Secondhand Orchestra – LOVE – DAS MUNDART-ABBA-TRIBUTE

Das Secondhand Orchestra ist zurück und präsentiert dem Schweizer Publikum ihre neue Mundart-Tribute-Show. Nach SGT. PEPPER (Beatles) und FREDDIE (Queen) ist 2024 die schwedische Popsensation ABBA an der Reihe. Die beliebteste Crossover-Truppe der Schweiz lässt mit LOVE – DAS MUNDART-ABBA-TRIBUTE den Geist von ABBA auf ihre ganz eigene Weise auferstehen und verwebt beliebte und unvergessene Hits wie Dancing Queen oder The Winner Takes it all mit eigenen neuen Mundart-Songs, die in assoziativem Zusammenhang zum Original-Material stehen zu einem musikalischen und Gesamtkunstwerk, das mit audiovisuellen Beiträgen von Radiolegende FM François Mürner als Chronist ergänzt werden.
Wir waren am 19. September 2024 an der Premiere im Theater am Hechtplatz mit dabei und lassen euch wissen, ob sich ein Ticketkauf (sofern ihr noch eins ergattern solltet), lohnt.

Grundsätzlich könnten wir für den ersten Abschnitt dieser Review zur dritten Tribute-Show des Secondhand Orchestras den ersten Abschnitt unserer Review der zweiten Tribute-Show eins zu eins kopieren, denn es würde genau so stimmen. Aber natürlich tun wir das nicht, da es ja langweilig wäre und es weder der einen noch der anderen grossartigen Band gerecht werden würde. Und wenn das Secondhand Orchestra es schafft, eine komplett neue, originelle Show auf die Bühne zu zaubern, dann werden wir mit Sicherheit auch eine neue Review hinkriegen.

ABBA – Wir alle kennen sie und ihre Musik. Ob Gross oder Klein, Europäer oder Nicht-Europäer, Popmusik- oder Metal-Fan. Die Frage, ob man ihre Musik mag oder nicht, stellt sich nicht einmal. Denn selbst wenn man nichts für ihren Musikstil übrig hat, kann man ihnen nur Respekt zollen, dies muss auch FM François Mürner, Radiolegende und in den 70er-Jahren Musikjournalist, zugeben, da er, wie so manche Fachleute jeder Zeit, zu Beginn keine grossen Stücke auf ABBA hielt und ihnen keine lange „Lebensdauer“ gab, wie er in LOVE munter aus dem Nähkästchen plaudert.

Ganze 110 Songs haben sie im Laufe ihrer Karriere veröffentlicht und wenn man die anderssprachigen Versionen dazuzählt, kommt man auf stolze 133 Stück. Wie viele davon ein Durschnitts-Nicht-ABBA-Fan kennt? Vielleicht 20 bewusst und 15 weitere unbewusst? Aber diese 20 gehören zu den legendärsten Songs aller Zeiten. Ob Super Trouper, Mamma Mia oder I Have a Dream, zu jedem Song haben wir nicht nur die Melodie, sondern auch direkt den Text – zumindest ansatzweise – parat. Seit ABBA 1974 mit Waterloo ihre Weltkarriere starteten, haben sie nicht nur die Schwedische Musikindustrie massgeblich geprägt, sondern die Musikszene weltweit.

Wenn das Secondhand Orchestra aber eine Tribute Show über deine Band auf die Beine stellt, DANN weisst du, dass du es geschafft hast. Denn das haben zuvor nur die Beatles (Sgt. Pepper (2017) zu Ehren des „besten Albums aller Zeiten“ und Queen bzw. deren Frontman Freddie (2021)) geschafft.

Was macht ABBA so besonders?

ABBA ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Popbands der Musikgeschichte. Die fröhlichen, eingängigen Melodien und die sehr tanzbaren Rhythmen (die eben so mancher „Musikkenner“ nicht ganz ernst nahm) trafen einen Nerv und begeisterten die Menschen weltweit. Das musikalische Talent der beiden Songwriter Benny Andersson und Björn Ulvaeus, der einzigartige und unverkennbare Harmonie-Gesang zusammen mit Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad, aber auch ihr Modestil machten sie zu einem weltweiten Phänomen und beeinflusste nicht nur die Musikwelt, sondern die ganze Popkultur der 70er-Jahre. Sie besassen das einmalige Talent, einen Ohrwurm nach dem anderen zu produzieren und sich dabei ungeniert an verschiedenen Genres wie Folk, Rock und Disco zu bedienen, aber auch die Bühnenpräsenz, die es brauchte, um in Erinnerung zu bleiben und einen wahren Kult zu schaffen.

Was allerdings nicht zu unterschätzen ist, ist der Einfluss auf die Menschen und ihre persönlichen Geschichten. ABBA hatte von Beginn an die Fähigkeit, Gefühle in ihren Songs zu verarbeiten und genussfertig zu servieren, so, dass man sie 1:1 auf das eigenen Leben anwenden konnte und noch immer kann. Und so hält ABBA auch heute noch für jede Situation unsere eigenen Liebesgeschichten den passenden Soundtrack bereit. Und darum geht es in LOVE.

Egal, wie’s dir so gaht, für wer dis Herz grad schlaht, ABBA hät für dich es Liebeslied parat.

©Tabea Hüberli

Ein ABBA-Tribute, das nicht imitieren will

Wer denkt, dass das Secondhand Orchestra, bestehend aus Roman Riklin, Daniel Schaub, Irene Brügger aka Frölein Da Capo und Adrian Stern, die Absicht hat, eine mehr oder minder gute Imitation der bekanntesten Popband aller Zeiten auf die Bühne zu bringen, müsste schnell realisieren, dass dies alleine wegen der Geschlechter-Verteilung nicht allzu authentisch rüberkommen würde – wobei heutzutage ja alles möglich ist, wie auch schon 1992, als Erasure Take A Chance On Me coverte. Wer dieses Juwel der 90er Pop-History vergessen haben sollte, wird bei LOVE aber daran erinnert, denn die audivisuellen Beiträge, die einen bedeutenden Teil der Show ausmachen, ermöglichen einen nostalgischen Trip in die Vergangenheit. Dabei kriegt das Publikum auch viele Originalaufnahmen der Schwedischen Popsensation, der diese Show gewidmet ist, zu Gesicht. Selbst, wer in Sachen ABBA nur über Grundkenntnisse verfügte, ist im Anschluss im Besitz vieler Detailinformationen, mit denen aufgetrumpft werden kann, sollte es mal nötig sein.

Das Secondhand Orchestra zeigt in LOVE, dass es sich eingehend und mit viel Respekt mit ABBA und deren Musik auseinander gesetzt hat. Somit erleben wir viele originelle und in höchstem Mass visuell-kreative Interpretationen der bekannten ABBA-Songs, aber mindestens so viele Eigenkompositionen, die direkt oder indirekt auf ABBA verweisen, wie im sehr unterhaltsamen Tanzmuffel-Song, in dem Daniel Schaub eine Party-Situation besingt, in welcher alle die Tanzflächen stürmten, während er sich lieber in eine dunkle Ecke verzog.

Ich bin en Tanzmuffel, Tanzmuffel. Ich bin sicher kei Dancing Queen. Ich spür de Beat nid vom Tambourin.

Warum Mundart-Texte eine ernstzunehmende Herausforderung sind

Schweizerdeutsche Übersetzungen von bekannten englischsprachigen Songs für ein Schweizer Publikum zu schreiben, klingt zunächst wie eine gute Sache, da Texte in der eigenen Sprache leichter zu verstehen sind und viel direkter berühren. Selbstverständlich kennen die meisten von uns die Texte von ABBA auch in Englisch in und auswendig und können zumindest beim Refrain lauthals mitsingen, wenn eines davon an einer Party erklingt, aber selten haben wir uns wirklich intensiv Gedanken darüber gemacht. All zu viele versteckte Botschaften, Metaphern und tiefgründige Gedanken, wie es z.B. bei einer Bohemian Rapsody von Queen der Fall ist, suchen wir bei ABBA vergebens, bzw. suchen Sie gar nicht, weil uns die Songs, so wie sie sind, völlig genügen. ABBA-Songs wirken als Ganzes.

Deshalb sind auch bei LOVE die Übersetzungen einfach und direkt gehalten, wobei wir uns manchmal fast wünschten, dass Roman Riklin sich dabei noch ein bisschen mehr Freiheiten genommen hätte.

Hör doch uf, dis Herz z’verschenke. Gib all die Liebi mir. (Lay All Your Love On Me)

Aber wahrscheinlich ist es genau das, was ABBA ausmacht: Melodien, die mitreissen oder berühren und Texte, die gefühlt werden.

Auch instrumental und stimmlich hält man sich nicht an die ursprünglichen Arrangements, sondern macht sie sich zu eigen, wodurch sie sich nahtlos einfügen und Hand in Hand mit den Eigenkompositionen wirken können. Trotz mehrstimmigen Harmonien, bleibt das ABBA-Sound aus, er wird aber auch gar nicht erst angestrebt. Es ist unverkennbaren der Secondhand Orchestra-Sound, authentisch und originell und dafür kommt das Publikum schliesslich auch ins Theater.

Schlagende, tanzende und brechende Herzen in Übergrösse machen die Liebe omnipräsent

Die multimediale Visualisierung der Thematik ist bei LOVE hoch im Kurs. Praktisch jeder Song wird mit Animationen untermalt. Die meist anatomisch korrekten Herzen, die auf der Leinwand schlagen, sich drehen oder auch mal eng miteinander tanzen (wir gehen jetzt einmal davon aus, dass sie tanzen…) sind sehr plakativ, lenken aber nicht zu sehr ab.

©Tabea Hüberli

Es geht aber auch anders. Was bei den Vorgänger-Shows noch zur Auflockerung eingesetzt wurde, wird bei LOVE zur festen Instanz. Wenn Roman Riklins Kopf in einem Miniatur-Haus steckt und man auf der Leinwand alles live mitverfolgen kann inkl. eines Hundes, der sein Bein an der Hauswand hebt, achten die wenigsten auf den Text von Gimme Gimme Gimme, genau sonwenig wie beim Abtauchen der vier Miniaturversionen der Band in einem Aquarium. Da wissen wir nicht einmal mehr den dazugehörigen Song, so abgelenkt waren wir. Auch Roman und Daniels Reim-Battle sorgt für Begeisterungsstürme (100% Riklin & Schaub- Charme!), jedoch nicht für ganz so starke, wie das Liebesduett der der beiden „Freiwilligen“ aus dem Publikum. Bei Schwiz isch nid Schwede und Schwede isch nid Schwiz wird auf ein bewährtes und sehr erfolgreiches Konzept zurück gegriffen, wie schon bei SGT. PEPPERs Stones, indem Vergleiche angestellt werden, was natürlich nur mit der entsprechenden Diashow möglich ist. Und spätestens beim Vergleich zwischen dem Schwedischen Königshaus und unserem Bundesrat brechen alle zusammen vor Lachen. Das achthändige Honey Honey Honey am Piano samt Hand-„Stepp“-Dancebreak sorgt für grosse Augen und wenn die drei Herren dann zu tanzen beginnen, gibt es kein Halten mehr. Ja, es wird wirklich einiges geboten und wir Zuschauer werden grossartig unterhalten.

©Tabea Hüberli

Vom grünen Jumpsuit zum Glitzer-Schlaghosenkostüm

Wer eine ABBA-Tribute-Show besucht, erwartet neben den vertrauten Songs wahrscheinlich noch etwas: Kostüme. Immerhin sprechen wir von ABBA. Da ist man schon etwas verwundert, als die vier Secondhand Orchestra-Mitglieder in der ersten Hälfte sehr simple Denim-Jumpsuits in unterschiedlichen Tönen in einem Range von Hellgrau bis Hellgrün tragen. Aber wenn man bedenkt, dass wir einen Blick zurück in die 70er wagen, passt das sehr gut.

Dennoch freut man sich über das Upgrade in der zweiten Hälfte, wo dann doch etwas Samt und Pailletten zum Einsatz kommen. Und beim Grande Finale kriegt das Publikum dann die volle Portion ABBA-Glam.

Unsere Highlight-Momente jedes Bandmitglieds

Wir bestimmt schon deutlich gemacht wurde, passiert in diesen 100 Minuten Show so einiges und natürlich kann man sich auch nicht alles merken. Dennoch gibt es immer wieder Momente, die besonders in Erinnerung bleiben.

Bereits bei FREDDIE staunten wir über die kreativen Illustrationen von Fröleid Da Capo bei Rennvelo und diesmal gab’s einiges mehr davon, was besonders bei Money Money Money so richtig gut zur Geltung kommt. Da wird nämlich das grosse ABBA-Märlibuch geöffnet und Frölein Da Capo besingt auf wunderbar humorvolle Weise ihre Erlebnisse als steinreiche Frau und die daraus resultierenden Erkenntnisse. Das Publikum ist komplett begeistert, denn die Figuren und beweglichen Elemente sind zauberhaft und extrem kreativ.

Adrian Stern, dessen Stimme schon Highlight genug ist und immer wieder für Gänsehaut- Momente sorgt, ist der Mundart-Balladen-König schlechthin. In Kombination mit dem filigranen Schattentheater, welches in Adrians Kopf stattfindet, wird Ich bin ich, du bisch du (Knowing Me Knowing You) zu einem wunderbaren Gesamtkunstwerk und bleibt in Erinnerung.

Daniel Schaub berührt uns in Chiquitita nicht nur mit seiner gefühlvollen Stimme, sondern auch mit seiner unvergleichlich ruhigen, schönen Ausstrahlung, die von den lyrischen Geschichte in den diversen Daumenkinos, die auf die Leinwand übertragen werden, sogar noch verstärkt wird. Auch wenn uns keine Textzeile geblieben ist, wissen wir noch, dass uns die Übersetzungen dieses Songs ganz besonders gut gefielen, ebenso wie die Harmonien.
Von Daniel gibt es noch ein zweites Highlight, wobei es eher ein Kollektiv-Highlight ist und zwar S.O.S. Hier berühren uns sowohl die Lyrics, als auch das Gesamtkonzept. Die Rettungsaktion des gebrochenen Herzens samt dramatischer Reanimation durch Frölein Da Capo und Roman Riklin und Ambulanz- Einsatz geht mehr zu Herzen als man denkt.

Roman Riklin, einer der kreativsten Köpfe der Schweizer Showszene, stiehlt die Herzen der Zuschschauer mit Super Trouper. Die sehr lebensnahen Lyrics und Romans Fähigkeit, Gefühle sehr direkt mit dem Publikum zu teilen, erzeugen eine sehr verletzliche Stimmung, was in dem sehr humorvollen Programm ganz besonders ist. Die suchenden Scheinwerfer, die mal diesen, mal jenen Zuschauer treffen, sorgen für eine grosse Nähe und Verbundenheit und jeder fühlt sich irgendwie angesprochen.

Ein Finale mit ESC-Flair

Wer die Aktivitäten des Secondhand Orchestras mitverfolgt, hatte im Frühjahr wahrscheinlich mitgekriegt, dass sich die Band für den Eurovision Band Contest beworben hatte. Ihr Beitrag Feels like ABBA konnte sich gegen Nemos The Code zwar nicht durchsetzen, gelangt jetzt jedoch jeden Abend als Schlusssong  nach dem zauberhaften Thank You For The Music, in welchem die Band ihren Dankbarkeit für ABBA, deren Musik und die Möglichkeit, zusammen zu musizieren, zum Ausdruck bringt, zur Aufführung. In den sehnlich erwarteten Glitzer-Schlaghosen-Outfits performen die vier ihren Song und das Publikum geht begeistert mit, denn Feels Like ABBA fühlt sich tatsächlich wie ABBA an und verbreitet einfach nur gute Stimmung und ganz viel Liebe.

Fazit

LOVE – DAS MUNDART-ABBA-TRIBUTE ist Secondhand Orchestra pur und wer weiss, auf was er sich einlässt und keine direkten Vergleich zu einer der beiden ersten Shows vornehmen will, wird einfach einen grossartigen Abend haben (wenn er es tut, trotzdem). Die vier Multiinstrumentalisten beherrschen ihr Handwerk aus dem EffEff und wissen genau, wie sie ihr Publikum aus der Reserve locken und mit auf eine humorvolle, kreative und berührende Reise, in diesem Fall zurück in die 70er, nehmen.

Falls ihr noch Tickets kriegen solltet (die Show ist jetzt schon sehr beliebt und gut gebucht und teilweise schon ausverkauft), können wir euch einen Besuch wirklich empfehlen.


Ein herzliches Dankeschön ans Secondhand Orchestra für die Einladung zur Premiere und die Möglichkeit, uns dieses Feierwerk an musikalischen und visuellen Highlight, anzusehen und zu rezensieren.


Von und mit: Adrian SternFrölein Da CapoRoman RiklinDaniel Schaub
mit Beiträgen von Radiolegende FM François Mürner
Produktion: Secondhand Orchestra & Theater am Hechtplatz
Idee, Konzept, künstlerische Leitung: Roman Riklin & Daniel Schaub
Musik & Text: Benny Andersson, Björn Ulvaeus, Stig Anderson, Adrian Stern, Roman Riklin, Daniel Schaub, Frölein Da Capo
Übersetzungen: Roman Riklin
Videodesign: Julia Maria Morf
Audiovisuelle Beiträge: FM François Mürner
Bastelkunst: Frölein Da Capo
Schattenspiel: Monica Santana
Kostüme: Kathrin Baumberger
Spezialanfertigungen: Gabor Nemeth (Krankenauto), Valentin Altorfer (Aquarium)
Movement-Coach: Jonathan Huor
Tondesign / Tontechnik: Gögs Andrighetto
Lichtdesign / Lichttechnik: Christian Joller
Backline: Urs Zimmermann & Andrew Phillips
Stagehand: Markus Ibig
Produktionsleitung: Esther Friederich
Kommunikation: Marcel Theiler
Artwork: Lukas Wietlisbach
Fotos: Tabea Hüberli
Tourtrailer: Oliver Brand


www.secondhandorchestra.ch

©Tabea Hüberli
©Tabea Hüberli
©Tabea Hüberli
©Tabea Hüberli
©Tabea Hüberli
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