Wer glaubt, dass Theater immer nur auf einer Bühne stattfinden muss, hat diesen Sommer keine Bekanntschaft mit dem WANDATHEATER von der grosse tyrann gemacht. Von verschiedenen Startpunkten in Zürich aus nimmt das feministische Theaterkollektiv sein Publikum mit auf einen Stadtrundgang der besonderen Art. Wir waren am 30. August auf der Stadionbrache beim Hardturm mit dabei.
Wie die meisten Branchen, war auch das Theater zu Beginn den Herren der Schöpfung vorbehalten, besonders die städtischen Theater waren sehr strickt. Sowohl die Darstellenden als auch die Zuschauer waren rein männlich und obwohl es Frauenrollen gab, wurden diese von Männern verkörpert, dem sogenannten „Mädcheen-Darstellern. Erst mit dem Wandertheater im Mittelalter und der Frühen Neuzeit erhielt auch das weibliche Geschlecht die Möglichkeit, sein Können auf der Bühne zu beweisen und dies mit grossem Erfolg. Höchste Zeit also, den Wegbereiterinnen in der darstellenden Kunst ein Denkmal zu setzen.
Das feministische Theaterkollektiv der grosse tyrann, das 2012 von Maude Hélène Vuilleumier und Liliane Koch gegründet wurde und sich seither zur Aufgabe gemacht hat, sich in ihren Stücken kritisch mit weiblichen Ikonen auseinander zu setzen, statt einfache Vorbilder zu reproduzieren, holt mit ihrem neuesten Programm WANDATHEATER vor allem eine Frau zurück auf die Bühne, die das Theater als differenzierte Kunstform, als Bildungsinstitution und Debattentreiber aktiv vorangebracht hat:
Friederike Caroline Neuber aka „Die Neuberin“
Als Tochter eines gewalttätigen Vaters und einer gebildeten Mutter, lernte Friederike Weissenborn nicht nur die Unterdrückung durch einen Mann kennen, sondern auch Sprachen und Literatur zu lieben. Nach dem Tod ihrer Mutter durch die Hand des Vaters unternimmt sie einen erfolglosen Fluchtversuch, der im Gefängnis endet und einen zweiten erfolgreicheren mit Johann Neuber, ihrem zukünftigen Ehemann. Dieser ist ein wahrer Glückgriff für die junge Frau, denn er unterstützt und liebt sie ein Leben lang. Zusammen schliessen sie sich einer fahrenden Schauspieltruppe an und feiern Erfolge. Doch Friederike hat mehr zu bieten und gründet ihre eigene Schauspieltruppe, die bald schon zu den besten Deutschlands gehört, da sie neue Wege einschlägt und nicht nur die pure Unterhaltung zelebriert, sondern wirklich künstlerische, aber auch gesellschaftliche und politische Inhalte vermittelt, die ein breites Publikum ansprechen. Sie wird zu einer der erfolgreichsten Prinzipalinnen ihrer Zeit und prägt die Theaterlandschaft entscheidend. Auch wenn kaum jemandem ihr Name ein Begriff ist (auch WIR kannten sie nicht), ist das Abenteuer ihres Lebens nicht nur ein Spiegel ihrer Zeit, sondern steht sinnbildlich für den Aufbruch des Theaters.
Wer hier aber einen langweiligen Geschichtsvortrag fürchtet, irrt. Das Publikum erfährt über das Leben und Schaffen dieser herausragenden Persönlichkeit auf vielfältige Weise. Besonders eindrücklich und zugleich unterhaltsam ist das Singspiel in vier Teilen zur eingängigen und doch historisch anmutenden Musik von Rosanna Zünd, mit Texten von Liliane Koch und Wanda Wylova, das am Spinett beginnt.
Liliane Koch übernimmt in diesem Stück die Rolle der Prinzipalin und führt das Publikum nicht nur durch ihr Leben, sondern – in unserem Fall – auch über die Stadionbrache beim Hardturmplatz, eine zauberhafte Parkanlage mitten in Zürich, auf der nicht nur Hühner (die Hardturm-Hühner), sondern auch Schweine (die Brachen-Schweine) ein Zuhause finden. Es handelt sich hierbei um die Fläche des ehemaligen Hardturmstadions, das seit 2011 und bis zum Bau eines neuen Fussballstadions anderweitig genutzt wird. Teilweise wähnt man sich fast in einem verwunschenen Wald, denn es gibt so viel zu entdecken. Ein Baumhaus, einen Wohnwagen, eine Kletterwand, Schaukeln, einen Skaterpark und vieles mehr. Vor allem der waldähnliche Teil des Parks ist eine wahre Augenweide und bietet eine perfekte Kulisse für das WANDATHEATER.

Wanda Wylova ist Karoline Schulze-Kummerfeld
Eines der Highlight des Stücks ist mit Sicherheit Wanda Wylowa. Wir haben die vielfach preisgekrönte Darstellerin bereits in drei Stücken erleben dürfen (Traumfrau Mutter, 2 Engel für Harry und vor kurzem erst im Turbine Theater Sihlwald mit Ein idealer Gatte) und waren stets schwer beeindruckt von ihrem sehr ausdrucksstarken Spiel und ihrer Wandelbarkeit, trotz ihres Signature-Looks (die rote Lockenmähne ist halt schon ein Eyecatcher).
Beim WANDATHEATER, das seinen Namen ihr zu Ehren trägt (dieses Wortspiel war natürlich ein echter Glücksfall), verkörpert sie die in eine Wandertheater-Truppe hineingeborene Wanderschauspielerin Karoline Schulze-Kummerfeld. Auch wenn ihr Leben sich mit dem der Neuberin nur gerade mal um 15 Jahre überschnitt, dürften die beiden ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Ihre „Autobiographie“ Fahrende Frauenzimmer – Die Lebenserinnerungen der Karoline Schulze-Kummerfeld bieten einen wertvollen Einblick in das Leben einer Wanderschauspielerin.

Wanda Wylowa spricht Originaltexte aus diesen Lebenserinnerungen und dies mit der erwarteten Ausdruckskraft. Es ist eine wahre Freude ihr dabei zuzusehen, wie sie die örtlichen Gegebenheiten mit viel Körpereinsatz nutzt. Sie klettert auf Baumhäuser, rezitiert an der Kletterwand hängend und singt auf der Schaukel stehend zum Handorgelspiel von Rosanna Zünd. Dabei gibt es kein Diven-Gehabe, sondern echte Nahbarkeit und auch neben ihrer Szenen das herrlich rohe und für unsere Zeit eher sittenlos anmutende Gehabe der Wanderschauspieler*innen.
In ihrem zauberhaften Kostüm und mit der hochgetürmten roten Lockenpracht macht sie die Zeit des Wandertheaters wirklich erlebbar.

Auch der grosse tyrann hat Geschichen im Gepäck
Neben den historischen Geschichten und Fakten erfährt das Publikum auch Spannendes über die Anfänge und Schwierigkeiten des aktuellen Theaterlebens als Frau, das schlussendlich zur Formierung des eigenen Theaterkollektivs der grosse tyrann geführt hat. Diese Künstlerinnen sind wirklich mit allen Wassern gewaschen. Maude Hélène Vuilleumier baut für das Publikum gut verständlich eine Brücke von den Herausforderungen und Aufgaben der Prinzipalin einer Wandertheater-Truppe im Mittelalter zu denen der künstlerischen Leitung einer freien Zürcher-Theatergruppe, wie der grosse tyrann eine ist. Dabei wird schnell deutlich, dass die Neuberin ihnen näher ist, als man zunächst denken könnte. So werden Verträge geschlossen, Anträge gestellt, um die Finanzierung des Ensembles zu gewährleisten, Spielstätten organisiert, die Löhne der beteiligten Künstler*innen bestimmt und bezahlt, Inhalte für neue Produktionen entwickelt und noch vieles mehr.
Besonders deutlich wird dies im Quizz, das das Publikum zu absolvieren hat. Denn es hat zu entscheiden, ob bestimmte Aufgaben und Pflichten eher einer historischen Prinzipalin, der Leitung einer freien Theatergruppe in Zürich oder beiden zugeordnet werden kann. Wirklich eindrücklich.

Der Gegenpol: Die pure Unterhaltung
Selbstverständlich darf bei einem Stück über das Wandertheater etwas auf keinen Fall fehlen: das Spektakel. Zur Zeit der Neuberin standen keineswegs Kunst und Kultur im Mittelpunkt, sondern der exzessive Augenschmaus, der teilweise eine sehr ordinäre, ja, ekelhafte Angelegenheit war – zumindest aus heutiger Sicht. So wurde jede Menge Rinderblut verwendet, es wurde gekämpft, geflucht und schamlose Spässe getrieben. Die Hauptfigur war dabei der Schlimmste und im deutschen Raum als Hans Wurst bekannt. Dabei war er weniger Charakter als Ventil für die niedersten Instinkte, die auf der Bühne hemmungslos ausgelebt wurden.
Beim WANDATHEATER verzichtet man zum Glück auf Rinderblut, doch selbstverständlich hat auch hier der Hans Wurst seinen Auftritt. LiIliane Koch schlüpft dabei in die Haut des geschmacklosen Scherzkekses, was allerdings eine verhältnismässig harmlose Sache ist. Dafür ist Der Hans-Wurst Song nicht ohne und enthält doch ziemlich explizite Textzeilen, die man am liebsten mit 16+ kennzeichnen würde. Hier waren wir dann doch auch teilweise etwas unsicher, ob es sich bei diesem Stück um die richtige Unterhaltung für Kinder handelte, von denen erstaunlich viele im Publikum waren. Aber dies liegt natürlich im Ermessen der Eltern. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass der grosse tyrann diese Figur hervorragend inszeniert und auch wir diesen Teil hin- und hergerissen zwischen Schock und Gelächter genossen. Der Mensch bleibt einfach Mensch. Die Wandertheater-Gruppen von damals boten durchaus zielgruppen-gerechte Unterhaltung.

Der Ablauf des Wandertheaters
Auch die kleine Barock-Tanzeinlage des Ensembles dient dann eher der Unterhaltung, als der Kunst, obwohl die Choreographie von Tina Mantel sehr schön anzusehen ist). Ausser man betrachtet den übergreifenden Ablauf. Der Aufbau einer Wandertheater-Produktion unterscheidet sich nämlich ziemlich von einem handelsüblichen Theaterabend. Während man ins Theater geht, um sich ein Stück anzusehen, das dann schon mal zwei Stunden dauern kann, reihen sich im Wandertheater unterschiedliche Genres aneinander, deren Reihenfolge aber variabel ist. So gibt es einen musikalischen Teil (z.B. das Singspiel), einen humoristischen Teil (Posse), ein Stück, das zwar der Höhepunkt der Show ist, aber viel kürzer, als Theaterstücke wie wir sie heutzutage kennen, tänzerische Elemente und einen Kommentar auf tagespolitische Geschehnisse (Staatsaktion).

Somit hatte dann auch beim WANDATHEATER das kleine Ballett seine Daseinsberechtigung, ebenso wie die folgende Staatsaktion. Selbst im Wissen, dass sie Teil des Stücks ist, waren wir etwas seltsam berührt, um ehrlich zu sein. Aber wahrscheinlich war dies sogar beabsichtigt.
So hielt Maude Hélène Vuilleumier einen Vortrag über die Stadionbrache und deren Nutzen und Wert für die Stadt Zürich. Auch wenn wir die Vorstellung schrecklich finden, dass dieser hübsche kleine Park mit seinen grossen Bäumen und den darin lebenden Tieren einem neuen Fussballstadion weichen soll (frühestens 2026, spätestens 2030), irritierte uns der Wechsel ins beinahe schon Politische mit dem darauf folgenden Protest-Rundgang durch die „Beton-Wüste“ Zürich mit ihren kümmerlichen Bäumchen, die kaum Wurzeln schlagen können, zutiefst. Auf einmal waren wir Teil einer „Demonstration“. Mit Megaphon bewaffnet marschierten wir durch die Strassen, hielten den Verkehr auf, während das Ensemble ihren Protestsong zum Besten gab:
Riss de Beton uf
Gib de Stadt chli Schnuuf
Abriss Abriss, das isch euren Abriss
Fazit
Dass uns das WANDATHEATER unberührt liess, können wir auf keinen Fall behaupten. Im Gegenteil. Wir konnten viel Lehrreiches mitnehmen, sowohl kulturell als auch gesellschaftskritisch. Wir wurden inspiriert, verstört und überrascht. Dieses Theaterkollektiv, das sich mit seinen Stücken an der Schnittstelle von Kunst, Politik und Feminismus bewegt, hat definitiv Eindruck hinterlassen. Theater ist nicht reine Unterhaltung. Deshalb ein herzliches Dankeschön an Wanda Wylowa und der grosse tyrann für die Möglichkeit, diesen aussergewöhnlichen Stadtrundgang mit zu erleben und darüber zu berichten,
Wer sich einen besonderen Theateranlass mit Nachhall und Bewegung gönnen möchte, kann dies noch bis am 13. September 2025 tun. Tickets findet ihr unter: https://eventfrog.ch/de/p/gruppen/wandatheater-ein-stadtrundgang-von-der-grosse-tyrann-7294719331115500214.html
Cast & Creatives
Konzept/Regie/Text/Performance: Liliane Koch
Kostüme/Bühne/Performance: Maude Hélène Vuilleumier
Text/Co-Regie/Schauspiel: Wanda Wylowa
Musik/Komposition/Performance: Rosanna Zünd
Roadie und Küche: Mo Pfister
Endprobenregie: Sabrina Tannen
Produktionsleitung: Christopher Kriese
Barock-Choreografie: Tina Mantel
Humor-Coaching: Leslie Thomas-Gérard
Mit zwei Gast-Texten von Patti Basler































