Potz Pulverdampf und Pistolenrauch! Nach 10 Jahren ist es endlich wieder so weit: Vom 1. November 2025 bis 31. Dezember 2025 zeigt die Zürcher Märchenbühne erneut den Räuber Hotzenplotz im Theater am Hechtplatz und und zwar so, wie ihn das Publikum seit 1998 sehen möchte, in der Mundart-Version von Ines Torelli uns Erich Vock. Auch unter der Leitung von Ramona Fattini setzt die Zürcher Märchenbühne auf Tradition und macht damit alles richtig.
Neben berühmten Märchenfiguren wie Aschenputtel, Schneewittchen und dem Froschkönig gibt es andere bekannte Figuren, die jedem deutschsprachigen Kind bestens bekannt sein sollten: Die kleine Hexe, Der kleine Wassermann und Das kleine Gespenst. Diese beliebten Kinderbuch-Figuren von Otfried Preussler kennt man einfach. Im Zusammenhang mit dem Autor gibt es jedoch noch einen weiteren Gesellen, der genannt werden muss. Genau, den Räuber Hotzenplotz.
Ursprünglich als lustige und unbeschwerte Ablenkung gedacht (das Schreiben am sehr viel ernsteren Krabat belastete Preussler emotional so sehr, dass er parallel ein leichteres Buch schreiben musste), entwickelte sich der augenzwinkernde Grobian Hotzenplotz zum Liebling der Kinder. Der Räuber, der zwar Polizisten in Angst und Schrecken versetzt, aber nicht Kinder, war so beliebt, dass Preussler von seinen jungen Lesern brieflich richtig bedrängt wurde, eine Fortsetzung zu schreiben. Preussler wollte in seinen Büchern eine „heilende Welt“ erschaffen – eine Welt in der auch sein inneres Kind Trost fand und sich sicher fühlte – aus diesem Grund wob er gerne biografische Elemente in seine Kinderbücher. Beim Räuber Hotzenplotz war es seine Grossmutter Dora, die ebenfalls eine Kaffeemühle besass – einfach ohne Musik – und ihren Enkeln viele Geschichten erzählte.
In ihrer Mundart-Bühnenadaption haben Ines Torelli und Erich Vock eine wunderschöne Welt für die Schweizer Kinder geschaffen, in welcher diese aktiv und lautstark mit Kasper und Seppli mitfiebern und sogar mithelfen dürfen.

Ihr Kinderlein kommet… und ihr Erwachsenen auch
Die Mundart-Version von Ines Torelli und Erich Vock ist heute noch genauso beliebt wie eh und je. Wer den Hotzenplotz 1998 noch als Kind gesehen hat, wird nostalgisch, wenn er nun mit seinen Kindern 2025 eine Vorstellung besucht, ist doch das herrlich farbige Bühnenbild von Max Röthlisberger noch das gleiche wie vor 27 Jahren.
Manche Dinge dürfen sich einfach nicht ändern…
…obwohl etwas ändert sich dann doch, denn aufgrund von Renovierungsarbeiten des Theaters am Hechtplatz poltert der Räuber Hotzenplotz vom 25. März 2026 bis 03. Mai 2026 im Bernhardtheater weiter.
Wir waren am 1. November an der Premiere im Theater am Hechtplatz, wo bereits bei unserer Ankunft reges Treiben herrschte. Der Besuch der Zürcher Märchenbühne stellt zweifellos das Jahreshighlight vieler Kinder dar. Unter das Premierenpublikum mischen sich aber auch verdächtig viele Erwachsene, fast schien es, als begleiteten hier die Kleinen die Grossen und nicht umgekehrt. Auch Schweizer Showgrössen wie WAM, Maja Brunner und Kamil Krejčí fanden sich anlässlich der Wiederaufnahme von Der Räuber Hotzenplotz ein. Es ist unheimlich schön zu sehen, was für eine Institution die Zürcher Märchenbühne in den mittlerweile 64 Jahren geworden ist und dass Ramona Fattini dieses Erbe stolz und mit Erfolg weiterführt.

Von der Kaffeemühle zum Zauberschloss
Die Geschichte des Räubers ist einfach und verständlich, aber voller fantasievoller Elemente und Wendungen. Genau an Grosis Geburtstag klaut der gierige, schlaue, aber dennoch tölpelhafte Hotzenplotz deren neue musikalische Kaffeemühle, das Geschenk von Enkel Kasper. Da der tollpatschige Polizist Dünklimoser schon seit über zwei Jahren erfolglos den Räuber zu schnappen versucht, macht sich Kasper mit Hilfe seines treuen, aber ein bisschen begriffstutzigen Freundes Seppli auf den Weg, die Kaffeemühle zurückzuholen. Damit der Räuber sie nicht gleich erkennt, tauschen sie Zipfelmütze und Hut. Leider werden sie vom Hotzenplotz erwischt und getrennt. Der Räuber Hotzenplotz verkauft den „dümmeren“ Seppli ,der ja eigentlich Kasper ist, für einen Sack Schnupftabak als Diener an seinen langjährigen Freund, den grossen, bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann, wo Kasper gleich einmal Kartoffel schälen und 27 Pfannen Rösti braten muss, weil der grosse Zauberer das nicht auf magische Weise hinbekommt.
Das cha doch nid so schwer si, en putzte Herdöpfel anezzaubere.
Zauberer Petrosilius Zwackelmann
Im Zaubererschloss trifft Kasper auf die wunderschöne, aber unglückliche Fee Amaryllis, die in Gestalt einer Kröte seit sieben Jahren in einem Kellerloch gefangen gehalten wird. Kaspar befreit sie natürlich und bekommt zum Dank einen Zauberring, der drei Wünsche erfüllt. Der Zauberer kriegt seine gerechte Strafe, Hotzenplotz wird ein Papagei, Grosi kriegt ihre Kaffemühle zurück und Dünklimoser endlich seinen Räuber.
Das hett ich mir au nie träume loh, dass mich de Wachtmeischter Dünklimoser mol verwütscht.
Räuber Hotzenplotz
Wenn Schauspieler zu Märchenhelden werden
Bei der Zürcher Märchenbühne stehen Jahr für Jahr dieselben Darsteller:innen auf der Bühne, was den Kindern die Möglichkeit gibt, Beziehungen aufzubauen, so lange es alterstechnisch vertretbar ist. So spielte zum Beispiel Erich Vock über 600 Mal den Kasper – mit Hubert Spiess als Seppli an seiner Seite -, bis er dann 2015 den Zauberer Zwackelmann übernahm. In der soeben erwähnten Inszenierung von vor 10 Jahren spielte Nico Savary Bahl den Seppli und ist aktuell als düsterer Räuber Hotzenplotz auf der Bühne zu erleben. Mit seinem langen dunklen Bart (offensichtlich sein echter), dieser beinahe knurrenden, sonoren Stimme und seiner imposanten Grösse wirkt er, als wäre er direkt Preussler Klassiker entsprungen.

Eine absolut perfekte Besetzung, die dem kleinen Jungen in der Reihe hinter uns doch etwas Angst einjagte – wobei es sich um einen Einzelfall handelte, denn zum Fürchten ist er nicht. Es ist faszinierend, wie eine Knollennase und buschige Augenbrauen das ganze Gesicht umgestalten und regelrecht verdüstern können. Seine Darstellung des Antagonisten ist passenderweise distanzierter als die der anderen Darsteller:innen, welche in Direktkontakt mit den kleinen Theaterzuschauern treten.
Ich ha au en neue Diener. De mues bi mir chrampfe bis er Chrampfadere überchunnt.
Räuber Hotzenplotz zu Zauberer Petrosilius Zwackelmann
Einen wunderbaren Draht zu den Kindern hat ohne Zweifel der grossartige und unheimlich wandelbare Daniel Bill als Wachtmeister Dünklimoser. Er eröffnet das Stück und ist massgeblich für dessen Verlauf verantwortlich. Seine sympathische, offene und leicht verwirrte Darstellung von Polizist Dünklimoser wickelt die kleinen – und auch so manch grossen Zuschauer – sofort um den Finger und stellt so eine enge Verbindung zum Publikum her. Kein Wunder, dass er lautstark bei der Verfolgung von Hotzenplotz unterstützt wird. Wir durften ihn schon in einigen Rollen auf der Bühne sehen und sind jedes Mal begeistert, wie er sich jede Rolle zu eigen macht.
Ich bin zwar en gelernte Polizischt, aber ich weiss immer nonid, wo links und rechts isch.
Wachtmeister Dünklimoser

Karin Moser ist das Idealbild einer Grosi, was für das junge Publikum natürlich wichtig ist. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht mit dem wunderschönen Lächeln kommt in Kostüm und Maske des 77-jährigen Grosis von Kasper wunderbar zur Geltung. Ihre liebevolle Nachsicht als sie bemerkt, dass Kasper Blumen aus ihrem Garten gepflückt hat, ihre Freude über die Kaffeemühle und auch die Angst und Verzweiflung in ihrem Gesicht, als sie realisiert, wer ihr die Kaffeemühle stehlen will… Ihr Spiel ist sehr natürlich und bererührend.
E Kafimühli, e nigelnagelneui Kafimühli. Etzt trink ich denn dopplet so vill Kafi. Grosi

Beeindruckt und begeistert waren wir auch von Kaspers und Sepplis Besetzung. In diesen Rollen sehen wir in der aktuellen Inszenierung Ramona Fattini und Corina Good, welche die beiden alterslosen Helden sehr sympathisch und kindlich verkörpern und keineswegs mädchenhaft wirken, sondern durchaus als kleine Jungs durchgehen können – eine sehr moderne Entscheidung und ein schönes Statement. Corina Good hatte schon bei Emil und die Detektive gezeigt, wie glaubwürdig sie als Junge sein kann und Ramona Fattini ist als Kasper ebenso überzeugend wie als schönes Schneewittchen. Mit knubbligen Kunstnasen, Sommersprossen, den charakteristischen Perücken und bunten Kostümen scheinen die beiden Figuren direkt dem Kasperlitheater entsprungen.

Körperhaltung, Gestik, aber auch Mimik und Sprechweise sind kindlich übertriebe und geredet wird wortwörtlich so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Wie Kinder sind sie ein bisschen linkisch und leicht abzulenken. Ramona Fattini und Corina Good haben eine grandiose Bühnenchemie. Sie spielen die beiden jungen Freunde Kasper und Seppli auf eine herrlich leichte und verspielte Art und Weise, ihnen zuzuschauen, ist eine wahre Freude.
Aber es Grosi isch doch 7777 Johr alt, do ghört sie eh nümme guet.
Seppli
Als wunderschöne Fee Amaryllis ist die bezaubernde Jacqueline „Jacky“ Vetterli der wahrgewordene Traum jedes kleinen Mädchens. Mit hellblauem Kleid und hellblauer Lockenperücke verleiht sie dieser Rolle eine würdevolle Sanftheit und eine grosse Portion Feenmagie. Ihre weichen, fliessenden Beegungen erwecken den Eindruck als würde sie tatsächlich in der Luft schweben.

Auf Stephan Lüthy hatten wir uns besonders gefreut. Er spielt den zweiten Bösewicht neben Räuber Hotzenplotz, den grossen Zauberer Petrosilius Zwackelmann. Dank der markanten langen Kunstnase optisch kaum zu erkennen, gibt er sich vollkommen in die Rolle dieses selbstverliebten Magiers. Mit charakteristischer, säuselnder Singsangstimme und ein paar Eigenarten – er streichelt häufig seinen langen dünnen Bart, oder wedelt gispelig mit den Händen in der Luft herum – wird er zu einem Zauberer Zwackelmann, den man immer wieder sehen und auch hören möchte, denn seine Ausdrucksweise ist ein echtes Highlight.
Na, es het kein Zweck, du bisch eso dumm. Aber ich ha das so welle ha.
Zauberer Petrosilius Zwackelmann zum falschen Seppli

Was Kinder wollen
Bei Kinderstücken spielen Kostüm und Bühnenbild eine nicht zu unterschätzende Rolle. Aus diesem Grund wird bei der Zürcher Märchenbühne weder beim einen, noch beim anderen gespart. Gesetz wird aber, wie bereits erwähnt, auf Tradition. Wie schon weiter oben erwähnt, ist das wunderschöne Bühnenbild von Max Röthlisberger seit Jahrzehnten im Gebrauch. Es ist kindgerecht gestaltet, geradezu bilderbuchhaft schön und erinnert uns an die nostalgischen DEFA-Märchenfilme der 60er Jahre (auch die wunderbare Kröte mit ihrer glitzernden Haut liess uns daran denken) oder eben an das traditionelle Kasperlitheater, denn Der Räuber Hotzenplotz ist eine echte Kasperligeschichte mit allen wichtigen Figuren.
Auch die farbenfrohen Kostüme könnten problemlos auf Handpuppen-Grösse geschrumpft werden, ohne an Wirkung zu verlieren. Sie sind charakteristisch, plakativ und ja, auch ein bisschen klischeehaft. Aber was wäre Kasperli ohne seine rote Mütze? Die handgeknüpften Perücken und das Make-Up inklusive auffälliger Nasen-Prothesen entführen in diese wundervollen Märchenwelt, die dank Ramona Fattini weiterhin Kinderaugen zum Strahlen bringen wird.

Hervorzuheben sind auch die zauberhaften Special Effects, mit denen der Zauberer Zwackelmamn Dinge erscheinen oder verschwinden lässt. Selbst wenn die feinen Fäden bei entsprechendem Scheinwerferlicht zu sehen sind, staunt nicht nur das junge Publikum, auch die Erwachsenen zollen diesem Ideenreichtum Respekt und lassen sich gerne verzaubern.
Fazit:
Mit viel Herz, Humor und Fantasie lädt die Zürcher Märchenbühne Gross und Klein zu einem vergnüglichen Abenteuer ein: Der Räuber Hotzenplotz, der beliebte Klassiker von Otfried Preussler, erobert in dieser nostalgischen, liebevoll inszenierten Bühnenfassung unter der Regie von Philippe Roussell erneut die Herzen des Publikums. Die Figuren in dieser Märchenwelt sind herrlich überzeichnet, damit es für Kinder gut verständlich ist. Es gibt die Guten und es gibt die Bösen. Die Bösen sind aber nicht so, böse, dass man Angst haben müsste und die Guten brauchen die volle Unterstützung und Aufmerksamkeit der Kinder im Publikum, da diese allein die Übersicht haben, alles mitbekommen und so wirklich helfen können. Woher sollte sonst Wachtmeister Dünklimoser wissen, in welche Richtung Kasper und Seppli, oder der Räuber Hotzenplotz gegangen sind? Mit der stimmungsvollen Musik von Pirmin Huber, den bunten Kostümen und einer gehörigen Portion Schalk und Fantasie entsteht auch 2025 ein Theatererlebnis, das den Zauber der Kindheit lebendig werden lässt und nach 90 Minuten absolut zufriedene Kinder – und manchen Erwachsenen mit einem verträumten Lächeln – aus dem Theater entlässt.
Cast & Creatives
Darsteller:innen
Räuber Hotzenplotz: Nico Savary Bahl
Polizist Dünklimoser: Daniel Bill
Kasper: Ramona Fattini
Grossmutter: Karin Moser
Seppli: Corina Good
Petrosilius Zwackelmann: Stephan Lüthy
Fee Amaryllis: Jacqueline Vetterli
Kreativteam
Regie: Philippe Roussel
Musik: Pirmin Huber
Bühnenbild: Max Röthlisberger
Maske: Stefanie Schädlich
Kostüme: Alicia Nogueira
Regieassistenz: Jacqueline Vetter
Requisiten: Mimi Kitzig
Ein riesiges Dankeschön an Ramona Fattini und die Zürcher Märchenbühne für die Möglichkeit, dieses märchenhafte Stück zu sehen und zu rezensieren.




























