Seit 1993 sorgt dieses Bühnen-Phänomen weltweit für Begeisterung. Mit viel Humor, Selbstironie und Feingefühl werden die Themen Muttersein und Mutterwerden mit all ihren Höhen und Tiefen farbenfroh auf der Bühne zelebriert. Bis zum 24.09.2023 ist die Dialektfassung in der Maag Halle in Zürich Hardbrücke zu sehen und wir waren an der Zürcher Premiere mit dabei.
Dürfen Schwangere fliegen? Kann der Unterdruck auf der Flugzeugtoilette nicht etwa das Kind raus saugen? Dass Alkohol nicht gut ist, ist klar, aber was ist mit Sushi?
„Traumfrau Mutter“ beginnt mit einem Mütter-Talk in welchem die fünf Schwangeren gängige, aber auch skurrile Don’ts für werdende Mamas diskutieren.
Bald darauf findet man sich im Kreissaal wieder und fragt sich, wie man auf die saublöde Idee gekommen ist, schwanger zu werden. Zu allem Elend ist die Krankenschwester eine deutsche Frohnatur und als man dringen emotionale Unterstützung benötigt, fällt der angetraute Ehemann in Ohnmacht.
Selbst wenn das Kleine, das da aus einem rausschlüpft, wie E.T. aussieht, kann sich kaum eine Mutter der überbordenden Liebe erwehren, die sie durchflutet. Da wird aus einer urbanen Intellektuellen schon auch mal ein „majestätisches Muttervieh“.
Doch wer glaubt, dass nach der Geburt das Schlimmste überstanden ist, irrt, denn jetzt geht es erst richtig los. Hinter das Leben, das man einst hatte, kann man getrost einen Haken setzen.
„Traumfrau Mutter“ ist ein Muss für alle Menschen mit „Menstruationshintergrund“… Bitte, was? – Genau. Aber selbstverständlich sind auch die Herren der Schöpfung willkommen. Eventuell tut es ihnen sogar gut, ein bisschen Einblick in die Psychologie und das Leben einer Mutter zu erhalten oder zu erfahren, wie die abendlichen Annäherungsversuche auf eine vom Alltag gebeutelten Mutter wirken (Achtung, Spoiler-Alarm: das überdimensionierte „Schnäbi“ hat seinen grossen Auftritt und die Menge tobt). „Traumfrau Mutter“ ist schonungslos. „Traumfrau Mutter“ scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Und das ist gut so, denn was jede junge Mutter ziemlich schnell lernt, ist, dass man sich ein dickes Fell zulegen muss und vor rein gar nichts Berührungsängste haben darf. So wird tabulos die Mengen an Blut und Muttermilch besprochen, die eine Frau während und nach der Geburt verliert und detailliert beschrieben, wie man sich den Geruch von vor sich hingärenden Stoffwindeln, die nicht rechtzeitig ausgewaschen werden, vorzustellen hat.

„Traumfrau Mutter“ ist nicht nur Comedy, sondern geht in Richtung Revue. Die perfekt gesetzten Musiknummern sorgen für Leichtigkeit und Abwechslung oder auch mal für Gänsehautstimmung, wie es beim zauberhaft arrangierten Mash-up von „Frère Jacques“ und „Schlaf, Kindlein, schlaf“ der Fall ist. Aber auch „Bob de Boumaa“ und andere Kinder-Melodien, die schon so manche Mutter an dir Grenze des Wahnsinns getrieben haben, finden ihren Platz im Stück, sowie bekannte Chartstürmer wie „Mamma mia“ und „Girls Just Want To Have Fun“. Besonders beeindruckend und passend war auch die Implementierung von Kinder-Musikinstrumenten zur Begleitung der Musikstücke, welche live von den Darstellerinnen gespielt wurden.
Dennoch sind es die perfekt getimten Dialoge und Monologe sowie die Realitätsnähe, die dieses Stück zu dem machen, was es ist: ein Phänomen. „Traumfrau Mutter“ lebt von Aha-Momenten und Déjà-vues bzw. Déjà-vecus, was sicher auch daran liegt, dass die Urversion, „Mom’s The Word“, 1993 von sechs Schauspielerinnen in Mutterschaft geschrieben wurde und das in gerade mal drei Wochen, da es ihnen wirklich nicht an Stoff mangelte. Dass dieses Stück einen Siegeszug um die ganze Welt antrat, verwundert niemanden, der die Show erleben durfte.
Doch was wäre dieses Stück ohne die Traumfrauen, die die fünf Mütter zum Leben erwecken?

Rahel Fischer ist Linda
Die gebürtige Zürcherin spielt seit 2018 in „Traumfrau Mutter“ (Schweiz und Deutschland) und auch in diversen anderen Musical-Produktionen, weshalb sie ein bekannter Name in der Musical-Szene Schweiz ist. Als Zweifach-Mama bringt sie das nötige Know-How mit, um der Rolle Tiefgang zu verleihen.
Aufsteiger-Gattin, Linda ist eine Hausfrau, die ausser kochen, putzen, bügeln und nach den Kindern schauen, kein nennenswertes Leben mehr hat. So waren wir umso begeisterter davon, welche Entwicklung ihre Rolle durchmacht. Dargestellt durch Briefe an Ihren Ehemann, in denen man Verzweiflung, Sehnsucht und auch mal pure Aggression spürt. Rahel Fischer ist Dynamit, sie lässt ihre Linda von einer Sekunde zur anderen explodieren, förmlich mit dem Bügeleisen in der Hand oder den gekochten Spaghetti im Mund. In einem Moment sieht man sie noch zwischen den weissen Bühnenklötzen fluchen und einen Wimpernschlag später thront sie auf einem solchen. Ein Raunen geht durch den Besucherraum: „Wie ist sie jetzt da hoch gekommen?“ Einer der Running Gags geht ebenfalls auf Lindas Kappe und so freut sich das Publikum bei jedem „Lieber Partner…“ bereits auf neue Gefühlsoffenbarungen.
Bigna Körner ist Barbara
Mit zwei Kindern und ihrem Background als Lehrerin, weiss sie, wie der Hase läuft und ist prädestiniert für die Rolle der Barbara, die sie auch schon 2018 verkörperte. Die Vollblutschauspielerin bereicherte schon so manche TV- und Bühnenproduktionen, was man ihrem Spiel auch anmerkt. Selbst, wenn sie nur ruhig auf einem Deko-Bauklotz sitzt, kann man den Blick nicht von ihr abwenden. Und auch ihre Stimme mit diesem wunderschönen St. Galler Dialekt hat eine Präsenz, die ihresgleichen sucht. Barbara ist die Vierfach-Mama, die wieder als Lehrerin zu arbeiten beginnt (wie gesagt: it’s a match!), ihr Leben im Griff hat und souverän jede Situation meistert, genau wie Bigna, die den Flitzer-Auftritt des Abends hat, und das, ohne mit der Wimper zu zucken. „Jonaaaaaaaaaaaaas!“ Oder was würdet ihr tun, wenn euer Kleinkind im Schwimmbad plötzlich ausbüxt, während ihr selbst nackt in der Kabine steht?
Kira van Eijsden ist Deborah
Kira hat sich, im Gegensatz zu ihrer Rolle Deborah, nicht zwischen Kind und Kunst entscheiden müssen, sondern bringt alles unter einen Hut. Sie ist Künstlerin mit Leib und Seele. Deborah hingegen WAR Künstlerin und Intellektuelle und träumt noch immer von ihrer grossen Zeit, als sie ihre Abende auf Vernissagen, statt am Kochherd verbrachte. Doch Kiras Ausstrahlung und Stärke gibt der Rolle eine sehr willkommene Resilienz, was uns sehr begeisterte. Ihre Deborah scheint die einzige der fünf Traumfrauen zu sein, die auch nach der Geburt ein erfülltes Sexualleben hat, da sie immer noch ganz Frau ist und das auch gerne ihren Freundinnen unter die Nase reibt. Deborah mag einen Sohn geboren haben, hat sich aber nicht so komplett auf die Mutterrolle konzentriert, dass ihre Sexualität dabei verloren ging. Sie fühlt sich sogar bereichert durch das Muttersein und geniesst ihr neues Ich.
Viola Tami ist Robin
Viola Tami ist aus der Schweizer Showszene nicht weg zu denken. Sie ist Moderatorin, Sängerin, Schauspielerin UND Mutter zweier Söhne. Bei „Traumfrau Mutter“ spielt sie Robin, die alleinerziehende Mutter, die eigentlich gar nie Mutter sein wollte und typisch mütterliches Verhalten eher verabscheute. Doch für ihre Tochter Lilly will sie die bestmögliche Mama sein und ihr alles bieten, was Kinder mit zwei Elternteilen haben und vielleicht sogar noch mehr. Überraschenderweise konnten wir uns mit der Rolle der Robin am wenigsten identifizieren, was eventuell an Viola Tamis rotziger Art lag, mit der sie die toughe Robin verkörperte. Unterhaltsam war sie auf jeden Fall, wobei wir sie in ihrem „Gastauftritt“ als Instruktorin der Rückbildungsgymnastik fast noch mehr feierten. Hier versprühte sie ihren ganzen Charme inklusive amerikanisch angehauchtem Akzent. Noch immer klingt uns ihre plötzlich einschmeichelnde Stimme im Ohr: „Deobraah, hät en Sohn geboraah.“
Wanda Wylowa ist Alison
Obwohl jede der Rollen ihre eigene Tragik hat, hat Alison den schwersten Start in die Mutterschaft, aufgrund einer Frühgeburt mit vielen Komplikationen und keiner Chance darauf, in den ersten Monaten eine normale Mutter-Kind-Beziehung zu entwickeln. Gerade bei einem Publikum voller Mütter, von denen eventuell die eine oder andere diese Erfahrung selbst machen musste oder zumindest die Angst hatte, eine Frühgeburt zu haben, braucht es viel Fingerspitzengefühl von Darstellerin und Regie, um niemanden vor den Kopf zu stossen und keine Witze zu machen, wo es unangebracht wäre. Aber genau dieser Drahtseilakt gelingt Wanda Wylowa mit traumtänzerischer Sicherheit, wobei ihr ihre grosse Erfahrung als Schauspielerin und auch in dieser Rolle zu Gute kommt. Gerade die Sanftheit und Gefasstheit (oder ist es einfach nur tiefe Erschöpfung?), mit welcher sie Alisons Geschichte erzählt, hebt „Traumfrau Mutter“ künstlerisch auf ein höheres Niveau. Eine grossartige Leistung!
Auch lobend zu erwähnen ist das Bühnenbild. Die Deko-Elemente in den typischen Bauklotz-Formen sind minimalistisch und lenken nicht von den Darstellern ab, sind aber vielseitig einsetzbar. Die von der Decke hängenden „Lampen“ haben etwas Beruhigendes an sich. Je nach Stimmung wechselt die Farbe der Beleuchtung, was auf den weissen „Bauklötzen“ schöne Effekte erzielt.
Überhaupt ist das Farbkonzept sehr harmonisch und ein Freude fürs Auge. In den früheren Inszenierungen wirkten die Kostüme teilweise doch sehr zusammengewürfelt, was wohl die Realität widerspiegeln sollte. Die aktuellen Kostüme geben den Rollen Individualität und unterstreichen die Charaktere hervorragend, was dem Stück gut tut.
Fazit
„Traumfrau Mutter“ ist ein Riesenspass und legt ein Tempo an den Tag, das seinesgleichen sucht. Nur eine absolute Spassbremse könnte sich dem Charme dieser fünf Mütter entziehen. „Traumfrau Mutter“ ist ein Stück von Müttern für Mütter über Mütter. Und so kann es auch vorkommen, dass man als Nicht-Mutter in dieser Show sitzt und sich fast ein bisschen ausgeschlossen fühlt, wenn sich die Mütter um einen herum verschwörerische Blicke zuwerfen und einander anstupsen, weil sie genau wissen, von was die Rede ist. Ja, liebe Mütter, dies ist EURE Show! „Traumfrau Mutter“ will unterhalten und allen Müttern da draussen zeigen: Ihr seid nicht allein, es geht uns allen genau gleich. Und genau deshalb gibt es für keine Mutter in der Deutschschweiz einen wirklich triftigen Grund, NICHT nach Zürich in die Maag Halle zu pilgern und zusammen mit guten Freundinnen dieses Meisterwerk noch bis zum 24. September 2023 zu bestaunen und sich einen Abend einfach gehen zu lassen und zu feiern.
Tickets gibt es hier: https://traumfrau-mutter.ch/tickets/
Herzlichen Dank an Maag Music & Arts AG für die Einladung und die Chance, dieses besondere Stück zu sehen und zu rezensieren.













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