Wenn sich jedes Jahr im Juni die internationale Kunstwelt in Basel versammelt, verwandelt sich die Schweizer Stadt in ein pulsierendes Zentrum für zeitgenössische Kunst, Innovation und kulturellen Austausch. Auch 2025 machte die Art Basel vom 19. – 22. Juni ihrem Ruf als eine der bedeutendsten Kunstmessen der Welt alle Ehre: Mit Hunderten von Galerien, hochkarätigen Künstler:innen, visionären Kurator:innen und einer Vielzahl begleitender Veranstaltungen setzt sie erneut Massstäbe.
Als Kunstliebhaber machten auch wir uns erneut auf den Weg zur Messe Basel, um uns von den neuesten innovativen Ideen und spektakulären Kunstwerken inspirieren und verzaubern zu lassen.
Art Basel – Alleine der Name löst bereits ein wohliges Kribbeln aus. Ja, wir lieben Kunst. Auch wenn wir meist im Theatersaal zu Gast sind, hat die Bildende Kunst dennoch einen grossen Platz in unserem Herzen. Dabei suchen wir vor allem nach Wahrhaftigkeit. Ein Kunstwerk zu betrachten, das direkt ein Gefühl auslöst, dem man nachgehen möchte, ist dabei der Idealfall.
Nein, wir haben keine Kunst studiert, auch wenn es uns sehr interessiert hätte (und Charlene nach wie vor gerne Bücher über das Leben und Schaffen bekannter Künstler liest), aber wir sind durchaus in der Lage, wirkliche Kunst zu erkennen. Der Stil ist dabei eher zweitrangig. Eine Bleistiftzeichnung kann genau wie eine riesige Installation ein starkes Gefühl auslösen und eine Botschaft übermitteln. Und das Gefühl muss nicht immer positiv sein. Und deshalb ist die Art Basel für uns ein Ort, der es uns ermöglicht, in das Schaffen der verschiedenste Künstler einzutauchen und immer wieder aufs Neue überrascht zu werden.
Aufbau und Sektoren
Die Art Basel in Basel ist nicht nur ein grosser Raum mit verschiedenen Kunstwerken, nein, sie ist in verschiedene Sektoren aufgeteilt, die einen spezifischen Schwerpunkt haben.
Galleries
Dies ist der Hauptsektor der Messe, in dem moderne Werke neben Werken weltweit renommierter zeitgenössischer Künstler und junger Talente präsentiert werden.
Unlimited
Kuratiert von Giovanni Carmine zeigt dieser Sektor monumentale Projekte, die in Sachen Dimension normale Kunstmessestände um einiges übersteigen.
Premiere
In diesem Sektor trifft man auf aktuelle künstlerische Produktionen und sorgfältig kuratierte Projekte, die die Präsentation eines einzelnen Künstlers oder Ausstellungen mit bis zu drei Künstlern innerhalb eines kuratorischen Konzepts.
Projekt Messeplatz
Bereits der Messeplatz selbst war dieses Jahr ein absoluter Blickfang und die begehrteste Location für Influencer in Basel. Mit CHOIR zeigt Katharina Grosse die grösste urbane Installation ihrer Karriere. Dabei wurden architektonische Elemente mit einbezogen.
Statements
Mutige Einzelprojekte aufstrebender Künstler, die für den renommierten Baloise Kunstpreis in Frage kommen, sind hier zu finden.
Edition
Hier kommen Print-Fans auf ihre Kosten, denn in diesem Sektor finden sich Editionen, Drucke und Multiples.
Kabinett
In diesem Sektor findet wir kuratierte Auswahlen von Galerien in einem speziellen Bereich ihres Standes, darunter thematische Gruppenausstellungen, kunsthistorische Schaukästen und Einzelpräsentationen.
Parcours
Während der Art Basel wird auch der Aussenbereich von Kunstwerken überflutet. Dieser Bereich ist für ortsspezifische Arbeiten in und um die Clarastrasse, die das Messegelände mit dem Rhein verbindet.
Magazines
In diesem Bereich konnten Besucher internationale Kunstpublikationen durchstöbern und mit nach Hause nehmen.
Feature
Dieser Sektor beherbergt sorgfältig kuratierte, historische Präsentationen von Künstlern des 20. Jahrhunderts.
Unlimited – Wenn Kunst durch Grösse überwältigt
Unser Weg führte uns auch diesmal direkt in Halle 1 zu den grössten Kunstwerken. Bei unserem letzten Besuch hatten uns viele der Installationen alleine durch ihre gewaltige Grösse fasziniert, weil man dadurch automatisch die Perspektive eines staunende Kinderes einnimmt. Somit wollten wir darauf auch 2025 auf keinen Fall verzichten – und wir wissen, dass es einfach nicht möglich ist, an einem öffentlichen Tag, in Ruhe alle Sektoren zu besuchen. Wenn nicht die Füsse schlapp machen, ist man von der grossen Menschenmenge irgendwann einfach erschlagen. Und bei uns war auch wieder der Faktor Zeit eher Gegner als Verbündeter.
Hier möchten wir euch aber ein paar unserer Highlights aus UNLIMITED näher bringen:
Marinella Senatore – We Rise by Lifting Others
Wer den Unlimited-Sektor betrat, kam nicht umhin, Marinella Senatores imposante Installation We Rise by Lifting Others zu bewundern, da es direkt hinter den Check-ins positioniert, wie der offizielle Eingang wirkte und so richtig Lust auf mehr machte. Mit abertausenden von Lämpchen, den Bogenformen und dem Grossen Roten Schriftzug, auf dem der Titel des Kunstwerks zu lesen war, erzeugte es Rummel- oder Zirkus-Gefühl. Nicht nur das Objekt selbst, sondern auch die Positionierung innerhalb der Halle war ein echtes Highlight und durfte wohl dem Kurator Giovanni Carmie zugeschrieben werden.


Atelier Van Lieshout – The Voyage – A March to Utopia
Joep van Lieshout hat mit seiner wahrhaft gigantischen Installation definitiv den Preis für das denkwürdigste Kunstwerk verdient. Mit einer Länge von 90m zieht sich die Parade aus insgesamt 180 Skulpturen, die er in den letzten 5 Jahren geschaffen hat, durch die ganze Ausstellung. Alleine zum wirklichen Erleben dieses einen Projekts könnte man Stunde aufwenden. Dargestellt wird eine Reise ins Utopia, eine perfekte Welt. Mitgenommen wird alles und jeder, von verschiedenen Transportmitteln und medizinischen Geräten über Waffen, Maschinen und Kisten bis hin zu Spielsachen, Vorräten und Denkmälern. Den Anfang macht ein Kinder-Roller gefolgt von zwei massiven Ochsen. Mag das Kunstwerk zunächst eine Art Hoffnung vermitteln, erscheint es mit der Zeit, je länger man der Karawane nach hinten folgt, immer trostloser und dystopischer. Denn der Mensch mag keinen Ballast abwerfen und nimmt alles mit, was einen wirklichen Neuanfang fast unmöglich macht. Die schwere Maschine am Schluss, die die Strasse in Stücke schlägt, verhindert aber eine Rückkehr zum Alten, selbst, wenn das Neue, das vor einem liegt, nicht dem entspricht, was man sich erhofft hat. Die Installation ist aufregend, überwältigend, fast schon überfordernd und sehr intensiv. So muss Kunst sein.







Nicola Turner – Danse Macabre
Ein weiteres, sehr beeindruckendes Kunstwerk, das zu unseren Favoriten der diesjährigen Art Basel gehörte, könnte auch direkt einem Horrorfilm entsprungen sein. Die gewaltigen, darm- oder wurzelähnlichen braun-schwarzen Stränge, die sich verknoten und an einer Säule bis zur Hallendecke hochwachsen, lassen staunen aber auch schaudern, da die ganze Installation in ihrer mächtigen Präsenz sehr lebendig wirkt, was durch die Rollen, auf denen die „Beine“ stehen, noch verstärkt wird, wie auch durch die Materialien, die verwendet wurden und zu Nicole Turners Stil gehören. Es handelt sich nämlich um handgenähte, dunkle Netze, die mit Materialien wie Rosshaar oder Matratzen ausgestopft sind und auch einen entsprechenden animalischen Duft ausströmen. Auch wenn wir es beim Betrachten der Figur noch nicht wussten, weil wir die Kunstwerke gerne ohne Vorabinfo auf uns wirken lassen, um zu ergründen, ob wir die Aussage instinktiv erfassen können, war klar, dass hier menschliche Gefühle wie Trauer und Verlust verarbeitet wurden. Eine wahrhaft grossartige Künstlerin mit starkem visuellen Ausdrucksvermögen, das keinen kalt lässt.

©Art Basel




Latifa Echakhch – Untitled (Tears Fall)
Ein wirklich aussergewöhnliches Werk, das mit seiner ätherischen Schönheit beinahe schon wie eine Meditation wirkte, zog bereits von Weitem die Blicke auf sich. Der leichteste Windhauch liess die zarten, beinahe unsichtbaren Nylonfäden die von der Decke bis zum Boden hingen erzittern, wodurch ein Flirren in der Luft entstand und erst auf sie aufmerksam machte. Kurz bevor die Fäden den Boden erreichten waren blaue Glasperlen aufgefädelt, die in unterschiedlicher Anzahl einen sehr lebendigen und dennoch statischen Eindruck erweckten, als ob die Zeit just in dem Moment, indem Wassertropfen auf eine Wasserfläche treffen, eingefroren wäre. Ein Kunstwerk, das einen atemlos staunen lässt. Der Boden rund um die Fäden ist bedeckt mit unzähligen weitern blauen Glasperlen, die komplett willkürlich positioniert erscheinen, aber wahrscheinlich einem genauen Konzept entsprechend arrangiert wurden. Besonders gefiel uns daran auch, dass man seinen Blick senken musste, um den Höhepunkt dieser Schönheit wahrzunehmen, etwas, das vielen Menschen heutzutage nicht mehr so liegt. – Echakhch weckt Gefühle wie Trauer und Hoffnung und lässt die vielgepriesene Achtsamkeit ganz automatisch entstehen.
Aber: Bei solchen Kunstwerken kriegen wir jedes Mal Magenschmerzen, wenn wir Kinder in der Nähe sehen. Um ehrlich zu sein, hätten wir uns so oder so am liebsten auf den Boden vor dieses Perlenspiel gesetzt und es ohne andere Besucher zu geniessen. Ja, an so einer Ausstellung kann man schon mal egoistisch werden…



Danh Vo – In God We Trust
Sehr plakativ, aber dennoch zerbrechlich wirkt Danh Vo’s Werk, das trotz seiner fünf Jahre nichts an Aktualität eingebüsst hat. Zum ersten Mal gezeigt wurde es 2020 im White Cube in London im Vorfeld der US-Wahlen 2020. Dabei wurden das Holz verbrannt, um die Galerie zu heizen, bis nur noch Asche und Sterne übrig waren. Mit Sicherheit sehr eindrücklich.
Bei der Art Basel 2025 wurde nichts verbrannt, dafür konnte man auf einen Blick sehen, worum es bei diesem Werk geht: Um den Zerfall oder die Transformation von Machtstrukturen und die Neugestaltung politischer Bedeutung. So eisern die 13 Sterne auch sein mögen, so zerbrechlich ist doch der Untergrund. Auch dass Holz als Material verwendet wurde empfanden wir als sehr vielsagend, steht es doch wie kein anderes für Natur und Umwelt, aber auch für andere Ressourcen, die der Mensch für seine Zwecke nur zu gern und sehr freigiebig verschwendet, bis das, was eine Nation ausmacht, zusammenbricht.


Heinz Mack – Das Mechanische Ballett
Die Installation des deutschen Künstlers Heinz Mack an der diesjährigen Art Basel, glänzt (und dies im wahrsten Sinne des Wortes) mit der Faszination eines Spiegelkabinetts. In einem verspiegelten Raum (hier waren es zwei angrenzende Wände mit welliger Oberfläche, die die sich darin spiegelnden Objekte leicht verzerrte) drehen sich auf einer Glasplatte stehend sieben polierte Edelstahlstehlen unterschiedlicher Höhe von 120 cm bis 250 cm axial auf motorisierten Sockeln. Und hier erklärt sich der Titel des Werks, denn diese sieben rotierenden Stehlen sind die Tänzer dieses kinetischen Balletts, die Licht absorbieren, reflektieren und es in Bewegung versetzen, was durch die verspiegelten Wände vervielfacht wird, und so durch den Raum tanzt.
Auch hier wird das Jahrmarkts-Herz angesprochen, wähnt mach sich doch in einem zauberhaft choreographierten Spiegelkabinett.

©Art Basel


Lee Ufan – Relatum – Dialog
Nicht weit des Spiegelballets traf man an der Art Basel auf ein komplett gegensätzliches Bild, völlig unbewegt, statisch, schwer. Bestehend aus zwei grossen Steinen, getrennt durch eine schwere Stahlplatte, bietet Relatum Dialog einen willkommenen Moment der Stille, aber ganz anders als Untitled (Tears Fall). Wir sehen nichts Verspieltes, nichts Filigranes, einfach nur die pure Präsenz der Objekte. In Lee Ufans Werken geht es oft um Gewicht und Distanz und die die Beziehungen zwischen den Objekten. Beeinflusst von Mono-ha und geprägt von koreanischen und japanischen Philosophien entwickelt er diese Praxis schon seit Jahrzehnten.
Für uns vermittelte diese Installation ein Gefühl von Trennung und Schicksal. Zwei Objekte, die in Form und Beschaffenheit so ähnlich und einander eigentlich auch sehr nahe sind, aber vom Schicksal dennoch für immer getrennt existieren müssen, da sie in ihrer Unbeweglichkeit, die Stahlwand nicht überwinden oder umgehen können, wie es bei vielen Menschen, die in völliger Kompromisslosigkeit die Chance auf Liebe vertun.

Galleries – ein Irrgarten der Kunst
Ein weiterer Grund, warum wir den UNLIMITED-Sektor an der Art Basel bevorzugen ist zweifellos der Faktor, dass er mehr oder weniger organisiert und übersichtlich erscheint. Es ist relativ einfach, ALLE Kunstwerke zu sehen.
Anders bei den Galerien… Keine Ahnung, warum das so schwer ist. Aber wir finden wirklich einfach keine Möglichkeit, strukturiert durch die Ausstellung zu gehen und alles zu sehen, weil es keinen „Weg“ gibt, keine Führung sondern es sich wie ein Labyrinth anfühlt, wo man plötzlich merkt, dass man hier schon mal war und man dann nicht weiss, in welche Richtung man gehen soll… Auch ist uns nie ganz klar, wenn wir andere Sektoren in Halle 2 betreten. Wir irren einfach immer auf gut Glück los, sehen einige tolle Kunstwerke, suchen dann, wenn wir nicht mehr können, den Ausgang und merken im Nachhinein, dass wir nicht mal die Hälfte gesehen haben. Etwas, das in uns immer ein kleines Gefühl von Unbefriedigung hinterlässt. Falls also jemand Tipps hat, wie man sich an der Art Basel zurecht findet, gerne her damit!
Dennoch möchten wir euch noch einige (ok, relativ viele) Fotos beeindruckender Kunstwerke in kleinerem Format zeigen, die wir auf unserer Odyssee durch Halle 2 entdeckt haben:





























Und hier noch ein paar weitere von UNLIMITED:







Und noch mal eine Detailansicht von Katharina Grosses CHOIR 2025.

©VG Bild-Kunst, Bonn 2025 – Jens Ziehe
Fazit
Die Art Basel ist für uns in der Vorstellung immer ein Ort der Inspiration und Schönheit, in der Realität kämpfen wir jedoch immer wieder mit Reizüberflutung und Verwirrung. Dennoch können wir einfach nicht widerstehen, da es einfach eine wahre Freude ist, die Kreativität und Feinfühligkeit der ganzen Künstler auf sich wirken zu lassen.