Die Legende von Sleepy Hollow – Konzert und Theater St. Gallen

Vom 28.09.2025 bis 30.11.2025 zeigt Konzert und Theater St.Gallen eine atmosphärische, bildgewaltige und schaurig schöne Inszenierung der Kurzgeschichte Die Legende von Sleepy Hollow von Wahington IrwingDie Neuinterpretation  der Geschichte des kopflosen Reiters aus der Feder des preisgekrönten Dramatikers und Theaterregisseurs Philipp Löhle wird in der Schweizer Uraufführung zu einer faszinierenden Fusion aus  Schauspiel, Horror, hypnotischer Musik und der Ästhetik eines Tarantino Western. Eine Parabel auf die Kopflosigkeit. Was für ein spektakulärer Saisonstart.

Theater kann alles! es gibt nichts, das man im Theater nicht darstellen kann.
Philipp Löhle

Hätte uns jemand nach unseren Vorstellungen eines idealisierten Theaterstücks gefragt, gäbe es einige Elemente, die wir als Voraussetzung empfänden: ein beeindruckendes Bühnenbild, eindringliches Licht- und Tondesign, Nebel, Musik, die dich entrückt und verführt, Grusel und Horror à la Guillermo del Torro und Tim Burton, ein Hauch schwarzer Romantik in Kostüm und Geschichte wie bei Edgar Alan Poe, intensive Schauspieler:innen und Handlungsstränge, die Raum für Interpretationen und Diskussionen lassen. Ein Theatererlebnis, das nicht nur der Unterhaltung dient, sondern eines, das etwas in einem auslöst und noch nachhallt, lange nachdem man das Theater verlassen hat. Genau solch ein Stück gibt es nun: Die Legende von Sleepy Hollow bei Konzert und Theater St. Gallen. Und deshalb sind wir auch unglaublich spät dran mit unserer Review, weil wir nicht aufhören konnten, darüber zu diskutieren und immer wieder neue Details in unserer Erinnerung aufgeploppt sind.

Eine Kurzgeschichte mit Raum für Interpretation

Die Handlung der zugrunde liegende Geschichte von Washington Irvings Sleepy Hollow ist relativ kurz – handelt es sich doch um eine Kurzgeschichte aus seiner 34 Essays und Kurzgeschichten umfassenden Sammlung The Sketch Book of Geoffrey Crayon Gent – bietet aber inhaltlich sehr viel Raum für Interpretation und das macht den Stoff für Film und Theater so spannend. Washington Iving gilt als der erste amerikanische Autor, der internationale Bekanntheit und Anerkennung erlangte.
„Die Legende von Sleepy Hollow“ erzählt von Ichabod Crane, einem abergläubischen Wanderschulmeister, der in das schläfrige Tal entsendet wird. Er beginnt um die Hand der wohlhabenden Katrina van Tassel zu werben, konkurriert aber dabei mit dem rauen Einheimischen, Brom Bones und macht Bekanntschaft mit dem Kopflosen Reiter von Sleepy Hollow.

Philipp Löhle hält sich auf humoristische Weise ans Original, zeigt aber auch, dass Die Legende von Sleepy Hollow aus gutem Grund nicht nur zu den Gründungslegenden der Vereinigten Staaten von Amerika zählt, sondern mehr mit der aktuellen politischen Situation der USA zu tun hat, als man glaubt. In der Schweizer Uraufführung entspinnt sich aus der Zusammenarbeit von Barbara-David Brüesch und dem Dramaturgen Martin Bieri ein atmosphärisches Horror-Schauspiel-Musical, das zum Nachdenken anregt, ohne Moralapostel zu spielen, aber auch grandios unterhält. 

©Jos Schmid – Konzert und Theater St. Gallen

Die Geister der Vergangenheit

Die Inszenierung in St. Gallen beginnt einige Jahre vor der eigentlichen Geschichte um Sleepy Hollow, zur Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Im Prolog begibt sich ein Feldkoch in hessischer Uniform zu einer provisorischen Feuerstelle zwischen riesigen Steinen und beginnt eine Suppe zu kochen, während wir Zeuge der Schlacht um Red Bank im Jahr 1777, wo hessische Söldner für die britische Krone gegen die sich auflehnenden nordamerikanischen Kolonien kämpfen. Passenderweise erklingt Händels festliche, aber dennoch schwere und irgendwie hoffnungslose Sarabande (die Sarabande war ursprünglich ein Sklaventanz, bevor er im Barock „domestiziert“ wurde), die zusammen mit den Zeitlupe-Kampfszenen vor dem roten Himmel eine verstörende und zerstörerische Schönheit bildet. Das eindrückliche Bühnenkonzept reicht übrigens bis zu den Sitzen der ersten Reihe. Man ist gefühlt mittendrin, statt nur dabei.
Neben der banalen Problemen des Kochs, der für eine Truppe kocht, deren Grösse täglich ändert, lernt das Publikum auch den Hessischen Söldner Hessi James kennen, der sich im breitestem Fake-Hessisch kluge Gedanken macht und den Sinn ihres Kampfs anzweifelt.

…Die Amis selber haue aber die Leud, die hier schon vorher warn, damit se denne die Äcker wegnemme könne und e eischenes Land erfinde, was ned Britanien ist. Wemmas jetzt mal überlescht: Müsste mir ned eischentlisch zu denne halde?

Ob Schicksal oder simples Pech, Hessi James verliert seinen klugen Kopf auf dem Schlachtfeld und wird ohne ihn begraben. Die Soldaten diskutieren über mögliche Folgen einer solchen unvollständigen Bestattung, ohne zu wissen, was Jahre später in Sleepy Hollow passieren wird.

©leslynch.ch – Manuel Herwig

Die Dekadenz der Dummheit

Wenn eine Gesellschaft komplett abgeschottet ist, bilden sich neue Strukturen. Die Person, die sich am besten Gehör verschaffen kann, wird zum Führer, egal ob sie am meisten weiss, oder einfach nur am meisten zu sagen hat und den anderen das Gefühl geben kann, eine Art von Schutz vor einer schwelenden Gefahr zu bieten. Das beste Bespiel für den Erfolg dieses Systems ist die aktuelle politische Lage in Amerika.

In Sleepy Hollow, einem verzaubert wirkenden Dorf, das in ewigen Nebel gehüllt zu sein scheint und in dem eine historische Western-Ästhetik, die sich in Kostüm und Bühnenbild wiederspiegelt, an der Tagesordnung ist, ist es die Familie van Tassel, die das Sagen hat, allen voran Lady van Tassel (Pascale Pfeuti), die nicht nur das Wetter macht sondern auch bestimmt, welcher Wochentag ist, während die übrigen Dorfbewohner in völliger Ahnugslosigkeit versinken. Ebenfalls zufrieden sind sie mit der nicht ganz fairen Grundbesitzaufteilung, bei der die Familie van Tassel eindeutig am meisten begünstigt wird. Überhaupt folgt hier alles anderen Regeln, was auch Ichabod Crane (hier dürfen wir nach The Rocky Horror Show erneut Yascha Finn Nolting in der Hauptrolle bewundern),  der nach Sleepy Hollow kommt, um die Arbeit seines verschollenen Vorgängers, Rip van Winkle, fort zu setzen und den Kindern des Dorfes die entsprechende Ausbildung angedeihen zu lassen, am eigenen Leib erfährt. So wird er, direkt von einer aufwändig inszenierten Splatter-Show empfangen, die ihn bestenfalls in die Flucht schlagen soll, doch Ichabod – ganz Realist – glaubt, dass sich alles logisch erklären lässt und bleibt. Doch der Unterricht gestaltet sich schwerer, als gedacht, da auch die Jugendlichen, wie ihre Eltern immun gegen Wissen zu sein scheinen. So ist für sie die Erde flach und 2+2=5, egal welche Argumente der Lehrer anbringt. Im Gegenteil, ihre Einwände und die ständigen Wiederholungen seiner Thesen gepaart mit den anderen merkwürdigen Geschehnissen treiben Ichabod langsam, aber sicher in den Wahnsinn und tatsächlich scheinen seine auf Naturgesetzen beruhenden Erklärungen plötzlich auch wenig Sinn zu ergeben. „Unsichtbares Wasser, das in den Himmel steigt“, klingt auch nicht logischer, als dass Lady van Tassel für das Wetter zuständig ist. Gaslightning der Extraklasse.

©Jos Schmid – Konzert und Theater St. Gallen

Auch wenn wir uns als aufgeklärte Menschen zwangsläufig eher mit Ichabod Crane als den abergläubischen und offensichtlich zurückgebliebenen, von Inzucht geschädigten Dorfbewohner identifizieren, stellt sich die Frage, warum er sich ungefragt in dieses an und für sich gut funktionierende System drängen muss. Die Vergleiche zu christlichen Missionaren, die die Zwangsaufklärung der indigenen Völker oder anderen Ureinwohner als gut und wichtig erachteten, lässt sich nicht von der Hand weisen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Ichabods nicht ganz platonisches Interesse an Katrina van Tassel, das sich in Träumen und seiner Werbung zeigt. So vermischt sich sein Wunsch, das ungebildete, hübsche Mädchen zu „bekehren“ und dazu belehren (Überlegenheit, Machtgefühl) mit der für einen mittellosen Wanderlehrer durchaus erstrebenswerten Aussicht auf Heimat und Besitz. Doch die Rechnung hat dieser ohne den Wirt gemacht und Katrina gibt dem selbstbewussten Wanderlehrer nach einer durchaus romantischen Sequenz einen harten Korb, was einen sehr mitfühlen lässt.

Doch nur mal angenommen, die Dorfbewohner wären im Recht? Was, wenn sie einen guten Grund hätten, dumm zu bleiben? Was wäre, wenn der Kopflose Reiter aka Hessi James, wirklich sein Unwesen treibt und einen klugen Kopf als Ersatz für seinen eigenen suchen würde? Und was, wenn nur Dummheit dir Dorfbewohner schützen würde? Würdest du der Intelligenz Willen deinen Kopf riskieren oder lieber in diesem System existieren? Fakt ist, wenn man nicht einmal mehr für möglich hält, was andere glauben, dann kann es gefährlich werden.

©Jos Schmid – Konzert und Theater St. Gallen

Yascha Finn Nolting in Bestform

Mit ein Grund, warum.wir dieses Stück wirklich gerne sehen wollten, war Yascha Finn Nolting in der Rolle des Ichabod Crane. Nach seiner grandiosen Verkörperung des Dr. Frank n‘ Furter in The Rocky Horror Show waren wir sehr gespannt darauf, ihn in einer anderen Rolle zu erleben, da sein Spiel perfekt zum modernen, innovativen Stil von Konzert und Theater St. Gallen passt. So verleiht er auch dieser Rolle, die eine sehr dunkle Entwicklung bis hin zum Wahnsinn durchmacht, eine geradezu lyrische Authentizität und Unschuld, selbst, als deutlich wird, dass er doch zu sehr Mensch ist, um nur sympathisch zu erscheinen. Mit seiner einschmeichelnden Stimme, seiner ausdrucksstarken Mimik und Gestik, die von Maske und Kostüm unterstrichen wird und dem fast schon stuntman-würdigen Körpereinsatz (er fällt schon mal der 1. Reihe vor die Füsse), ist Yascha Finn Nolting eine echt beeindruckende Erscheinung und ein Darsteller, den man nicht so schnell vergisst.

Ebenfalls beeindruckt waren wir von Pascale Pfeuti, die wir als festes Ensemblemitglied, schon zum 3. Mal auf der Bühne bewundern durften. Trotz ihrer zarten Statur besitzt die wandelbar Schauspielerin eine Bühnenpräsenz, die ihresgleichen sucht. Sowohl als mächtige Lady van Tassel als auch als ihre eigene vorlaute und aufreizende Tochter Katrina verzaubert sie nicht nur Brom Bones, der von Jonathan Fiebig (sehr komödiantisch stark auch als Kutscher und Hessi James) eine starke und gewalttätige Energie erhält, die in beeindruckenden Kampfszenen ein Ventil finden, sondern das ganze Publikum und verströmt gruselige Puppen-Vibes, wobei sie auch tänzerisch und gesanglich Glanzpunkte setzt.

Doch auch in dieser St. Galler Inszenierung ist jede Figur so liebevoll und detailreich ausgearbeitet, dass man sich problemlos jeder Charaktere in einem separaten Abschnitt widmen könnte, was der Geschichte viel Lebendigkeit verleiht. So kriegten wir z.B. jedes Mal Gänsehaut, wenn Balt van Tassel aka Marcus Schäfer gedankenverloren seinen langen, grauen Bart streichelte.

©leslynch.ch – Konzert und Theater St.Gallen

Ein Bühnenbild, das verzaubert und ein Sound Design, das den Verstand kostet

Konzert und Theater St.Gallen hat sich ganz offensichtlich zum Auftrag gemacht, nicht nur Ichabod Crane in den Wahnsinn zu treiben, sondern gleich das ganze Publikum. Hierfür nutzt es visuelle Mittel wie Licht, Farben, Formen und Nebel, aber auch eine grosse Spannbreite an akustischen Möglichkeiten, wobei uns letzteres fast noch mehr beeindruckte. Aber nur das Zusammenwirken aller Bereiche, kann diesen erstaunlichen Effekt erzeugen.
Es ist absolut grossartig und für uns als bekennende Horrorfilm-Fans erstaunlich, wie die düstere, bedrückende Atmosphäre des Dorfes direkt von Beginn an erlebbar gemacht wird. Historisch gekleidete Frauen, die aus dem dunklen Nebel auftauchen und darin verschwinden, begleitet von atmosphärischen Harmonien, die für Gänsehaut sorgen. Besonders angetan haben es uns die Aussen-Szenen, da mit Licht und Nebel optisch eine unglaubliche Tiefe erzeugt wird, die beinahe eine Sogwirkung hat, was die Schlussszene des 1. Aktes besonders deutlich zu spüren ist, als Ichabod quasi von Sleepy Hollow absorbiert wird, nachdem der Tod seines Vogels, der wie ein letztes Bindeglied zur Aussenwelt fungierte, umgebracht oder fast schon geopfert wurde.

Auch der Beginn des 2. Aktes überrascht mit einem starken Bühnenbild, in dessen Zentrum der krumm gewachsene „Totenbaum“ (in St. Gallen wird er „Tulpenbaum“ genannt – ev. weil dies eine Baumsorte ist, die in der Gegend um Sleepy Hollow vorkommt) der auch in Tim Burtons Film bereits eine unheilschwangere Stimmung verbreitete. Direkt nach der Pause trumpft die Inszenierung mit einer der unheimlichsten Szenen auf, in der Lady van Tassel, Hans van Ripper, Ickebin Niemand, Reverend Steenwyk und Balt van Tassel, also alle wichtigen Erwachsenen von Sleepy Holllow, mit einer Kinderversion ihrer selbst an der Hand auftauchen und diese zum Baum führen, unter dessen mächtigen Wurzeln sie verschwinden. Ein grosses, bedeutungsschwangeres Bild, das verschiedene Interpretationsmöglichkeiten offen lässt. Ist es die kindliche Unschuld, die sie der Sache opferten? Oder – unsere Lieblings-Version – ist es der sinnbildliche Wissensstand, der seit dem Kindesalter bewusst nicht mehr gefördert wurde, um in Dummheit sicher zu sein? Die kleinen Doppelgänger (alles sehr talentierte Kinderstatisten des Theaters St. Gallen) bewegen ihre Lippen nämlich zu den Dialogen ihrer älteren Ichs. Solche Bilder sind es, die uns immer wieder mit Freuden, Inszenierungen von Konzert und Theater St. Gallen besuchen lassen.

©Jos Schmid – Konzert und Theater St. Gallen

Besonders eindrücklich ist auch der riesige Mond im Hintergrund, der vom Leermond zum Vollmond heranwächst und wieder abnimmt und oft wie eine Kuppel wirkt, die Sleepy Hollow vom Rest der Welt abgrenzt. Gleichzeitig wirkt er wie ein plakativer Beweis für den Irrglauben der Dorfbewohner und somit auch ein Symbol für das Wissen von Ichabod Crane. Zudem verstärkt er die starke Mystik, die diesem Stück innewohnt und durch akustische Mittel verstärkt wird, die neben der Bildgewalt einen ebenbürtig Platz einnehmen.

Hinzu kommen diverse Special Effects von spritzendem Blut und Körperteilen (oft mit unangenehmen Schmatzgeräuschen untermalt) über eine fliegende Lady van Tassel, aber auch Jump Scares, wie aufspringende Türen, herunterfallende Matrazen oder unterschwellig unheimliche Effekte, wie unter der Bühne rumkrabbelnde Darsteller. Alles zusammen erweckt das Gefühl, nirgends sicher zu sein.

Ausser den verschiedenen Songs, die entweder selbst komponiert wurden, oder auch Covers von Nick Cave, Devine Comedy, Green Day oder anderen modernen Interpreten (durch diese gewollt modernen Songs sollte eine weitere Brücke zur Moderne geschaffen werden) sind, bei denen die Texte teilweise angepasst wurden und oft in einer verwirrenden Mischung aus Englisch und Deutsch gesungen werden, aber gerade deshalb eine seltsam verwirrende Wirkung erzeugen, spielt nämlich auch die Geräuschkulisse eine nicht zu unterschätzende Rolle. Summen, Atmen, Flüstern, Nachtgeräusche, teilweise glaubt man fast bestimmte Frequenzen zu hören, sie zur Meditation genutzt werden können, so hypnotisierend wirkt dieses Gemisch, das den Saal beinahe vibrieren lässt. Dazu immer wieder die hohen, unheimlichen Sopranstimmen, die fast nicht mehr menschlich wirken. Alleine das Sound-Design ist ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht. In Kombination mit dem verstörenden Singsang der jugendlichen Dorfbewohner, die oft unisono oder versetzt sprechen, wähnt man sich oft in einem seltsamen Film, z.B. auf der Teeparty des verrückten Hutmachers aus Alice im Wunderland.

©Jos Schmid – Konzert und Theater St. Gallen

Mit Humor und Publikumsnähe den Grusel verstärken

Was bei diesem Stück gerne hervor gehoben wird, ist der Humor, der viel Platz einnimmt, für manche zu viel. Gleich zu Beginn sorgen die Dialoge in Fake-Hessisch für Gelächter im Publikum. Aber auch die Horror-Show bei Ichabods Ankunft verströmt mehr Humor als Horror. Und ja, eigentlich lädt das ganze Stück durch seine überzeichneten, seltsamen Charaktere, die witzigen Dialoge und grotesken Tänze zum Lachen ein, solange sie auf Abstand bleiben. Doch genau dies macht es dann auch so unheimlich, ein unterschwelliger Grusel, wie man ihn beim Betrachten eines Clowns empfindet. Eigentlich wirken alle Figuren auf ihre Weise unheimlich, weshalb es auch nicht unbedingt besser wird, wenn sich Ichabod ans Publikum wendet, das er in seinem Traum plötzlich bemerkt. Wo sich bisher das Publikum in Sicherheit gewägt hat, wird diese schützende 4. Wand auf einmal herunter gerissen und der Grusel darf sich unaufhaltsam im Zuschauerraum ausbreiten. Allerdings gibt es auch Szenen, die durch ihren sowohl optisch, als auch alustisch rituellen Charakter so gar nicht mehr komisch, sondern wirklich bedrohlich wirken und auch die Ku-Klux-Klan-anmutenden, weissen Kapuzengewänder, die nie etwas Gutes verheissen, verstärken den Eindruck langsam in einen Albtraum zu gleiten.

Überhaupt nimmt die Traumthematik viel Raum ein. So trifft Ichabod Crane die lolitahafte Katrina van Tassel im Traum, bevor er ihr zum 1. Mal im Klassenzimmer begegnet. Und da dieser Traum auf groteske Weise erotische Züge trägt, kriegt man von Beginn an das Gefühl, dass an diesem Ort so einiges im Argen ist. Im Verlauf des Stücks gibt es mehrere Traumsequenzen, bei denen nicht immer klar ist, ob es sich wirklich um einen Traum handelt. Oder ist alles ein böser Traum? Aussagen, wie, dass Ichabod seit seiner Ankunft noch nie gegessen habe, deuten darauf hin sowie die gesamte traumgleiche Atmosphäre. Und auch die mit eingeflochtene Geschichte von Rip van Winkle, der eigentlich Protagonist einer weiteren Kurzgeschichte Irwings ist, und in einen 20 Jahre dauernden Schlaf fällt, um danach in einer neuen Welt zu erwachen, zielt auf diese Thematik ab. Auf jeden Fall scheint nichts wirklich so zu sein, wie es scheint. Sogar die offenkundige Dummheit der Dorfbewohner darf angezweifelt werden…

©Jos Schmid – Konzert und Theater St. Gallen

Fazit – Wer sich auf dieses Stück einlässt…

…wird am eigenen Leib erfahren, was richtig gutes Theater bewirken kann. Wir waren an diesem Tag wohl in der perfekt offenen Stimmung, da wir bereits in der Pause komplett verstört, überwältigt und eingelullt waren und mit Augen so gross wie Untertassen den Zuschauerraum verliessen, um uns danach voller Vorfreude dem 2. Akt hinzugeben.

Die Legende von Sleepy Hollow bei Konzert und Theater St. Gallen ist ein echtes Meisterwerk und muss einfach erlebt werden.

Deshalb unbedingt diese Chance nutzen und Tickets für eine der verbleibenden Vorstellungen buchen: https://www.konzertundtheater.ch/programm/a-z/sleepy-hollow/

Cast & Creatives

Cast
Ichabod Crane: Yascha Finn Nolting
Lady van Tassel/Katrina van Tassel/Soldad Horscht: Pascale Pfeuti
Hans van Ripper/Maitje van Ripper/Soldad: Anja Tobler
Ickebin Niemand/Offizier: Nicolas Rosat
Reverend Steenwyk/Benjamin Steenwyk/Feldkoch Heinz: Manuel Herwig
Balt van Tassel/Soldad Günter: Marcus Schäfer
Brom Bones/Kutscher/Hessi James: Jonathan Fiebig
Kleiner Hans van Ripper: Niva Müller/Taylor Bradley Götz
Soldad Schmiddel: Jacob Hagemeyer
Eine Passagierin: Lia Bayon Porter
Double Lady van Tassel: Nicole Wieczorek
Kleiner Reverend Steenwyk: Sophia Bischofberger/Maude Hagmann/Nora Dehos
Kleiner Ickebin Niemand: Elias Pecaj/Eva Rosenblum/Jurij Bösch
Kleiner Balt van Tassel: Lilla Kovács/Maude Hagmann
Twins: Sophia Bischofberger/Niva Müller/Maude Hagmann/Nora Dehos
Damenchor des Theaters St. Gallen
Statisterie: Kinderstatisterie des Theaters St.Gallen

Creatives
Inszenierung: Barbara-David Brüesch
Bühne: Alex Gahr
Kostüm: Sabine Blickenstorfer
Choreografie: Javier Rodríguez Cobos
Licht: Andreas Volk
Dramaturgie: Martin Bieri
Choreinstudierung: Filip Paluchowski
Kleine Lady van Tassel: Aria Pecaj/Alicia Härter
Komposition und musikalische Leitung: Friederike Bernhardt
Live Musik: Damian Dalla Torre/Friederike Bernhardt/Felix Römer
Sounddesign: Nicolai Gütter-Graf/Felix Römer/Damian Dalla Torre
Regieassistenz: Nicole Wieczorek
Inspizienz: Edith Ronacher


Ein herzliches Dankeschön an Konzert und Theater St. Gallen für die Möglichkeit, dieses überwältigende Stück zu sehen, zu rezensieren und in die groteske, aber unglaublich verführerische Welt von Sleepy Hollow einzutauchen.


©leslynch.ch – Konzert und Theater St. Gallen
©Jos Schmid – Konzert und Theater St. Gallen
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©leslynch.ch – Yascha Finn Nolting
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©leslynch.ch – Filip Paluchowski
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©leslynch.ch – Nicole Wieczorek
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