SIX – The Musical – Divorced – Beheaded – Live! Die Royalste Girlgroup aller Zeiten macht auf ihrer Tour Halt im Theater 11 und lässt mit einer Mischung aus Musical, Popkonzert und Geschichte die sechs Ehefrauen des englischen Tudor-Königs Heinrich VIII auferstehen und das so bunt und lebendig, dass es das Publikum aus den Sitzen reisst. Geschichtsunterricht war noch nie so aufregend!
Geschichtsunterricht war ja so eine Sache: All die verstaubten Menschen, die irgendwie miteinander verwandt waren und deren Namen man sich aus Prinzip nicht merken konnte. Nur ganz wenige von ihnen hatten eine Art Glam und das Potential in den Köpfen der Schüler zu bleiben. Oft fanden sie ihren Weg auch erst dort hin, wenn man sich später Verfilmungen ansah und diese besonders gut waren, oder die Schauspieler diesen Figuren Leben einhauchten.
Aus welchem Grund auch immer, König Heinrich VIII ist eine jener Figuren, die in Erinnerung bleiben, eventuell auch wegen seiner zahlreichen Ehefrauen, von denen vor allem Anne Boleyn einen Sonderstatus geniesst und bis heute viele Fans hat. Eine Frau, die es schafft, einen König so lange auf Distanz zu halten, bis er sie zur Königin, statt zur Mätresse macht und sich dafür sogar von der katholischen Kirche abwendet und eine eigene gründet (Church of England), ist eine wahre Vorreiterin der „Dark Feminine Energy“, wie sie aktuell auf Social Media gefeiert wird. Auch die Serie The Tudors mit Natalie Dorner als Anne Boleyn oder der Film Die Schwester der Königin mit Natalie Portmann in derselbigen Rolle verstärkten den Hype.
Was Toby Marlow und Lucy Moss, damals Studenten an der Universität Cambridge dann allerdings mit Heinrichs sechs Königinnen machten, schlug ein, wie ein Bombe.

SIX- Ein weltweites Phänomen, das Musical und Popkonzert verbindet
Die Idee zu SIX – The Musical entstand noch während der Studienzeit der beiden Autoren. Ende 2016 war Marlow von der Cambridge University Arts Society ausgewählt worden, ein neues Musical für das Edinburgh Fringe Festival zu schreiben und SIX nahm Form an. Bald schon startete eine professionelle Tour durch England und kam schliesslich sogar am West End zur Aufführung. Danach ging SIX auf seine Erfolgsreise um die Welt und spielt seit 2020 am Broadway. Und nun ist Europa dran. Am 26. März 2024 feierte SIX – The Musical am Deutschen Theater in München Premiere.
Die sechs Königinnen treten in diesem Stück als Girlgroup auf und versuchen in einem Battle festzulegen, wer die Frontfrau werden soll. Wer am meisten unter Heinrich VIII gelitten hat, soll das Rennen machen. Und dass sich die sechs Damen in Sachen Dramatik ordentlich ins Zeug legen, ist selbstredend. Immerhin hat jede von ihnen eine spannende Geschichte zu erzählen. Somit ist SIX kein Musical im eigentlichen Sinn, sondern fast mehr ein Popkonzert mit einer Geschichte über Geschichte. Mit 80 Minuten Dauer ohne Pause kann man sich vorstellen, was für ein Kraftakt dieses Stück für die sechs Darstellerinnen und die Liveband ist.
Bevor wir auf die Protagonistinnen eingehen, noch einige Worte zum Drumherum, das eine farbenfrohe Mischung aus modern und historisch aufweist.

Konzertfeeling mit passendem Farbkonzept
Die Bühnenshow von Popkonzerten kann mittlerweile ziemlich ausgefallen sein. So weit geht SIX natürlich nicht. Das Bühnenbild von Emma Bailey ist relativ simpel mit seinem gerundeten Stufen-Element, auf dem die Instrumente der Band stehen, und den angedeuteten gotischen LED-Spitzbogenfenstern im Hintergrund, die den historischen Background der Show andeuten. Besonders auffällig sind die vorherrschenden Farben Violett und Gold, die bestimmt nicht zufällig gewählt wurden, ist Violett doch die Farbe des Adels und der Aristokratie.
Zusammen mit den glitzernden Kostümen der Königinnen (ein grosses Kompliment an Gabriella Slade, die in den sechs Kostümen über 30’000 Kristalle und Nieten verarbeitete), von denen jedes eine andere Grundfarbe und einen anderen Schnitt hat, um die Individualität jeder Trägerin zu betonen, erstrahlt die Bühne in der Farbenpracht des Regenbogens. Auch die Frisuren der Königinnen sind unterschiedlich und lassen mit ihren Spikes doch die moderne Royalität erkennen.

Lasset das Konzert beginnen
Wir waren sehr gespannt, ob Konzert-Stimmung aufkommen würde und ja, so war es. Das aufregende Intro, in dem der Kinderreim, den die Kinder in England lernen, um sich die Exfrauen von Henry VIII zu merken, wird dramatisch inszeniert.
Divorced – Beheaded – Died – Divorced – Beheaded – Survived… And tonight we are LIVE!
Intro Ex Wifes
So startet die Show direkt mit einem absoluten Ohrwurm, in dem sich die sechs Bandmitglieder und ihre komplett weibliche Band vorstellen.
Gerade für die jüngere Generation, die keinen Bezug zu Musical per se haben, könnte SIX ein prima Einstieg sein, denn jede der Königinnen wurde in Sachen Stil und Solonummer einer oder zwei bekannten Künstlerin der Gegenwart zugeordnet bzw. wurden von diesen „queenspiriert“.
Die sechs Königinnen machen ihre „Queenspirations“ alle Ehre
Catherine of Aragon: Beyoncé , Shakira
Die erste Ehefrau von Heinrich dem Achten ist stolz und sehr königlich, aber auch verbittert, dass ihr eine andere den Rang ablaufen konnte. Aufgrund ihrer spanischen Herkunft hat ihr Solosong No way , der auf ihre Weigerung, die Scheidung oder die Tatsache, keine Königin mehr zu sein, zu akzeptieren, anspielt, Latin- und Ragaton-Einflüsse. Nicole Louise Lewis verkörpert Catherine mit viel Würde und Feuer, aber auch einer überraschenden Jugendlichkeit, die sich vor allem in ihrer grossartigen, gefühlvollen Stimme zeigt. Ihre starke Bühnenpräsenz macht sie zur Idealbesetzung für diese toughe Rolle. Als erste Ehefrau nimmt Catherine automatisch eine Führungsrolle ein, die Nicole auf den Leib geschrieben ist.

Anne Boleyn: Avril Lavigne, Lily Allen
Sexy, ungezähmt und aufsässig verdrehte Anne Boleyn dem König dem Kopf und zeigt sich in SIX punkig und unangepasst. Don’t lose your head ist ein echter Ohrwurm, dessen Titel sich auf ihre Hinrichtung durch Köpfen bezieht. Als wahrscheinlich bekannteste Königin der SIX hat man hohe Erwartungen an die jeweilige Darstellerinnen und ihre Interpretation. Izi Maxwell spielt Anne burschikoser, als erwartet, was aber perfekt passte und zusammen mit ihrer kraftvollen Stimme, ihrer Mimik und ihren tänzerischen Fähigkeiten nachhaltig fasziniert. Annes Sprüche gehen oft unter die Gürtellinie, machen aber richtig Spass und man freut sich jedes Mal, wenn sie das letzte Wort hat.

Jane Seymour: Adele, Sia
Die einzige Königin, die Henry wirklich geliebt haben soll, war Jane Seymour. Ihr Song Heart of Stone ist eine grosse, romantische Ballade, in der Sie ihre Liebe zu Henry besingt und bedauert, aufgrund ihres Todes nicht mehr Zeit mit Ihrer Familie gehabt zu haben. Diesem Song konnten wir bis zur Live-Show nicht so viel abgewinnen, weshalb Erin Caldwells Interpretation für uns eine DER Überraschungen des Abends war. Mit ihrer nuancenreichen Stimme, die von glockenklaren, irisch anmutende Tönen, bis zu einem satten Rock-Belt alles vereint, verzauberte sie uns von Anfang bis Schluss. Ebenfalls begeisterte sie ums darstellerisch, da sie der „perfekten“ Jane Ecken und Kanten verleihen konnte.

Anna of Cleves : Nicki Minaj, Rihanna
Von ihr war Henry enttäuscht, da sie anscheinend überhaupt nicht so hübsch war, wie ihr Portrait vor gab (der Deutsche Maler Hans Holbein schien wohl das FaceApp der Renaissance zu sein). Da „die Ehe nie vollzogen wurde“ setzte Henry alles daran, diese ziemlich schnell annullieren zu lassen. Ihr Song Get down zelebriert Annas Stärke und Zufriedenheit, die sie nach der Eheauflösung erwarb. Sie war zwar nicht lange Königin, aber sie wusste wie man das Leben in vollen Zügen geniesst. Bereits bei der Recherche eine unserer Lieblings-Königinnen, verstärkte die Live-Show diese Präferenz. Mit Kenedy Small steht eine sehr starke, präsente Darstellerin auf der Bühne, die von Beginn an die Blicke auf sich zieht. Sie vermag gesanglich, darstellerisch UND tänzerisch zu überzeugen und gehört ohne Frage und absolut zu recht zu den Publikumslieblingen.

Katherine Howard: Ariana Grande, Britney Spears
Henrys fünfte Ehefrau ist die Pop-Prinzessin unter den Königinnen. Ihre unschuldige, aber verführerische Art zog schon in jungen Jahren die begehrlichen Blicke älterer Männer auf sich. Diesen Missbrauch thematisiert sie unterschwellig in ihrem wunderbar lebhaften, eingängigen Solo-Song All You Wanna Do . Lou Henry überzeugte uns vor allem darstellerisch in dieser nicht ganz einfachen Rolle. So hatte man teilweise wirklich das Gefühl, dass ihr die Berührungen ihrer Bandkolleginnen unangenehm waren, wie es bei Missbrauchsopfern häufig der Fall ist, was die Choreographie ihres Solo- Songs erstaunlich intensiv darzustellen vermochte. Auch wenn Ihre Stimme sehr facettenreich ist, fehlt für unser Empfinden das explizit Mädchenhafte, das eine Britney oder Ariana besitzt.

Catherine Parr: Alicia Keys, Emelie Sandé
Die 6. und letzte Ehefrau von Henry hat ihn nicht nur bis zu seinem Tod gepflegt, sondern auch als einzige überlebt. Ihre grossartige Ballade I Don’t Need Your Love erzählt nicht nur ihre Geschichte – so musste sie ihre grosse Liebe Thomas Seymour aufgeben, um Henrys Frau zu werden – sondern leitet gleichzeitig das Finale ein, da sie die postmortale Abhängigkeit von Henry VIII thematisiert. Viel zu lange haben sich die sechs Ex-Frauen nämlich nur über ihren gemeinsamen Exmann definiert und erkennen nun, ermutigt durch Catherine Parr, dass sie ihn nicht benötigen, um ihre eigene Geschichte zu schreiben. Sehr eindrücklich wird der im Nachhinein beinahe schon groteske Wettkampf (die Königinnen versuchen sich letztlich sogar mit der Anzahl Fehlgeburten zu übertrumpfen) im Stück voran und auf die Spitze getrieben, weshalb Catherine Parr zunächst tatsächlich fast als Spielverderberin erscheint, was ihr von den anderen vorgeworfen wird. Dramaturgie at its best. Aoife Haakenson erbringt vor allem schauspielerisch eine grosse Leistung. Als letzte der sechs Königinnen möchte sie eigentlich gar nicht wirklich mitmachen, was es darzustellen gilt, selbst, wenn dies bedeutet, absichtlich weniger zu glänzen. Als sie dann aber singt, wird klar, dass hier eine grossartige Sängerin am Zug ist. Bravo!

Instrumentale Frauenpower – Eine rein weibliche Liveband
Da bei einer Story über die nachträgliche Emanzipation von sechs Königinnen eine männliche Band eher unpassend gewirkt hätte, werden mit Absicht nur sich als weiblich identifizierende Musikerinnen eingesetzt. Und die geben so richtig Vollgas. Besonders charmant ist, dass es sich nicht um rollenlose Bandmitglieder handelt, sondern jede Musikerin eine Hofdame darstellt, wobei sie die Bühne doch bewusst den Königinnen überlassen und sich nicht in den Vordergrund spielen. Dennoch werden sie zwei Mal explizit von den Königinnen vorgestellt, was eine sehr wertschätzende Geste ist, da die grandiose Live-Musik einen grossen Teil zum Gelingen dieser Show beiträgt.
Regie und Choreographie auf den Punkt gebracht
Was SIX von einem „normalen“ Konzert unterscheidet, ist natürlich einerseits die Handlung bzw. die Geschichten, die erzählt werden und schlussendlich zum Ergebnis, sprich einer einzigartigen, royalen Girlgroup führen, aber andererseits die Regie. Wie bereits erwähnt, war es von Beginn an die Präzision der Bewegungen und auch der Dialoge, die faszinierten. Wir hatten uns zuvor mit YouTube-Videos auseinander gesetzt und waren somit auf gesangsbegleitende Gruppen-Choreographien vorbereitet, live war die Wirkung dann aber noch Welten besser. Auch wenn jede Darstellerin die Möglichkeit hat, ihre Rolle innerhalb eines vorgegebenen Rahmens selbst zu gestalten, muss man in vielen Fällen der Regisseurin ein Kränzchen winden, da sie für Timing und Dramaturgie verantwortlich ist.
Viele originelle Einfälle wie der Prozess der Braut-Findung von Anna anhand von Portraits oder Katherines voreilige Selbst-Siegerehrung, die „stillen“ Momente, die das Publikum miteinbeziehen, aber auch gewisse Eigenarten der Königinnen, wie Annes Aufsässigkeit und die witzigen Momente, die sich daraus ergeben, lassen die Stimmung auf einem extrem hohen, erwartungsvollen Level verbleiben.

Musik als Ausdruck der Eigenart und dennoch aus einem Guss
In SIX besitzt jede Königin nicht nur eine eigene Farbe, sondern, wie bereits erwähnt auch einen eigenen Musikstil, der zu ihrer Energie passt. Trotz verschiedener Stile wirkt der Soundtrack wie aus einem Guss. Die zusätzlichen Songs Ex-Wives, Anne Boleyn (Interlude), Haus of Holbein SIX oder The MegaSIX sorgen neben den Solo-Songs für den Extra-Kick, wobei sie weniger die Handlung vorantreiben, sondern mehr zur Erklärung dienen oder die Stimmung weiter anheizen. Fakt ist, daß man keinen einzigen der Songs missen möchte. Der Song Haus of Holbein, der mit fluoriszierenden Accessoires aufgepeppt wird, bietet mit seinen plakativen deutschen House-Klängen, Ländler-Elementen und deutschen Worten natürlich vor allem für uns Deutschsprachige einen Riesenspass.
Auch witzig sind die kleinen, versteckten, musikalischen Anspielungen. Relativ gut zu erkennen ist der Techno-Break zu Greensleeves, von welchem angenommen wird, dass Henry VIII dieses Lied seinerzeit für Anne Boleyn geschrieben hatte, was mitunter der Grund für die grüne Farbe ihres Kleids im Stück ist. Aber auch in Get down findet man eine Anspielung auf Beyoncés Song Formation, in Ex-Wifes eine auf den Destiny’s Child-Song Survivor. Und wer genau aufpasst findet noch eine choreografische Anspielung auf Single Ladies, ebenfalls von Beyoncé. Dies alles wirkt ungeheuer modern und intelligent und man wird automatisch noch aufmerksamer, was sicher kein Nachteil ist.
Da das englische Original auf Tour ist, ist es sicher keine Fehler, sich die Songs vorab anzuhören, um die grossen Mengen an Text mit zu kriegen und wirklich wertschätzen zu können.
Mit viel Geschick zum viralen Hit
Dass SIX -The Musical besonders auch bei den jüngeren Generationen gut ankommt, hat natürlich mit der Botschaft des Musicals zu tun, das ganz bewusst die Rolle der Frau stärkt und sie ihren Weg finden und gehen lässt, unabhängig von übermächtigen Patriarchen. Auch die vertaute Musikrichtung spricht ein jüngeres Publikum an. Nicht ganz unschuldig am Erfolg von SIX ist aber auch die Aufforderung der Königinnen am Schluss der Show, beim letzten Song zu filmen, fotografieren und es online zu teilen. Wo andere Musicals auf Urheberrechtsansprüche pochen, nutzt SIX die Macht von Social Media bewusst und das kommt an. Hier sollte eventuell allgemein ein Umdenken stattfinden, denn egal wie viel Geld in teure Werbe-Kampagnen gesteckt wird, die ungefiltert geteilte Begeisterung des Publikums ist unbezahlbar.

FAZIT
Wenn ein Musical als „Hype-Musical“ und „weltweites Musical-Phänomen“ gepriesen wird, schürt dies natürlich Erwartungen, hohe Erwartungen. Und mit eben diesen gingen wir ins Theater 11. Was für eine Befriedigung, wenn solche Erwartungen erfüllt werden. SIX – The Musical ist anders, als alles bereits Dagewesene und sprengt alle Genre-Grenzen. Der Mix aus Historien-Musical und Popkonzert ist ein Feuerwerk an Musik und Farben und fasziniert durch sein Women- Empowerment ebenso wie durch seine Präzision und Modernität. SIX ist ein wahres Erlebnis und wir können es von Herzen empfehlen.
SIX -The Musical ist noch bis am 21. April 2024 im Theater 11 zu sehen. Tickets gibt es hier.
Ein herzliches Dankeschön an Musical.ch für die Möglichkeit, dieses Meisterwerk zu sehen und zu rezensieren.
Cast:
Catherine of Aragon: Nicole Louise Lewis
Anne Boleyn: Izi Maxwell
Jane Seymour: Erin Caldwell
Anna of Cleves: Kennedy Small
Katherine Howard: Lou Henry
Catherine Parr: Aoife Haakenson
Band/Hofdame
Margaret ‚Maggie‘ Lee (Gitarre): Lola Barber
Elizabeth ‚Bessie‘ Blount (Bass): Julia Ostrowska
Maria de Salinas (Schlafzeug): Amanda Dal
Jane ‚Joan‘ Meutas (Musikalische Leitung / Keyboard): Yutong Zhang

















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