Was bedeutet Spitex? Spitex bedeutet Spital externe Hilfe, Gesundheits- und Krankenpflege, das heisst Hilfe, Pflege und Beratung ausserhalb des Spitals oder Heims, bei Ihnen zu Hause. Eine anspruchsvolle Arbeit und das nicht nur körperlich. Aber wie wäre es, wenn zwei Pflegerinnen plötzlich unerwartet in einen Kriminalfall geraten, wie es in der Krimikomödie 2 Engel für Harry der Fall ist. Seit dem 19.06.2024 laufen Hanna Scheuring und Wanda Wylowa im Bernhard Theater in Zürich erneut zu Höchstform auf und beweisen, dass Humor und Clownerie nicht nur den Herren der Schöpfung vorbehalten ist.
One time I was drunk
And I was going to die
And somehow it took me high, highAnd nearly in the sky
Comes Petrus, asked me why
I had no card for membersHe was in uniform
An angel blew the horn
And ev′ry, ev’ry thing was high
2 Engel für Harry startet mit Heavenly Club, einem Song von Les Sauterelles, einer legendären Schweizer Beatband der 60er-Jahre rund um Toni Vescoli. Eine gute Wahl, denn selbst ohne über die Handlung des Stücks Bescheid zu wissen, lässt sie das Herz irgendwie schwer werden, als ob man bereits wüsste, dass man in den nächsten 110 Minuten mit einigen zutiefst menschlichen Schwächen und der Endlichkeit konfrontiert werden würde. Und egal wie humorvoll das Stück noch wird, Heavenly Club durchdringt die Inszenierung wie ein feiner, aber schwerer Nebel und bringt das Publikum immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Eine humorvolle Geschichte mit ernstem Hintergrund
Wir leben in einer Gesellschaft, die immer älter wird. Viele Senioren bevorzugen es, zu Hause zu bleiben, so lange es irgendwie möglich ist und greifen dabei auf Organisationen wie Spitex zurück. Oft sind diese ausgebildeten Pflegerinnen und Pfleger die einzigen Bezugspersonen, die die Seniorinnen und Senioren noch haben, da die Familie entweder kein Interesse hat oder keine vorhanden ist und der Freundeskreis langsam aber sicher wegstirbt. Aber wir Menschen sind soziale Wesen und deshalb nehmen Spitex-Mitarbeiter*innen teilweise eine wirklich grosse Rolle im Leben ihrer Klienten ein und sind bestimmt auch oft diejenigen, die den Tod ihrer Klienten feststellen, was sie selbstverständlich nicht ohne Weiteres wegstecken.
Die englische Vorlage dieses aussergewöhnlichen Stücks stammt aus der Feder von Sarah Marie Jones und hiess im Original Fly me to the moon.
Eine Handlung mitten aus dem Leben gegriffen
Fränzi und Vesna sind erfahrene Spitex-Pflegerinnen und nehmen ihren Job ernst. Weil Vesna an diesem einen Tag zu spät kommt, da sie ihrem Sohn noch die Sportsachen in die Schule bringen muss, geht Fränzi bereits vor. Dass es körperlich sehr anstrengend sein kann, einen immobilen, älteren Herren alleine zur Toilette zu bringen, ist klar. Doch, was ist, wenn genau dann ein Unfall passiert? Als Vesna endlich eintrifft, „sitzt“ Harry schon eine ganze Weile auf der Toilette, was den beiden dann auch irgendwann auffällt. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf und die beiden Pflegerinnen müssen sich auf einmal mit existenziellen Fragen auseinander setzen, die die Grenzen der Legalität sprengen und weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Was als einfache, kleine Schummelei, um den eigenen Lohn etwas aufzubessern, beginnt, wächst sich für die beiden Pflegerinnen bald zu einem Krimi aus, bis sie nur noch einen Ausweg sehen.

Von menschlichen Abgründen und unerwarteten Chancen
Das, was dieses Stück so besonders macht, ist die fast schon beängstigende Alltäglichkeit. Wenn in der normalen Welt schlimme Dinge passieren, ist es weit erschreckender, als wenn es in einer weit entfernten oder erfundenen Welt passiert. Und hier sind wir mittendrin im Leben zweier ganz normaler Frauen mit normalen Jobs und normalem Familienleben. Während Vesna nicht weiss, wie sie das Geld für einen Europapark-Ausflug ihrer Tochter aufbringen soll, obwohl ihr Mann arbeitslos ist, schlägt sich Fränzi mit dem illegalen Geschäftsmodell ihres Sohns Jason rum. Und dann wäre da ja noch der Junggesellinnenabschied von Jackie in Barcelona, an dem die beiden Damen gerne teilnehmen würden. Aber woher das Geld für die Reisekosten nehmen und nicht stehlen?
Kann man es den beiden Dame unter diesen Umständen wirklich verübeln, dass sie auf die Idee kommen, die CHF 1200.- Rente die Vesna genau an diesem Tag, wie an jedem 1. Montag im Monat von Harrys Konto abheben muss und er ja tot im Badezimmer liegt, für sich zu behalten? Und was ist mit den CHF 4000.-, die Harry genau an diesem Tag bei seiner letzten Fussball-Wette gewonnen hat? Würde Harry es nicht genau so wollen?
Wenn man sich als normaler Mensch mit normalem Gewissen auf einmal in einer Ausnahmesituation befindet, über die man sich noch nie Gedanken gemacht hat, woher weiss man, wie man richtig reagiert?

2 Engel im Bernhard Theater
Ein abendfüllendes Stück mit nur zwei Darstellern (ok, zwei Darstellern und zwei körperlosen Stimme) zu bestreiten, ist anspruchsvoll. Deshalb braucht es dafür auch zwei wirklich starke und präsente Künstlerinnen, wie es Hanna Scheuring und Wanda Wylowa sind. Vom ersten Moment an beherrschen sie die Bühne und nehmen das Publikum mit in den Alltag der beiden Spitex-Mitarbeiterinnen. Dabei erschaffen sie zwei individuelle Persönlichkeiten und Sympathieträger, mit denen sich jeder Zuschauer identifizieren kann, mitfühlt, mitlacht und mitleidet.
Als selbstbewusste Fränzi Gerber-Ormalinger, die „…nid mit Tote schafft…“ und mit so viel Liebe und Mutterstolz sogar über die kriminellen Machenschaften ihres Sohns spricht, begeistert Hanna Scheuring mit ihrer expressiven Mimik und Stimme. Dabei legt sie eine grosse Eindringlichkeit an den Tag, mit der sie ihre Kollegin mehr als ein Mal von ihren nicht ganz legalen Plänen überzeugt. Besonders glaubhaft ist sie auch in Situationen, in denen sie die Kontrolle verliert und nicht mehr weiter weiss. Der Klingelstreich ihres Sohns (hier leiht Schauspieler Gianni Pfister, der in dieser Inszenierung als Regieassistent im Einsatz ist, seine Stimme dem halbkriminellen, aber sehr geschäftstüchtigen Jason), als sie glaubt, dass die Polizei ihnen auf die Schliche gekommen ist, ist einfach nur ein unglaublicher Spass und zu 100% glaubhaft. Kein Wunder gehört sie schon seit rund 30 Jahren (gerne erinnert sich das Schweizer Publikum an leicht verpeilte, ständig verliebte Vreni Hubacher aus der ersten Schweizer Kult-Sitcom Fascht e Familie) zur A-Liga der Schweizer Schauspieler.
Ich weiss es. Du weisch es. Aber de Bund weiss es nöd und de Geldautomat weiss es nöd.

Die herzensgute Vesna, die bemüht ist, es jedem recht zu machen, hat die perfekte Darstellerin in Wanda Wylowa gefunden. Die rothaarige Powerfrau, die wir zuletzt in Traumfrau Mutter als Alison, die besorgte Übermutter eines ehemaligen Frühchens, erleben durften, zeigt sich in dieser Rolle erneut von ihrer gefühlvollen Seite und kämpft mit ihrem Gewissen. Bezeichnend ist jedoch, dass sie das Geld von Harry eigentlich nicht nehmen möchte, es aber ohne zu zögern zum Wohl ihrer Familie einsetzt. Wanda ist eine Darstellerin, mit der man sich unglaublich gut identifizieren kann, da sie auch mit sehr alltäglichen Figuren einen starken Eindruck hinterlässt. Besonders eindrücklich sind ihre inneren Kämpfe, wo man mitverfolgen kann, wie sie die Vor- und Nachteile abwägt, wie z.B. bevor sie zu Harry ins Badezimmer geht, um nachzuschauen, warum er nicht rauskommt und eventuell doch etwas passiert ist.
Harry, Schatzeli, chasch du chli Gas geh?

Das Zusammenspiel der beiden Künstlerinnen ist ein absoluter Kunstgenuss und in seiner Morbidität unglaublich unterhaltsam, da teilweise fast etwas Hysterie aufzukommen scheint, weil die Situation einerseits so grotesk und andererseits extrem realistisch erscheint.
Mir werdet bald so ende, wie de Roger Andermatt, de Pflegekiller us Luzern.
Als dritte Hauptrolle müsste man fast Harry nennen, der zwar nie zu sehen, aber dennoch während des ganzen Stücks „anwesend“ ist und durch die Details, die das Publikum über ihn und sein Leben erfährt, viel Präsenz zeigt. Wir entwickeln Mitgefühl für diesen älteren Herrn, der seinen letzten Atemzug auf ziemlich unwürdig Art und Weise tun musste, aber mit so viel Hingabe einer Erinnerung nachhängen konnte und die Menschen, die in seinen letzten Tagen, Wochen und Monaten an seiner Seite waren, zu schätzen wusste.

Bühnenbild und Buch brillieren mit Liebe zum Detail
Die Detailverliebtheit dieses Stücks ist etwas, das einem direkt auffällt, sowohl optisch, als auch die Inszenierung betreffend. Das Bühnenbild, das während des ganzen Stücks unverändert bleibt, da sich die Geschichte ja in einer einzigen kleinen Wohnung abspielt, ist sehr realistisch nachempfunden. Das Krankenbett in der Einzimmerwohnung, die sich, offensichtlich im Untergeschoss befindet, worauf die Fenster und der Lichteinfall hindeuten, der Treppenlift, der Rollstuhl und weitere Requisiten lösen beinahe etwas Beklemmung aus. Wie bereits erwähnt, das Stück hat etwas erschreckend Reales. Die Dekoelemente sind mit viel Feingefühl ausgesucht und der ganze Zustand der Wohnung deutet ganz klar auf einen älteren, alleinstehenden Menschen hin. Für das Bühnenbild muss wirklich ein riesiges Lob an Simone Baumberger ausgesprochen werden.

Aber auch die Inszenierung lässt auf viel Feingefühl schliessen. So war für uns z.B. der Teddiebär, der von Vesna geflickt wird, echt hart zu ertragen, oder auch die Tatsache, dass sie ihm einen Blumenstrauss mitbringt, was ganz klar für ihre menschliche Wärme spricht. Ja, Spitex-Mitarbeiter bauen Beziehungen auf. Auch, wenn sie professionell bleiben und eine gewisse Distanz wahren sollten, alleine ihrer eigenen Gesundheit wegen, ist es manchmal einfach nicht möglich, KEINE Gefühle zu entwickeln, wenn man so viel Zeit mit einem Menschen verbringt und zu den einzigen Bezugspersonen gehört. Hier zeigt sich auch der Unterschied zu Fränzi, die z.B. kein Problem hat, Kopfhörer aufzusetzen und sich ABBA anzuhören, während Harry auf der Toilette sitzt, runterfällt …und stirbt. Menschen sind verschieden und dies wird in diesem Stück sehr schön umgesetzt und verdeutlicht, aber ohne jemanden an den Pranger zu stellen.
Auch die Schuldzuweisungen, die infolge der extremen Überforderung ausgesprochen werden, sind zutiefst menschlich und nachvollziehbar, ebenso wie der Verfolgungswahn, der sich im Laufe des Stücks entwickelt.
Wie bereits erwähnt, gibt es nur eine Szenerie, dennoch wird durch die Änderung der Beleuchtung ein Ortswechsel möglich gemacht. So z.B. bei Vesnas und Fränzis Gang zur Polizei, der dann ein abruptes Ende findet. Auch gibt es theatertypische innere Monologe, die ausserhalb der eigentlichen Geschichte stattfindet und direkt ans Publikum gerichtet werden.

Eigenproduktionen als Risikofaktor
Schauspielerin und Regisseurin Hanna Scheuring führt seit zehn Jahren mit Passion und Frauenpower das Zürcher Bernhard Theater und trägt als Chefin von 30 Angestellten eine grosse Verantwortung. Da sie nicht subventioniert werden, bergen Eigenproduktionen immer ein finanzielles Risiko. Doch wofür sonst lohnt es sich Risiken einzugehen, wenn nicht für die Kunst und 2 Engel für Harry war jedes Risiko wert, denn bereits 2023 feierte es grosse Erfolge und wurde dieses Jahr sogar mit einem Prix Walo in der Kategorie BESTE THEATER-PRODUKTION ausgezeichnet.
Falls ihr das Bernhard Theater unterstützen möchtet, wäre vielleicht eine Mitgliedschaft im Club Bernhard etwas…
Fazit
2 Engel für Harry ist ein Theater-Genuss der Extraklasse, der mit viel Menschlichkeit ein sehr ernstes Thema auf humorvolle Weise thematisiert. Dabei kratzt das Stück oft an der Grenze des Morbiden, aber ohne geschmacklos zu werden, was einerseits dem hervorragenden Buch, aber auch den beiden Darstellerinnen zu verdanken ist. Diese beiden Frauen sind Comedie-Dynamit pur und unwiderstehlich sympathisch. Wir empfehlen diese Krimikomödie von Herzen und können die Auszeichnung als beste Theater-Produktion absolut nachvollziehen.
2 Engel für Harry könnt ihr noch bis am 30. Juni und dann wieder vom 20. September bis 5. Oktober 2024.
Cast
Vesna Dragunic: Wanda Wylowa
Fränzi Gerber-Ormalinger: Hanna Scheuring
Jason Ormalinger: Gianni Pfister
Deborah Althuser: Mo
Creative Team
Regie Daniel Rohr und Hansjörg Betschart
Übersetzung Hansjörg Betschart
Regieassistenz Gianni Pfister
Regiehospitanz Deborah Althuser
Bühne Simone Baumberger
Kostüme Kathrin Baumberger
Bühnenbau: Roman Fischer
Werbung Peter Lesch, Barbara Müller, Alexander Baumgartner
Technik Jordi Ricciardi, Jered Ricciardi, Moritz
Dauer: ca. 110 min. inkl. Pause, Sprache Schweizerdeutsch




















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