Monsieur Claude und seine Töchter auf Tournée

2014 war der französische Film Monsieur Claude und seine Töchter (Originaltitel: Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu?) ein Riesenhit, mit mehrere Sequels. 2023 brachte die Shake Company eine in der Schweiz angesiedelte Adaption auf die Bühne und sorgte von Mai bis Juni 2023 für ein volles Theater.
Aufgrund des Erfolgs ist die Komödie zurück, aber diesmal auf Tournee und liefert auf sympathische und humorvolle Weise Denkanstösse für Toleranz und ein friedliches Miteinander. Mit dabei ist auch diesmal Showlegende Roberto Blanco.

Im Hause Wernli hängt schon länger der Haussegen schief. Wozu hat man vier Töchter mit Liebe, aber konservativ und katholisch erzogen, wenn sie dann in alle Himmelsrichtungen und  einmal quer durch alle Religionen heiraten? Jede Familienfeier,  wird zu einem Drahtseilakt, wenn für einen Juden, einen Araber und einen Chinesen gekocht werden muss. 

Alle Hoffnungen von Claude ruhen somit auf Laura, seinem Nesthäkchen. Claude wähnt sich im 7. Himmel, als Laura ankündigt heiraten zu wollen, denn der vierte Schwiegersohn namens Charles ist endlich katholischen Glaubens. Hallelujah. Als Claude ihm dann allerdings das erste Mal gegenübersteht, schwimmen ihm noch die letzten Felle davon: Charles ist Schwarz. Vater Wernli bleibt wortwörtlich nichts erspart. Obwohl sich die anderen Schwiegersöhne sonst gerne mal in die Haare geraten, da auch sie einander gegenüber massive Vorurteile haben, stehen nun auf einmal gemeinsam gegen den ivorischen Eindringling mit Luzerner Dialekt und planen gegen ihn vorzugehen. Was zu diesem Zeitpunkt keiner ahnt, ist, dass sich Charles Vater André ebenfalls keine schweizerische Schwiegertochter für seinen Jungen gewünscht hat und gewillt ist, alles daran zu setzen, die Liebenden auseinanderzubringen.

©Christian Knecht

Die Shake Company versteht es wie keine andere, ein gute Geschichte noch besser zu machen, indem sie eine Portion Lokalkolorit hinzufügen. Nicht jedes Land findet die gleichen Dinge lustig. Wenn dann ein absoluter Meister seines Fachs, wie in diesem Fall Rolf Sommer, für Regie und Adaption der Texte ins Schweizerdeutsche, ans Werk geht,  ist klar, dass wir Schweizer bestens unterhalten werden, weil uns liebevoll, aber pointiert der Spiegel vorgehalten wird.

Dini Bilder werded au immer interessanter.

Claude zu Tochter Michelle als er ihre neuen Werke an der Wand sieht

Roberto Blanco sorgt für Begeisterung

Ein starkes Zugpferd ist natürlich Schlagerlegende Roberto Blanco als André Koffi, was auch wir beim Besuch der Vorstellung feststellen durften, da immer, wenn er die Bühne betrat, applaudiert wurde. Eine schöne und verdiente Auszeichnung für jemanden, der sein ganzes Leben der Bühne gewidmet hat. Und natürlich macht er auch in diesem Bühnenstück einen guten Job und beweist viel komödiantisches Talent, vor allem in den Szenen mit Kamil Krejčí als Monsieur Claude. Die beiden entwickeln im 2. Akt eine erstaunliche Dynamik, die die Essenz der Geschichte auf anschauliche Weise verdeutlicht.

Roberto Blanco und Kamil Krejčí – ©Christian Knecht

Roberto Blanco, besitzt übrigens seit 26 Jahren einen Schweizer Pass und wohnt unter anderem im Kanton Thurgau. Wer schon Mal ein Roberto Blanco-Konzert besucht hat, weiss, dass es einen Song gibt, den er mit Garantie zum Besten geben wird: „Ein bisschen Spass muss sein“. Und auch in diesem Stück wird nicht ganz darauf verzichtet, so erklingt die wohl bekannte Melodie als Klingelton auf Andrés Handy.

Auch schön ist, wie offen Roberto Blanco mit dem Thema Rassismus umgeht, welches in diesem Stück ganz klar thematisiert wird, aufgrund von Klischées und teilweise fehlender „Political Correctness“ (etwas, das auch der Filmvorlage vorgeworfen wurde – dennoch haben in mittlerweile über 20 Millionen Zuschauer gesehen). Er sagt von sich, nie  Opfer von Rassismus geworden zu sein und ist mit sich und seiner Hautfarbe komplett im Reinen, wie es eigentlich auch sein sollte. Deshalb kann er auch ohne Problem genüsslich einen „Mohrenkopf“ essen und über diesen umstrittenen Ausdruck sinnieren.

Das ist ein Mohrenkopf.

André

Nein, das war früher. Das ist ein Schokokuss.

Claude

Mohrenkopf, sag ich doch.

André

Dennoch muss einem klar sein, dass dieses Stück wirklich einiges an Sprüchen zu bieten hat, über Dunkelhäutige, aber noch mehr über Chinesen, Muslime und Juden. Und ja, auch die Weissen und vor allem die Schweizer kriegen ihr Fett weg. Dadurch, dass der ivorische Vater genau so wenig begeistert ist, eine weisse Schwiegertochter zu kriegen, wie es auf der Schweizer Seite der Fall ist. Und genau dadurch entsteht das Verständnis für einander. Und auch die vier unterschiedlichen Schwiegersöhne vereinen ihre Stärke und entwickeln eine Geschäftsidee.

Öl und Wasser loht sich nid mische.

Abraham

Was ist mit Milch und Kaffee? Das lässt sich hervorragend mischen.

Chao Ling

Da wir diesmal recht weit hinten sassen, mussten wir uns auf das Gesamtbild konzentrieren, da es uns nicht möglich war, wie gewohnt, das Spiel jedes einzelnen Darstellers detailliert zu beobachten. Natürlich konnten sich einige Darsteller auch so hervor tun und überzeugen, was aber natürlich auch an der hervorragend ausgearbeiteten Figuren lag und der Regie.

Jede Menge toller Einfälle und ein charmanter Szenendieb

Auf grössere Distanz kommt man natürlich in den Genuss des ganzen Bühnenbilds von Anni-Josephine Enders und des Lichtdesigns von Fabian Küng, deren Wirkung. Gearbeitet wird bei Monsieur Claude und seine Töchter mit verschiedenen Vorhängen in unterschiedlichen Farben, an denen markante, auf die jeweilige Location hinweisende Schilder und Bilder aufgehängt werden. So hängt bei den Wernli-Eltern im Engadiner-Haus ein grosses Landschaftsbild, im Haus der Künstlerin Michelle hängen zwei ihrer modernen „Kunstwerke“, in der Kirche gibt es ein Neon-Kreuz und beim Psychiater ein Neon-Fragezeichen. Beim Restaurant Alpenrose hängt ein schönes, pinkes Schild mit Aufschrift. Erstaunlich war auch, mit wie wenigen Mitteln, bestehend aus einem gerafften Vorhang über einem Bett, eine kuschelige Schlafzimmer- Atmospäre geschaffen wird.

Clovis Casanda und Gwen Johansson – ©Christian Knecht

Sonst sind die Dekoelemente eher minimalistisch oder auch mal überraschend. Auf die Idee, ein Kinderplanschbecken als See zum Angeln zu verwenden, ist schon ziemlich originell.

Eine Idee, die uns sehr begeisterte, war der Einsatz eines Zeitraffers. Was bei der Videobearbeitung ein gängiges Mittel ist, um grössere Zeitspannen auf wenige Sekunden zu komprimieren, wirkt auf der Bühne unglaublich raffiniert und modern. So erlebt man die Hochzeiten der älteren drei Wernli-Töchtern im Schnelldurchlauf oder ein Familienessen. Aber auch Zeitlupe wird gekonnt eingesetzt, wie z.B. bei der choreografierten Kampfszene zwischen den drei Schwiegersöhnen.

©Christian Knecht

Um gleich noch kurz beim Faktor Zeit zu bleiben: Einer der wenigen, und eher unerheblichen Kritikpunkte ist das Zeitmanagment. So lässt man sich für einige Themen zu Beginn sehr viel Zeit, kommt gegen Schluss aber in Zeitdruck. So fühlt es sich auf jeden Fall an, was dem Gesamteindruck aber nicht schadet.

Für viel Freude sorgte hingegen der gezielt platzierte Lokalkolorit. Ganz besonders amüsiert sich das Publikum über den Surprise-Verkäufer vor dem Restaurant Alpenrose, wobei dies selbstverständlich auch an Lavdrim Xhemailis unwiderstehlichen Charme liegt. In Monsieur Claude und seine Töchter übernimmt er noch einige weitere Rollen, wie den Fotografen, den Pfarrer, den Psychologen, den Rabbi und Xavier und schafft es, jeder einzelnen Figur eine eigene, schillernde Persönlichkeit zu verleihen. Mimik, Bewegung, Gang, Dialekt, Sprechweise, keine Darstellung gleicht der anderen und sorgt beim Publikum für Begeisterung. Besonders prägnant ist die Darstellung von Xavier und die des Pfarrers, aber auch als Psychologe weiss er zu überzeugen.

Das isch d’Globalisierig. Bi üs ide Chirchgmeind hämmer en Kathechet us Madagaskar. Isch au nid eifach gsi.

Pfarrer

Ja, Lavdrim Xhemaili ist ein bewusst eingesetzter Szenendieb, der das Publikum in Windeseile für sich einnimmt, vor allem auch mit verschiedenen Rollen in einem Stück (wie schon in Im Weisssn Rössl).

Gwen Johansson und Lavdrim Xhemaili (Xavier) – ©Christian Knecht (zugeschnitten)

Wertschätzende Musik und schlagfertige Dialoge

Wenn man die Darsteller nicht ganz so gut sieht, beginnt man automatisch vermehrt auf die sprachliche Ausarbeitung der Figuren zu achten und deswegen auch stark auf die Dialoge. Und hier bleiben keine Wünsche offen. Schlagfertig, humorvoll und unverblümt treiben sie sie Story voran und lassen das Publikum staunen und lachen. Besonders rafiniert ist auch die Weise, auf welche Weise Hintergrundinfos und Backstories vermittelt werden. Da fragt Charles z.B. die anderen Paare, wie genau sie sich denn kennen gelernt hätten, was auch für die Zuschschauer spannend ist.

Ein richtiger Star ist die aussergewöhnliche Musik von Pirmin Huber und Dominik Flückiger, die es schafften, ein harmonisches Gesamtwerk zu komponieren, das aber jede vertretene Kultur individuell zur Geltung bringt und ehrt und für das gesamte Stück einen grossen Mehrwert bietet.

Nicht unerwähnt bleiben darf der Schweizer Psalm, der von den drei Schwiegersöhnen zum Besten gegeben wurde. Dafür gab’s dann auch Szenenapplaus.

Starke Männerrollen und Sabine Deutsch in Bestform

Wenn man Monsieur Claude und seine Töchter gesehen hat und nach einem Zeitchen wieder daran denkt, wird man merken, dass einem die männlichen Figuren mehr im Gedächtnis geblieben sind. Nicht, dass die Darstellerinnen nicht ebenfalls perfekt gecastet wären, nein, aber  die Männerrollen sind prägnanter und vielleicht auch wichtiger gewertet. Die Ausnahme bildet jedoch Sabina Deutsch als Marie Wernli, die zuletzt in Und wer nimmt den Hund mit Eric Hättenschwiler im Theater am Hechtplatz zu sehen war. Alleine ihre Stimme und Sprechweise ist so speziell und ausdrucksstark, dass man sie überhaupt nicht genau sehen muss, um in ihren Bann gezogen zu werden. Eine echte Gabe. Eindrucksvoll ist auch, wie sie die Entwicklung, die Marie im Verlauf des Stücks durchlebt, zum Ausdruck bringt. Auch wenn es sich um eine Komödie handelt, kann man die Gründe, die eine Mutter dazu bringen, in eine Depression zu verfallen, verstehen und ihre Zwigespräche mit dem Pfarrer und dem Psychologen gehören zu den Highlights.

Sabina Deutsch und Lavdrim Xhemaili – ©Christian Knecht

An ihrer Seite – und eben so stark – spielt Kamil Krejčí als Claude Wernli. Auch seine Rolle ist sehr menschlich und leicht nachvollziehbar, denn wir alle kennen Situationen, in denen unser Welt auf den Kopf gestellt wird und wir uns ganz neu sortieren müssen, was auch bedeutet, unsere Komfortzone zu verlassen und unseren Stolz hinunter zu schlucken. Und dieser Prozess ist oft schwer und und man durchläuft verschiedene Phasen, nämlich Schock, Verneinung, Einsicht, Akzeptanz, Ausprobieren, Erkenntnis und Integration. Und diese Phasen werden von ihm mal konkreter und mal nur am Rande, aber immer sehr ausdrucksstark dargestellt. Es ist eine Freude Kamil Krejčí dabei zuzuschauen, wie er in seiner rolleneigenen konservativen Art hilflos mit der grossen, weiten Welt konfrontiert wird, der er sich zunächst nur mit Sarkasmus und Aggression stellen kann.

100% Fremdi isch genau es Gegeteil vo Vielfalt.

Claude als man ihm Rassismus unterstellt
Simona Deutsch und Kamil Krejčí – ©Christian Knecht

Besonders begeisterte uns in diesem Stück auch Nico Jacomet als Abraham, der jüdische Schwiegersohn und Ehemann von Ariane. Der minder erfolgreiche Geschäftsmann und Vater eines kleinen Jungen (dessen Beschneidung für die Schwiegereltern Wernli natürlich ein Kulturschock ist) geniesst es beinahe schon, mit Rashid, dem muslimischen Ehemann von Isabelle, die Klingen zu kreuzen. Nico Jacomet verleiht seiner Rolle einen charmanten Schalk und schafft es, die Blicke des Publikums auf sich zu ziehen, was gut ist, da es Spass macht, ihn im Spiel mit Ariane aka Klara Rensing zu beobachten.

Die wänd mim chline Enkeli am Pfiffeli umeschnipsle.

Claude zu Marie
Nico Jacomet

Aber auch Nader Ben-Abdallah als Rashid und Aaron Le als Chao Ling wissen zu überzeugen und ihren Rollen perfekt auszufüllen. Alle drei Schwiegersöhne beherrschen den Spagat zwischen Humor und Ernst perfekt und tragen massgeblich zur oft ziemlich angespannten Stimmung des Stücks bei, die für Tiefe sorgt. 

Mir chönd üs eifach nid entscheide zwüsched Lukas Andreas und Mahmud.

Rashid im Scherz

Charles Koffi, Lauras Verlobter, bringt dann mit seinem sonnigen, ausgeglichenen Wesen die dringend benötigte Entspannung und markiert den Gegenpool zu den anderen drei mauernenden Schwiegersöhnen. Ob Clovis Kasanda dieses Naturel tatsächlich besitzt oder die Rolle einfach nur unglaublich gut und einnehmend spielt, können wir nicht sagen. Auf jeden Fall sollte es zu jeder Zeit an jedem Ort so einen Charles Koffi geben.

©Christian Knecht

Fazit

Monsieur Claude und seine Töchter ist eine intelligente, schnelle Komödie und die aktuelle Tournee ein Muss für Roberto Blanco- Fans. Mit fantastischen Darstellern, die dem Stück Leben verleihen, knackigen Dialogen und teilweise beinahe schon unangenehm realistischen Spannungen erlebt man einen Theaterabend, der niemanden kalt lässt. Diese originelle, moderne Inszenierung der Shake Company zu einem zeitlosen Thema mit grossem Konfliktpotential ist ein echtes Must-See!

Die Daten der verbleibenden Vorstellungen findet ihr hier.

Ein Herzliches Dankeschön für die Möglichkeit, diese Komödie auf seinem Halt im Stadttheater Schaffhausen sehen und rezensieren zu können.

Nico Jacomet und Lavdrim Xhemaili
Roberto Blanco und Uli Nieding – ©Christian Knecht (zugeschnitten)
Roberto Blanco
Nader-Ben Abdallah und Corinne Soland
Sabina Deutsch, Clovis Casanda und Gwen Johansson
Sabina Deutsch, Kamil Krejčí und Klara Rensing –  ©Christian Knecht
Gwen Johansson
Lavdrim Xhemaili und Sabina Deutsch – ©Christian Knecht (zugeschnitten)
Sabina Deutsch
Uli Nieding und Roberto Blanco
Aaron Le und Nora Keller
Nora Keller, Corinne Soland und Klara Rensing –  ©Christian Knecht
Clovis Casanda und Gwen Johansson
Klara Rensing und Lavdrim Xhemaili
Uli Nieding und Kamil Krejčí
©Christian Knecht
Uli NiedingRoberto Blanco, Kamil Krejčí und Sabina Deutsch ©Christian Knecht
Nico Jacomet und Lavdrim Xhemaili
Kamil Krejčí und Sabina Deutsch
Roberto Blanco und Uli Nieding
Aaron Le

Cast und Kreativ Team

Rollen und Besetzung

Claude Wernli : Kamil Krejčí

Marie Wernli : Sabina Deutsch

André Koffi : Roberto Blanco

Madelaine Koffi : Uli Nieding

Ariane : Klara Rensing

Abraham : Nico Jacomet

Isabelle : Corinne Soland

Rashid : Nader Ben-Abdallah

Michelle : Nora Keller

Chao Ling : Aaron Le

Laura : Gwen Johansson

Charles Koffi : Clovis Kasanda

Rabbi, Pfarrer, Xavier, Psychologe, Surprise-Verkäufer : Lavdrim Xhemaili

Kreativ Team

Regie / Schweizerdeutsche Übersetzung : Rolf Sommer

Ausstattung : Anni-Josephine Enders

Regieassistenz: Tim Hunziker

Musik: Pirmin Huber & Dominik Flückiger

Technische Leitung: Markus Ludstock 

Bühnenbau: Roman Fischer 

Licht-Design: Fabian Küng

Kostümassistenz: Natalie Péclard 

Kostümbetreuung: Lorenza Steinegger

Maske: Sandra Wartenberg 

Maskenbetreuung: Katia Jecquier

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