Eine geniale Idee – Kammerspiele Seeb

Die Kammerspiele Seeb sind bekannt für ihre rasanten, kurzweiligen Stücke und mit der Verwechslungskomödie Eine geniale Idee von Sébastien Castro unter der Regie von Simon Keller haben sie ihren nächsten Coup gelandet. Und zwar erlebt das kulturbegeisterte Publikum in Bachenbülach seit dem 26. September 2025 zu welch „genialen“ Ideen Eifersucht führen kann.

„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Davon kann André ein Lied singen. Seit sieben Jahren ist er mit seiner Roxane zusammen. Ja, es kriselt schon länger in ihrer leicht eingeschlafenen Beziehung, deshalb soll eine neue Wohnung in einer ländlicheren Gegend für frischen Wind in ihrer Partnerschaft sorgen. So weit, so gut. Aber als sich Roxane ausgerechnet für den geschniegelten Makler Maurice zu interessieren scheint, muss sich André etwas einfallen lassen und läuft dabei zu Hochform auf. Wie es der Zufall will, begegnet er im Tram Thomas und dieser ist dem verhassten Gegenspieler wie aus dem Gesicht geschnitten: ein Doppelgänger! Andrés geniale – wenn auch höchst komplizierte – Idee ist geboren: Thomas soll sich als Maurice ausgeben und diesen mit unmöglichem Verhalten ins Aus befördern.

Dass diese Idee ins reine Chaos führt, lässt keine Zweifel offen und das Kreativteam rund um Simon Keller, welcher per Sommer 2026 die künstlerische Leitung der Kammerspiele Seeb von Urs Blaser übernehmen wird, zeigt mit der Schweizerdeutschen Adaption des mehrfach ausgezeichneten französischen Theaterstücks Une idée Géniale von Sébastien Castro erneut, dass beste Unterhaltung auch auf kleinstem Raum möglich ist.

„Exgüsi, dörf ich Sie öpis froge?“

Der Vorhang hat sich noch nicht einmal geöffnet, als sich links auf der Bühne Fidan Wyder in Sandalen auf einen Stuhl setzt und völlig in seiner Welt versunken eine imaginäre Scheibe anhaucht und abwechselnd mit seinen Fingern, oder seinem Rubik Cube spielt. Patrick Boog  kommt direkt neben den Zuschauern die Treppe runter und spricht den harmlos wirkenden Jungen im Tram an und das Publikum merkt sofort, dass hier etwas Seltsames vor sich geht.
Licht aus, Musik an, Vorhang auf! Ein Stück in medias res zu beginnen ist mutig,  gut gemacht, verfehlt es seine Wirkung aber nie. Und für ein Kammerspiel, dessen ganze Handlung in einem Raum geschehen wird, ist der Einbezug des Publikumraums für die einzige Aussenszene natürlich genial und nimmt die Zuschauer direkt mit.
Auch die Musik, die auch diesmal speziell für die Inszenierungen komponiert wurde, stimmt mit ihrer etwas hektischen, eigentümlichen Natur auf die Vorstellung ein und unterstreichen einmal mehr den hohen Qualitätsstandart dieses Theaters.

©leslynch.ch – Patrick Boog & Fidan Wyder

Zuhause ist, wo das Leben spielt

Das Bühnenbild von Henry Moderlak ist umwerfend. Anders ist es von dem seit 2022 als Technischer Leiter eingesetzten Multitalent auch nicht zu erwarten. So ist er nicht nur für Elektro-, Licht- und Tontechnik zuständig, sondern übernimmt als passionierter und extrem versierter Handwerker jeweils auch den Bau des Bühnenbildes, das diesmal ein kleines, aber perfekt ausgestattetes Wohnzimmer darstellt. Dass die verschiedenen Türen, die zu Nebenräumen wie Keller, Küche oder Bad bzw. nach draussen führen, ihre Daseinsberechtigung haben und nicht nur der Dekoration dienen, wird man im Verlauf des Stücks merken, ermöglichen sie erst die perfekte Illusion. Wohnlich wird es dann durch eine Polstergruppe mit Couchtisch und Pflanzen, eine Deko-Nische mit Kunstwerk, einer Garderobe und einem Fenster, das den Ausblick auf einen kleinen Vorgarten erahnen lässt. Im Bad erhascht man dann und wann einen Blick auf  Listerine und Handseife, beides natürlich halb leer, immerhin wird hier gewohnt.
Die Wohnung, die wir vor uns sehen, ist die heimelige, aber sehr kleine Wohnung von André und Roxane. Obwohl man sich sofort zu Hause fühlt, ist spürbar dass sie ein Stück weit symbolisch für die zu eng gewordene, einschränkende Beziehung der beiden steht.

©leslynch.ch – Nicole Edelmann & Katia Franco Hofacker

Timing ist alles – aus 1 mach 3

Sechs Rollen, aber nur vier Schauspieler? Wer die Inszenierung von Achtsam Morden gesehen hat, der weiss, dass Stücke mit solchen Herausforderungen absolut prädestiniert sind für die Kammerspiele Seeb, deren Team mit Kreativität und facettenreichen Darsteller*innen immer wieder Meisterwerke erschafft. Im französische Original ist es der Autor selbst, der sich in die Rolle des dreifachen Lottchens begibt, in Simon Kellers Inszenierung brilliert Fidan Wyder. Nachdem wir ihn zuletzt in der Kleinen Niederdorfoper, der Abschiedsproduktion der Spock Productions, als Bleicher Jüngling sehen durften, war es für uns eine Freude, ihn diesmal in einer grossen bzw. drei komplett unterschiedlichen, teilweise sehr gesprächigen Rollen zu erleben. Ob als herzensguter, leicht autistischer und geistig nicht ganz wendiger Möchte-gern-Schauspieler Thomas (der ausgerechnet als „Nanny“ dann noch sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellt), schleimiger Makler Maurice, oder grummeliger Klempner Roman, er schenkt jeder Figur mit Gestik, Mimik und Stimme Charakter und Lebendigkeit und das so gut, dass man tatsächlich vergisst, nur einen Schauspieler vor sich zu haben. Dies ist nicht nur in Anbetracht der darstellerischen Herausforderung bewundernswert, sondern auch, wenn man sich bewusst wird, in was für einem Tempo, die Rollenwechsel stattfinden müssen.
Ein Wasserrohrbruch im Badezimmer und das Eintreffen von Thomas‚ Bruder Roman, der per Zufall Klempner ist, sowie des richtigen Maurices setzt einen derart präzise getimter Uhrwerk aus Verwechslungen, Slapstick und Dialogwitz in Gang, der dank des überaus funktionalen Bühnenbaus mit Schleichwegen und gekonnt platzierten Möbeln, sowie dem gelegentlichen Einsatzes eines Körperdoubles, die Illusion entstehen lässt, dass es Thomas, Maurice und Roman teilweise gleichzeitig auf der Bühne stehen.

©leslynch.ch – Fidan Wyder

Patrick Boog durften wir zum ersten Mal auf der Bühne sehen, waren aber begeistert von seinem natürlichen, trotz des ganzen Chaos‘ unaufgeregten Spiel. Er verleiht der Rolle des eher gemütlichen André, der sich sowohl in der siebenjährigen Beziehung mit Roxane als auch in der gemeinsamen Wohnung im Kreis 4 eingerichtet hat, eine berührende Authentizität. Sein André ist greifbar, manchmal ungeduldig (vor allem mit Thomas), aber stehts glaubwürdig und sehr menschlich. Es ist rührend wie er sich sogar an die undichten Stellen im Badezimmer gewöhnt hat und sie ebenso akzeptiert, wie er es wohl auch mit den Schwächen seiner Lebenspartnerin tut. Solange alles so bleibt wie es ist, ist es gut. Seine emotional stabile, gar nicht dramatische Art besticht und behauptet sich gerade deswegen so wunderbar zwischen seinen Bühnenkolleg*innen. Dennoch lässt er André als Strippenzieher eine ungeahnte Leidenschaft und Energie entwickeln.

Was spieled sie do eigentlich für en Schiissdreck zäme. Spieled sie eifach en dumme Latschi!
André

©leslynch.ch – Patrick Boog

Als Roxane glänzt Nicole Edelmann. Sie ist der aktive Part in der Beziehung, möchte Neues erleben und sieht Handlungsbedarf, als es in der Beziehung mit André einfach nicht weitergeht. Nicole Edelmanns Roxane ist dynamisch, modern, leidenschaftlich, das pure Gegenteil von André. Sie möchte umworben werden und sich begehrt fühlen und deshalb ist es mehr als verständlich, dass sie einem Flirt mit Maurice nicht abgeneigt ist, selbst wenn sie nicht weiss, wohin es führen soll oder OB es überhaupt irgendwo hinführen soll. Mit ihrem ausdrucksstarken Gesicht und ihrem nuancenreichen Spiel bildet sie optisch und energetisch einen spannenden Kontrast zu André. Eine besondere Intensität entwickelt sie in ihrer Hilsflosigkeit, als sie deutlich spürt, dass etwas vor sich geht, man ihr aber Infos vorenthält, weshalb die „Auflösung“ die selbstbewusste Powerfrau ganz weich werden lässt, was eine sehr berührende Intimität zwischen dem Paar entstehen lässt. 

Was isch das für e Irreastalt?!
Roxane

©leslynch.ch – Nicole Edelmann

Auch wenn die Nachbarin Josefina eigentlich eine Aussenstehende ist, sorgt sie mit der für Südländer so typischen, sehr emotionalen Art für viele Highlights und noch mehr Verwirrung. Die wunderbare Katia Franco Hofacker ist die absolute Idealbesetzung und hält in ihrer Interpretation mit traumwandlerischer Sicherheit die Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit, Leidenschaft und Fürsorge. Wir hatten zuvor Ausschnitte aus dem französischen Stück gesehen und waren umso begeisterter von ihrem Spiel. Selten gelingt es, uns mit wiederkehrenden Gags mehrfach zum Lachen zu bringen, doch dem Charme von Katia Franco Hofackers kann niemand widerstehen. Besonders in Erinnerung bleiben wird ihr fast schon kindlich anmutender Glaube daran, dass André auferstanden ist.

Er ist herabgestiegen vom Himmel und wird bald wieder aufsteigen.
Josefina

©leslynch.ch – Katia Franco Hofacker

Die Fazination des Alltäglichen

Obwohl in Eine geniale Idee so einiges los ist, sind alles – abgesehen von der „genialen Idee“ selbst –  alltägliche Geschehnisse, die immer und überall passieren können. Seien es herausspringende Sicherungen, Überschwemmungen im Badezimmer oder herunterfallende Küchenschränke. Nichts ist mysteriös, unerklärlich oder fantastisch. Es ist der pure Alltag. Ebenso geschieht es überall und zu jeder Zeit, dass sich eine bequeme, aber auf lange Sicht gefährliche Eintönigkeit in Beziehungen einschleicht. Ein kleiner externer Funke kann dann völlig unerwartet einen Wunsch entfachen, eine Sehnsucht wecken, eine kleine unterschwellige Unzufriedenheit auslösen, die dazu führen kann, dass eine an und für sich stabile Beziehung hinterfragt wird. Und wie einem bei einem Jahre lang gut funktionierendem Rohr auf einmal durch den aufgestauten Druck und eine kleine, undichte Stelle das Wasser um die Ohren spritzen kann, kann dies auch mit Gefühlen passieren.
Das Creative Team der Kammerspiele Seeb weiss genau ob dieser Faszination des Alltäglichen und spielt gezielt damit. Mit alltäglichen Kostümen, einer 08/15-Wohnung, Herr und Frau Jedermann sowie einem Problem, bei dem auf Facebook mit sicherlich einer mit „Und in China ist ein Sack Reis umgefallen“ kommentieren würde, wird das Publikum dennoch reihum in den Bann gezogen. Weil es echt ist. Weil es sich vertraut anfühlt. Weil man sich selbst darin erkennen kann.

©leslynch.ch – Patrick Boog & Nicole Edelmann

Fazit

Ein Mal mehr haben die Kammerspiele Seeb ein Händchen für Die Wahl der perfekten Darsteller*innen bewiesen…und für das perfekte Stück. Simon Keller ist mit Eine geniale Idee – seiner zweiten Regiearbeit für die Kammerspiele Seeb nach Die lieben Eltern – ein wunderbares, menschliches Boulevardstück mit Herz gelungen, garniert mit diesem speziellen, französische Charme, der auch auf Mundart perfekt zur Geltung kommt. Wir sind davon überzeugt, dass diese Inszenierung es ein ebenso grosser Erfolg wird wie das französische Original Une idée Geniale, welches 2023 sogar mit zwei Molières ausgezeichnet wurde.

Cast & Creatives

Cast
André: Patrick Boog
Roxane: Nicole Edelmann
Thomas, Maurice, Ramon: Fidan Wyder
Josefine: Katia Franco Hofacker

Creatives
Autor: Sébastien Castro
Übersetzung: Kim Langner
Mundartfassung & Regie: Simon Keller
Regieassistenz: Sara Ackermann
Produktion: Kammerspiele Seeb
Produktionsleitung: Urs Blaser
Bühnenbild: Henry Moderlak
Kostüme: Jana Bachl
Maske: Elena De Donno, Claudia Inglin
Techn. Gesamtleitung: Henry Moderlak
Licht- & Bühnentechnik: Henry Moderlak, Pierre Chabin, Daniel Hostettler
Musik: Jessy Bäsecke-Beltrametti & Max Molling


Ein Herzliches Dankeschön an die Kammerspiele Seeb für die Möglichkeit, dieses wunderbare, humorvolle und berührende Stück voller Menschlichkeit sehen und rezensieren zu dürfen.


©leslynch.ch – Kammerspiele Seeb
©leslynch.ch – Nicole Edelmann
©leslynch.ch – Patrick Boog & Fidan Wyder
©leslynch.ch – Nicole Edelmann & Fidan Wyder
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©leslynch.ch – Nicole Edelmann & Patrick Boog
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©leslynch.ch – Nicole Edelmann & Fidan Wyder
©leslynch.ch -Katia Franco Hofacker
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©leslynch.ch – Katia Franco Hofacker & Fidan Wyder
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©leslynch.ch – Nicole Edelmann & Patrick Boog

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