Tanzfilme sind Kult! Die 80er Jahre sowieso! Einer der beliebtesten Tanzfilme der 80s machte als Musical auch in der Schweiz Halt. Vom 30.04 – 01.05.2024 hiess es in der Zürcher Eventhalle Halle 622 und dann noch mal am 03.05. und 04.05. in der St. Jakobshalle Basel „Everybody cut loose – Footloose!“ Das Publikum durfte sich auf einen einen Abend mit purem 80er Feeling, alt bekannten Ohrwürmern und einem grossartigen Cast freuen.
Egal ob Flashdance, Dirty Dancing, Fame, A Chorus Line, Staying Alive oder Xanadu – wer liebt sie nicht, die legendären Tanzfilme der wilden 80er? Footloose von Dean Pitchford aus dem Jahre 1984 gehörte aufgrund des genialen Soundtracks schon immer zu unseren absoluten Favoriten. Der titelgebenden Song Footloose von Kenny Loggins haben wir als Kinder sogar für eine Choreographie verwendet und bei jeder Gelegenheit aufgeführt. Das Original mit Kevin Bacon und Lori Singer ist absoluter Kult, aber das Remake von 2011 mit Kenny Wormald und Julianne Hough hat uns mindestens so begeistert aufgrund der absolut genialen Country Line Dance Szene im Club und der wunderbaren Chemie der beiden Hauptdarsteller.
Die zeitlose Story des jungen Rebellen
Der junge Ren McCormack lebt mit seinen Eltern in Chicago. Er liebt sein Leben und er liebt den Tanz. Leider sind er und seine Mutter nach der Trennung der Eltern gezwungen, zu Verwandten nach Bomont zu ziehen – ein kleines Kaff, in dem Rockmusik, Alkohol und Tanzen verboten sind. Hinter diesen Verboten steckt der bibeltreue Priester Shaw Moore, der durch diesen Erlass seine Gemeinde vor den Gefahren beschützen will, die von Tanzveranstaltungen ausgehen können. Schon einmal wurde die Kleinstadt von einem Schicksalsschlag getroffen, und eine Wiederholung dessen heisst es mit aller Macht zu verhindern.
Es kommt wie es kommen muss, Ren verliebt sich in Ariel Moore, die Tochter des Priesters und die Katastrophe ist vorprogrammiert. Ren sieht nur eine Möglichkeit: er muss für dieses kleine Stück Freiheit und seine erste Liebe kämpfen. Auch die anderen Jugendlichen stehen Ren zur Seite und rebellieren gegen die unsinnigen Einschränkungen.
Geschichten mit wahrem Hintergrund sind die besten
Footloose beruht tatsächlich auf einer wahren Begebenheit: Die Schüler des Abschlussjahrgang 1980 in Elmore wollten zum ersten Mal einen Abschlussball mit Tanz ins Leben rufen. Die Schulaufsicht wies dies zurück, da es seit 1898 ein niedergeschriebenen Gesetzt gab, das Tanzveranstaltungen in der Stadt Elmore untersagte. Diese Auseinandersetzung weitete sich dermassen aus, dass die örtliche Kirche den Jugendlichen wie im späteren Film vorwarf, Tanzen sei unmoralisch und sie würden mit dem Abschlussball gegen religiöse Prinzipien verstossen. Der Liedtexter Dean Pitchford erfuhr aufgrund der Medienaufmerksamkeit von diesem Vorfall, reiste nach Elmore und besorge sich durch Interviews mit Protagonisten des Schulkonflikts und anderen Ortsansässigen Eindrücke für sein Drehbuch.
Von der Leinwand auf die Bühne
Die aktuelle Footloose–Tour ist natürlich nicht die erste Inszenierung. Bereits 1998 feierte die Musical-Fassung Premiere am Broadway in New York und begeisterte dort das Publikum in über 700 Vorstellungen. 2022 war die Inszenierung direkt vom Londoner Westend in der Schweiz zu sehen. Die aktuelle Inszenierung kommt nun in deutscher Sprache.
Authentische Kostüme passend zu den 80s und ein vielseitiges, modernes Bühnenbild
Für die Kostüme verantwortlich zeichnet sich Lukas Pirmin Wassmann: ihm war es wichtig, die Kostüme optisch in der richtigen Epoche anzusiedeln und somit der Filmvorlage gerecht zu werden. Dies gelingt ihm wunderbar, die Charaktere wirken kostümtechnisch zeitloser und authentischer.

Wie so häufig bei Tourproduktionen wird auch bei Footloose das Set Design schlicht gehalten. Mara Lena Schönborn gelingt es ein praktisches und dennoch visuell ansprechendes Bühnenbild im industrial Style zu gestalten. Ein grosses, leicht düster wirkendes Gerüst, das wohl eine Auto- oder Eisenbahnbrücke darstellt wird von den Jugendlichen erklommen, aber nie überwunden. Es steht symbolisch für das durch die Vorschriften eingeengte Leben. Dieses übermächtige Gerüst verschwindet allerdings in den Momenten, wo sich ein Gefühl der Hoffnung und Freiheit ausbreitet. So zum Beispiel beim Ausflug in die liberalere Nachbarstadt.

Das mehrteilige und mehrstöckige Metallgerüst, das vielseitig eingesetzt und verschoben wird hebt sich sehr ansprechend von der bunt beleuchtete LED-Rückwand ab, was mitunter beeindruckende Stimmungswechsel erzeugt. Zusätzlich setzt Phil Kong für sein Lichtdesign auf effektvoll und pointiert eingesetzte Spots, die das Spielfeld der Schauspieler nicht nur beleuchteten, sondern auch dramatisch ausleuchten können.

Sehr eindrücklich und so echt, dass man beinahe schon etwas Beklemmung kriegt, wird auch die berühmte Eisenbahn-Szene umgesetzt. Wir sind immer wieder begeistert davon, wie mit einfachsten Mitteln eine Szenerie konstruiert werden kann.
Die zeitlosen Kultsongs begeistern auch das junge Publikum
Wie auch schon bei anderen Show Slot Touren kommt die Musik zwar vom Band, was aber überhaupt nicht stört. Die Arrangements der Songs wurden zudem speziell für die Tour überarbeitet und modernisiert. Ein klein wenig irritierend ist die Tatsache, dass einige der Original-Songs in Englisch gesungen werden, andere in Deutsch beginnen und dann ins Englische wechseln oder ganz ins Deutsche übersetzt wurden, wie es zum Beispiel bei Almost Paradise der Fall ist. Dennoch gehört musikalisch genau dieser Song zu den Highlights, denn auch als Wie im Märchenland verliert er seinen typischen 80er Charme nicht. Auch kommen in diesem Liebesduett die Stimmen der beiden jungen Hauptdarsteller besonders schön zur Geltung und wirken sehr harmonisch. Leider stimmt die Abmischung nicht in jedem Fall. Oft sind die Mikrofone für die einzelnen, teilweise sehr kräftigen Stimmen zu laut eingestellt, was sich unangenehm anhören kann und bei den übersetzten Songs oft sogar zu Verständlichkeits-Problemen führt. Besonders schade fanden wir dies bei Let’s hear it for the boys, einem toller Song, der von der sympathischen und gesanglich sehr starken Manar Elsayed aka Rusty interpretiert wird. Wenn nur das Mikrofon ein wenig weniger laut gewesen wäre… Allerdings muss leider auch erwähnt werden, dass nicht alle Übersetzungen wirklich gelungen sind.

Ein Tanz-Musical, das kein Tanzmusical sein möchte
Von einem Musical, das auf einem Kult-Tanzfilm basiert, erwartet man vor allem eins: grosse, professionelle Tanznummern, die mitreissen. Bei dieser Inszenierung von Footloose unter Manuel Schmitts Regie wollte man aber weg vom Klischee des seichten Tanzmusicals. Dafür wird mehr Fokus auf Dramatik gelegt, Gesellschaftsprobleme, Konflikte der Personen und Traumata, die die einzelnen Rollen zu überwinden haben. Tanzelemente sollen genutzt werden, um die Emotionen in Gesangsnummern zu verstärken und visuell darzustellen. Zum Einsatz kommt diese Technik zum Beispiel sehr eindrücklich beim Song Holding Out For A Hero, in dem relativ überraschend Tänzer mit roten Lurexoberteilen die Bühne eroberten und Ariel umkreisten und eine sinnliche Atmosphäre erzeugen wollten, bevor auch die Sänger auf einmal gelbe, glitzernde Pailletten-Capes trugen, um einen Bogen zu den im Song erwähnten Helden zu schlagen, was aus dem Song eine Art Revue-Nummer machte. Dies muss nicht per se falsch oder schlecht sein, gar nicht, es bedient nur das typische Musical-Klischee.
Es gibt nur wenige grössere Tanznummern von Timo Radünz, die bewusst als solche stehen dürfen, z.B. Still Rockin‚ zu Beginn des 2. Akts, in der Bar, die von Cowboy Bob (sehr energetisch verkörpert von Alexander Findewirth, der auch Chuck spielt und dies ebenso grandios) dominiert wird, oder auch der Schulball zu Footloose, der fliessend ins Finale übergeht. Dass genau diese beiden Szenen zu den Highlights des Publikums gehören (was es lautstark klar macht), lassen vermuten, dass mehr Tanznummern gar nicht so unwillkommen gewesen wären, vor allem, weil das Ensemble mit einer solchen Freude tanzt, die einfach ansteckend ist.

Alt bekannte Figuren mit Hintergrundgeschichte
Als Footloose-Kenner war es für uns sehr spannend, zu sehen, dass Rens Geschichte diesmal nicht erst beim Eintreffen in Bomont beginnt, sondern in Chicago, wo man ihn noch mit seinen Freunden erlebt. Auf diese Weise wirkte er etwas selbstbewusster und weniger verloren, als im Film, wobei ihn der Kulturschock, in ein ländliches, verschlafenes Nest versetzt zu werden, verunsichert, was Raphael Gross sehr sensibel darzustellen vermag, ebenso wie seine Unsicherheit gegenüber Ariel oder vor dem Stadtrat. Der 28-jährige Darsteller aus Recklinghausen hat Wiedererkennungswert, was für Hauptrollen immer ein grosser Vorteil ist. Schon als Alfred in Tanz der Vampire konnte er seine stimmlichen und schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen und eine beachtliche Fangemeinde generieren. Bei Footloose spielt er den jungen Rebellen auf sehr authentische Weise. Ihm zuzuschauen macht einfach Spass.

Die Rolle der Pfarrerstochter Ariel wird von der 25-jährigen Helena Lenn verkörpert und verleiht ihr eine beachtliche Reife. Obwohl auch in den Filmen, klar ist, dass Ariel auf ihre Weise um ihren tödlich verunglückten Bruder trauert und das Gefühl hat, mit diesem Schmerz alleine zu sein, wird dieser Umstand im Musical deutlicher hervorgehoben und ihr selbstbewusstes Verhalten sowie die Beziehung zu Chuck wirken plakativ und aufgesetzt. Eigentlich wundert man sich fast, dass sie Freundinnen hat, die zu ihr stehen, da sie kaum Zeit für sie zu haben scheint. Besonders hervor zu heben ist ihr Spiel zusammen mit ihren Bühneneltern. Die typische Spannung zwischen Eltern und Kind, die aus gegenseitigem Unverständnis erwächst, wird grossartig und sehr nachvollziehbar dargestellt. Helena besitzt eine kraftvolle Stimme, die vor allem in den englischen Songs zu Tragen kommt, aber ihr ganzes Potential im Duett mit Raphael Gross zeigt. Ebenso schön ist ihr Spiel mit ihrem Bühnenpartner und die Entwicklung, die sie zusammen durchmachen. So zeigt Ren Ariel ihren Wert, was eine der wichtigsten Botschaften des Stücks ist.
Was hat sich verändert?
Ren
Er hat zu tief in die Bibel geschaut.
Ariel

In dieser Produktion wurde auf eine Mischung aus bekannten, verdienten Musicaldarstellern und neuen Talenten gesetzt. So wurde ein genialer Cast geformt, der in puncto Energie und Spielfreude seines Gleichen sucht.
Mit Vorfreude hatten wir die Darbietung von Ethan Freeman als Reverent Shaw Moore erwartet und wurden nicht enttäuscht. Von Beginn an beherrscht er die Bühne mit seiner erstaunlichen Präsenz, die sich in Stimme und Gestik zeigt. Ethan Freeman kann auf eine beispiellose Karriere im deutschen Musical zurückblicken. Der gebürtige New Yorker, dessen musikalischer Hintergrund eher im Opernbereich liegt, ist seit 1981 in Europa tätig und hat so ziemlich in jedem berühmten deutschen Musical mitgewirkt. In zahlreichen Uraufführungen prägten seine Darstellungen die Rolle, so zum Beispiel 1999 in der Doppelrolle Jekyll & Hyde in Bremen. Die Rolle des Pfarrers und Vaters verkörpert er eindringlich und unglaublich kraftvoll. Deutlich ist seine Zerrissenheit und Trauer zu spüren und die Angst, den selbst erschaffen Schutzpanzer aus aufopferungsvoller, aber auch übergriffiger Fürsorge gegenüber seiner Gemeinde ablegen zu müssen. Eine der eindrucksvollsten und berührendsten Szene ist das Gespräch zwischen ihm und Ren, in der dieser zu ihm durchdringt.
Ren, wenn Sie mein Sohn wären, ICH hätte Sie gerne kennen gelernt.
Shaw Moore zu Ren
Auch gesanglich sorgt er mit kraftvoller, warmer Stimme für Gänsehautmomente und beweist, dass Erfahrung und ein Gefühl für die leisen Töne die Spreu vom Weizen trennt. Schade, dass sein gefühlvolles Solo Himmel hilf mir relativ kurz ausfällt.

Auch Kerstin Ibald, die Vi Moore und somit die Frau des Reverents verkörpert, gehört für uns zu den Highlights. Bereits vor rund 20 Jahren spielte sie dieselbe Rolle in einer anderen Inszenierung, war damals aber eigentlich zu jung. Doch nun ist definitiv der richtige Zeitpunkt und Kerstin Ibald in ihre Rolle hineingewachsen. Ihr gelingt es mit traumtänzerischer Sicherheit, die erforderliche Vielschichtigkeit einer Frau, hin und her gerissen zwischen ihrer Liebe zu ihrem Mann und der zu ihrer pubertierenden, unglücklichen Tochter, auf die Bühne zu bringen. Sie sieht keine Notwendigkeit darin, sich zu entscheiden, kann beide verstehen und möchte jeden zusätzlichen familiären Streit verhindern. Deshalb vermittelt sie mit sanften Stärke. Ihr Solo Hör noch einmal auf dein Herz trifft mitten ins Herz, da sie die Fähigkeit besitzt, mit ihrer Stimme Gefühle klar zu transportieren. Ein grosses Bravo für diese darstellerische und gesangliche Meisterleistung!
Ich dachte wenigstens, DU glaubst an mich.
Shaw Moore zu Vi
Ich habe nie aufgehört…
Vi zu Shaw Moore

Hin und wieder erlebt man einen jener raren Darsteller auf der Bühne, die alle Blicke auf sich ziehen. Lukas Poischbeg gehört fraglos zu dieser Gattung. Als Willard, Rens erster Verbündeten in Bomont verkörpert er einen gutherzigen, aber auch etwas einfach gestrickten Jugendlichen, der keiner Schlägerei aus dem Weg geht und ein Auge auf Rusty, eine von Ariels Freundinnen geworfen hat. Sein grosses Geheimnis ist, dass er nicht tanzen kann. Die Rolle hat bereits gute Anlagen, das Publikum zu begeistern, allerdings braucht es auch den richtigen Darsteller und es ist erstaunlich, dass dies seine Willard– Premiere war, da er wie geschaffen für diese humorvolle Rolle ist. Besonders in seinem Solo-Song Mama sagt zieht er alle Register und begeistert das Publikum UND uns mit seinen darstellerischen, komödiantischen, gesanglichen (seine Stimmbeherrschung ist erstaunlich) und tänzerischen Fähigkeiten.
Mama sagt, ich darf ein Bier trinken oder eine Zigarette rauchen. Aber nicht beides, sonst darf ich nicht mehr nach Hause.
Willard

Fazit
Footloose – Das Musical ist ein grosser Spass für Fans des Kultfilms, aber auch für die jüngeren Generationen. Mit einigen besonders hervorstechenden Einzelleistungen und einer soliden Gesamtleistung des Ensembles erlebt das Publikum einen unterhaltsamen Abend voller 80s-Charme, originellen Ideen und viel Tiefgang. Und spätestens beim Finale reisst es jeden von den Sitzen. Everybody cut lose!
Ein herzliches Dankeschön an ShowSlot für die Möglichkeit, dieses Musical zu sehen und zu rezensieren.
Rollen
Ren McCormack : Raphael Groß
Ariel Moore : Helena Lenn
Shaw Moore : Ethan Freeman
Shaw Moore Walk-In Cover : Carl van Wegberg
Vi Moore : Kerstin Ibald
Willard Hewitt : Martijn Smids
Chuck Cranston / Cowboy Bob : Alexander Findewirth
Rusty : Manar Elsayed
Urleen : Antonia Crames
Wendy Jo : Ronja Geburzky
Jeter / Garvin + Dance Captain : Nicole Eckenigk
Ethel McCormack / Eleanor Dunbar : Sylvia Manuela Heckendorn
Lulu Warnicker / Principal Clark : Janneke Thomassen
Wes Warnicker / Coach Dunbar : Dominik Müller
Lyle : Kevin Lisske
Travis : Ilias Sidi-Yacoub
Bickle : Lukas Poischbeg
Swing + Resident Director : Elke Podhradsky
Swing : Felicitas Bauer, Anjuschka Uher, Pieter van der Vegte
Produktion: Buch von Dean Pitchford, Musik von Tom Snow,
Lyrics von Dean Pitchford, Zusätzliche Musik von Eric Carmen, Sammy Hagar, Kenny Loggins und Jim Steinman, Deutsch von Hauke Jensen
Kreativteam: Regie: Manuel Schmitt
Choreographie/Co-Regie: Timo Radünz
Musical Director: Hans Tilmann Rose
Set Designer: Mara Lena Schönborn
Costume Designer: Lukas Pirmin Waßmann
Lighting Designer: Phil Kong
Sound Designer: Dennis Heise





















Im Juni freuen wir uns dann auf Rock of Ages.
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