommen körperbewusste Bühnenpräsenz, die seiner Interpretation eine unheimliche, fast übernatürliche Energie verleiht. Als faszinierende Fusion aus Cabarets Conférencier und Gott Shiva – zugleich charmant, bedrohlich und elegant mit maskenhaftem Lächeln – bewegt er sich mit seinen insgesamt sechs Arme tatsächlich wie ein Käfer –, was ihn optisch entmenschlicht und zu einem perfekten Beamten der Hölle macht.

Da Kurt Schrepfer im Stück noch eine zweite Rolle übernimmt, ist es ein äusserst geschickter Einfall, Maledictus Made Hochdeutsch sprechen zu lassen – eine subtile, aber wirkungsvolle Abgrenzung, die den Charakter noch klarer konturiert
Als Statue des Heiligen St. Silvester ändert sich bei Kurt Schrepfer praktisch alles – sowohl optisch als auch darstellerisch.
Als zum Leben erwachte Statue spricht er Mundart mit deutlich tieferer Stimme (was für eine Stimme!) und bewegt sich steif und bedächtig – schliesslich besteht er den Rest des Jahres aus Stein. Besonders eindrücklich ist die präzise Abstimmung des Knackens, das seine Bewegungen begleitet, wenn er allmählich wieder versteinert. Wir fragten uns unwillkürlich, wer sich hier wem angepasst hat – der Ton der Bewegung oder die Bewegung dem Ton?
En einzige Ton us mim Neujohrskonzert chönnti also verschenke.
Nehmen de Ton und versenked ihn unbemerkt i dem Punsch mit dem komplizierte Name.
St. Silvester

Sein versteinertes Make-up als Heiliger Silvester lebt von starken Schattierungen und wirkt deutlich intensiver als jenes des höllischen Gerichtsvollziehers. Umso erstaunlicher ist es, dass er am Ende des Stücks wieder vollständig in die Maske des Maledictus Made zurückfindet – als wäre nichts gewesen. Ein ganz grosses Lob gebührt hier der Maske, für die Marion Loosli verantwortlich zeichnet. Ihre Arbeit verleiht beiden Figuren eine unverwechselbare visuelle Tiefe und macht den Verwandlungseffekt für uns zu einem der magischsten Momente des Abends.
Wie bereits erwähnt, ist das Böse in dieser Inszenierung nicht laut oder übertrieben. Beelzebub und Tyrannja besitzen durchaus nachvollziehbare, menschliche Seiten, die vor allem vom erwachsenen Publikum erkannt werden. Nur Maledictus Made und St. Silvester wirken eher unmenschlich – sie verkörpern die beiden Gegensätze von Unordnung und Zerstörung (teuflisch) sowie Ordnung und Wunder (göttlich).
Kreative Grenzenlosigkeit
Das Bühnenbild von Simone Baumberger überzeugt durch konzeptionelle Klarheit und liebevolle, kindgerechte Details. Zweiseitige Wandelemente auf Rädern und mobile Requisiten (der Ohrensessel sorgt z.B. für viel Dynamik) schaffen flexible Szenenbilder, die durch stimmungsvolle Ausleuchtung und gezielten Nebeleinsatz ergänzt werden. So entstehen geheimnisvolle Atmosphären – etwa in der Villa Albtraum oder im Münster. Besonders die Szene auf dem Glockenturm mit St. Silvester vor der gigantischen Uhr ist visuell schlicht atemberaubend. Bläulich Licht taucht die Bühne in die besinnliche Kälte einer Silvesternacht in einem verlassenen Kirchturm.

Die Kompositionen von Patric Scott setzen dem Ganzen das sprichwörtliche i-Tüpfelchen auf: stimmungsvolle, märchenhafte, oder auch aufregende und treibende Arrangements. die jede Szene tragen und Emotionen vertiefen – allen voran das grandiose Duett von Beelzebub und Tyrannja.
Wir geben zu: Wir haben eine Schwäche für solche Musik, die Emotionen nicht nur begleitet, sondern spürbar macht. Umso mehr bedauern wir, Scotts letztjährige Komposition zu Heidi – Das neue Musical auf der Walenseebühne verpasst zu haben. Seine Melodien tragen auch in dieser Produktion entscheidend zum Zauber des Abends bei.
Fazit
Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch ist ein kleines Meisterwerk, das jetzt schon unsere Top Five der Saison in der Sparte Kinderstücke anführt.
Schon das Buch Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch ist weit mehr als ein Kinderbuch – und ebenso ist die Inszenierung des Märlitheaters Zürich ein Vergnügen für Gross und Klein.
Diese zeitlose Parabel über Verantwortung, Umweltbewusstsein und Zivilcourage, verpackt in eine spannende, witzige Geschichte voller Fantasie, ist wie geschaffen für dieses kleine, aber feine Ensemble.
Wir fühlten uns während der gesamten Vorstellung bestens unterhalten – und hatten beim Verlassen des Millers sofort das Bedürfnis, über das Erlebte zu sprechen.
Genau das erwarten wir von gutem Theater: dass es uns inspiriert, berührt und zum Austausch anregt.
Es gibt viele Stücke, die zum Lachen bringen, doch nur wenige, die in uns so stark nachhallen.
Tickets bucht ihr unter: https://www.maerli-theater.ch/vorstellungen/ Es lohnt sich!
Cast & Creatives
Darsteller:innen
Rabe Jakob Krakel: Debi Althuser
Geldhexe Tyrannia Vamperl: Charlotte Heinimann
Kater Maurizio di Mauro: Melanie Kurmann
Professor Beelzebub Irrwitzer: Gianni Pfister
Maledictus Made & St. Silvester: Kurt Schrepfer
Kreativteam
Produktionsleitung & Übersetzung: Debi Althuser & Gianni Pfister
Regie: Simon Burkhalter
Regieassistenz und Spielleitung: Yves Ulrich
Musik: Patric Scott
Bühnenbild und Requisite: Simone Baumberger
Kostüme: Moira Bernard
Maske: Marion Loosli
Bühnenbau: Roman Fischer
Technischer Leiter: Simon Binggeli
Ein satanarchäolügenialkohölkisches Dankeschön an Gianni Pfister, Debi Althuser vom Märlitheater Zürich für die Möglichkeit, dieses grandiose Stück sehen und rezensieren zu dürfen.




























