Vom 10. November bis 13. Dezember 2025 zeigen die Kammerspiele Seeb erneut die Gewinnerproduktion des 46. Prix Walo in der Sparte Bühnenstück. In Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde, wird das Oberhaupt der katholischen Kirche, kaum da es in Kloten gelandet ist, von einem jüdischen Taxifahrer entführt und in dessen Speisekammer gesperrt. Zwischen Papst Albert IV und der gesamten Familie Leibowitz entwickelt sich eine Freundschaft, die keine Trennung durch Religionen kennt.
Walter Andreas Müller gestand in einem Interview, dass er den legendären Volksschauspieler Heinrich Gretler in der Saison 1973-74 in der Rolle des gekidnappten Pontifex auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses sah und sich damals wünschte, diese Rolle auch einmal zu spielen. Mittlerweile sind 52 Jahre vergangen seit Gretler 76-jährig als Papst auf der Bühne stand. Damals war WAM noch keine 30 Jahre alt – nun schlüpft er mit 80 Jahren in Bachenbülach bereits zum zweiten Mal in die weisse Sutane von Papst Albert IV. Wir waren am 14.11.2025 bei den Kammerspielen Seeb und waren ein weiteres Mal völlig begeistert von der Qualität dieses Theaters. Kein Wunder, dass sämtliche Vorstellungen samt Zusatzvorstellung bereits kurz nach Verkaufsstart ausverkauft waren
Frieden ist der Weg
Gelegenheit macht Diebe. Samuel Leibowitz, ein etwas verschrobener jüdischer Taxifahrer, nutzt die Gunst der Stunde: Anstatt den amtierenden Papst ins Hotel zu fahren, nimmt er ihn mit vorgehaltener Pistole als Geisel mit nach Hause und sperrt ihn in seine koschere Speisekammer.
Ich habe nicht die geringste Absicht zu schreien.
Papst Albert IV.
Für seine Familie ist dies nichts Ungewöhnliches – sie hat sich im Laufe der Jahre an seine skurrilen Einfälle gewöhnt.
Nicht für Geld hat Samuel den Pontifex entführt, obwohl die Familie Leibowitz gut einen Zustupf gebrauchen könnte. Nein, Samuel will einen «Weltfriedenstag» erzwingen, an dem kein Blut fliessen darf. Papst Albert IV. unterstützt diese Idee, und so verwandelt sich die Geiselhaft in eine Art Auszeit für den Stellvertreter Christi auf Erden. Zwischen ihm und der jüdischen Familie Leibowitz entsteht eine herzliche Beziehung.

Getrübt wird die Stimmung unter anderem durch die regelmässigen Besuche von Rabbi Meyer, der seiner Position als geistliches Oberhaupt der jüdischen Gemeinde allzu sicher ist. Zudem befürchtet Samuel, dass Rabbi Meyer sie an die Polizei verraten könnte – die Synagoge braucht dringend Geld für eine neue Küche –, was den ganzen Weltfriedenstag zunichte machen würde.
Dass Rabbi Meyer hier den Judas spielt, wird spätestens dann klar, als die Polizei samt Militär das Haus der Familie Leibowitz umstellt.
Ich ha mich scho immer gfrogt, wie de Judas sich gefühlt het.
Rabbi Meyer
Öppe so wie du jetzt.
Samuel Leibowitz
Zum Glück hat Samuel den ganzen Garten bereits vermint – der ehemalige Sprengmeister geht zum grossen Leid seiner Frau Sara mit Dynamit gegen Ameisen vor. Doch auch Papst Albert IV. erhält Gegenwind, in Form des österreichischen Kardinals Luis Wörgler, der den Papst wie ein Kleinkind bevormundet und ihn am liebsten seines Amtes enthoben sähe.
Bevor der Weltfriedenstag von der UNO genehmigt wird, kommt es im „vermienten“ Garten der Leibowitz‘ zu einem Kleinkrieg. Als der Papst schliesslich abreist, zeigt er auf eine berührende Weise, dass er für immer eng mit der Familie Leibowitz aus Albisriet verbunden bleiben wird.
Ein Segen für die Bühne: das Ensemble
Hätten wir die Aufgabe gehabt, einen Künstler für die Rolle des Papstes zu wählen, wäre auch unsere Wahl ohne jede Frage auf WAM gefallen – diesmal und auch in den Inszenierungen davor. Zwar kann ein guter Darsteller in jede Rolle schlüpfen, doch schenkt WAM seinem Papst Albert IV ein würdevolles Leuchten, das tatsächlich etwas Heiliges an sich hat – etwas sehr seltenes. In den letzten Jahren hatten wir das Glück einige Stücke mit WAM sehen und rezensieren zu dürfen (nicht zu vergessen sein Pfarrer Bischoff in der Mundart-Inszenierung Sister Äct) und er war immer grossartig, doch noch spannender war es für uns, ihn danach auf den Premierenfeiern beobachten zu dürfen. Er sticht aus der Menge heraus – freundlich, offen, interessiert, energetisch, einnehmend. Ein Mensch, der einiges erlebt hat und davon nicht hart geworden ist, sondern mitfühlend. Und genau so stellen wir uns einen Pfarrer, Priester, oder eben Papst im besten Fall vor.

Es gibt in diesem wunderbaren Stück so viele Szenen, die zwar leise sind, aber dafür WAMs Darstellung des Pontifex umso wahrhafter machen. Auch den italienischen Dialekt, mit dem er sein Hochdeutsch versieht, rundet sein glaubhaftes Spiel stimmig ab. Ein Spiel, das so echt ist, dass man beinahe vergisst, ein Theaterstück zu sehen. Von der anfänglichen Unsicherheit beim Betreten der ihm fremden Wohnung, über die keimende Neugier beim Verlassen der Speisekammer mit anschliessendem offiziellen Zusammentreffen mit den anderen Familienmitgliedern, der sofortigen Sympathie zur herzlichen Sara, seiner natürlichen Erschöpfung, die ihn noch am Esstisch einschlafen lässt, bis zu seinem Geniessen der kleinen Auszeit, wo er einfach wieder Angelo, der Sohn einer italienischen Bauernfamilie sein darf, der mit seiner neuen Freundin Sara in deren Garten arbeitet, das Schachspiel mit Rabbi Meyer geniesst und Samy tatkräftig bei der explosiven Verteidigung des „Weltfriedenstages“ unterstützt.
Versuchen Sie einfach zu vergeben, dass ich so verschieden von Ihnen bin.
Papst Albert IV. zu Kardinal

Kardinal Luis Wörgler, welcher sinnbildlich für die abgehobene Abschottung gegenüber der Welt und überheblichen Starre der katholischen Kirche als Institution steht und erst im 2. Akt auftritt – dies aber mit richtig viel unangenehmer Intensität – wird von Philipp Malbec verkörpert, der seit Achtsam Morden unser Lieblings-Bühnen-Bösewicht ist. Sein Kardinal spricht nicht nur mit Österreichischem Akzent (grossartig!), was ihm von Anfang an eine gewisse Arroganz und Distanz verleiht, nein, er blickt von seinen gefühlten zwei Metern auf alles und jeden herab. Stocksteif, unbewegtes, gefühlsneutrales Gesicht – er wirkt wie die personifizierten Vorurteile, die man der katholischen Kirche gegenüber hat: weltfremd, arrogant, rückständig, gnadenlos und dominant. Böse Zunge unken, dass im Vatikan in Wahrheit die Kardinäle die Strippen ziehen und den jeweiligen Papst wie eine Marionette steuern – passt. Optisch wirk Kardinal Wörgler durch seine unheimlich akkurate Alltagssoutane in Schwarz mit roten Knöpfen und rotem Gurt noch düsterer. WAMs Papst wirkt neben ihm in der weissen Soutane umso sanfter und wahrhafter. Ein grandioses Paar mit spürbarer Spannung.

Samuel „Samy“ Leibowitz erscheint im ersten Moment wie ein gewöhnlicher, leicht seltsamer Mensch, der den Papst entweder aus religiösen, oder wirtschaftlichen Gründen entführt. Im Laufe des Stückes wird die Vielschichtigkeit, Sensibilität und auch Verzweiflung dieses Familienvaters sichtbar. Mit Samy Leibowitz durften wir Reto Mosimann in einer besonders vielschichtigen Rolle erleben und dank seinem nuanciertem Spiel wird aus dem Kidnapper eine greifbare Person. Reto Mosimanns Samy ist ein vom Leben und dem Glauben enttäuschter Mensch. Einst Sprengmeister im Militär hat er nach dem Tod seines ältesten Sohnes die militärische Karriere an den Nagel gehängt. Das Militär – der Krieg – hat ihm Kind und Beruf auf einmal genommen. Der eigenwillige Familienvater fährt Taxi, um die Familie so gut es geht zu ernähren. Wir können nur erahnen, was ihm durch den Kopf gegangen sein musss, als der Papst zu ihm ins Auto gestiegen ist.
Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie können den Revolver wegstecken.
Papst Albert IV.
Er isch eh nid glade.
Samuel Leibowitz
Es ist berührend, mit was für einer beinahe kindlichen Aufgeregtheit, er seiner Frau zeigen möchte, wer da bei ihnen in der Speisekammer ist. Wie er zunächst so tut als wäre nichts, er die Zeitung liest als sie nach Hause kommt und für sie“Bei mir bistu shein“ ( jiddisch : Ich finde dich hübsch ) singt. Samuel liebt seine Sara und so entscheidet sie, dass der Papst keine Geisel, sondern Gast in ihrem Hause sein soll. Immer wieder lässt Samy aber durchblicken, dass er stolz auf seine Tat ist, da diese einem höheren Zweck dient. Vor allem, als sie wiederholt die Nachrichten im Fernsehn schauen. Reto Mosimann kann seine ganze Bandbreite an darstellerischem Können zeigen: Wut, Verzweiflung, Sorge, Stolz, Erleichterung Freude. Sein Spiel ist lebendig, körperlich – beeindruckend wie er Rabbi Meyer am Schlawittchen packt und hochhebt- und dadurch sehr authentisch.

Als warm- und grossherzige Sara Leibowitz glänzt die wunderbare Katharina Bohny, welche wir zum ersten Mal auf der Bühne erleben durften. Ihre Sara ist eine patente, gläubige Frau und Mutter, die ihren Mann so liebt wie er ist und das mitsamt seiner seltsamen Ideen. Ihre beiden Kinder (Myriam – zauberhaft natürlich und unangestrengt jugendlich: Marisa Jüni und Joshi – sehr ausdrucksstark und subtil: Jeremy Müller erzieht sie liebevoll, aber streng. Katharina Bohnys verleiht ihrer Darstellung der Sara eine wunderschöne Tiefe. Bodenständig und resolut im Umgang.mit ihrem Mann, wird sie in Gegenwart von Papst Albert IV. ganz schüchtern und sanft. Diese Schlichtheit dieses heiligen Mannes berührt sie. Er hört ihr unvoreingenommen zu, obwohl sie die Frau seines Entführers ist. Sie weiss nicht wie sie reagieren soll, als der Papst sie bittet, ihn bei seinem weltlichen Vornamen Angelo anzureden. In vertrauten Gesprächen erkennt sie die schöne Seele dieses bescheidenen Menschen, der sich nicht über seinen kirchlichen Titel definiert.
Das chan ich doch nid, das tönt überhaupt nid respektvoll.
Sara Leibowitz
Es klingt genau so respektvoll wie Sara.
Papst Albert IV.
Katharina Bohnys Sara vereint die sanfte Melancholie, die man historisch bedingt mit dem Judentum verbindet mit einer wundervollen Gastfreundschaft, Geduld und Stärke.

Eine weitere Entdeckung für uns war Marco Canadea in der Rolle des herrlich aufdringlichen Rabbi Meyer. Vom ersten fröhlichen „Shalom aleichem!“ zählen seine Auftritte zu den Highlights und versprüht eine ansteckende Leichtigkeit und Neugier, die begeistert. Natürlich erscheint es auf den ersten Blick schon sehr übergriffig, wenn er sich einfach nicht abwimmeln lässt, sich gar selbst auf ein Bier einlädt, um dann wie selbstverständlich in die Töpfe und Schränke zu schauen. Dies kommt offenbar regelmässig vor, denn Sara versteckt jedesmal das frische Brot, wenn es wieder so weit ist. Obwohl er als Rabbi ebenfalls ein Mann Gottes ist, ist er bereit, den Weltfriedenstag zu opfern, wenn ihm das genug Geld für eine neue Küche in der Synagoge einbringt.
Sit wenn redt en Metzger im Schlof Latiin?
Rabbi Meyer
Es wäre sehr spannend gewesen, einen anderen Darsteller zum Vergleich in derselben Rolle zu sehen, denn Marco Canadeas Bühnenpräsenz in dieser Rolle ist so ausserordentlich, dass nicht auszumachen ist, was einstudiert ist und was er von seiner vibrierenden Persönlichkeit in die Rolle miteinbringt.
Ausstattung und Musik vom Feinsten
Auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen, müssen wir dennoch bemerken, dass die Bühnenbilder der Kammerspiele Seeb für uns zu den schönsten zählen. Auch dieses Mal ist es dem Kreativteam gelungen eine mehrdimensionale Szenerie zu gestalten, die die perfekte Balance zwischen Detailverliebtheit und Raum für Fantasie lässt. Während die Wohnung der Familie Leibowitz wie in einem grossen Puppenhaus mit Küchenzeile, Esstisch, begehbarer Speisekammer, Ohrensessel und kleinem Fernseher wundervoll möbliert ist – das Alltagstischtuch ist sogar ein wenig verschlissen -, sehen wir weder den verminten Garten noch die ganze Armee. Diese „Schlacht“ erlebt das Publikum zwar einseitig denn wir sehen nur den Wahnsinnsstress von Vater und Sohn Leibowitz, aber dank geschickter Einspielungen des Polizisten Wanner und effektvollen Explosionen, formt sich das Bild vor dem inneren Auge und ist richtig aufregend. Verstärkt wird die Situation wie bereits erwähnt durch die Zweiteilung der Szene. Während die Männer auf der oberen Etage das Dynamit zünden, bereiten die Frauen mit Rabbi Meyer den Shabbat vor.

Sehr nervenaufreibend und eindrücklich inszeniert und spannungstechnisch kaum zu überbieten. Interessant ist auch, dass bei Familie Leibowitz an der Wand eine Kopie von Marc Chagalls Bild: ich und das Dorf hängt, welches die harmonische und idyllische Erinnerung an dessen Heimatstadt Witebsk darstellt, wo Mensch und Tier im Einklang leben, während Samuel im übertragenen Sinn mit Kanonen auf Spatzen schiesst, in dem er Dynamit gegen Ameisen einsetzt. Eine völlig unverhältnismässige Vorgehensweise wie es sie überall auf der Welt gibt. Für Frieden kämpfen zu müssen, ist schon ein Wiederspruch in sich.
Auch die Musik von Jessy Bäsecke mit diesem typisch jüdischen Klarinettenklang ist perfekt gewählt. Wir lieben, dass bei den Kammerspielen Seeb die Musik immer zum jeweiligen Stück komponiert wird.
Was die Kostüme anbelangt, waren wir ebenfalls begeistert. Gerade die Kleidung der Religionsvertreter ist unheimlich gut nachempfunden, ohne je klischeehaft zu wirken. Sogar an den Dreck an den Stiefeln von Papst Albert wurde gedacht, solche Details sind Gold wert.

Fazit
Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde, ist eines jener Stücke, über die wir lange nachdenken, da es so viel beinhaltet. Es ist ein Stück, das durch all diese vielen Feinheiten lebt und wirkt und von einem wahrlich grossartigen Ensemble getragen wird. Was Urs Blaser in seinen 50 Jahren des Wirkens auf die Beine gestellt hat, ist bewundernswert. Bravo! Eine Erfolgsgeschichte, die ab 2026 von seinem Nachfolger Simon Keller weitergeschrieben wird.
Da alle kommenden Vorstellungen restlos ausverkauft sind, hier der Link zu den Kammerspielen Seeb allgemein, um weitere wunderbare Stücke zu entdecken: https://www.kammerspiele.ch/stuecke
CAST & CREATIVES
Darsteller:innen
Papst Albert IV. : Walter Andreas Müller
Samuel Leibowitz: Reto Mosimann
Sara Leibowitz: Katharina Bohny
Rabbi Meyer: Marco Canadea
Joshi Leibowitz: Jeremy Müller
Myriam Leibowitz: Marisa Jüni
Kardinal: Philipp Malbec
Kreativteam
Regie: Urs Blaser
Regie-Assistenz: Tanja Hoppler
Ausstattung: Harry Behlau
Bühnenbau: Stefan Betschart / Stefan Jaeggi
Technische Gesamtleitung: Stefan Jaeggi
Bühnentechnik: Thomas Gräser
Komposition: Jessy Bäsecke
Sounddesign: This Ganz
Szenenfotos: Michael Schroer
Mundartfassung: Andreas Fischer
Ein herzliches Dankeschön an die Kammerspiele Seeb für die Möglichkeit, dieses Stück im zeeiten Anlauf trotz der riesigen Nachfrage sehen und rezensieren zu dürfen. Wir haben es geliebt!































